Gesundheit, Natur & Spiritualität

Verbotene Sorten – Dank Corona steigt die Nachfrage nach heimischen Produkten – Die Vielfalt lässt allerdings zu wünschen übrig

11. August 2020

Acai, Goji, Schisandra, Avocado, Baobab, Canihua – Die Liste der ach so gesunden Superfoods, die wir aus aller Herren Länder importieren, ist lang. Corona hat offenbar bei vielen Menschen zu einem Bewusstseinswandel geführt. Zwei von drei Konsumenten in Deutschland wünschen sich wieder mehr heimische Produkte: Apfel statt Ananas, Rhabarber statt Acai.

Denn die Exotik hat ihren Preis. Beispiel Avocado: Das Nährstoffwunder der Azteken wird inzwischen in deutschen Supermärkten und Discountern zum Schnäppchenpreis angeboten. In Mexiko, einem der größten Avocado-Produzenten der Welt, hat der Anbau dramatische Folgen für Mensch und Umwelt: Avocados brauchen viel Wasser, der massive Einsatz von Pestiziden gefährdet das Trinkwasser, der Anbau führt zu illegaler Entwaldung und Umweltzerstörung. In der boomenden Avocado-Industrie arbeiten die Menschen als Tagelöhner unter miserablen Bedingungen für einen Hungerlohn. Mehrere Umweltschützer, die gegen den schmutzigen Avocado-Anbau kämpften, wurden ermordet aufgefunden. Hinzu kommt wie bei allen exotischen Superfoods eine verheerende CO2-Bilanz, denn Avocado, Acai & Co. müssen um den halben Globus geflogen werden.

Produkte aus der Region sind wieder gefragt. Wer heimische Ware bevorzugt, merkt allerdings schnell, dass Kartoffeln oder Tomaten aus dem Supermarkt irgendwie alle ziemlich ähnlich schmecken – und nur selten wirklich aromatisch sind. Ich kaufe keine Tomaten mehr, weil ich noch keine einzige Sorte gefunden habe, die so köstlich schmeckt wie die, die ich als Kind im Garten direkt vom Strauch gegessen habe – und weil es nur ein paar wenige Sorten gibt, und zwar immer die gleichen. Tomaten mit dem klangvollen Namen Großherzogin Toskana oder Old German suchen Sie im Supermarkt vergebens. Das sind zwei von weltweit 15.000 Tomatensorten. Im Handel zugelassen sind gerade mal 43 Sorten. Ich habe im Supermarkt oder im Bioladen noch nie mehr als vier bis fünf Sorten gesehen. Woran liegt das? Saatgut muss amtlich zugelassen werden. Es ist verboten, mit dem Saatgut nicht zugelassener Pflanzensorten Handel zu treiben, so sieht es das Saatgutverkehrsgesetz aus dem Jahr 1930 vor. Ursprünglich eine gute Sache, der Verbraucher sollte vor schlechtem Obst oder Gemüse geschützt werden. Doch in der Realität geht das auf Kosten der Vielfalt bei heimischen Produkten.

Das Bundessortenamt entscheidet nach 42 Kriterien, wie beispielsweise eine Kartoffel klassifiziert wird: Form, Farbe, Beschaffenheit der Oberfläche, Konsistenz. Gutes Aussehen und lange Lagerfähigkeit sind die wichtigsten Kriterien, der Geschmack spielt keine große Rolle. Und so kann es sein, dass in Ihrem Einkaufskorb eine perfekt aussehende Kartoffel mit glatter Schale landet, die bestens bewertet wurde, aber nach nichts schmeckt. Diese leidige Erfahrung habe ich schon oft gemacht! Doch warum sind nur so wenige Sorten im Handel? Eine alte, nicht zugelassene Sorte beim zuständigen Amt prüfen und zulassen zu lassen, ist ein aufwendiges und kostspieliges Verfahren. Davor schrecken die meisten zurück. Und so kontrollieren heute einige wenige multinationale Konzerne mit wenigen Sorten den Saatgutmarkt, und damit, was wir essen (müssen).

Wenn Sie sich Vielfalt, Aroma und optimalen Nährwert ohne exotische Superfoods wünschen, werden Sie die weder im Discounter, noch im Bioladen finden. Wenn Sie Glück haben, vielleicht im Hofladen oder auf dem Wochenmarkt oder bei Menschen, die sich der Rettung alter Sorten verschrieben haben. Roland Wüst aus dem rheinland-pfälzischen Haßloch hat 2007 den Verein „Freie Saaten“ e.V. gegründet. Mit seinen Mitgliedern baut er alte Gemüsesorten biologisch an. Und darf seine Produkte und seine Saaten verkaufen – allerdings nur zum Erhalt seines Vereins. Es gibt in ganz Deutschland Vereine und Initiativen, die Saatgut von alten Sorten und Informationen dazu anbieten. Der NDR hat eine Liste mit Links zusammengestellt.

Linkliste

Sie können dort Früchte und ihr Saatgut direkt beziehen. Das ist wahrscheinlich sinnvoller, als zu hoffen, dass ein uraltes Gesetz, das die heimische Wirtschaft schützen sollte, in absehbarer Zeit abgeschafft oder reformiert wird.

Mehr zum Thema hier:

http://www.freie-saaten.de/uber_uns.html

https://www.zdf.de/gesellschaft/plan-b/plan-b-kohlrabi-statt-papaya-100.html

https://dieunbestechlichen.com/2020/07/essen-sie-avocados-wegen-avocados-miserable-arbeitsbedingungen-umweltzerstoerung-und-morde-durch-kartelle/

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Verbotenes-Gemuese,sendung511572.html

https://www.wir-essen-gesund.de/handel-mit-alten-sorten-ist-verboten/#:~:text=Es%20gibt%20in%20Deutschland%20ein,man%20dem%20Verbraucher%20nicht%20zumuten

www.weihrauchplus.de