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Gesundheit, Natur & Spiritualität

Diese Frauen in Indien retten Indiens Störche (+Videos)

16. April 2021

Indiens „Storchenschwester“ und ihre Armee von über 400 Frauen arbeiten daran, gefährdete Störche zu retten. In vielen Ländern wird Jagd auf Störche gemacht; In anderen Ländern landen die Tiere im Kochtopf. Wissenschaftler haben das Vorhandensein von Schadstoffen und Pestiziden im Blut von Nestlingen gefunden und auch Mülldeponien sind zu einer ständigen Nahrungsquelle geworden. Während der Große Adjutant, ein großer Schreitvogel aus der Familie der Störche, früher in Südasien von Indien und Sri Lanka bis nach Borneo brütete, beschränkt sich heute das Brutgebiet auf Assam. Doch auch hier sind sie gefährdet. Aber eine kleine Armee von Frauen, angeführt von Purnima Devi Barman, will das ändern.

Das Heer der indischen Storchretterinnen

Im Bezirk Kamrup in Assam ist Purnima Barman als „Storchenschwester“ bekannt – und ihre Hargila-Armee ist auf einer Mission.

Purnima Devi Barman wuchs auf und sah Störche in der Nähe ihres Hauses in Assam, Indien, frei strömen [Anupam Nath / Al Jazeera]

Purnima Devi Barman, 39, wusste, dass etwas nicht stimmte, als sie für ihre Doktorarbeit über den Großen Adjutanten, einen der seltensten Störche der Welt, an der Gauhati Universität in Guwahati, Assam, forschte. Die Naturschutzbiologin bemerkte, dass die Zahl der Vögel, die sie seit ihrer Kindheit frei und furchtlos um ihr Zuhause in Pub Majir Gaon, einem Dorf am Ufer des Brahmaputra im Bundesstaat Assam, herumschwärmen sah, stark zurückgegangen war.

„Das beunruhigte mich so sehr, dass ich meine Promotion auf Eis legte und es mir zur Aufgabe machte, den Vogel in seinem Lebensraum am Leben zu erhalten“, sagt sie.

„Viele Leute arbeiten mit ‚glamourösen‘ Arten wie dem Nashorn oder dem Elefanten, aber ich wählte den Storch. Der Vogel war ein integraler Bestandteil meines Lebens. Ich hatte wunderbare Erinnerungen an meine Großmutter, die mir interessante Geschichten über sie erzählte und sang. Sie brachte mir auch bei, wie man die verschiedenen Storchenarten identifiziert. All diese Erinnerungen motivierten mich, den bedrohten Vogel zu schützen.“

Hargila Armee Hiran Baido

Adjutantenstörche sind auf Assamesisch als Hargilas oder „Knochenschlucker“ bekannt

Adjutantenstörche sind auch als Hargilas oder „Knochenschlucker“ auf Assamesisch bekannt. Sie sind eine verschmähte Spezies rund um die Dörfer Dadara, Pacharia und Singimari im Kamrup-Distrikt von Assam. Die Menschen zucken zusammen, wenn sie über den riesigen, 1,50 Meter großen, ungepflegten Vogel mit spindeldürren Beinen und stumpfem, grauem Gefieder sprechen, der sich von verrottendem Fleisch ernährt und die Häuser der Menschen mit seinem übelriechenden Kot besudelt. Da die Dorfbewohner den Vogel für bedrohlich halten, fällen sie oft die Bäume, auf denen die Störche nisten, oder versuchen, sie auszuräuchern.

„Ich war einmal entsetzt, als ich sah, wie neun Babyvögel vor mir auf den Boden plumpsten, als ein Dorfbewohner einen ganzen Baum mit vielen nistenden Störchen fällte“, erinnert sich Barman. „Als ich versuchte, ihn aufzuhalten, war er wütend auf mich und fing an zu argumentieren, dass der Vogel nichts weiter als eine Plage sei.“

Es ist genau diese Einstellung, die zu einem rapiden Rückgang der Hargila-Bestände geführt hat, sagt Barman. Laut der Roten Liste der International Union for Conservation of Nature ist der Storch heute vom Aussterben bedroht. Weltweit gibt es nur noch 800 bis 1.200 ausgewachsene Vögel – die meisten davon in Assam. Eine große Gruppe konzentriert sich jedoch noch im Bezirk Kamrup im Tal des Brahmaputra-Flusses, etwa zwei Stunden von Assams Hauptstadtregion Guwahati entfernt, wo Barman lebt.

Ihre Forschungen zeigen, dass Kamrup jedes Jahr als Standort für mehr als 140 Nester dient und möglicherweise die größte Nistkolonie auf dem Planeten ist.

 

Der Hargila gilt als gefährdet, weltweit gibt es nur noch 800 bis 1.200 ausgewachsene Vögel – die meisten davon in Assam

Barman sagt, dass der Storch im 19. Jahrhundert in ganz Süd- und Südostasien zu finden war – in Pakistan, Indien, Nepal, Bangladesch und Vietnam. Auch in den nördlichen Ebenen von Kambodscha gab es winzige Populationen. In den 1800er Jahren wurde der Vogel in Westbengalens Hauptstadt Kolkata (damals Kalkutta) zu einem kulturellen Symbol, das historische Gebäude als Wahrzeichen zierte.

