Wirtschaft & Finanzen

Die Party ist zu Ende …

22. September 2019

Die Ursache jeder Krise ist der vorangegangene Boom: So war es vor der Finanzkrise 2008/2009, so war es vor der Eurokrise mit der ausufernden Verschuldung von Staaten und Privaten. Und so wird es auch in Deutschland sein, wenn der anhaltende Aufschwung sein Ende findet.

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Die Anzeichen für ein Ende der guten Jahre sind nicht mehr zu übersehen. Immer mehr Branchen und Unternehmen geben den Abbau von Arbeitsplätzen bekannt. Die Produktion in den wichtigsten Industriesektoren ist rückläufig, die Automobilproduktion ist gegenüber dem ebenfalls schon schwachen Vorjahr im Juni um fast 25 Prozent eingebrochen. Der Auftragseingang in der deutschen Industrie sinkt seit fast einem Jahr und lag zuletzt fast neun Prozent unter dem Vorjahresniveau. Umfragen zeigen wenig überraschend ein sich rasch verschlechterndes Stimmungsbild bei den Unternehmen. Alle Zeichen stehen auf Rezession.

Zeit, sich auf den Abschwung einzustellen. Dazu gehört zwingend, sich die Gründe für den Boom, den wir in den letzten Jahren erlebt haben, genauer anzusehen. So sieht man klarer, was auf uns zukommt.

Künstlicher Boom

Der Boom der letzten Jahre war nur zum Teil unser Verdienst. Natürlich verfügen wir über hervorragende Unternehmen, gut ausgebildete und fleißige Arbeitnehmer und eine ungebrochene Innovationskraft. Als Lieferant von Ausrüstungsgütern waren wir wie kaum ein anderes Land prädestiniert, von der Globalisierung und Industrialisierung der Welt zu profitieren.

Wichtigster Kunde wurde in den letzten Jahren China. Der Rohstoffhunger des Landes hat wiederum zu steigenden Einkommen in anderen Ländern geführt, die dann ebenfalls mehr Autos und Maschinen bei uns einzukaufen.

Chinas Schulden werden zur Gefahr

Problematisch ist, dass der Aufschwung in China mit einer massiven Verschuldung einhergeht, was die Nachhaltigkeit dieses Aufschwungs infrage stellt. Immerhin die Hälfte der weltweiten Schulden wurde in den letzten zehn Jahren in China gemacht. Dabei nahm die Wirkung der aufgenommenen Schulden auf das BIP des Landes immer mehr ab, Folge von massiven Fehlinvestitionen und Überkapazitäten. Kein Wunder, dass die Wachstumsraten in China zurückgehen, verstärkt durch Bemühungen der Regierung von der Droge des billigen Geldes wegzukommen. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Auch die Nachfrage aus anderen Regionen und der Eurozone war nur deshalb so stark, weil die Notenbank in Folge der Finanz- und Eurokrise die Zinsen nach unten getrieben und damit weitere Verschuldung gefördert haben. So liegt die weltweite Verschuldung deutlich über dem Niveau von 2008 und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Fortsetzung der Überschuldungskrise beginnt.

Ein weiterer wichtiger Faktor für unsere Exporterfolge war die Schwäche des Euro. Hätten wir noch die Mark, hätte diese ähnlich wie der Schweizer Franken deutlich aufgewertet, die Exporte gebremst und Importe befördert. Stattdessen sitzen wir in einem Boot mit Ländern wie Italien, die eine deutlich schwächere Währung brauchen, um international wieder wettbewerbsfähig zu werden. Es war unstrittig das Ziel der EZB, über tiefe Zinsen die Finanzierung der Staaten zu sichern, den hoch verschuldeten Unternehmen und privaten Haushalten zu helfen und den Euro international zu schwächen. Bisher mit Erfolg, wobei davon naturgemäß Deutschland als traditionell exportstarkes Land besonders profitierte.

