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Die Schänder sind unter uns

Alles nur Ver­schwö­rungs­theorie und QAnon-Gedöns? Oder sind die west­lichen Gesell­schaften tat­sächlich tief in Kin­des­miss­brauch ver­strickt? Ein aktu­eller und ein zwanzig Jahre alter Skandal bewegen die Gemüter. Gast­beitrag von Phil Mehrens

Als vor einigen Jahren auf dem Höhe­punkt der Ver­schwö­rungs­theorie-Dis­kurse auch der QAnon-Glaube an den Medi­en­pranger kam und sogar Titel­thema beim SPIEGEL wurde („Der QAnon-Kult – Wie aus einer wirren Lüge die gefähr­lichste Bewegung unserer Zeit wurde“ – Nr. 39/2020), konnte man den Ein­druck gewinnen, es mit einer Horde von Wirr­köpfen zu tun zu haben. QAnon, berichtete das Nach­rich­ten­ma­gazin mit dem roten Rand, das sei eine „rechte Ver­schwö­rungs­ideo­logie“ mit anti­se­mi­ti­schen Motiven, deren Anhänger davon über­zeugt seien, „dass eine ein­fluss­reiche Gruppe sata­nis­ti­scher Kin­der­schänder Jungen und Mädchen ent­führt und gefangen hält, um aus ihrem Blut eine Droge zu gewinnen“.

Dass die bizarren QAnon-Erzäh­lungen von sata­nis­ti­schen Eliten und aus Kin­derblut gewon­nenen Drogen damit nicht wahrer werden, ver­steht sich von selbst; ebenso falsch wäre es jedoch, aus der Absur­dität solcher Erzäh­lungen zu schließen, orga­ni­sierter sexu­eller Kin­des­miss­brauch sei selbst ein Phantasma.

Dabei konnte man nach dem Fall Dutroux, nach der Affäre um den SPD-Abge­ord­neten Sebastian Edathy und den Ex-Fuß­ball­na­tio­nal­spieler Christoph Met­zelder, nach der spä­teren Auf­ar­beitung jener pädo­phi­liefreund­lichen Posi­tionen, die in Teilen des grün-alter­na­tiven Milieus der acht­ziger Jahre ver­treten wurden – dar­unter auch frühere Äuße­rungen des heu­tigen Vor­sit­zenden der Deutsch-Israe­li­schen Gesell­schaft Volker Beck –, und nach den inzwi­schen gut doku­men­tierten pädo­se­xu­ellen Struk­turen etwa um den Ber­liner Falcken­stein-Keller, nach den schnell wieder ver­ges­senen Skan­dalen von Lügde und Ber­gisch Gladbach mit Zehn­tau­senden Hin­weisen auf weitere Tat­ver­dächtige und nicht zuletzt nach der Ver­öf­fent­li­chung der MHG-Studie, die sexu­ellen Miss­brauch in der katho­li­schen Kirche doku­men­tiert, eigentlich sicher sein, dass die Kin­der­schänder tat­sächlich mitten unter uns sind.

Im Bunker des Bösen

Der SPIEGEL selbst – Wider­sprüche gehören im Medi­en­be­trieb zum Handwerk – hatte im selben Jahr (Nr. 21/2020) die unheim­lichen Machen­schaften im „Bunker des Bösen“ auf­ge­deckt, einer Schalt­zen­trale für Inter­net­kri­mi­na­lität in großem Stil, gelegen im unschein­baren Traben-Trarbach in Rheinland-Pfalz. Der von fünf Rott­weilern bewachte ehe­malige NATO-Bunker auf einer Mont Royal genannten Anhöhe wirkt wie eine leib­haftig gewordene Ver­schwö­rungs­theorie. Denn er war der gut getarnte Ope­ra­ti­onsort für Inter‑, prä­ziser: für Dark­net­kri­mi­na­lität. Außer ille­galen Geschäften mit Rauschgift, Medi­ka­menten und gefälschten Doku­menten liefen über die von dem Haupt­be­schul­digten Herman Johan Xennt, einem Nie­der­länder, bereit­ge­stellten Server auch Platt­formen mit kryp­ti­schen Namen wie „Cb3rob.org“ oder „Onions.es“. Sie waren Tür­öffner für Kin­der­por­no­graphie. Bezahlt wurden Xennts Dienste in Kryp­to­währung oder per Geld­um­schlag, abzu­geben am Tor der unheim­lichen Bunkeranlage.

