Der Friedensengel von Brigitte-Devaia

Gibt es so etwas wie „Schutz­engel“?

(David Berger) „Da hast Du aber einen Schutz­engel gehabt!“ Wohl kaum ein Satz wird im Alltag häu­figer im Zusam­menhang mit himm­li­schen Wesen aus­ge­sprochen als dieser. Nach einem beinahe ver­häng­nis­vollen Ver­kehrs­unfall, nach einem Sturz, der über­ra­schend glimpflich aus­ge­gangen ist, oder wenn ein Kind im letzten Augen­blick vor einer Kata­strophe bewahrt wurde. Die Rede­wendung ist so selbst­ver­ständlich geworden, dass die meisten gar nicht mehr darüber nach­denken. Sie gehört zu unserem Sprach­schatz wie viele andere Sprich­wörter, deren ursprüng­liche Bedeutung längst ver­blasst ist.

Und doch lohnt es sich, gerade bei diesem Satz einmal inne­zu­halten. Denn anders als viele volks­tüm­liche Redens­arten beschreibt er nach katho­li­schem Ver­ständnis keine bloße Metapher. Die Kirche hat seit ihren Anfängen tat­sächlich gelehrt, dass Gott jedem Men­schen einen Engel zur Seite stellt, der ihn begleitet, schützt und auf seinem Weg zum ewigen Heil führt. Wer also sagt: „Da hast Du aber einen Schutz­engel gehabt“, bringt – oft ohne es zu ahnen – eine Wahrheit zum Aus­druck, die tief in der Offen­barung Gottes ver­wurzelt ist.

„… damit er dich auf dem Weg behüte.“

Dabei beginnt diese Über­zeugung kei­neswegs erst mit einer besonders innigen Volks­fröm­migkeit des Mit­tel­alters. Schon die Heilige Schrift spricht mit großer Selbst­ver­ständ­lichkeit von den Engeln als Boten und Dienern Gottes. Dem Volk Israel ver­heißt Gott im Buch Exodus: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, damit er dich auf dem Weg behüte.“ Und der 91. Psalm, den Gene­ra­tionen von Christen aus­wendig kannten, spricht jene Worte, die bis heute Trost schenken: „Denn seinen Engeln befiehlt er dei­net­wegen, dich zu behüten auf all deinen Wegen.“ Wer diese Verse auf­merksam liest, merkt schnell, dass hier keine poe­tische Aus­schmü­ckung vor­liegt. Vielmehr wird eine Wirk­lichkeit beschrieben: Gott wirkt häufig gerade durch seine Engel.

Den ent­schei­denden Hinweis gibt aller­dings Christus selbst. Als die Jünger darüber streiten, wer der Größte sei, stellt Jesus ein Kind in ihre Mitte und warnt ein­dringlich davor, auch nur einen dieser Kleinen zu ver­achten. Zur Begründung sagt er: „Ihre Engel im Himmel schauen allezeit das Ange­sicht meines himm­li­schen Vaters.“ Man muss diese Worte gar nicht kom­pli­ziert aus­legen. Jesus spricht ganz selbst­ver­ständlich davon, dass Men­schen ihre Engel haben. Ebenso selbst­ver­ständlich setzen dies später auch die ersten Christen voraus. Als Petrus nach seiner wun­der­baren Befreiung aus dem Gefängnis plötzlich vor der Tür des Hauses steht, in dem die Gemeinde für ihn betet, halten ihn die Anwe­senden zunächst gar nicht für Petrus. „Es ist sein Engel“, sagen sie. Offenbar war die Vor­stellung eines per­sön­lichen Schutz­engels für die Urkirche so ver­traut, dass niemand sie eigens erklären musste.

Ebenso bemer­kenswert ist die Ein­mü­tigkeit, mit der die großen Kir­chen­väter diese bibli­schen Aus­sagen ver­stehen. Der heilige Hie­ro­nymus schreibt den schönen Satz: „Wie groß ist die Würde der Seele, dass jeder Mensch von seiner Geburt an einen Engel zu seinem Schutz erhält.“ Allein dieser Gedanke ver­dient es, länger bedacht zu werden. Nicht weil wir besonders tugendhaft wären, nicht weil wir uns diesen Schutz ver­dient hätten, sondern weil jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, stellt Gott ihm einen himm­li­schen Begleiter zur Seite. Basilius der Große nennt den Schutz­engel den „Erzieher und Hirten des Lebens“, Johannes Chry­sostomus erinnert daran, dass Gott seine Engel gerade zum Dienst am Men­schen aus­sendet, und Augus­tinus fügt eine wichtige Klar­stellung hinzu: Engel handeln niemals aus eigener Macht. Sie sind keine kleinen Gott­heiten, sondern Diener Gottes. Ihre ganze Größe besteht gerade darin, dass sie völlig auf seinen Willen hin­ge­ordnet sind.