Die Verstädterung des ländlichen Indiens, die zum Bau von Straßen, Gebäuden und Mobilfunktürmen führte, hat jedoch die Feuchtgebiete, in denen die Störche gedeihen, erheblich verkleinert. Da ihr Lebensraum bedroht ist, sind die Vögel gezwungen, in menschliche Siedlungen zu ziehen, wo sie als Ungeziefer angesehen werden.

‚Sie hielten mich für verrückt‘

 

Barman erkannte, dass sie, um den Storch zu retten, zuerst die Wahrnehmung der Menschen über ihn ändern musste. „Die Dorfbewohner hassten den Vogel, weil sie nichts von seiner großen ökologischen Bedeutung wussten. Also begann ich bei Gemeinde-Versammlungen zu erklären, dass Störche, wie die meisten Aasfresser, die Umwelt reinigen, indem sie verwesende Tierkadaver verzehren und die Nahrungskette in einem Ökosystem aufrechterhalten, indem sie die Anzahl kleinerer Tiere wie Nagetiere und andere Schädlinge regulieren“, sagt sie.

Frauengruppe zum Schutz der Schnäbel von Feldhunden | Foto: Aranyak ..

Am Anfang lachten die Leute über sie, sagt sie. Sie dachten, sie sei verrückt, weil sie sich für den Schutz eines so hässlichen Vogels interessierte. Doch langsam schlich sich ein Wandel ein. Im Jahr 2009 half ihr Aaranyak, eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Guwahati, die sich für den Naturschutz im Nordosten Indiens einsetzt, ein offizielles gemeindebasiertes Programm zum Schutz des Storchs im Bezirk Kamrup zu starten.

Barman begann, die Gemeinde einzubeziehen. Kochwettbewerbe wurden organisiert und es wurde darüber gesprochen, wie wichtig der Hargila für den lokalen Lebensraum ist. Der Vogel wurde auch Teil lokaler Feiern, bei denen Frauen traditionelle assamesische Reiskuchen oder Pithas und Laddoos, toffeeähnliche Desserts, zubereiteten.

Jetzt werden Baby-Partys für neugeborene Hargilas organisiert und Theatergruppen führen Stücke mit Storchenthemen auf. Hargila-Puppen, die von Freiwilligen hergestellt wurden, werden von den Schauspielern getragen, während sie singen und tanzen, um das Bewusstsein für die Vögel zu wecken. Hargila-Motive werden in traditionelle assamesische Gamosa (Handtücher) und Mekhela-Tschador-Kleider eingewebt, die oft an Touristen verkauft werden. Für Kinder werden Malwettbewerbe veranstaltet, die Umweltbewusstsein mit Tradition und Kultur verbinden.

„Die Idee war, ein Gefühl des Besitzes und des Gemeinschaftsstolzes auf die seltene Storchenrasse zu wecken“, erklärt Barman, deren Arbeit für den Storch mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde, darunter der Londoner Whitley Award – auch bekannt als die „Green Oscars“ – im Jahr 2017. Langsam tragen die Bemühungen zum Schutz der Störche Früchte und die Zahl der Storchennester ist in den letzten 13 Jahren von nur 27 auf mehr als 210 angestiegen.

Storchenschwester

Heute leitet Barman – lokal bekannt als „Hargila baideu“ oder „Storchenschwester“ – die „Hargila Army“ – ein Bataillon von 400 Frauen, die sich aktiv für den Schutz des Storches einsetzen. Die Frauen führen Kampagnen durch und schaffen Bewusstsein für die Störche, helfen bei der Rehabilitierung verletzter Vögel, die aus ihren Nestern fallen, und übergeben sie an die staatlichen Zoobehörden von Assam. Ihre Gruppe trifft sich regelmäßig mit Forstbeamten und örtlichen Polizisten, um ihre Bemühungen zum Schutz der Störche weiter zu unterstützen.

Touristen strömen nun in Scharen, um die Hargila zu sehen und die „Armee [der Frauen]“ zu treffen, die sie schützt. Seit 2010, nachdem die Hargila-Armee die Leitung der Bewegung zur Rettung der Störche übernommen hat, wurde laut Barman kein einziger Nistbaum mehr gefällt.

Die Frauenarmee hält auch eine strenge Wache über die Nester. Freiwillige halten jeden Tag Wache von Bambusplattformen aus, die 24 Meter hoch sind und im ganzen Distrikt errichtet wurden. Auch die weltweit erste künstliche Brutplattform, auf der die Küken in Sicherheit schlüpfen können, wurde letztes Jahr gebaut, um dem Problem des schrumpfenden Lebensraums der Vögel zu begegnen. All dies wurde durch Barmans Programm finanziert.

Netzfrauen Ursula Rissmann- Telle und Doro Schreier


Quelle: netzfrauen.org