Bild: Symbolbild. KI.

Tech­no­kra­ti­scher Feu­da­lismus: Die neue Macht der KI und der Fall Palantir — Die Rückkehr der Feu­dal­herr­schaft in digi­taler Form

Die heutige Welt erlebt die Ent­stehung einer neuen glo­balen Hier­archie, die viele Ana­lysten als tech­no­kra­ti­schen Feu­da­lismus bezeichnen. Der Begriff ist keine lite­ra­rische Metapher, sondern eine poli­tische Diagnose.

Die Rückkehr der Feu­dal­herr­schaft in digi­taler Form

Die heutige Welt erlebt die Ent­stehung einer neuen glo­balen Hier­archie, die viele Ana­lysten als tech­no­kra­ti­schen Feu­da­lismus bezeichnen. Der Begriff ist keine lite­ra­rische Metapher, sondern eine poli­tische Dia­gnose: Die digitale Macht­struktur ist heute wie ein feu­dales System orga­ni­siert, in dem wenige die Infor­ma­ti­ons­in­fra­struktur, die Algo­rithmen und die Daten kon­trol­lieren, die ganze Regie­rungen und Volks­wirt­schaften stützen. Das ame­ri­ka­nische Unter­nehmen Palantir Tech­no­logies ist das deut­lichste Bei­spiel für dieses Phä­nomen – eine Art “Daten­herr­scher”, der Staaten und Unter­nehmen künst­liche Intel­ligenz zur Ver­fügung stellt und damit Funk­tionen über­nimmt, die zuvor aus­schließlich der öffent­lichen Hand vor­be­halten waren. Unter dem Deck­mantel der tech­ni­schen Effi­zienz kon­zen­triert dieses Modell die Sou­ve­rä­nität in den Händen von Experten und undurch­sich­tigen Sys­temen und redu­ziert den Bürger auf den Status eines digi­talen Vasallen.

Von der Tech­no­kratie zum digi­talen Feudalismus

Das tech­no­kra­tische Ideal ent­stand zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts mit Saint-Simon und den Sozi­al­in­ge­nieuren des Posi­ti­vismus, die an eine Regierung aus Tech­nikern und Wis­sen­schaftlern glaubten. Während des Kalten Krieges wurde diese Vision zum Modell einer ratio­nalen Staats­ver­waltung. Heute, mit der Aus­breitung der künst­lichen Intel­ligenz, hat die Tech­no­kratie neue Züge ange­nommen: Die Macht liegt nicht mehr in den Händen von Tech­nikern, sondern bei den Platt­formen, die Daten und Algo­rithmen besitzen. Öko­nomen wie Yanis Varou­fakis bezeichnen dies als Tech­nofeu­da­lismus: ein Regime, in dem Kapital durch “Cloud-Kapital” ersetzt wird, eine digitale Infra­struktur, die Ein­kommen nicht durch Pro­duktion, sondern durch die Kon­trolle von Infor­ma­tionen erzielt. Was sich ändert, ist die recht­liche Grundlage: Im klas­si­schen Kapi­ta­lismus waren die Bezie­hungen ver­trag­licher Natur; im Tech­nofeu­da­lismus sind sie struk­turell abhängig, ähnlich wie die Treue eines Leib­ei­genen gegenüber seinem Herrn.

Palantir als Paradigma

Palantir wurde 2003 mit Unter­stützung des CIA-Fonds (In-Q-Tel) und Kapital von Peter Thiel gegründet und wuchs als Anbieter von Daten­ana­ly­se­software für die US-Regierung. Seine Systeme – Gotham, Foundry und seit kurzem auch AIP (Arti­ficial Intel­li­gence Platform) – inte­grieren Infor­ma­tionen aus den Bereichen Militär, innere Sicherheit, Finanzen und öffent­liche Gesundheit. In den Jahren 2023–2025 erwei­terte Palantir seine Ver­träge mit der NATO, Israel und euro­päi­schen Regie­rungen und bot “autonome Ent­schei­dungs­platt­formen” an, die Big Data und gene­rative KI kom­bi­nieren. In der Praxis wird nicht nur die Daten­ver­ar­beitung aus­ge­lagert, sondern auch das staat­liche Urteils­ver­mögen selbst. Wenn eine Ent­scheidung in den Bereichen Sicherheit, Ein­wan­derung oder Außen­po­litik von der Analyse einer pri­vaten KI abhängt, gibt der Staat einen Teil seiner recht­lichen Sou­ve­rä­nität auf. Palantir sym­bo­li­siert die feudale Kon­trolle über Infor­ma­tionen und Entscheidungen.

Macht­struktur und Erosion der Souveränität

Der tech­no­kra­tische Feu­da­lismus defi­niert das Ver­hältnis zwi­schen Recht, Macht und Infor­mation neu. Daten werden zu ter­ri­to­rialem Eigentum, Algo­rithmen ent­sprechen pri­vaten Gesetzen, Regie­rungen werden zu tech­no­lo­gi­schen Vasallen und Bürger zu digi­talen Leib­ei­genen. Diese Kon­stel­lation zer­stört das klas­sische Konzept der Sou­ve­rä­nität von Jean Bodin und ersetzt es durch eine ver­streute, supra­na­tionale Macht. Palantir, das für Dut­zende von Staaten tätig ist, nähert sich einer glo­balen feu­dalen Ordnung mit gekreuzten Alli­anzen und unbe­strit­tener tech­ni­scher Autorität.

