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4 Meter Anstieg des Mee­res­spiegels in 70 Jahren – ganz ohne mensch­liches Zutun [Neue Studie]

In der Mitte des 5. Jahr­hundert nach Christus erreichen die ersten Angeln und Sachsen die bri­tische Insel, lassen sich auf dem Gebiet des heu­tigen East Anglia (Angeln) bzw. Essex und Sussex (Sachsen) nieder und gründen umfang­reiche Sied­lungen. Sie kommen aus dem Nord­westen des heu­tigen Deutsch­lands und dem Süd­westen des heu­tigen Däne­marks, haben ihre dor­tigen Sied­lungen eher über­stürzt aufgegeben:

“In the middle of the 5th century AD, the Fed­dersen Wierde and all the other Wurten were aban­doned … This coin­cides with popu­lation movement in the Migration period, when the Saxons emi­grated from Lower Saxony to England. Extensive areas, in par­ti­cular along the North Sea coast, were aban­doned at that time.” (Behre 2004, 47–48)

Kurz nachdem die Römer die bri­tische Insel zu Beginn des 5 Jahr­hundert, um 410 AD ver­lassen haben, wird London auf­ge­geben und bis ins 9 Jahr­hundert nicht mehr besiedelt, jeden­falls gibt es für diesen Zeitraum kei­nerlei archäo­lo­gische Funde, die darauf hin­deuten, London sei in den 5 Jahr­hun­derten von 400 bis Mitte 900 AD bewohnt gewesen.

“Archaeo­lo­gical evi­dence recorded on lite­rally hundreds of expertly excavated sites strongly suggest that Lon­dinium was aban­doned at the time of the Roman military with­drawal or soon after” (Cowie & Blackmore 2013: 200–201).

„Archäo­lo­gische Belege, die bei Hun­derten von Gra­bungen gesammelt wurden, legen den Schluss zwingend nahe, dass Lon­dinium um die Zeit des Römi­schen Abzugs aus Bri­tannien ver­lassen wurde.

Auch Ayre und Wroe-Brown (2015), die sich durch den Schlick gegraben haben, der sich vor einer der Mauern, die London einst vor der Thames schützten, finden für den Zeitraum von Mitte 5. Jahr­hundert bis Mitte 9. Jahr­hundert schlicht nichts, eine Schlick­schicht, in die sich so gut wie kein mensch­liches Artefakt verirrt hat, wie man es zu finden erwarten würde, wenn London bewohnt gewesen wäre.

Wie erklärt man das flucht­artige Ver­lassen ihrer Dörfer durch Angeln und Sachsen, die Flucht über den Ärmel­kanal nach Bri­tannien? Wie, dass fast zeit­gleich mit dem Ein­treffen der Angeln und Sachsen tau­sende Bewohner das unter den Römern flo­rie­rende Zentrum von Handel und Admi­nis­tration, Lon­dinium, auf­ge­geben und ver­lassen haben?

Eine Art Ket­ten­re­aktion der Ver­treibung: Angeln und Sachsen fliehen vor Hunnen, fliehen nach England und ver­treiben die dortige Bevöl­kerung aus London? Eine Hypo­these mit einem Haken: London bleibt ver­lassen. Warum über­nehmen Angeln oder Sachsen die blü­hende Markt­stadt nicht?

Roger Higgs schlägt in einem neuen Beitrag, der gerade im Journal of Coastal Research ver­öf­fent­licht wurde, eine andere, eine viel span­nendere Erklärung mit erheb­lichen Kon­se­quenzen für die „Menschen-machen-Klimawandel“-Erzählung vor: Ein welt­weiter Anstieg des Mee­res­spiegels um im Durch­schnitt 4 Meter in knapp 70 Jahren, der sich zwi­schen 430 und 500 AD ereignet hat und die Dörfer der Angeln und Sachsen sowie Lon­dinium glei­cher­maßen unbe­wohnbar gemacht hat:

Higgs, Roger. „English coastal archaeo­lo­gical evi­dence of a fifth-century (Dark Ages) 4‑meter sea-level rise in 70 years, por­tending a similar rise immin­ently.“ Journal of Coastal Research 42, no. 1 (2026): 165–195.

Die Rede ist von der recht gut belegten Rottness Trans­gression oder Rottness Sub­mer­gence. Im Durch­schnitt 4 Meter mehr Wasser, das kann kein Damm, keine Stadt­mauer, keine Schutz­mauer in einem Hafen ver­kraften, ohne in den Fluten zu ver­sinken. Ohne Hafen kein Handel, ohne Schutz vor stei­gendem Mee­res­spiegel Land unter:

The Rottnest trans­gression, inter­preted here as spanning AD ~430–500, may have been the main driver of the AD fifth-century exodus to eastern Britain, underway by AD 450 (based on ske­letal DNA; Curry, 2022), of Saxon and Angle com­mu­nities fleeing their human-built village mounds (called wurten in German, terpen or wierden in Dutch [Meier, 2008]) on the coastal plain of present-day NW Germany and SW Denmark. This Adventus Saxonum (Keynes, 2014), the birth of English nati­onhood, is one of the world’s greatest his­to­rical con­tro­versies …“ (Higgs 2026, 189)

