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Politik

Als ich meine Stasi-Akte sah

14. Oktober 2019

Bei mir zu Hause liegt ein dicker vergilbter Umschlag mit über hundert Seiten meiner eigenen Stasi-Akte. Auf dem Deckblatt steht „OPK Fels“. Operative Personen-Kontrolle (OPK) lautete der Begriff für die Aufklärung „feindlich-negativer Handlungen“, wie es im Jargon des DDR-Geheimdienstes hieß.

(von Dieter Stein)

Ein Freund, der sich als Stasi-IM entpuppte

Im Interesse meiner Familie hatte ich Mitte der 90er-Jahre einen Antrag auf Einsicht in Stasi-Unterlagen gestellt. Wir glaubten, etwas über meinen verstorbenen Vater zu finden, der als ehemaliger BND-Mitarbeiter im Visier der Stasi hätte sein können. So stellte es sich auch heraus.

Erschütternd – für manche vielleicht wenig überraschend – war es jedoch, zu sehen, dass wir als Familie bei wiederholten Besuchen in unserer damaligen DDR-Partner-Kirchengemeinde ab 1984 und zum Schluss auch ich selbst mit der JF ins Visier geraten waren und sich das bis dahin für zufällig gehaltene Kennenlernen einer bestimmten Familie, zu der sich eine jahrelange Freundschaft entwickelte, im nachhinein als gesteuert und ununterbrochen überwacht herausstellte.

Wie die SED geschickt von der eigenen Verantwortung ablenkte

Einem derjenigen, der sich durch die Akte als Stasi-IM entpuppen sollte, hatte ich zuvor vom Antrag erzählt. Er war nach der Wende bis zur Akteneinsicht Mitarbeiter unserer Zeitung geworden. Er meinte nur: „Ob das etwas bringt?“ Er hätte sich mir damals offenbaren können – was ihm nicht gelang. Später wurde mir klar, dass sich in diesen Jahren kaum jemand zu diesem Schritt überwinden konnte. Die meisten hofften, ihre Akten seien vernichtet – oder waren einfach innerlich zu gebrochen.

Einer These zufolge rückten nach dem Mauerfall die SED-Verantwortlichen selbst die Stasi und ihr System in den Mittelpunkt, um einen Sündenbock zu schaffen, an dem die Bürger ihre Wut auslassen konnten – damit hinter dieser dröhnenden Kulisse die in PDS (heute Linke) umbenannte SED aus der Schusslinie kam und als Phoenix aus den Trümmern der DDR wieder aufsteigen konnte. Diese Strategie wäre zweifellos aufgegangen.

Die Erinnerung muss wachgehalten werden

Ausgerechnet jetzt, kurz vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls beschließt der Bundestag, die Akten der Stasi-Unterlagenbehörde dem Bundesarchiv zu unterstellen und die eigenständige Institution aufzugeben. Die einen sagen, es sei nur eine formale Frage, die anderen sehen ein symbolisches Schließen der Aktendeckel – das Thema Stasi solle unter „ferner liefen“ historisiert und in den Hintergrund geschoben werden.

Ob in einer eigenen Behörde oder im Bundesarchiv: Die Erinnerung an das totalitäre System der DDR muß wachgehalten werden. Dass die Idee totaler Überwachung mit der DDR nicht untergegangen ist, sehen wir heute nicht nur in kommunistischen Staaten wie Nordkorea und China. Diese Versuchung hierzu ist allgegenwärtig und ohne funktionierende demokratische Kontrolle der Mächtigen immer gegeben.

Als Zeitung sehen wir uns der Erinnerung an der Opfer des Kommunismus und Stasi-Terrors verpflichtet! Bestellen Sie jetzt die JUNGE FREIHEIT im günstigen 12-Wochen-Aktionsabo. Und erhalten Sie als Prämie den aufrüttelnden Film „Das Leben der Anderen“ oder von Hubertus Knabe „Gefangen in Hohenschönhausen“.


David Berger – Erstveröffentlichung auf dem Blog des Autors www.philosophia-perennis.com

 


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