Keine netten Mas­kottchen oder kos­mische Energiequellen

Diese Nüch­ternheit bewahrt die katho­lische Engel­lehre bis heute vor jenen Miss­ver­ständ­nissen, die in unserer Zeit beinahe über­hand­ge­nommen haben. Engel sind heute all­ge­gen­wärtig. Sie schmücken Wohn­zimmer, hängen am Rück­spiegel des Autos, begegnen uns in Geschenk­ar­tikeln und Eso­te­rik­läden oder sollen als geheim­nis­volle Ener­gie­wesen unser Leben har­mo­ni­sieren. Mit der christ­lichen Lehre hat das kaum noch etwas gemeinsam. Die Engel der Bibel sind keine netten Mas­kottchen und auch keine kos­mi­schen Ener­gie­quellen. Sie sind reine Geist­wesen, von Gott erschaffen, mit Ver­stand und freiem Willen aus­ge­stattet und ganz auf seinen Dienst hingeordnet.

Der­jenige, der die kirch­liche Lehre wohl am gründ­lichsten durch­dacht hat, ist der heilige Thomas von Aquin, dem man auch den Titel „Doctor Ange­licus“, der „engel­gleiche Lehrer gegeben hat. Für ihn steht außer Frage, dass jedem Men­schen ein Schutz­engel zuge­teilt ist. Ebenso deutlich beschreibt er aber auch dessen eigent­liche Aufgabe. Der Engel soll den Men­schen zum Guten anregen, ihn vor den Nach­stel­lungen des Bösen bewahren, sein Gewissen stärken und ihn auf dem Weg zum Heil begleiten. Gerade dadurch räumt Thomas mit einem weit­ver­brei­teten Miss­ver­ständnis auf. Der Schutz­engel ist nämlich kei­neswegs dazu da, jedes Unglück von uns fern­zu­halten. Sonst müsste man fragen, warum es über­haupt noch Krank­heiten, Unfälle oder den frühen Tod gibt. (Foto: Ber­nardo Daddi, Die Gürtung des hl. Thomas von Aquin, Florenz 1338 – Gemäl­de­ga­lerie Berlin)

Nicht spek­ta­kulär, sondern leise

Hier berührt die Engel­lehre einen Punkt, den moderne Men­schen oft nur schwer ver­stehen. Gottes Ziel ist nicht in erster Linie unser mög­lichst bequemes Leben auf dieser Erde. Sein Ziel ist unsere ewige Gemein­schaft mit ihm. Der Auftrag des Schutz­engels besteht deshalb nicht darin, uns vor jeder schmerz­lichen Erfahrung zu bewahren, sondern darin, uns trotz aller Prü­fungen sicher ans Ziel zu führen. Manches Leid, das wir heute nicht ver­stehen, wird sich viel­leicht erst in der Ewigkeit erschließen. Viel­leicht werden wir dann auch erkennen, wie oft unser Schutz­engel ein­ge­griffen hat, ohne dass wir jemals etwas davon bemerkten.

Denn genau das gehört zu seinem Wesen: Er wirkt meist im Ver­bor­genen. Nicht spek­ta­kulär, sondern leise. Viel­leicht als plötz­liche Ein­gebung, eine falsche Ent­scheidung doch noch einmal zu über­denken. Viel­leicht als uner­klär­liches Gefühl, einen bestimmten Weg lieber nicht zu gehen. Viel­leicht aber auch dadurch, dass Gott ihn tat­sächlich in einer kon­kreten Gefahr schützend ein­greifen lässt. Wie oft das geschieht, wissen wir nicht. Viel­leicht werden wir darüber erst staunen, wenn wir Gott einst von Ange­sicht zu Ange­sicht in der sog. visio bea­tifica schauen.

Aus­druck eines über­na­tür­lichen Realismus

Unsere Groß­eltern lebten mit dieser Wirk­lichkeit meist viel selbst­ver­ständ­licher als wir. Für sie war das Schutz­en­gel­gebet kein hüb­scher Brauch für Kinder, sondern Aus­druck eines tiefen Ver­trauens in die Vor­sehung Gottes. Man empfahl sich morgens seinem Schutz­engel an, bat ihn vor einer Reise um seinen Bei­stand und dankte ihm am Abend für seine Begleitung. Viel­leicht war diese Fröm­migkeit weniger naiv, als wir heute gerne glauben. Viel­leicht war sie vielmehr Aus­druck jenes über­na­tür­lichen Rea­lismus, der den Christen seit den ersten Jahr­hun­derten selbst­ver­ständlich war.

Wenn also das nächste Mal jemand nach einem glimpflich ver­lau­fenen Unglück sagt: „Da hast Du aber einen Schutz­engel gehabt“, dann lohnt es sich, einen Augen­blick über diesen Satz nach­zu­denken. Denn aus katho­li­scher Sicht müsste man ihn eigentlich nur leicht ver­ändern. Nicht: Du hattest einen Schutz­engel. Sondern: Du hast einen. Seit jenem Augen­blick, in dem Gott Dich ins Leben gerufen hat. Und seine wich­tigste Aufgabe besteht nicht darin, Dich mög­lichst unver­sehrt durch dieses ver­gäng­liche Leben zu bringen, sondern Dich eines Tages heil in die ewige Heimat zu geleiten, deren Glück irdi­schen Glücks­mo­menten um ein Unend­liches über­legen ist.

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