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Der Wille zum Zer­stören in der Nach-Mensch­lichkeit: Welt­flucht, Anti-Huma­nismus, Dekon­struktion, Willkür, Macht und die Durch­setzung von Fal­schem und Unvernünftigem

Gerade hat der Bun­des­prä­sident wieder einmal die „Ver­rohung der Gesell­schaft“ beklagt, die in seiner eng­stir­nigen Welt­sicht natürlich ein Ergebnis von Rechts­extre­mismus ist. Indes, wer sich ein­gehend mit der Frage beschäftigt, wo der derzeit in voller Blüte ste­hende Anti-Huma­nismus, die in bestimmten Kreisen „schicke“ Men­schen­feind­lichkeit, ihren Ursprung nehmen, der kommt nicht bei Rechts­extre­misten, sondern an Hoch­schulen und spe­ziell in Fächern an, die ihre eigene Existenz dem Huma­nismus zu ver­danken haben. von

Im fol­genden Text wird spe­ku­lativ, aber u.E. plau­sibel, eine Zusam­men­hangs­kette zwi­schen einer Reihe von derzeit weit – und weit über Hoch­schulen hinaus in die Politik hinein – ver­brei­teten Phä­no­menen, nämlich Welt­flucht, Anti-Huma­nismus, Dekon­struktion, Willkür und Macht dar­ge­stellt, die in der sys­te­ma­ti­schen Durch­setzung von Fal­schem und Unver­nünf­tigem gipfelt.

1. Welt­flucht und Anti-Humanismus

Die Strö­mungen in den huma­nis­ti­schen Fächern und den „-gien“ der ver­gan­genen Jahr­zehnte bis zum aktu­ellen Zeit­punkt sind, so mein Ein­druck, immer stärker geprägt von Ansichten und Bedürf­nissen, die bei allen Unter­schieden im Detail einem über­grei­fenden psy­cho­lo­gi­schen Motiv ver­pflichtet sind, nämlich dem der Welt­flucht, der Flucht vor einer Welt, in der man sich mit anderen Men­schen arran­gieren muss, viel­leicht sogar auf der Basis des bes­seren Argu­mentes, vor einer Welt, in der (u.a. deshalb) Vieles nicht so ist, wie es einem selbst angenehm wäre, in der der ggf. vor­ge­stellten eigenen Gran­dio­sität nicht hin­rei­chend Rechnung getragen wird, in der das Pochen auf eigene Rechte immer Gefahr läuft, ungehört im Uni­versum zu ver­hallen oder – schlimmer – mit der For­derung nach der Erfüllung von Pflichten quit­tiert zu werden, einer Welt, in der der Unter­schied zwi­schen Leistung und (bloßer) Bemühung für jeden sichtbare prak­tische Folgen hat, in der der Anspruch auf Gleichheit in allen Belangen mit den­je­nigen, dies es in irgend­einer Hin­sicht ver­meintlich besser haben als man selbst, vom Verweis auf Gerech­tigkeit gefährdet wird u.v.m.

Diese Beob­achtung basiert nicht auf psy­cho­lo­gi­schen Rei­hen­un­ter­su­chungen von Ver­tretern diverser huma­nis­ti­scher Fächer (die sicherlich ein loh­nendes Unter­fangen wären), sondern auf der schlichten Tat­sache, dass Ver­treter dieser Fächer immer sel­tener nach Erklä­rungen für in der Rea­lität beob­achtbare Phä­nomene suchen oder ver­suchen, sie (unab­hängig von ihren eigenen Vor­ur­teilen und sub­jek­tiven Mei­nungen und das heißt in aller Regel: bestimmten Regeln der inter­pre­ta­tiven Analyse, z.B. nach Mayring, folgend) zu verstehen.

Für wen die Welt nicht so ist, wie sie nach seinem Geschmack oder zu seinem Wohl­be­finden sein sollte, und wer unter­stellt, dass das, was für einen selbst „gut“ ist, auch für Andere „gut“ sei (die Anderen nur nicht wüssten, was für sie „gut“ sei), und wer sich außer Stande fühlt, sich in dieser Welt einen Lebens­be­reich ein­zu­richten, in dem er das führen kann, was er ein für sich per­sönlich gutes Leben nennen würde, der koppelt sich von der Welt, so, wie sie ist, nach Kräften ab, nimmt sie als Fein­desland wahr, aus dem er sich in seinen „safe space“ der Echo-Kammer zurück­zieht, die er gemeinsam mit anderen Welt­flüch­tigen bewohnt. Der Rückzug bzw. die Flucht in eine alter­native Welt werden seine Pro­bleme mit der real exis­tie­renden Welt all­mählich weiter ver­schärfen, in jedem Fall ver­ändert sein Rückzug/seine Flucht nichts an der Rea­lität, der er sich nicht gewachsen fühlt. Manche mögen daraus irgendwann die Kon­se­quenz ziehen, dass es nunmehr höchste Zeit sei, Resi­lienz in jeder Hin­sicht zu ent­wi­ckeln. Die meisten dürften jedoch darüber wahn­sinnig werden, zum Zyniker oder zum Oppor­tu­nisten oder zum Akti­visten für die Erschaffung einer „rich­tigen“, einer „guten“ Welt, einer Welt, wie sie nach Meinung der Welt­flüch­tingen eigentlich sein sollte und die sich ihrer Meinung nach andere Men­schen eben­falls erträumen sollten, wenn sie nur so „gut“, „infor­miert“, „kri­tisch“, „sen­sibel“ etc. wären wie sie selbst;

Nar­zissmus oder Hybris sind ver­mutlich ein wich­tiger Teil der welt­flüch­tenden Per­sön­lich­keits­struktur. Wohl­ge­merkt reden wir hier nicht von orga­nisch ent­ste­henden Anpas­sungs­leis­tungen an sich ver­än­dernde Umwelt­be­din­gungen, die alle Men­schen in allen Gesell­schaften zu allen Zeiten erbringen mussten und müssen, sondern von einem mehr oder weniger radikal anderen Welt­entwurf wie er z.B. in der Idee des „great reset“ for­mu­liert wird oder in Huxleys „Schöne neue Welt“ – bis hin zur Flucht in die Un-Mensch­lichkeit in Form des Transhumanismus.

