Titelbild: Friedrich Schiller,gemeinfrei, Christian Drosten, Youtube Screenshot, Bildbearbeitung: Niki Vogt
Politik & Aktuelles

Drosten mit tief-philosophischer Schiller-Rede zur Freiheit

11. November 2020

Der Mann, der immer aussieht, als sei er gerade, eh schon erschöpft und übernächtigt, für einen Noteinsatz aus dem Bett gescheucht worden, redet auch so. Wie hoch angesiedelt Herrn Drostens Fähigkeiten als Virologe sind, kann ich mit Sicherheit nicht beurteilen. Aber eine Rede schon. „Drosten hält Schillerrede – Von den Grenzen der Freiheit“ titelt die FAZ, ich bin beeindruckt und meine Neugier ist geweckt. Hui, da hat sich der Herr Prof. Drosten aber was zugetraut. Philosophie auf hohem Niveau … nicht gerade Kant und Hegel, aber immerhin. Nun, also, ähem … also, diese Rede … da sehe ich noch durchaus Raum nach oben.

Das Titelfoto gibt eigentlich auch den Eindruck der Rede recht gut wieder. Unsicherheit im Blick, ungekämmt wirkend, den Hemdkragen verwurschtelt, ohne sich der Mühe zu unterziehen, eine Fliege um den Hals zu binden (was dem Anlass angemessen gewesen wäre), nicht einmal eine Krawatte, schlecht rasiert, und die Hände in einer Geste der Hilflosigkeit erhoben.

Friedrich Schiller, Dichter, Dramatiker und Denker wird auch der Dichter der Freiheit genannt. Daher war ich absolut gespannt, was ein Akademiker und intelligenter Mensch gerade jetzt in dem schon historisch zu nennenden Spannungsfeld zwischen Abschaffung und massiver Einschränkung der Grundfreiheiten der Menschen, ja, der Menschheit weltweit – und der Bewältigung der Gefahren einer sehr umstrittenen Pandemie namens Covid-19 zu sagen hat.

Was hätte man erwarten dürfen?
Eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Idee der Freiheit, die immer auch Risiko beinhaltet und Selbstverantwortung. Den gottgewollten, ungebrochenen, freien Menschen, der für seine und die Rechte anderer einsteht und diese schützt. Gedanken zur Verantwortung eines Regierenden, dessen Pflicht zwischen dem fürsorglich guten Landesvater (oder -mutter) und dem vermeintlich wohlwollenden Tyrannen oszilliert. Grundsätzliche, rechtsphilosophische Überlegungen zum Recht des Bürgers, des Volkes – das laut Grundgesetz der Souverän ist – die demokratische Ordnung wieder herzustellen gegen den Willen einer Regierung, die seit einem Dreivierteljahr mit willkürlichen Sonderverordnungen Grundrechte ignoriert und abschafft – bereits bekundend, das auch weiterhin auf unabsehbare Zeit tun zu wollen. Und das, ohne sich einer offenen Diskussion mit Kritikern, hochrangigen Medizinern und seinen Bürgern zu stellen. Eine Betrachtung der Frage, was denn die „Bürgerlichkeit“ des Bürgers eigentlich ausmacht. Was den freien Bürger von einer Verfügungsmasse von Menschen in der Hand der Macht unterscheidet.

Nichts dergleichen kam.

Friedrich Schiller war kein gehorsamer Untertan. Er war ein begeisterter Anhänger der Ideen der französischen Revolution. Dass die Martinisten und Jakobiner die hehren Ideale in Terror und ein gigantisches Massaker verwandelten, erschreckte ihn zutiefst. Seinen Abscheu vor dem Meinungsterror und die brutale Vernichtung jedes Andersdenkenden bringt Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ zum Ausdruck.

Eine Glocke verkündet von jeher Freiheit, Sieg und Freude. Nicht ohne Grund verehren die Amerikaner ihre „Freedom Bell“. Das Symbol der Glocke steht hier für die neuen Ideen, die gelebt und in die Welt getragen und verkündet werden wollen. Doch leider bleibt es bei dem Versuch, diese Glocke der Freiheit zu gießen und zum Verkünden zu bringen. Alles endet in einer blutigen Katastrophe:

„… Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei …“

Friedrich Schiller brachte seine maßlose Enttäuschung darüber, dass die Ideen der „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in Machtkämpfe, Unterdrückung, Denunziantentum, massenhaften Verhaftungen und Hinrichtungen per Guillotine endeten, mit folgender Xenie zum Ausdruck:

„Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,
aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.“

Das findet er heute in Ansätzen wieder. Ausgerechnet Schiller als Zeugen für Gehorsam und Unfreiheit anzuführen ist schwer nachvollziehbar. Aber nicht neu. Schon 1955 warnte Carlo Schmid in seiner in Stuttgarter Festrede „Vom Reich der Freiheit“ (bezugnehmend auf die zeitgleich stattfindenden DDR-Gedenkfeiern), Schiller, den Dichter der Freiheit, als Anwalt der Unfreiheit zu missbrauchen. Schiller selbst lebte kompromisslos die Freiheit. So verließ er einfach seinen Mäzen, Herzog Karl Eugen, der ihm bestimmte Themen aufzwingen und andere verbieten wollte. Friedrich Schiller wollte nichts mehr, als ohne Zensurzwang schreiben zu können. Dass er dabei oft am Hungertuch nagte, nahm er in Kauf.