Recht­liche Dimension: Pri­va­ti­sierung der Ent­schei­dungs­findung und Zusam­men­bruch des Legalitätsprinzips

Aus recht­licher Sicht bedeutet der tech­no­kra­tische Feu­da­lismus die Ersetzung des Lega­li­täts­prinzips durch das Prinzip der tech­ni­schen Effi­zienz. In modernen Staaten muss die Macht im Ein­klang mit dem Gesetz handeln und kon­trol­lierbar sein. Auto­ma­ti­sierte KI-Ent­schei­dungen sind jedoch undurch­sichtig und nicht über­prüfbar. Dieser Mangel an Trans­parenz beein­trächtigt die gericht­liche und par­la­men­ta­rische Kon­trolle und führt zu einem “Out­sourcing der Regie­rungs­führung”. Es stellt sich die Frage der straf­recht­lichen Ver­ant­wortung für auto­ma­ti­sierte Ent­schei­dungen – eine Frage, die im Völ­ker­recht noch unbe­ant­wortet ist.

Ver­bindung zur glo­balen Politik und zur KI-Agenda

Der Auf­stieg von Palantir fällt mit dem glo­balen Wettlauf um die Vor­herr­schaft im Bereich der KI zusammen. Die USA, China und die Euro­päische Union kon­kur­rieren um die Vor­herr­schaft bei tech­ni­schen und recht­lichen Stan­dards. Das Unter­nehmen posi­tio­niert sich als Instrument zur “Ver­tei­digung des Westens”, aber seine Ver­träge repro­du­zieren die Logik der totalen Über­wa­chung. Es ent­steht ein unsicht­barer Staat, der von pri­vaten Netz­werken getragen wird und in dem stra­te­gische Ent­schei­dungen von Algo­rithmen getroffen werden. Der tech­no­kra­tische Feu­da­lismus wird zum poli­ti­schen Kom­ple­mentär der digi­talen Globalisierung.

Zen­trale Kritikpunkte

Die wich­tigsten Kri­tik­punkte sind: (1) Gefahr der Herr­schaft ohne Ver­tretung – die Macht geht auf den Code über; (2) Über­wa­chung und soziale Mani­pu­lation, wie bei Ver­trägen mit der ICE in den USA; (3) man­gelnde Rechen­schafts­pflicht – geheime Algo­rithmen ver­stoßen gegen die Ver­wal­tungs­öf­fent­lichkeit; (4) wirt­schaft­liche Kon­zen­tration und struk­tu­relle Abhän­gigkeit – Staaten werden zu digi­talen Vasallen; (5) Aus­höhlung der Men­schen­würde – maschinell ver­mit­telte Ent­schei­dungen ent­mensch­lichen die poli­tische Macht.

Wie­der­her­stellung der poli­ti­schen Ordnung und des Subsidiaritätsprinzips

Die Antwort liegt in der Wie­der­her­stellung des orga­ni­schen Rechts­staats, der auf Sub­si­dia­rität basiert. Dies erfordert algo­rith­mische Trans­parenz und eine Repo­li­ti­sierung der Technik. Tech­no­logie muss dem Men­schen dienen, nicht ihn beherr­schen – gemäß der tho­mis­ti­schen Tra­dition der auf das Gemeinwohl aus­ge­rich­teten Macht.

Das neue Lehns­wesen und der alte Kampf um Freiheit

Der tech­no­kra­tische Feu­da­lismus ist die elek­tro­nische Neu­auflage der Leib­ei­gen­schaft. So wie der mit­tel­al­ter­liche Leib­eigene seinem Herrn Treue schuldete, ist der moderne Bürger von digi­talen Platt­formen abhängig. Palantir reprä­sen­tiert diese supra­na­tionale tech­no­lo­gische Aris­to­kratie. Ohne eine poli­tische und recht­liche Reaktion, die auf Sub­si­dia­rität und Natur­recht basiert, wird die vom Westen errungene Freiheit durch eine stille digitale Leib­ei­gen­schaft ersetzt werden.

Quellen und Referenzen
· Varou­fakis, Yanis. “Tech­nofeu­dalism: What Killed Capi­talism”. London: Bodley Head, 2023.
· Morozov, Evgeny. “Digi­taler Sozia­lismus? Die Berech­nungs­de­batte im Zeit­alter von Big Data”. “New Left Review”, 2019.
· Han, Byung-Chul. “Info­kratie: Digi­ta­li­sierung und die Krise der Demo­kratie”. Lis­sabon: Relógio D’Água, 2022.
· Öffent­liche Berichte von Palantir Tech­no­logies (2023–2025) und offi­zielle Mit­tei­lungen auf palantir.com.
· Project Syn­dicate, “Tech­nofeu­dalism Is War’s Hand­maiden”, 15. Februar 2025.
· Wiki­pedia: “Tech­no­cracy” und “Palantir Tech­no­logies”, abge­rufen im Oktober 2025.

Der Artikel erschien zuerst bei freiewelt.net.

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