Auf­fällig ist außerdem, dass mit dem psy­cho­lo­gi­schen Motiv der Welt­flucht eine mehr oder weniger unver­hohlene Men­schen­feind­lichkeit zum Aus­druck kommt, bei Aka­de­mikern oft nicht offen als Anti-Huma­nismus bezeichnet, sondern ins Gewand einer posthuma­nis­ti­schen Phi­lo­sophie gekleidet. So führt die Welt­fucht oft in eine vor­ge­stellte trans­humane Zukunft, in eine vor­ge­stellte zukünftige globale Gesell­schaft unter einer (dann im übrigen alter­na­tiv­losen) Ein-Erde-Regierung, in ein vor­ge­stelltes tota­li­täres Viertes Reich, einen vor­ge­stellten neu­er­lichen Versuch, den Dau­er­ver­sager Kom­mu­nismus doch noch als den wahren Erlöser der Menschheit zu erweisen – alles Ent­würfe, denen der Mensch als Indi­viduum, seine Wil­lens­freiheit, seine Krea­ti­vität, seine Erkennt­nis­fä­higkeit und (damit) Fähigkeit zur Moral als zutiefst unvoll­kommen, wenn nicht prin­zi­piell suspekt, gilt.

All diesen Ent­würfen liegt die Idee zugrunde, dass Men­schen in (fast?) jeder Hin­sicht Män­gel­wesen seien, die dringend der Per­fek­tio­nierung bedürften. Die einen (wie z.B. Ray Kurzweil) sehen das Mittel hierzu in der Hybri­di­sierung von Men­schen und Maschinen, im Trans­hu­ma­nismus, die anderen meinen, „den“ Men­schen per­fek­tio­nieren zu können, indem sie Men­schen ihrer Hand­lungs­fä­higkeit berauben bzw. vor­geben, sie von der ver­meint­lichen Last des Über­legens und Eigene-Ent­schei­dungen-Treffens zu befreien (wie das World Eco­nomic Forum dies bekann­ter­maßen pro­pa­giert), oft unter der impli­ziten Annahme, dass sie (oder die Erschaffer der Künst­lichen Intel­ligenz, die die mensch­lichen und nicht-mensch­lichen Geschicke richten soll), eine Art Aus­er­wählte seien, die frei von den Mängeln, seien, die sie anderen Men­schen konstatieren.

Für Anti-Huma­nisten ist der Mensch bloß eine beliebig ver­än­derbare Kon­struktion, denn für sie gibt es keine mensch­liche Natur und damit keine Mensch-Lichkeit:

„The main point of anti-humanism is to challenge the pos­si­bility of grounding theo­re­tical know­ledge, moral life or poli­tical practice on an a-his­to­rical concept of ‚man‘, ’subject‘, ‚indi­vidual con­science‘, ‚human nature‘ or ‚human essence’“ (Iftode 2020: 6; Her­vor­hebung i.O.),

d.h.

„Der Haupt­punkt des Anti­hu­ma­nismus ist die Infra­ge­stellung der Mög­lichkeit, theo­re­ti­sches Wissen, mora­li­sches Leben oder poli­tische Praxis auf ein a‑historisches Konzept von ‚Mensch‘, ‚Subjekt‘, ‚indi­vi­du­elles Gewissen‘, ‚mensch­liche Natur‘ oder ‚mensch­liches Wesen‘ zu gründen (Iftode 2020: 6; Her­vor­hebung i.O.),

 

Anti-Huma­nismus ist keine neue Idee: Z.B. läßt Friedrich Nietzsche seinen „Zara­thustra“ sagen:

„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwi­schen Tier und Über­mensch – ein Seil über einem Abgrunde … Was groß ist am Men­schen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Men­schen, das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist. Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Unter­ge­hende, denn es sind die Hin­über­ge­henden. Ich liebe die großen Ver­ach­tenden, weil sie die großen Ver­eh­renden sind und Pfeile der Sehn­sucht nach dem andern Ufer. Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unter­zu­gehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, daß die Erde einst des Über­men­schen werde … Ich liebe den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem Über­men­schen das Haus baue und zu ihm Erde, Tier und Pflanze vor­be­reite: denn so will er seinen Untergang. Ich liebe den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehn­sucht“ (Nietzsche 2023[1883; 1884; 1885]: 10),

und weiter:

„Ich liebe alle die, die wie schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen Wolke, die über den Men­schen hängt: sie ver­kün­digen, dass der Blitz kommt, und gehn als Ver­kün­diger zugrunde. Seht, ich bin ein Ver­kün­diger des Blitzes, und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz heißt Über­mensch – (Nietzsche 2023[1883; 1884; 1885]: 11).

Aus­sagen wie die zitierten von Nietzsche oder sehr ähn­liche Aus­sagen von anderen Autoren bis hin zu Fou­cault (2002: 422), der der Menschheit eben­falls die Aus­lö­schung vor­her­gesagt (und gewünscht?) hat, werden von Anti-/Post­hu­ma­nisten oft dahin­gehend ver­teidigt, dass es sich hierbei nicht um Angriffe auf kon­krete Men­schen oder die mensch­liche Spezies handle; sie seien Ergebnis der Bewußt­werdung der jewei­ligen Autoren darüber, dass der nah bevor­ste­hende Untergang des Mensch-Seins wie wir es kennen bevor­stehe, eines Mensch-Seins, das auf bestimmten Vor­stel­lungen vom Mensch-Sein und seiner zen­tralen Stellung in der Welt der Lebe­wesen beruhe (s. hierzu: Iftode 2020: 11).