Im Juli 2026 ver­öf­fent­lichten Innen­mi­nis­terium und BKA die neu­esten Zahlen zu sexu­ellem Kin­des­miss­brauch in Deutschland. Sie liegen deutlich höher als noch 2021: von damals 15.507 Fällen stieg die Zahl auf 17.126 im Jahr 2025. Diese Sta­tistik des Grauens bildet indes nur die poli­zeilich erfassten Straf­taten ab; das tat­säch­liche Dun­kelfeld wird erheblich höher eingeschätzt.

Monster und Lockvögel

Mit dem Sen­sa­ti­ons­erfolg der unab­hängig mit Unter­stützung christ­licher Spender (neu­deutsch: „Fund­raiser“) ent­stan­denen, angeblich QAnon-beein­flussten Film­pro­duktion „Sound of Freedom“ in den USA, der Kin­des­ent­füh­rungen zum Zwecke des sexu­ellen Miss­brauchs anprangert, hier­zu­lande aber nur ein bedrü­ckend schwaches Medi­enecho fand, und der neu auf­ge­flammten Debatte um die Epstein-Dateien kam das Thema erneut auf den Tisch.

Eine geradezu unheim­liche Ver­bindung zur Wirk­lichkeit erhielt der Stoff des im Sep­tember in die deut­schen Kinos gekom­menen „Gentle Monster“ durch den Fall Florian Teicht­meister, der an Marie Kreutzers frü­herem Film „Corsage“ mit­ge­wirkt hatte. Kreutzer hatte mit der Arbeit an „Gentle Monster“ aller­dings bereits 2020 begonnen; nach ihren eigenen Angaben bestärkte sie die später bekannt­ge­wordene Causa Teicht­meister darin, das Projekt wei­ter­zu­ver­folgen. Teicht­meister, der jah­relang einer öster­rei­chi­schen Frei­mau­rerloge ange­hörte, wurde rechts­kräftig wegen Besitzes und Her­stellung von Miss­brauchs­dar­stel­lungen zu zwei Jahren bedingter Frei­heits­strafe ver­ur­teilt und musste damit nicht ins Gefängnis.

Leider von der Covid-Pan­demie weit­gehend über­schattet und damit gleichsam unsichtbar gemacht, kam 2022 der tsche­chische Doku­men­tarfilm „Gefangen im Netz“ in die Kinos, der seine Zuschauer darüber auf­klärte, dass 41 Prozent der Jugend­lichen in Tsche­chien schon einmal por­no­gra­phische Bilder erhalten haben. Der Film schildert, wie eine von den Fil­me­ma­chern selbst gebildete Gruppe Jagd auf Internet-Miss­brauchs­täter macht. Dabei wurde mit künstlich ver­jüngten Lock­vögeln gear­beitet. Man höre und staune: 2.458 Männer nahmen während des nur zehn­tä­gigen Expe­ri­ments Kontakt auf. Und lange dauerte es auch nicht, bis die ersten unzüch­tigen Wünsche geäußert wurden, während unsichtbare Kameras mit­liefen. Bei jeder Kon­takt­auf­nahme wurde sicher­ge­stellt, dass der Inter­essent das ver­meint­liche Alter des jewei­ligen Mäd­chens – zwölf Jahre – erfuhr. Es wirkte selten abschre­ckend. Schließlich fallen die Masken, und die Ertappten werden von Reportern mit unan­ge­nehmen Fragen konfrontiert.

