Wirtschaft & Finanzen

Die Macht der Demografie

17. März 2020
Immer wieder habe ich daran erinnert, wie bedeutsam die demografische Entwicklung für künftiges Wachstum und Wohlstand ist. Dabei geht es nicht nur um die Milliarden von Rentenversprechen, für die nicht vorgesorgt wurde, sondern auch um die Fähigkeit, das Gemeinwesen weiter zu finanzieren, vor allem den großen Sozialstaat.

Die WELT wirft einen Blick auf die trüben demografischen Aussichten und kommt zu den nahe liegenden Forderungen, was wir tun müssten. Den Lesern von Dr. Stelter wohlbekannt:

  • Während Japan, Deutschland oder Russland mit einer starken Schrumpfung ihrer Bevölkerung kämpfen, können die Amerikaner in den kommenden Jahrzehnten weiter zulegen. Um 15 Prozent wächst ihre Zahl nach Berechnungen der Förderbank KfW bis zum Jahr 2050 – steter Zuwanderung und einer einigermaßen stabilen Geburtenrate sei Dank. Das federt die Last der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung ab, die in anderen Ländern voll durchschlägt. Minus vier Prozent heißt die ernüchternde Bevölkerungsprognose für Deutschland.“ – Stelter: weiterer wichtiger Unterschied. In den USA kann man nicht in das Sozialsystem einwandern, bei uns schon. Deshalb haben wir hier auch ein noch größeres Problem.

„Deutschland hat heute wenig mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung, in 50 Jahren dürfte dies nur noch ein halbes Prozent sein. Bis dahin wird Frankreich aller Voraussicht nach Deutschland als bevölkerungsreichstes Land der EU abgelöst haben. (…) Großbritannien legt um zehn Prozent, das vergleichsweise geburtenstarke Frankreich immerhin um vier Prozent zu. Nach Schätzungen der EU-Kommission werden all diese Länder Deutschland in den kommenden Jahrzehnten beim potenziellen Wirtschaftswachstum hinter sich lassen.“ – Stelter: was zur Frage führt, wer denn dann EU und Euro finanziert? Gut möglich, dass die anderen keine Lust mehr haben, wenn sie Geld nach Deutschland überweisen müssen. 