Dieser Versuch der Recht­fer­tigung von Men­schen­ver­achtung wird oft ein­ge­kleidet in einen pseudo-phi­lo­so­phi­schen Wort­schwall, bei dem ober­flächlich besehen nicht der Mensch als solcher, sondern die euro­päische Tra­dition des Huma­nismus, dis­kre­di­tiert werden soll, wobei durchaus keine Einigkeit darüber besteht, was genau das eigentlich bedeutet bzw. was genau dis­kre­di­tiert werden soll. Zur Illus­tration dieses Punktes:

humanism (n.) along with humanist used in a variety of phi­lo­so­phical and theo­lo­gical senses 16c.-18c., espe­cially ones con­cerned with the (mere) humanity of Christ, or imi­tating Latin huma­nitas edu­cation befitting a cul­ti­vated man … In the sense‚ the doc­trine or science of human nature, humanics (1864) has been used. From 1832 in refe­rence to‚ intel­ligent study and app­re­ciation of the classics‘, espe­cially in refe­rence to the Renais­sance. By 1847 in refe­rence to ’system or mode of thought in which human inte­rests pre­do­minate‘ (ori­gi­nally often in the wri­tings of its enemies). As a prag­matic system of thought, defined 1907 by co-founder F. C. S. Schiller as ‚The pereception that the phi­lo­so­phical pro­blems con­cerns human beings striving to com­prehend a world of human expe­rience by the resources of human minds‘,

d.h.

Huma­nismus (n.) neben Humanist ver­wendet in einer Vielzahl von phi­lo­so­phi­schen und theo­lo­gi­schen Bedeu­tungen 16c. ‑18c. ins­be­sondere die­je­nigen, die sich mit der (bloßen) Mensch­lichkeit Christi befassen oder die latei­nische huma­nitas-Erziehung nach­ahmen, die einem kul­ti­vierten Men­schen ent­spricht … Im Sinne ‚der Lehre oder Wis­sen­schaft der mensch­lichen Natur‘ wurde [der Begriff] Humanik (1864) ver­wendet. Seit 1832 mit Bezug auf ‚intel­li­gentes Studium und Wert­schätzung der Klas­siker‘, vor allem mit Bezug auf die Renais­sance. Um 1847 mit Bezug auf ‚System oder Denk­weise, in der mensch­liche Inter­essen über­wiegen‘ (ursprünglich [und genau wie heute wieder] oft in den Schriften seiner Gegner). Als prag­ma­ti­sches Denk­system 1907 von Mit­be­gründer F. C. S. Schiller defi­niert als ‚Die Annahme, dass die phi­lo­so­phi­schen Pro­bleme Men­schen betreffen, die danach streben, eine Welt der mensch­lichen Erfahrung durch die Res­sourcen des mensch­lichen Geistes zu verstehen’“.

So heißt es im Online Ety­mology Dic­tionary zum Begriff „Huma­nismus„.

Da der Mensch jedoch in keiner anderen Form vor­kommt als in der Form jetzt leben­diger, kon­kreter, ein­zelner Exem­plare der Spezies homo sapiens sapiens und mit seinen Vor­stel­lungen vom Mensch-Sein, die evo­lu­tionär her­aus­ge­bildet wurden, ist der Versuch der Recht­fer­tigung des Anti-/Post­hu­ma­nismus als gar nicht gegen Men­schen gerichtet, sondern „nur“ gegen eine bestimmte Auf­fassung vom Mensch-Sein, offen­sichtlich das, was man (zurecht oder zu Unrecht mit Bezug auf die Sophisten) Sophis­terei nennt; es ist Wort­klau­berei, haar­spal­te­risch und irre­führend. Wer reale, lebendige Men­schen als prin­zi­piell defi­zitär und dringend ver­än­de­rungs­be­dürftig – auf­grund wessen Maß­stabs?!? Schwerlich dem des (noch) nicht exis­tie­renden „Über­men­schen“! – ange­sichts einer sich ständig ver­än­dernden Welt ansieht und Schritte ein­leitet, um Men­schen nach dem Willen selbst­er­klärter „Über­men­schen“ ver­meintlich zu ver­bessern (oder zu besei­tigen, wenn sie sich als nicht ver­bes­se­rungs­fähig erweisen), der darf ganz und gar zu Recht als Men­schen­feind bezeichnet werden, und sei es nur, weil er das Anpas­sungs­ver­mögen, die Krea­ti­vität, die Fähigkeit zum Pro­blem­lösen, die Men­schen von Beginn ihrer Geschichte an unter Beweis gestellt haben, in Abrede stellt (viel­leicht im Zuge eines Fehl­schlusses von den eigenen Fähig­keiten auf die­je­nigen der anderen Exem­plare der Spezies – eine plau­sible Ver­mutung aus Gründen, die weiter unten deutlich werden).

Anti-Huma­nisten bzw. Post-Huma­nisten gibt es also in ver­schie­denen Vari­anten, aber allen ist eine (mehr oder weniger starke) Men­schen­ver­achtung gemeinsam und die Ablehnung all dessen, was sie (jeweils) mit der huma­nis­ti­schen Tra­dition in Europa ver­binden, dar­unter die Idee der Wis­sen­schaft und die wis­sen­schaft­liche Methode, die den Kern von Wis­sen­schaft aus­macht. Das ist keine Über­ra­schung, zielt die klas­sische Idee der Wis­sen­schaft doch darauf ab, Tat­sachen über die natür­liche und die soziale Welt sowie Tat­sachen über die Zusam­men­hänge zwi­schen diesen Tat­sachen fest­zu­stellen. Tat­sachen sind durch sys­te­ma­tische empi­rische Über­prüfung bestä­tigte Aus­sagen über die Beschaf­fenheit der natür­lichen und der sozialen Welt. Und wer vor der Welt flüchten möchte, sich in und vor der realen Welt, wie sie anhand von Tat­sachen erkennbar ist, fürchtet, sich eine alter­native Welt erträumt, der wird ver­suchen, Tat­sachen aus dem Weg zu gehen, ihnen ihren Status als Tat­sachen zu bestreiten oder Tat­sachen, falls sie akzep­tiert werden, für jederzeit nach Geschmack oder Ideo­logie ver­än­derbar zu erklären.