„Primetime“ mit Robert Patt­inson: Kritik an Pädo­kri­mi­nellen und Journalisten

Dass das Konzept von Regisseur Vít Klusák keine ganz neue Idee war, zeigt der Film „Primetime“, der im Sep­tember in den deut­schen Kinos startet. Er verhält sich kom­ple­mentär zu „Gefangen im Netz“. Man könnte ihn den großen Spiel­film­bruder der tsche­chi­schen Doku­men­tar­film­pro­duktion nennen. Zu dem Lock­vogel Daniel Plum (Skyler Gisondo) gesellt sich hier der kar­rie­re­süchtige TV-Jour­nalist Chris Hansen (dar­ge­stellt von „Biss zum Morgengrauen“-Star Robert Patt­inson). Er ist das Zen­tral­ge­stirn einer Pro­duk­ti­ons­mann­schaft, die alles dar­an­setzt, mit dem Ent­tarnen von Pädo­philen Quote zu machen.

Die fik­tio­na­li­sierte, auf realen Ereig­nissen beru­hende Film­ge­schichte führt zurück in die Nuller­jahre. Die Sendung „Dateline NBC“, eine Mischung aus Heute-Journal und Hallo Deutschland, soll es zur besten Sen­dezeit mit dem Quo­ten­knüller der Kon­kurrenz auf­nehmen – der bei uns von Pro­Sieben aus­ge­strahlten Aben­teu­er­serie „Lost“ –, und zwar mit soge­nanntem „Reality-TV“. Auf „Dateline NBC“ lief zuvor bereits mit Erfolg eine Sendung über Fehl­ur­teile der US-Justiz. Mit „To Catch a Pre­dator“ sollte damals, im Jahr 2006, noch einer drauf­ge­setzt werden. Wie in „Gefangen im Netz“ spielen durch Perücke und Schminke ver­jüngte Erwachsene die Lock­vögel, die in ein­schlä­gigen Inter­net­foren auf Trieb­täter jeden Alters los­ge­lassen werden. Schließlich wil­ligen diese ein, sich privat mit den Objekten ihrer obskuren Begierden zu treffen. Und das ist dann der Moment, in dem die Falle zuschnappt: Unter einem Vorwand ver­lässt Lock­vogel Daniel die gut getarnte TV-Bühne und macht Platz für den von Patt­inson ver­kör­perten Hansen, der den Mis­se­täter mit pein­lichen Fragen bloßstellt.

Eine wesent­liche Grundlage für die fil­mische Aus­ein­an­der­setzung mit „To Catch a Pre­dator“ bildet der 2007 im US-Magazin „Esquire“ erschienene Report „Tonight on Dateline This Man Will Die“. Er befasste sich mit dem Fall des texa­ni­schen Staats­an­walts Bill Conradt, der sich 2006 das Leben nahm, als die Polizei im Zusam­menhang mit einer von „Dateline NBC“ beglei­teten Aktion sein Haus aufsuchte.

Anders als Vít Klusák mit seiner Doku steht Regisseur Lance Oppenheim aber nicht ein­deutig auf der Seite der TV-Ent­hüller. Denn sein Film soll par­allel eine Medi­en­kritik im Stil von „Network“ (1976) oder Robert Red­fords „Quiz Show“ (1994) sein. Hansen und seine Pro­du­zentin Andie Bender (Merritt Wever) gefallen sich ein bisschen zu sehr in der Rolle der Nemesis, der stra­fenden Gerech­tigkeit, sehen sich ein bisschen zu selbst­ge­fällig als Wie­der­gänger der Watergate-Ent­hüller Woodward und Bern­stein. Dabei zeichnet der Film auch sie kei­neswegs als integre Men­schen und stellt damit ihr mora­li­sches Mandat infrage, den biblisch-sprich­wört­lichen ersten Stein zu werfen. Der Film-Hansen hat eine außer­ehe­liche Affäre und gerät damit unter Druck; Andie lieb­äugelt heimlich mit einem Lock­an­gebot der Konkurrenz.

Als die Quoten sinken, soll ein dicker Fisch – „whale“ nennt ihn die eng­lische Ori­gi­nal­fassung – die Wende bringen. Man hofft auf einen Übel­täter aus den höchsten Kreisen der Gesell­schaft, einen Poli­tiker, Richter oder hohen Regie­rungs­be­amten, einen Moby Dick unter den Gejagten. Und wie in Herman Mel­villes berühmtem Roman Käpt’n Ahab verhält sich zunehmend auch Filmheld Hansen, dessen Ehrgeiz sich zu wahn­hafter Beses­senheit steigert.