Der Rottness Übergang, von dem hier ange­nommen wird, dass er sich von 430 bis 500 AD ereignet hat, könnte der Haupt­an­trieb des Exodus von Sachsen und Angeln ins öst­liche Bri­tannien gewesen sein, der sich ab 450 AD ereignet hat, Angeln und Sachsen, die ihre Dorf­hügel (Wurten in Deutsch, Wierden in Nie­der­län­disch) in den Küns­ten­ebenen des heu­tigen Nordwest-Deutsch­lands und Südwest-Däne­marks ver­lassen haben. Dieser Advent der Sachsen, die Geburt der Eng­li­schen Nation, ist eine der größten his­to­ri­schen Kontroversen …“.

Indes, die Belege, die Higgs für seine Hypo­these zusam­men­trägt, allesamt archäo­lo­gische Belege, die aus­führlich und umfang­reich doku­men­tiert sind, sie sprechen alle dafür, dass seine Hypo­these, ein Anstieg des Mee­res­spiegels um im Durch­schnitt 4 Meter innerhalb von nur 70 Jahren, zutrifft. Ein Anstieg, der sich z.B. für London als Ver­än­derung der „High Spring Tide Levels [Hoch­was­ser­stand bei Springflut]“ auf Basis von Baum­ringen, Gra­bungen durch Schlick und Sediment gut belegen lässt und das fol­gende Aus­sehen hat:

Vier Meter Unter­schied ergeben sich für den tiefsten Punkt der Springflut und dem höchsten und zwi­schen beiden liegen weniger als 100 Jahre. Inter­essant an dieser Abbildung, die – wie gesagt – auf Basis von Bäumen, die in den Fluten ver­sunken und kon­ser­viert wurden und dem Ausmaß von Schlick und Sediment rekon­struiert wurde, ist der oszil­lie­rende Verlauf, der im Ein­klang mit der Fair­bridge Curve steht, die Rhodes Fair­bridge zum ersten Mal im Jahre 1961 ver­öf­fent­licht und in den fol­genden Jahr­zehnten aktua­li­siert hat. Die Haupt­aussage von Fair­bridges Kurve, die auf Basis archäo­lo­gi­scher und geo­lo­gi­scher Funde aus Küs­ten­re­gionen weltweit erstellt wurde: Seit Beginn des Holozäns, also der Zwi­schen­eiszeit, in der wir uns derzeit befinden vor rund 12000 Jahren oszil­lieren die Mee­res­spiegel in schneller Abfolge und im Bereich von meh­reren Metern im Durch­schnitt alle 300 Jahre. Alle 300 Jahre wechseln sich Anstieg und Rückgang der Mee­res­spiegel ab, ohne Zutun von Men­schen, quasi als ein natür­licher Zyklus. Die Fair­bridge Curve ist recht gut bestätigt, eine Vielzahl von Geo­logen und Archäo­logen haben schnellen Anstieg und Fall von Mee­res­spiegeln mit ihren Funden belegen oder bei ihren Aus­gra­bungen rekon­stru­ieren können (siehe Higgs 2026).

Higgs rekon­struiert auf Basis bereits erfolgter und doku­men­tierter Gra­bungen und geo­lo­gi­scher Ana­lysen, wie sich der Mee­res­spiegel vor sieben Römi­schen Ansied­lungen an den Küsten von Süd- und Süd­ost­england im 5. Jahr­hundert ver­ändert hat.

Ana­lysen für London, Rich­bo­rough, Fis­bourne, Port­chester, Pevensey und Lympne ergeben allesamt das­selbe Bild. Egal, ob Funde im Schlick bzw. deren Aus­bleiben, egal, ob unter­spülte und ein­ge­stürzte Mauern eines ehe­ma­ligen römi­schen Forts, egal, ob Erosion an kon­ser­vierten Baum­stämmen, immer ist die Aussage die­selbe: Der Mee­res­spiegel ist innerhalb von sehr kurzer Zeit, im Zeitraum von maximal 70 Jahren, um durch­schnittlich 4 Meter ange­stiegen und hat die Anlagen über­spült, unbe­nutzbar gemacht. Der Ver­dacht, dass dieser Anstieg, der sich im 5. Jahr­hundert ereignet hat, auch für den Exodus von Angeln und Sachsen nach Bri­tannien und die Aufgabe von Lon­dinium ver­ant­wortlich ist, drängt sich mehr oder minder auf.

Ursache des Anstiegs des Mee­res­spiegels dürfte eine 12jährige Warm­phase in der Arktis gewesen sein, die sich um 398 bis 409 AD ereignet zu haben scheint – ganz ohne Zutun von Menschen…

Dazu:


Zuerst erschienen bei ScienceFiles.org.

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