Deshalb ist es wichtig, der tat­säch­lichen Welt samt der in ihr exis­tie­renden Men­schen ihre Rea­lität mög­lichst zu bestreiten. Dies geschieht unter Rück­griff auf Vor­stel­lungen von Rela­ti­vismus, Sub­jek­ti­vismus, Kon­struk­ti­vismus, auch oder besonders mit Bezug auf die Iden­tität von Indi­viduen, aber vor allem durch den schlichten Angriff auf alles, was bislang hilf­reich dabei gewesen ist, ein eini­ger­maßen gere­geltes mensch­liches Zusam­men­leben mög­lichst frei und mög­lichst ver­nünftig han­delnder Men­schen in rela­tivem Wohl­stand und Frieden auf­zu­bauen und zu erhalten – inklusive der Wis­sen­schaft (bzw. ihrem Kern, der wis­sen­schaft­lichen Methode), die einen erheb­lichen Beitrag dazu geleistet hat, dies zu ermög­lichen, so z.B. (bislang) im Bereich der Medizin.

 

2. Dekon­struktion

Weil die meisten welt­flüch­tigen Aka­de­miker Schwie­rig­keiten damit haben dürften, sich man­gelnde psy­cho­lo­gische Resi­lienz oder man­gelnde logische Fähig­keiten, man­gelndes metho­di­sches Wissen mit Bezug auf „ihr“ Fach und ggf. andere oder weitere Mängel ein­zu­ge­stehen, neigen sie dazu, statt ihre Mängel zu besei­tigen, in die Offensive zu gehen und nach Kräften zu „dekon­stru­ieren“, was sie als für bekämp­fenswert erklärte Stroh­männer zuvor selbst kon­struiert haben, so z.B. die empi­risch-quan­ti­tative Wis­sen­schaft, gegen die sie u.a. vor­bringen, dass ihre Ver­treter so naiv gewesen seien, zu meinen, dass der Mensch die Welt in ihrer Beschaf­fenheit direkt erkennen könne, was in direktem Wider­spruch zu der Tat­sache steht, dass diese angeblich so naiven Men­schen sich darum bemüht haben, eine Mess­theorie zu ent­wi­ckeln, in deren Zentrum die Ope­ra­tio­na­li­sierung von Kon­zepten [!] steht, um eben diese, also abs­trakte Größen, „greif“bar zu machen.

Oder sie bringen gegen sie vor, dass sie haupt­sächlich von weißen Männern ent­wi­ckelt worden sei, was so pau­schal nicht stimmt und darüber hinaus in keiner nach­voll­zieh­baren Weise als Argument gegen die Wis­sen­schaft benutzt werden kann, denn ob etwas etwas taugt bzw. einem sinn­vollen Zweck dienlich ist, hängt nicht davon ab, wer es ent­wi­ckelt hat! Sie unter­stellen also irgend­welche Dinge, die nicht zutreffen, aber relativ einfach zu kri­ti­sieren sind, um mit diesem Manöver der Bekämpfung von Stroh­männern weniger intel­li­gente oder kri­tische (oder beides) Geister zu Mul­ti­pli­ka­toren ihrer jewei­ligen (Un-/)Heilsbotschaft zu machen (und es scheint, dass sie solche wil­ligen Naiven immer wieder finden können).

Rela­ti­vismus, Post­mo­der­nismus, Post­struk­tu­ra­lismus, Kon­struk­ti­vismus, Post­hu­ma­nismus, dar­unter in seinen Vari­anten des Trans­hu­ma­nismus und des femi­nis­ti­schen Post­hu­ma­nismus, sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie „dekon­stru­ieren“ wollen, was ein in Teilen inter­es­santer Prozess sein kann, aber ein hilf­reicher oder nütz­licher nur dann, wenn auf die bzw. aus der „Dekon­struktion“ ein kon­struk­tiver Akt folgt, bei dem an die Stelle des Ver­wor­fenen eine trag­fähige Alter­native gesetzt wird.

Und was Letz­teres betrifft, so sind die genannten (und noch viele andere dekon­stru­ie­rende) „-ismen“ schmerzlich unzu­rei­chend, wie jeder selbst fest­stellen kann, der sich auf die Suche nach Autoren macht, die sich selbst den genannten (oder ver­wandten) „-ismen“ zurechnen und (dennoch?!) an irgend­einer Stelle in ihrem Werk den Mut oder die Phan­tasie oder beides auf­bringen, eigenen kon­struk­tiven Ent­würfen mehr Zeit ein­zu­räumen als der „Dekon­struktion“ der Ent­würfe anderer Leute. Man findet sie so gut wie gar nicht.

Es ist kein Zufall, dass Jay David Bolter (2016) in seinem Beitrag zur Inter­na­tional Ency­clo­pedia of Com­mu­ni­cation Theory and Phi­lo­sophy über „Post­hu­manism“ fast in jedem Abschnitt seiner Dar­stellung Worte wie „reject“ und „rejection“, „breakup“, „call into question“, „breakdown“, „opposes“ und „oppo­sition“ u.ä.m. ver­wendet, aber nur sehr selten Worte, die einen kon­struk­tiven Prozess beschreiben wie z.B. „recon­fi­gu­ration“ und – ich fürchte, ich kann hier kein anderes Bei­spiel liefern, obwohl ich nicht aus­schließen möchte, dass sich nach neu­er­licher Lektüre doch noch ein wei­teres Wort in diesem Artikel finden würde, das Kon­struk­tives bezeichnet. Es ist bezeichnend, dass Bolter im letzten Abschnitt seiner Dar­stellung formuliert:

„Post­hu­manist theo­rists propose nothing less than a com­plete recon­fi­gu­ration of the huma­nities – a recon­fi­gu­ration that removes [!] the liberal subject from the center of huma­nistic inquiry. They demand [!] new approaches as well as changes in the material studied. For example, post­hu­ma­nists often suggest STS as a con­trolling [!] inter­di­sci­plinary approach … Above all, post­hu­manism opposes [!] the essen­tialism that it finds [!] in the tra­di­tional inter­pretive prac­tices of the huma­nities“ (Bolter 2016: 7),

d.h.