  • In Deutschland dagegen geht die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von heute knapp 52 Millionen laut Schätzungen von Destatis bereits in den kommenden 15 Jahren um vier bis sechs Millionen Menschen zurück. Ohne Nettozuwanderung würde die Zahl der Menschen zwischen 20 und 66 Jahren bis 2035 sogar um rund neun Millionen sinken. Die Zahl derer ab 67 Jahren nimmt dagegen kräftig zu – von heute rund 16 Millionen auf mindestens 21 Millionen im Jahr 2039. Immer weniger Junge müssen für immer mehr Alte sorgen, eine extreme Belastung für die Sozialsysteme.“ – Stelter: Wie immer wieder berichtet, fehlen zwischen 36 und fast 100 Milliarden Euro, die wir schon heute pro Jahr zurücklegen müssten, um die Beiträge in Zukunft stabil zu halten.
  • Ganz anders ist die Lage in den USA. Das Land profitiert seit Jahrzehnten von Zuwanderung, die den Rückgang der Geburtenrate auf derzeit rund 1,8 Kinder pro Frau mehr als ausgleicht. „Die USA haben es in ihrer Geschichte immer wieder geschafft, motivierte Einwanderer anzuziehen, sie zu qualifizieren und ihnen eine Chance zu geben, produktiv zu sein“, sagt Hubertus Bardt, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Ein gutes Beispiel sind die Chinesen in den USA. Sie stellten laut Washingtoner Institut für Migrationspolitik (MPI) im Jahr 2016 mit 2,3 Millionen Menschen nach Mexikanern und Indern die drittgrößte Gruppe von Einwanderern. Besonders viele sind gut ausgebildet, kamen als Studierende oder mit von Arbeitgebern gesponserten Visa ins Land.“ – Stelter: Nun wissen wir, dass diese Auswanderer besonders motiviert sind, ganz anders als viele der Zuwanderer nach Deutschland, was mit den Anreizsystemen zu tun hat. Hier müssen wir das System dringend ändern. (Natürlich gibt es qualifizierte Zuwanderer nach Deutschland, aber eben auch viele, die nicht den erforderlichen Beitrag leisten/leisten können.)
  • „Schon jetzt sind die USA die mit Abstand größte westliche Ökonomie. Aktuell produzieren die Amerikaner 5,6-mal so viele Güter und Dienstleistungen wie die Deutschen, die ihrerseits Europas größte Volkswirtschaft stellen. Anfang der Neunzigerjahre war die US-Ökonomie auf Dollar-Basis etwas über dreimal so groß. (…) Das liegt an der höheren Innovationskraft der Amerikaner und natürlich auch an der unternehmerischen Dynamik, für die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten berühmt ist.“ – Stelter: Ganz anders bei uns, belegen wir doch Platz 114 von 190 beim Thema „Unternehmensgründung“ im „Ease of doing Business Index“ der Weltbank. 
  • „Der volle Bremseffekt der Demografie wird in Deutschland erst in den nächsten zehn Jahren einsetzen, wenn die Babyboomer aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Das betrifft nicht nur die Ausgabenseite der Sozialsysteme, sondern auch die Einnahmenseite: Denn in dem Maße, wie die Menschen älter werden und es an jungen Arbeitskräften mangelt, geht die Produktivität in der Volkswirtschaft zurück.“ – Stelter: was wir schon merken, sind doch die Produktivitätsfortschritte auf null gefallen.
  • „Wie sehr Deutschland und andere Industrieländer betroffen sind, haben Wissenschaftler des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung Wien (Wifo) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet. Demnach muss die Bundesrepublik schon 2040 einen Verlust des Pro-Kopf-Einkommens von rund 3700 Euro hinnehmen. In absoluten Zahlen sind die Wohlstandsverluste massiv: Im Jahr 2040 fällt das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) laut Wifo und Bertelsmann in Deutschland voraussichtlich um 274 Milliarden Euro niedriger aus, als es bei konstanter Bevölkerung der Fall wäre. In den Jahrzehnten danach dürfte sich die demografiebedingte Lücke sogar noch schneller ausweiten. Wegen des steigenden Konsums ist spätestens in den 40er-Jahren des 21. Jahrhunderts mit einer deutlich anziehenden Inflation zu rechnen.“ – Stelter: Die Folgen sind ein unfinanzierbarer Sozialstaat, Flucht der Leistungsträger, massive Verteilungskonflikte.
  • „Dabei könnten, davon sind Ökonomen überzeugt, auch Länder mit schrumpfender Bevölkerung wirtschaftliche Champions sein – wenn sie es denn klug angehen. (Dazu) braucht ein Land eine Vielzahl von Instrumenten. Zuwanderung kann eines davon sein (…) Zusätzlich muss es gelingen, die Innovationskraft der Wirtschaft zu stärken. Dazu braucht es zum Beispiel ein gutes Bildungssystem, eine leistungsfähige Infrastruktur und genügend Kapital für Gründungen und Wachstumsunternehmen.“ Stelter: alles dass, was wir NICHT machen in Deutschland!
  • „(…) Frauen und Ältere müssten für den Arbeitsmarkt aktiviert werden, Menschen qualifiziert und gezielt Zuwanderer angeworben werden. Was den Kapitalstock betrifft, sind sowohl die privaten als auch die öffentlichen Investitionen noch sehr ausbaufähig. Hier hat Deutschland viel Nachholbedarf (…) Der technische Fortschritt schließlich könne helfen, Arbeitskräfte einzusparen. (…) Und das werde in Ländern wie Japan durchaus nicht als Bedrohung, sondern als Antwort auf Engpässe am Arbeitsmarkt gesehen.“ – Stelter: So ist es. Aber wir wollen nur die Welt retten, den Sozialstaat ausbauen und nicht in die Zukunft investieren

Dr. Daniel Stelter –www. think-beyondtheobvious.com