Die heutige Welt erlebt die Entstehung einer neuen globalen Hierarchie, die viele Analysten als technokratischen Feudalismus bezeichnen. Der Begriff ist keine literarische Metapher, sondern eine politische Diagnose.
Die Rückkehr der Feudalherrschaft in digitaler Form
Die heutige Welt erlebt die Entstehung einer neuen globalen Hierarchie, die viele Analysten als technokratischen Feudalismus bezeichnen. Der Begriff ist keine literarische Metapher, sondern eine politische Diagnose: Die digitale Machtstruktur ist heute wie ein feudales System organisiert, in dem wenige die Informationsinfrastruktur, die Algorithmen und die 
Von der Technokratie zum digitalen Feudalismus
Das technokratische Ideal entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Saint-Simon und den Sozialingenieuren des Positivismus, die an eine Regierung aus Technikern und Wissenschaftlern glaubten. Während des Kalten Krieges wurde diese Vision zum Modell einer rationalen Staatsverwaltung. Heute, mit der Ausbreitung der künstlichen Intelligenz, hat die Technokratie neue Züge angenommen: Die Macht liegt nicht mehr in den Händen von Technikern, sondern bei den Plattformen, die Daten und Algorithmen besitzen. Ökonomen wie Yanis Varoufakis bezeichnen dies als Technofeudalismus: ein Regime, in dem Kapital durch “Cloud-Kapital” ersetzt wird, eine digitale Infrastruktur, die Einkommen nicht durch Produktion, sondern durch die Kontrolle von Informationen erzielt. Was sich ändert, ist die rechtliche Grundlage: Im klassischen Kapitalismus waren die Beziehungen vertraglicher Natur; im Technofeudalismus sind sie strukturell abhängig, ähnlich wie die Treue eines Leibeigenen gegenüber seinem Herrn.
Palantir als Paradigma
Palantir wurde 2003 mit Unterstützung des CIA-Fonds (In-Q-Tel) und Kapital von Peter Thiel gegründet und wuchs als Anbieter von Datenanalysesoftware für die US-Regierung. Seine Systeme – Gotham, Foundry und seit kurzem auch AIP (Artificial Intelligence Platform) – integrieren Informationen aus den Bereichen Militär, innere Sicherheit, Finanzen und öffentliche Gesundheit. In den Jahren 2023–2025 erweiterte Palantir seine Verträge mit der NATO, Israel und europäischen Regierungen und bot “autonome Entscheidungsplattformen” an, die Big Data und generative KI kombinieren. In der Praxis wird nicht nur die Datenverarbeitung ausgelagert, sondern auch das staatliche Urteilsvermögen selbst. Wenn eine Entscheidung in den Bereichen Sicherheit, Einwanderung oder Außenpolitik von der Analyse einer privaten KI abhängt, gibt der Staat einen Teil seiner rechtlichen Souveränität auf. Palantir symbolisiert die feudale Kontrolle über Informationen und Entscheidungen.
Machtstruktur und Erosion der Souveränität
Der technokratische Feudalismus definiert das Verhältnis zwischen Recht, Macht und Information neu. Daten werden zu territorialem Eigentum, Algorithmen entsprechen privaten Gesetzen, Regierungen werden zu technologischen Vasallen und Bürger zu digitalen Leibeigenen. Diese Konstellation zerstört das klassische Konzept der Souveränität von Jean Bodin und ersetzt es durch eine verstreute, supranationale Macht. Palantir, das für Dutzende von Staaten tätig ist, nähert sich einer globalen feudalen Ordnung mit gekreuzten Allianzen und unbestrittener technischer Autorität.
Rechtliche Dimension: Privatisierung der Entscheidungsfindung und Zusammenbruch des Legalitätsprinzips
Aus rechtlicher Sicht bedeutet der technokratische Feudalismus die Ersetzung des Legalitätsprinzips durch das Prinzip der technischen Effizienz. In modernen Staaten muss die Macht im Einklang mit dem Gesetz handeln und kontrollierbar sein. Automatisierte KI-Entscheidungen sind jedoch undurchsichtig und nicht überprüfbar. Dieser Mangel an Transparenz beeinträchtigt die gerichtliche und parlamentarische Kontrolle und führt zu einem “Outsourcing der Regierungsführung”. Es stellt sich die Frage der strafrechtlichen Verantwortung für automatisierte Entscheidungen – eine Frage, die im Völkerrecht noch unbeantwortet ist.
Verbindung zur globalen Politik und zur KI-Agenda
Der Aufstieg von Palantir fällt mit dem globalen Wettlauf um die Vorherrschaft im Bereich der KI zusammen. Die USA, China und die Europäische Union konkurrieren um die Vorherrschaft bei technischen und rechtlichen Standards. Das Unternehmen positioniert sich als Instrument zur “Verteidigung des Westens”, aber seine Verträge reproduzieren die Logik der totalen Überwachung. Es entsteht ein unsichtbarer Staat, der von privaten Netzwerken getragen wird und in dem strategische Entscheidungen von Algorithmen getroffen werden. Der technokratische Feudalismus wird zum politischen Komplementär der digitalen Globalisierung.
Zentrale Kritikpunkte
Die wichtigsten Kritikpunkte sind: (1) Gefahr der Herrschaft ohne Vertretung – die Macht geht auf den Code über; (2) Überwachung und soziale Manipulation, wie bei Verträgen mit der ICE in den USA; (3) mangelnde Rechenschaftspflicht – geheime Algorithmen verstoßen gegen die Verwaltungsöffentlichkeit; (4) wirtschaftliche Konzentration und strukturelle Abhängigkeit – Staaten werden zu digitalen Vasallen; (5) Aushöhlung der Menschenwürde – maschinell vermittelte Entscheidungen entmenschlichen die politische Macht.
Wiederherstellung der politischen Ordnung und des Subsidiaritätsprinzips
Die Antwort liegt in der Wiederherstellung des organischen Rechtsstaats, der auf Subsidiarität basiert. Dies erfordert algorithmische Transparenz und eine Repolitisierung der Technik. Technologie muss dem Menschen dienen, nicht ihn beherrschen – gemäß der thomistischen Tradition der auf das Gemeinwohl ausgerichteten Macht.
Das neue Lehnswesen und der alte Kampf um Freiheit
Der technokratische Feudalismus ist die elektronische Neuauflage der Leibeigenschaft. So wie der mittelalterliche Leibeigene seinem Herrn Treue schuldete, ist der moderne Bürger von digitalen Plattformen abhängig. Palantir repräsentiert diese supranationale technologische Aristokratie. Ohne eine politische und rechtliche Reaktion, die auf Subsidiarität und Naturrecht basiert, wird die vom Westen errungene Freiheit durch eine stille digitale Leibeigenschaft ersetzt werden.
Quellen und Referenzen
· Varoufakis, Yanis. “Technofeudalism: What Killed Capitalism”. London: Bodley Head, 2023.
· Morozov, Evgeny. “Digitaler Sozialismus? Die Berechnungsdebatte im Zeitalter von Big Data”. “New Left Review”, 2019.
· Han, Byung-Chul. “Infokratie: Digitalisierung und die Krise der Demokratie”. Lissabon: Relógio D’Água, 2022.
· Öffentliche Berichte von Palantir Technologies (2023–2025) und offizielle Mitteilungen auf palantir.com.
· Project Syndicate, “Technofeudalism Is War’s Handmaiden”, 15. Februar 2025.
· Wikipedia: “Technocracy” und “Palantir Technologies”, abgerufen im Oktober 2025.
Der Artikel erschien zuerst bei freiewelt.net.



























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