„Post­hu­ma­nis­tische Theo­re­tiker schlagen nicht weniger vor als eine voll­ständige Neu­kon­fi­gu­ration der Geis­tes­wis­sen­schaften – eine Neu­kon­fi­gu­ration, die das liberale Thema aus dem Zentrum der huma­nis­ti­schen Unter­su­chung ent­fernt [!]. Sie fordern [!] neue Ansätze sowie Ver­än­de­rungen im unter­suchten Material. Post­hu­ma­nisten schlagen zum Bei­spiel oft STS als einen kon­trol­lie­renden [!] inter­dis­zi­pli­nären Ansatz vor … Der Post­hu­ma­nismus wendet sich vor allem gegen [!] den Essen­tia­lismus, den er in den tra­di­tio­nellen Deu­tungs­prak­tiken der Geis­tes­wis­sen­schaften findet [aber sonst niemand]“ (Bolter 2016: 7).

Sofern Worte mit Bezug auf Post­hu­ma­nismus benutzt werden können, die auf eine kon­struktive Akti­vität ver­weisen, wie „suggest“ im oben ste­henden Zitat, beziehen sie sich nicht auf Eigen­leis­tungen des Post­hu­ma­nismus bzw. seiner Ver­treter, sondern auf höchst vage For­de­rungen nach „neuen Ansätzen“ und „Ver­än­de­rungen“, die etwas ver­meiden sollen, in jedem Fall aber von anderen zu leisten sind; sie selbst leisten sie jeden­falls nicht.

Man beschränkt sich also in der Regel auf die „Dekon­struktion“ der Ent­würfe anderer Leute, wobei sich die „Dekon­struk­tionen“ in der Regel als Akad­misch-Sprech für den Versuch einer Ver­un­glimpfung der Arbeit anderer Leute erweist, weil sie aus einer wilden Mischung von Fehl­re­zep­tionen, Unter­stel­lungen, Fehl­schlüssen und oft genug aus direkten Beschimp­fungen und – ohne Aus­nahme, soweit ich bislang sehen konnte – auf einer nahezu lächer­lichen Unter­schätzung der Geis­tes­kraft und der Argu­mente der Per­sonen, die sie zu kri­ti­sieren ver­suchen (ver­mutlich aus Unver­ständnis der­selben), zusammensetzt.

Aber „Dekon­struktion“ klingt einfach so viel intel­lek­tu­eller als „Hit piece“. Wer gegen die Prak­tiken der „Dekon­struktion“ ein­wendet, dass sie sehr, sehr weit von einer Argu­men­tation ent­fernt sind, der wird sofort als jemand iden­ti­fi­ziert, der dem ver­hassten – wahl­weise – Huma­nismus, Empi­rismus, Objek­ti­vismus u.ä.m. ver­haftet sei und daher sowieso keinen ernst­zu­neh­menden Einwand erheben könne, ist seine Position doch gerade eine solche, die angeblich der „Dekon­struktion“ bedarf. So funk­tio­niert die Immu­ni­sierung der eigenen Position in umfas­sender Weise: durch die Ver­un­mög­li­chung der argu­men­ta­tiven Aus­ein­an­der­setzung. Wer argu­men­tieren möchte, wird gerade deshalb, weil er es möchte (und am Ende sogar für möglich und fruchtbar hält), von einem Ein­bruch in den Wort­schwall frag­wür­diger Bedeutung ausgeschlossen.

 

3. Willkür

Ver­nünftige und daher ver­tretbare Formen des epis­te­mi­schen Rela­ti­vismus (d.h. des Rela­ti­vismus, der die spe­zi­fische Form und die spe­zi­fi­schen Bedin­gungen mensch­licher Erkennt­nis­fä­higkeit betrifft), die im 20. Jahr­hundert immer schon mit der Idee der Wis­sen­schaft ver­bunden waren – auch, wenn seine Kri­tiker dies gerne unter­schlagen und gegen einen Objek­ti­vismus zu Felde ziehen, den (zumindest im 20. Jahr­hundert) kaum jemand, wenn über­haupt jemand, ernsthaft ver­treten hat (s.o.), – sind seit den 1960er- und 1970er-Jahren über mehr oder meistens weniger von­ein­ander unter­scheidbare Etappen hinweg in einen abso­luten Rela­ti­vismus gesteigert worden.

Sub­jek­ti­vismus, Kon­struk­ti­vismus, Post­mo­der­nismus und Post­hu­ma­nismus in ihren diversen Spiel­arten und Aus­drucks­formen, wie z.B. und viel­leicht vor allem, Iden­ti­täts­po­litik sind allesamt Etappen auf dem Weg in einen abso­luten Rela­ti­vismus, in dem „any­thing goes“, alles geht, was jemand möchte, der die Macht hat, es durch­zu­setzen (zur Macht weiter unten mehr).

Oft beginnt dieser Prozess mit dem Versuch, einen bestimmten Sprach­ge­brauch durch­zu­setzen, u.a. durch Ver­än­derung des seman­ti­schen Gehaltes von Worten. Dem­entspre­chend konnte Orwell in seiner Dys­topie „1984“ die Aussage „Krieg ist Frieden“ als ernst­ge­meinte Aussage der Sys­tem­linge dar­stellen, ganz so, wie dies heute tat­sächlich von einigen behauptet wird, und ganz so, wie derzeit von einigen bei­spiels­weise ver­sucht wird, die Bezeichnung von Männern, die kas­triert oder in sons­tiger Weise chir­ur­gisch oder medi­ka­mentös in ein­schlä­giger Weise behandelt wurden, als Frauen durchzusetzen.