Nur so ist der enorme Anstieg der Exporte in den letzten 20 Jahren zu erklären. Immer mehr wurde Deutschland zu einer Volkswirtschaft, die vom Außenhandel dominiert wird. Die Außenhandelsquote stieg von 44,0 Prozent im Jahr 1990 auf 70,8 Prozent im Jahr 2017. Mit dazu beigetragen hat die Lohnzurückhaltung seit Beginn des Jahrtausends, als die hohe Arbeitslosigkeit, Folge eines überteuerten Eurobeitritts, mit den Reformen der Agenda 2010 bekämpft wurde.

Es waren gute zehn Jahre, die wir erlebt haben. Doch waren sie nicht die Folge besonders guter (Wirtschafts-) Politik hierzulande, sondern getragen von zunehmenden Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft. Vieles spricht dafür, dass diese sich nun dem Ende nähern und wir als Land herzlich schlecht darauf vorbereitet sind.

Der Boom der letzten Jahre hat eine gefährliche Schwäche der deutschen Wirtschaft kaschiert: die Abhängigkeit von Industrien, die es bereits zu Zeiten des letzten deutschen Kaisers gegeben hat: Automobil-, Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik und Chemie als besonders prominente Beispiele. Branchen, in denen Deutschland ebenfalls eine Vorreiterrolle gespielt hat, werden mittlerweile von anderen Ländern beherrscht, erinnert sei an Unterhaltungselektronik, Fotografie und Pharmazeutik.

Neue Branchen entwickeln sich in Deutschland nur schwer, und nur selten gelingt es hiesigen Unternehmen, eine dauerhafte Position zu erreichen, wie SAP im Bereich der Unternehmenssoftware. Die Solarindustrie, mit Milliardensubventionen gepäppelt, wird mittlerweile von China dominiert und den dauerhaften Erfolg muss die Umwelttechnologie noch beweisen.

Wir waren bisher erfolgreich in der Verteidigung unserer Position in einigen Industrien und damit weitaus anpassungsfähiger als andere Länder. Jedoch macht die Abhängigkeit von bestehenden Industrien und die geringe Fähigkeit zur Entwicklung neuer Industrien, anfällig für Schocks und Strukturbrüche.

Vor einem solchen steht die Automobilindustrie, der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) räum offenbar keine guten Überlebenschancen einräumt. Beim Europäischen Rat Ende Juni 2017 malte sie die Zukunftsaussichten von Deutschlands wichtigstem Industriezweig mit rund einer Million Beschäftigten in düsteren Farben. Jeder wisse, dass die Autoindustrie in ihrer heutigen Form nicht überleben werde. Unstrittig ist, dass der Schwenk zu autonomem Fahren und Elektrofahrzeugen der deutschen Schlüsselindustrie jeglichen Wettbewerbsvorteil nimmt. Die Softwaregiganten aus den USA und die Batterielieferanten aus Asien verteilen die Märkte neu.

Noch können wir hoffen, dass es der Automobilindustrie gelingt, den Wandel zu bewältigen und dabei am Standort Deutschland festzuhalten. Sicher ist das nicht.

Auf tönernen Füßen

Deutschland und die Eurozone stehen vor der nächsten Rezession, wenn sie nicht schon mittendrin sind. Die EZB, der einzige bisher aktive Akteur, hat allerdings schon ein Großteil der Munition verschossen. Die Zinsen sind bereits negativ, Wertpapiere im Billionenvolumen wurden erworben. Natürlich kann sie diese Politik noch aggressiver fortsetzen und sie wird das zweifellos unter der Führung von Christine Lagarde tun. Parallel dazu werden weiteren Maßnahmen ergriffen werden, um Ausweichreaktionen der Bürger zu verhindern, vor allem durch weitere Einschränkung der Bargeldnutzung.