Ausgerechnet jetzt, wo auf allen Kanälen zensiert wird, die Hofberichterstattung der GEZ-Sender selbst die renommiertesten Kritiker diffamiert, Twitter-, Facebook- und Youtube-Konten täglich massenhaft gesperrt und gelöscht werden, wenn sie es wagen, „Corona-kritische“ Beiträge zu veröffentlichen, ausgerechnet jetzt wird Friedrich Schiller auch noch als Apologet der Zensur und des Untertanengeistes herbeigezerrt?

Wenn Herr Prof. Drosten selber sagt: „Aus rein professioneller Sicht ist mein Verhältnis zum Literaten Friedrich Schiller daher zunächst einmal distanziert“, ist das sicher nicht übertrieben. Er habe allerdings Schillers Sturm und Drang näher erkundet, setzt Prof. Drosten hinzu, bewundere ihn für sein Leitmotiv der Freiheit und die Forderung nach Verantwortung, die mit ebendieser einhergehe.

Aha, flott mal übergeleitet. Hat Herr Prof. Drosten Schillers grandioses Stück „die Räuber“ gesehen oder gelesen?

Das Stück wird 1782 in Mannheim uraufgeführt. Schiller will bei dieser Erstaufführung unbedingt dabei sein, darf aber nicht. Er hat Verbot vom Herzog von Württemberg. Schiller reißt von der Militärakademie aus und wird in Mannheim begeistert gefeiert. Der Herzog verhängt bei Schillers Rückkehr 14 Tage Arrest und das Verbot, jemals wieder Theaterstücke zu schreiben. Woran sich Friedrich Schiller bekanntermaßen auch nicht hielt, sondern für immer Reißaus nahm. Und diesen Mann möchte Herr Drosten als Befürworter von Reiseverboten und „Social Distancing“ anführen?

Und dann kommt Herrn Prof. Drostens Interpretation des Schillerschen Freiheitsgedankens:

„Für ihn war klar, dass persönliche Freiheit nicht losgelöst von der Gesellschaft gelingen kann. Schiller war bereit, auch seinen Mitmenschen Freiheit zuzugestehen. Damit die Freiheit aller geschaffen und erhalten werden kann, ist es wiederum notwendig, dass die Menschen füreinander einstehen und Verantwortung füreinander übernehmen. Umso besser das klappt, umso weniger bedarf es auch Eingriffen ‚von oben‘.“ 

Eben WEIL Schiller allen Menschen die Freiheit zugesteht, ergibt sich daraus aus dem Respekt aller Menschen vor der Freiheit des anderen, das FREIWILLIGE Gewährenlassen des anderen, dessen FREIWILLIGES Rücksichtnehmen ebenso Voraussetzung ist. Dafür gibt es den aus den französischen Revolutionsideen und Staatsphilosophien geborenen, staatsstiftenden und staatstragenden „Volonté Générale“, den „allgemeinen Willen“ freier Menschen einer Nation oder Gesellschaft. Daraus erwachsen die Gesetze, denen sich alle freiwillig verpflichten. Und deshalb ist eine Regierung auch an diese Gesetze gebunden, insbesondere an eine Verfassung oder ein Grundgesetz, das unverhandelbar die unverbrüchlichen Rechte der freien Bürger festschreibt und beschützt. Keine demokratische Regierung darf diese Gesetze einfach ignorieren. Oder die von den Bürgern gewählte Regierung wird zum diktatorischen Regime und das gewählte Staatsoberhaupt zum Machthaber.

Wenn es aber eine echte Notsituation erfordert, für einen klar begrenzten Zeitraum bestimmte Rechte zu beschneiden oder auszusetzen, dann muss die Regierung dies in absolut gewissenhafter Weise abwägen. Sie darf berufene und fachkundige Kritiker nicht einfach ignorieren. Sie muss ständig wechselnde, nicht nachvollziehbare Zwangsmaßnahmen vermeiden. Sie darf nicht Willkür walten lassen. Sie darf nicht wissentlich Panik verbreiten. Sie darf keine sinnlosen Strafen für sinnlose Verordnungen verhängen. Sie muss die Zumutungen, die sie den geduldigen Bürgern auferlegt immer neu rechtfertigen und überprüfen. Sie darf Kritik nicht zensieren. Sie muss wahrhaftig sein und die Bürger sachlich zutreffend informieren und sie in die Willensbildung und die Maßnahmen mit einbeziehen, sobald die akute Notlage das erlaubt. Oder sie provoziert Massenproteste oder im schlimmsten Fall einen Aufstand.

Prof. Drosten meint zur Folgsamkeit der Bürger: „Umso besser das klappt, umso weniger bedarf es auch Eingriffen ‚von oben‘.“ Aha. So lange ihr lieb und gehorsam seid, dürft ihr Freiheit spielen, wenn ihr aufmuckt, greift die Regierung von oben ein. Nein, Herr Drosten, so eben nicht.