Gewöhnlich wird der (Weg in den) abso­luten Rela­ti­vismus dadurch zu bewerben ver­sucht, dass er als besonders mora­lisch prä­sen­tiert wird insofern als er als Bringer der totalen Rechte für alle dar­ge­stellt wird, ins­be­ondere all der Rechte, die Men­schen, die keine mora­li­schen Rela­ti­visten sind und von abso­luten Rela­ti­visten (oder solchen, die sich als solche insze­nieren, um eigene Vor­teile zu erreichen oder zu sichern), als vor­ur­teilshaft und klein­geistig dar­ge­stellt werden, angeblich all denen vor­ent­halten wollen, die Geltung für alle ihre Anliegen und Bedürf­nisse, aber auch Ein­fälle oder Launen ohne Ein­schränkung (z.B. im Inter­essse eines mög­lichst kon­flikt­freien Zusam­men­lebens) beanspruchen.

Tat­sächlich geht es nicht allein darum, der eigenen Willkür immer und überall freien Lauf zu lassen, sondern darüber hinaus – und ich vermute: vor allem; s. dazu unten – darum, dass andere Leute sich dem, was diese Willkür ihnen vorgibt, unter­werfen. Man würde meinen, dass der­jenige, der sich selbst das Recht zuge­steht, nach seinen will­kür­lichen Ein­ge­bungen zu funk­tio­nieren, Anderen das­selbe Recht zuge­stehen muss, aber für den abso­luten Rela­ti­visten ent­fällt diese Über­legung, eben weil er Werte wie Rezi­pro­zität oder gleiche Rechte für alle Men­schen nicht (aner-)kennt. Er kennt die Hier­archie des Durch­setz­baren: Die allen anderen Will­kür­lich­keiten über­legene Willkür ist die­jenige, die durch­ge­setzt werden kann – das genügt, nichts sonst muss für den jewei­ligen will­kürlich gewählten Inhalt sprechen, ja, es kann sogar sehr Vieles gegen ihn sprechen.

Um beim Bei­spiel soge­nannter Trans-Frauen zu bleiben: Der Verweis auf Über­ein­stimmung mit bio­lo­gi­schen Tat­sachen trifft für den abso­luten Rela­ti­visten deshalb nicht, weil er die Existenz bio­lo­gi­scher Tat­sachen (oder ihre weit­ge­hende Unver­än­der­lichkeit durch mensch­liche Willkür) schlichtweg bestreitet – oder nicht bestreitet, aber er sich Tat­sachen einfach nicht ver­pflichtet fühlt. Der Verweis auf das Grund­recht auf kör­per­liche Unver­sehrtheit trifft für ihn nicht, weil er keinen mora­li­schen Maßstab akzep­tiert, anhand dessen man Grund­rechte über­haupt als solche defi­nieren und aner­kennen sollte.

Oder er kann (in einem logi­schen Wider­spruch, aber was bedeutet Logik für den absol­suten Rela­ti­visten? – nichts) darauf ver­weisen, dass jemand selbst den Wunsch nach Ver­letzung seiner kör­per­lichen Inte­grität geäußert habe und nun – will­kürlich – doch ein „Grund­recht“ für diese Person behaupten, auf dessen Grundlage sein Wunsch nach Ver­letzung seiner kör­per­lichen Inte­grität zu erfüllen sei. Und dabei spielt es keine Rolle, ob sein Wunsch durch Mani­pu­lation von außen zustan­de­ge­kommen ist oder nicht, denn es gibt für den abso­luten Rela­ti­visten keinen Maßstab, anhand dessen Wünsche bewertet werden könnten, z.B. als ver­nünftige oder unver­nünftige, geschweige denn ihr Zustandekommen.

Aber was treibt den abso­luten Rela­ti­visten dann zu seinem Handeln an? Der Rela­ti­vismus, den er an den Tag legt, kann nicht tat­sächlich absolut sein, denn wäre er es, wäre ihm alles gleich, wirklich alles, das Zer­stö­re­rische wie das Kon­struktive, aber wie wir in der Rea­lität beob­achten können, haben die Poli­tiken, die derzeit durch­ge­setzt werden, weit mehr­heitlich einen zer­stö­re­ri­schen Cha­rakter, und zwar sowohl auf der Ebene des ein­zelnen Men­schen – wie z.B. das Spiel mit der Gesundheit von Men­schen durch expe­ri­men­telle Impf­stoffe zeigt – als auch auf der Ebene ganzer Gesell­schaften, die u.a. durch Iden­ti­täts­po­litik und Denun­zia­ti­ons­an­reize gespalten werden. Es scheint, dass solche Poli­tiken durch Rela­ti­vismus nur teil­weise zu erklären sind; hinzu kommt anscheinend ein gutes Quentchen Anti-Humanismus.

Auch die Wis­sen­schaft hat zunehmend zer­stö­re­ri­schen Cha­rakter ange­nommen, auch und besonders in den Bereichen der soge­nannten Humanties und der „-gien“ oder Geistes- und Sozi­al­wis­sen­schaften, denen es doch gerade um mensch­liches Tun bzw. die Pro­dukte mensch­lichen Tuns geht. Betrachten wir bei­spiels­weise die empi­rische Sozi­al­for­schung: Sofern sie über­haupt noch für betrei­ben­swert – oder tref­fender: imi­tie­renswert – gehalten wird, dient sie nicht mehr dazu, soziale Tat­sachen fest­zu­stellen, sondern – im Zuge eines gran­diosen Selbst­wi­der­spruches – dazu, den sub­jek­tiven „Standort“ anderer Leute angeblich objektiv oder sagen wir: relativ objektiv dingfest zu machen und diesen Standort oder gleich umstandslos die Person, die diesen Standort angeblich ein­nimmt, zu dis­kre­di­tieren oder zu beschimpfen. Die Fest­stellung von Tat­sachen und von Zusam­men­hängen zwi­schen ihnen ist dem „Mei­nungs­kampf“ gewichen, bei dem „gut“ oder „richtig“ ist, was durch­ge­setzt werden soll – mit allen Mitteln, auch solchen Mitteln, die dem, der dem abso­luten Rela­ti­vismus bislang nicht zum Opfer gefallen ist, mora­lisch höchst frag­würdig sind wie z.B. Mani­pu­lation durch Pro­pa­ganda, die Ver­breitung von fak­tisch Fal­schem zu Täu­schungs­zwecken, das „nudging“ oder die Zer­setzung, wie sie in der DDR gepflegt wurde und im der­zei­tigen Deutschland wieder gepflegt wird.

