Pow-Wow in Wendake Canada, Bild: Wikimedia Commons, Marc-Lautenbacher, Bildlizenz: CC BY-SA 4.0

Stumme Zeugen eines kul­tu­rellen Genozids: 215 Kin­der­leichen in einem kana­di­schen Internat für indigene Kinder gefunden

Jetzt hat Kanada ein Problem. Es schwärt schon lange und wird mit Geld und Sozi­al­pro­grammen erstickt. Der „First Nations Child and Family Ser­vices Funds“ tut sein Bestes, aber die wenigen Prozent der Bevöl­kerung aus­ma­chenden Indi­genen sind dennoch benach­teiligt. Man demons­triert heute Ver­ant­wortung und Bedauern für das, was die massive Ein­wan­derung aus Europa mit den „First Nations“ gemacht hat, hofiert Musiker und Künstler mit indi­genen Wurzeln. Ganz langsam bildet sich ein neues Selbst­be­wusstsein. Der grausige Fund der Kin­der­leichen illus­triert, was „Umer­ziehung“ einer eroberten und über­frem­deten Ethnie antut.

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Sie haben die höchste Rate an Selbst­morden, auch unter Kindern. Alko­ho­lismus und Gewalt in den Familien ist weiter ver­breitet als bei den weißen Ein­wan­derern, die alte Kultur weit­gehend zer­stört. Viele kennen ihre alte Sprache nicht mehr. Eine Berufs­aus­bildung schaffen nicht sehr viele. Das Leben in den Reser­vaten ist staatlich finan­ziert, was auch bei vielen das Äqui­valent von „hartzen“ fördert.

Ich möchte hier anmerken, dass ich da tat­sächlich Ein­blicke habe. Ich war oft da, ich kenne viele Indigene näher, habe einen sehr lieben Freund aus dem Adlerclan des Stammes der Ojibwe, Jay Bell Redbird (sein india­ni­scher Name über­setzt „Medicin Wind“) ver­loren. Ein begna­deter Künstler, ein großer Bär und Spaß­vogel. Ich habe von ihnen viel gehört von dem, was in den Artikeln „Resi­dential Schools“ genannt wird. Ein anderer First Nations-Künstler, David Brooks, war als Kind noch in einer dieser Kinder-Guan­ta­namos. Manchmal redete er davon. Es hat ihn für sein Leben geprägt und see­lisch gebrandmarkt.

Ent­standen sind diese Resi­dential Schools aus den fran­zö­si­schen Mis­sio­nars­schulen, hier vor allen denen der Jesuiten. Während die euro­päi­schen Ein­wan­derer mit ihrer bäu­er­lichen Struktur und Städ­tebau mit ihrer Bean­spru­chung von Land und Res­sourcen die eigent­lichen Ein­wohner Kanadas sys­te­ma­tisch ver­drängten, waren die halb­no­ma­di­schen Urein­wohner auf große, freie Land­flächen und die Natur ange­wiesen. Man hatte anfangs viel­leicht wirklich in „guter Absicht“ ver­sucht, den „Halb­wilden“ Bildung und Erziehung ange­deihen zu lassen. Doch die Lehrer stellten bald frus­triert fest, dass die Schüler meist abwesend waren, besonders während der Jagd­saison. So war Bildung nicht ver­mit­telbar, hieß es.

Da aber die Prai­rie­büf­fel­herden, eine Haupt­nah­rungs­quelle der First Nations, aus­ge­rottet waren, hun­gerten die Indianer, was deren Selbst­ver­ständnis und Tra­di­tionen und Religion zuwi­derlief. Es machte sie aber auch wehrlos. So griff man zu Zwang und machte den Schul­besuch für alle indi­genen Kinder ver­pflichtend und ver­hin­derte auch sehr leicht den Kontakt zu Stamm und Sippe, weil die Schulen fast immer außerhalb der Reservate lagen.

Neben der Peitsche bot man auch Zuckerbrot: 1857 wurde der „Gradual Civi­liz­ation Act“ (Gesetz zur schritt­weisen Zivi­li­sierung) ver­ab­schiedet. Danach sollte jeder Ein­ge­borene, nachdem er seine Schul­bil­dungen abge­schlossen hatte, 50 Acre Land erhalten (womit er auch alle seine Ver­trags­rechte aus den Ver­trägen mit der kana­di­schen, weißen Regierung verlor). Man beab­sich­tigte, auf diese Weise die noma­di­schen First Nations zu sess­haften Bauern zu machen.