Dass am Ende eher der ehr­geizige Reporter und die Medi­en­branche ins­gesamt in den Fokus rücken, ent­lastet die Delin­quenten zwar nicht, und wer wüsste besser als deutsche Medi­en­kon­su­menten, wie grotesk unseriös die Presse mit­unter im Kampf gegen selbst her­bei­hal­lu­zi­nierte Wind­mühlen agiert; doch mit der Akzent­ver­schiebung weg von den Pädo­kri­mi­nellen, hin zu den ver­mes­senen Medi­en­schaf­fenden, einer Opfer­umkehr wie in Todd Fields mit drei Oscar-Nomi­nie­rungen bedachtem Drama „Little Children“ (2006), setzt sich „Primetime“ den Dunst­schwaden des Rela­ti­vismus aus und geht den leichten Weg. Die Dis­kussion, zu der das Auf­decken von Pädo­philie-Appe­tenz­ver­halten im Netz führen sollte, wird schon ohne „Sind wir nicht alle Sünder?“-Rhetorik viel zu oft ver­mieden, weil sie eine unbe­queme Wahrheit her­vor­bringt: Die „sexuelle Revo­lution“ der Acht­und­sech­ziger, unter deren Folgen wir bis heute leiden, gehört auf den Prüfstand.

Benedikt XVI. legte den Finger in die Wunde

Die Ergeb­nisse der MHG-Studie von 2018 ent­halten jeden­falls Befunde, die es ver­bieten, den sexu­al­mo­ra­li­schen Umbruch jener Jahre bei der his­to­ri­schen Ursa­chen­for­schung von vorn­herein aus­zu­blenden. Bei der zeit­lichen Ver­teilung der in der Studie erfassten Erst­be­schul­di­gungen zeigt sich eine besonders starke Häufung in den späten sech­ziger Jahren (MHG-Studie, S. 256). Auch die Unter­su­chung ver­schie­dener Wei­he­ko­horten zeigt erheb­liche Unter­schiede hin­sichtlich des Anteils beschul­digter Kle­riker (MHG-Studie, S. 153).

In Zeiten, in denen selbst in Pries­ter­se­mi­naren Por­no­filme geschaut wurden und die Soft­pornos von Oswalt Kolle für klin­gelnde Kino­kassen sorgten, sanken die Scham­grenzen im Bereich des Geschlecht­lichen ins Bodenlose, wurden sexuelle Tabu­brüche zum Volks­sport. Die Erin­nerung an diese Exzesse ist Benedikt XVI. zu ver­danken, der den Mut hatte, sie in seinem Aufsatz zum sexu­ellen Miss­brauch in der katho­li­schen Kirche („Zurück zu Gott!“, 2019) in Ver­bindung mit dem Miss­brauchs­skandal zu bringen und damit eine Debatte über mög­liche Zusam­men­hänge anzustoßen.

Zu einer umfas­senden Neu­be­wertung der dama­ligen Ent­hemmung, für die die Ergeb­nisse der MHG-Miss­brauchs­studie und analog auch Befunde der EKD-ForuM-Studie wich­tiges Material liefern, sind die ton­an­ge­benden Schichten der Gesell­schaft ein­schließlich der dem Regen­bo­genkult ver­fal­lenen Kirchen bislang nicht bereit. Das ließen die Reak­tionen auf Bene­dikts Aufsatz auch auf christ­lichen Platt­formen wie katholisch.de unmiss­ver­ständlich erkennen.

Amerika ist da, wieder einmal, schon weiter. Immerhin: „Gentle Monster“ und „Primetime“ sind ein Zeichen dafür, dass das Pro­blem­be­wusstsein in Fragen sexu­ellen Miss­brauchs und seiner gesell­schaft­lichen Wahr­nehmung auch in eli­tären Zirkeln zuge­nommen hat. Aber das kann nur ein Anfang sein.

https://philosophia-perennis.com/2026/10/03/die-schaender-sind-unter-uns/
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