Mit all diesem Mitteln und wei­teren soll durch­ge­setzt werden, was nicht besser begründbar ist als durch die eigene Willkür. Wäre es besser begründbar – nämlich durch Argu­mente, die bessere und vor allem im Prinzip über­zeu­gendere Gründe dar­stellen als die per­sön­lichen Gefühle oder Erfah­rungen oder der per­sön­liche Geschmack sind – begründbar, könnte man jederzeit das Mittel der ver­nünf­tigen Dis­kussion wählen, um andere Men­schen von den guten Gründen, die für die eigenen Anschau­ungen oder Wünsche sprechen, zu überzeugen.

Aber genau das können und wollen die Welt­flüch­tigen, von denen hier die Rede ist, nicht. Sie wollen ihren per­sön­lichen Gefühlen, Vor­lieben, Erfah­rungen öffent­lichen Aus­druck und Geltung ver­schaffen und sie mög­lichst für andere Men­schen als vor­bildlich und am liebsten als ver­bindlich durch­setzen. Wie kann man das bewerk­stel­ligen, wenn man keine Argu­mente hat, mit denen man über­zeugen könnte, bzw. in sozialen Bezie­hungen keine legitime Herr­schaft im Sinne von Max Weber ausüben kann? Man ver­sucht, die man­gelnde legitime Herr­schaft durch Macht zu ersetzen, defi­niert bei Max Weber (1922: 28, §16) als

„… jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Wider­streben durch­zu­setzen, gleichviel worauf die Chance beruht“,

also auch, wenn die „Chance“ darauf beruht, Wahl­fäl­schung zu begehen oder jemanden eines Gedan­ken­ver­bre­chens oder Falsch-Redens zu bezich­tigen und gegen ihn poli­zeilich ermitteln zu lassen, oder ihm sein Konto zu sperren, wenn er dem poli­ti­schen Gegener zuge­ordnet wird, oder ihm bestimmte Infor­ma­tionen wil­lentlich vor­zu­ent­halten oder falsche Infor­ma­tionen zu geben – wie mit Bezug auf die angeb­liche Impfung gegen Covid-19 reichlich geschehen – oder ihn wie auch immer sonst zu mani­pu­lieren oder zu erpressen.

 

4. Macht und die Durch­setzung von Fal­schem und Unvernünftigem

Der letzte oder einzige Wert für Anti­hu­ma­nisten oder Rela­ti­visten ist deshalb nicht die eigene Willkür, sondern Macht, weil Macht ihnen die Durch­setzung des will­kürlich Gewählten, erst zu ermög­lichen ver­spricht. In der Rea­lität haben die meisten von ihnen diese Macht nicht, aber hier gilt das Stell­ver­tre­ter­prinzip: man fühlt eine sozu­sagen abge­leitete Selbst­wirk­samkeit, wenn man Per­sonen in Macht­po­si­tionen, die (ungefähr) die­selben Men­schen als „Gegner“ aus­ge­macht haben wie man selbst, das Wort redet oder ihre (Un-/)Taten zu recht­fer­tigen oder zu ent­schul­digen ver­sucht. Man ist nicht mächtig, aber man ist mit denen, die mächtig sind oder die man für mächtig hält, und mit Mäch­tigen vereint gegen die­je­nigen, die man sich aus­ge­sucht hat, nicht zu mögen (viel­leicht nur deshalb, weil es die­je­nigen sind, die die Mäch­tigen nicht mögen).

Nun hat Macht neben der per defi­ni­tionem gege­benen unang­nehmen Eigen­schaft, den eigenen Willen gegen „Wider­streben“ durch­setzen zu können, eine weitere sehr unan­ge­nehme, weil für das mensch­liche Zusam­men­leben höchst destruktive, Eigen­schaft: es ist die Eigen­schaft von Macht, besonders dann und besonders stark emp­funden werden zu können – man kann sagen: einen Machtrausch aus­zu­lösen –, wenn man Fal­sches oder Absurdes durchsetzt.

Das ist zuge­ge­be­ner­maßen (m.W.) wieder kein psy­cho­lo­gisch gesi­cherter Befund, aber dies zu ver­muten, liegt in der Logik von Macht im Unter­schied zu legi­timer Herr­schaft oder Ein­fluss durch Über­zeu­gungs­kraft: Gerade oder viel­leicht sogar allein die Durch­setzung von Fal­schem und Absurdem ver­hilft zur Erfahrung eines Macht­ge­fühls (bis hin zum Macht­rasuch), weil die Durch­setzung von Fal­schem und Absurdem (so gut wie) gänzlich dem Willen des Durch­set­zenden zuge­schrieben werden muss, während es für die Durch­setzung von Rich­tigem und Ver­nünf­tigem neben dem Willen des Durch­set­zenden andere Gründe geben könnte, gute Gründe, die außerhalb des Willens des Durch­set­zenden ange­siedelt sind und statt dessen in der Person dessen, der sich so verhält, wie der Mächtige es eben­falls will.