Doch dürften diese Maßnahmen nicht ausreichen, um die Eurozone zu stabilisieren. Schon bisher war die konjunkturelle Wirkung eher die Folge der Abwertung des Euro als einer gestärkten Binnennachfrage. Diesmal wird der Versuch einer weiteren Schwächung des Euro jedoch auf erbitterten Widerstand der anderen Länder, namentlich der USA treffen. Nicht zufällig hat Donald Trump unmittelbar nach der letzten Ankündigung Mario Draghis, nochmals zu lockern, wütend getwittert, dass dies nur dazu diene, den Euro weiter „unfair“ zu schwächen.

Damit dürfte die EZB als Retterin ausfallen. Ihre Maßnahmen werden relativ zu den Gegenmaßnahmen der anderen Länder zu klein ausfallen und zu spät kommen. Für einen Währungskrieg ist die Notenbank der Eurozone schlichtweg nicht gerüstet.

Staat als Retter?

Angesichts dieser Aussichten wundert es nicht, dass immer mehr Experten nach einer stärkeren Rolle der Staaten rufen. Diese sollten ungeachtet der schon hohen Verschuldung mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen die Wirtschaft beleben und so eine neue Rezession und womöglich existenzbedrohende neue Eurokrise verhindern. Passend dazu gibt es immer mehr Vorschläge für eine direkte Finanzierung der Staaten durch die Notenbanken, um die Rezession abzuwenden. Alle Akteure wissen nur zu gut, dass sich unsere überschuldete Welt keine Rezession leisten kann, zu groß ist die Gefahr eines Ableitens in eine Deflation mit fallenden Vermögenspreisen, Pleitewellen und drastischer Arbeitslosigkeit.

Es ist schwer vorstellbar, dass andere Länder Konjunkturprogramme auflegen, die dazu führen, dass mehr aus Deutschland importiert wird. Wahrscheinlicher ist, dass wir noch mehr protektionistische Maßnahmen sehen werden, wenn die hiesige Politik nicht bei den schuldenfinanzierten Programmen mitmacht.

Dabei spricht aus deutscher Sicht nichts gegen eine deutliche Ausweitung der Investitionen des Staates. Der Stau der Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Bildung und Bundeswehr ist offensichtlich. Alles Bereiche in denen in den vergangenen zwanzig Jahren gespart wurde, während die Sozialleistungen immer weiter anwuchsen. Ohnehin ist die „schwarze Null“ ein Ammenmärchen der Politik, sind doch die Schulden des Staates bei sauberer Bilanzierung der gemachten Versprechen für Mütterrente und Rente mit 63 (um nur zwei Beispiele zu nennen) deutlich gestiegen.

Dennoch dürfte es eine Weile dauern, bis sich die deutsche Politik dazu durchringt, die Konjunktur zu fördern. Statt dringend erforderlicher Entlastungen für die Bürger denken unsere Politiker bekanntlich über neue Lasten nach.

Geht es dem Esel …

… zu gut, geht er aufs Eis. So zumindest das Sprichwort. Nach zehn Jahren Aufschwung – getrieben von billigem Geld und schwachem Euro – kann man nur feststellen, dass wir vergessen haben, dass es der wirtschaftlichen Grundlagen bedarf, um die politischen Projekte von mehr sozialer Gerechtigkeit bis zu Klimaschutz zu finanzieren. Vermutlich ist dieses Desinteresse von Politik und Öffentlichkeit für die nachhaltige Sicherung unseres Wohlstandes der eindeutigste Indikator dafür, dass der Aufschwung zu Ende geht.

Während die Politik in den letzten zehn Jahren nichts für die Sicherung des Wohlstands getan hat und sich stattdessen auf Umverteilung und die Verwirklichung mehr oder weniger sinnvoller sozialer Projekte konzentriert hat, droht nun das bittere Erwachen. Eine ganze Generation wird feststellen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es Arbeit und Wohlstand gibt.


Dr. Daniel Stelter – www.think-beyondtheobvious.com