So könnten Leute das, was durch­ge­setzt werden soll, einfach für richtig halten und daher gar kein „Wider­streben“ zeigen; das, was durch­ge­setzt werden soll, könnte einem rele­vanten Teil der Leute ja nützlich oder ver­nünftig erscheinen. Oder umge­kehrt for­mu­liert: Wollte man sich seine Macht dadurch demons­trieren, dass man etwas bei anderen Men­schen durch­setzen möchte, was richtig oder ver­nünftig ist, könnte man niemals sicher sein, dass die Durch­setzung tat­sächlich auf­grund der eigenen Macht erfolgt ist; die Anderen könnten sich dann aus freien Stücken dafür ent­schieden haben, einfach, weil sie es selbst für richtig oder gut befunden haben.

Wer seine tat­säch­liche oder abge­leitete Macht genießen möchte, wer seine Macht spüren möchte, gar einen Macht­rausch erleben möchte, (oder im Fall abge­lei­teter Macht: durch­ge­setzt sehen möchte,) muss sicher­stellen, dass die­je­nigen, gegen die er etwas durch­setzen möchte,  ein hin­rei­chend großes Wider­streben fühlen und idea­ler­weise nicht nur fühlen, sondern auch zeigen. Denn: Ohne erkenn­bares Wider­streben gegen das Durch­zu­set­zende kein Macht­gefühl beim Durchsetzenden!

Wenn man Ver­nünf­tiges durch­setzen möchte, das einer großen Menge von Men­schen argu­men­tativ ver­mit­telbar ist oder tat­sächlich gar keiner Durch­setzung bedarf, weil sich eine große Menge von Men­schen ohnehin, aus per­sön­lichen Gründen, wie erwünscht ver­halten werden/würden, so dass es kein nen­nens­wertes Wider­streben auf Seiten der Leute gibt, dann kann man seine Macht nicht fühlen. Ggf. muss deshalb immer Extre­meres, Absur­deres, Unver­nünf­ti­geres durch­ge­setzt werden.

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Darüber hinaus dürfte sich das Macht­gefühl wie andere Beloh­nungs­emp­fin­dungen auch mit der Zeit sozu­sagen abnutzen, wie (u.a.) die Depri­va­tions-Sät­ti­gungs­hy­po­these von George C. Homans (1974: 29) besagt:

„The more often in the recent past a person has received a par­ti­cular reward, the less valuable any further unit of that reward becomes for him“,

d.h.

„Je öfter eine Person in der jün­geren Ver­gan­genheit eine bestimmte Belohnung erhalten hat, desto weniger wertvoll wird jede weitere Einheit dieser Belohnung für sie“.

Es steht also zu erwarten, dass mit fort­schrei­tender Zeit immer mehr Wider­streben auf Seiten der Leute not­wendig ist, damit der Durch­set­zende aus seiner Macht noch das­selbe Ausmaß an Beloh­nungs­emp­finden ziehen kann wie er es zuvor getan hat. Das würde Macht­ex­zesse erklären bzw. die Beob­achtung, dass Mächtige bezüglich dessen, was sie durch­setzen wollen, sich immer weiter in Richtung eines Extrems bewegen. Sie mögen sich den „ein­fachen“ Men­schen da draußen über­legen fühlen, aber tat­sächlich sind sie in dop­pelter Hin­sicht Getriebene: Erstens sind sie Getriebene durch die „ein­fachen“ Men­schen, weil sie sys­te­ma­tisch gegen deren All­tags­ver­stand, deren Sach­ver­stand, deren Erfahrung und Urteile, an-handeln müssen; wie gesagt: damit er Macht spüren kann, muss er durch­setzen wollen, was „Wider­streben“ pro­du­ziert. Sie agieren also nicht, sondern reagieren bloß. Zweitens sind sie Getriebene auf­grund des nach­las­senden Beloh­nungs­wertes von Macht­er­fah­rungen im Sinn der Depri­va­tions-Sät­ti­gungs­hy­po­these; sie werden immer mehr zu Macht-Junkies und brauchen immer höhere „Dosen“ von Wider­stand, die ihnen das Erreichen eines Macht-„high“ ermöglichen.

Auf diese Weise sind m.E. Welt­flucht und Anti­hu­ma­nismus, Dekon­struktion, Willkür, Macht und die Durch­setzung von Fal­schem und Unver­nünf­tigem zumindest in Teilen not­wendig mit­ein­ander ver­bunden. Wenn das stimmt, wird es unver­zichtbar sein, an all den genannten „Fronten“ zu kämpfen, um sich aus dieser „Todes­spirale“ zu befreien – und letztlich ohne Ein­schrän­kungen auf sein Mensch-Sein, seine Mensch­lichkeit und ihre Inte­grität zu bestehen.

Zuerst erschienen bei ScienceFiles.org


Lite­ratur

Bolter, Jay David, 2016: Post­hu­manism. The Inter­na­tional Ency­clo­pedia of Com­mu­ni­cation Theory and Phi­lo­sophy. (eds K. B. Jensen, E. W. Rothen­buhler, J. D. Pooley & R. T. Craig). doi: 10.1002/9781118766804.wbiect220

Fou­cault, Michel, 2002: The Order of Things: An Archaeology of the Human Sci­ences. London: Rout­ledge Classics

Homans, George C., 1974: Social Behavior: Its Ele­mentary Forms. New York: Har­court, Brace, Jovanovich

Iftode, Cristian, 2020: The Dispute between Humanism and Anti-humanism in the 20th Century: Towards an Arch[a]eology of Posthumanism

Nietzsche, Friedrich, 2023: Also sprach Zara­thustra. Berlin: Hen­ricus Edition Deutsche Klassik

Weber, Max, 1922: Grundriss der Sozi­al­öko­nomik, III. Abteilung: Wirt­schaft und Gesell­schaft. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck)

Saake, Irmhild, 2001: Der Kampf der Sozio­logie gegen die ‚böse Gesell­schaft‘. Bericht vom Kon­gress der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­logie vom 16. Bis 19. Sep­tember 2000 in Köln. Soziale Welt 52(1): 119–126