Es leben heute noch einige, die in diesen ach-so-christ­lichen Kin­der­ge­fäng­nissen waren. In ganz Kanada gab es etwa 140 solcher Ein­rich­tungen. Während der Zeit zwi­schen 1890 bis in die späten 1970er Jahre, 80 Jahre lang, wurden die Kinder sys­te­ma­tisch zwangs­weise aus den Familien geholt und umer­zogen. Zu allem Über­fluss auch noch unter kirch­licher Leitung. Ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Mytho­logie und Religion, ihre Bräuche, ihre Namen, ihre Fami­li­en­bande sollten zer­stört werden, sie durften ihre Familien nicht sehen – und das ist auch wei­test­gehend gelungen. Dabei ging es nicht sanft und über­zeugend zu, sondern mit harten Strafen, see­li­schen und kör­per­lichen Misshandlungen.

Wurde ein indi­genes Kind dabei erwischt, dass es seine Mut­ter­sprache benutzte, bekam es Schläge und sein Mund wurde mit Seife aus­ge­wa­schen, bis das Kind sich erbrach. Sie mussten Eng­lisch oder Fran­zö­sisch sprechen. Schläge und Prügel waren an der Tages­ordnung. Sogar ihre harm­losen, kind­lichen alten Stöckchen- und Hüpf-Spiele waren streng ver­boten und mit bru­talen Strafen belegt. Immer wieder flüch­teten Kinder aus diesen Umer­zie­hungs- und Straf­lagern, die als Internat bezeichnet wurden. Andere Kinder starben an den Miss­hand­lungen, Ver­nach­läs­sigung, Tuber­kulose, Unter­ernährung und dem noto­ri­schen Miss­brauch oder brachten sich selbst um. Die Sterb­lichkeit unter den Kindern lag fünf Jahre nach der Ein­schulung bei 35–60 Prozent.

Innerhalb einer Generation starben auf diese Weise viele der zahl­reichen indi­genen Stam­mes­sprachen aus. Die Kinder konnten sich, wenn sie aus der Schule lebend her­aus­kamen, kaum noch mit ihrer Familie ver­stän­digen, waren nicht mehr inte­grierbar und restlos gegen ihre Her­kunft indok­tri­niert. Das, was sie in den Schulen gelernt hatten, konnten sie aber in der tra­di­tio­nellen Umgebung nicht brauchen. Die Jugend­lichen aus den Schulen waren für ihre Familien ver­loren, für die weißen Kanadier aber dennoch „Halb­wilde“ und nur wenige der Schüler konnten in der Welt der Weißen Fuß fassen und einen Beruf erlernen. In ihren Familien waren sie auch nicht mehr daheim, ihre Selbst­achtung war ihnen her­aus­ge­prügelt worden, und so ver­fielen sehr viele dem Alkohol, wurden lethar­gisch oder gewalt­tätig, gaben sich auf oder wurden kri­minell. Was sie dann in den Augen der Weißen noch unnützer und „unzi­vi­li­sierter“ erscheinen ließ.

Das ganze Grauen hinter den Schul­mauern fand unter der Über­schrift „All­ge­meiner Zivi­li­sie­rungs­auftrag“ statt. Heute wird diese Arroganz und Grau­samkeit in Kanada als „cul­tural tri­um­phalism“ (Kul­tu­reller Tri­um­pha­lismus) bezeichnet. Erst in den 1990er Jahren kam das ganze Elend und Ausmaß der Miss­hand­lungen und Miss­bräuche in den Resi­dential Schools ans Tages­licht. Man fand heraus, dass die Kinder dort sogar ohne Wissen und Ein­wil­ligung der Eltern zu medi­zi­ni­schen Ver­suchen miss­braucht wurden. Jetzt wurde erst richtig deutlich, was diese Resi­dential Schools eigentlich waren und welcher furchtbare Schaden ange­richtet worden war: Unglaub­liche Todes­zahlen, die Ver­achtung, Zer­störung und Ver­un­glimpfung der indi­genen Kultur, bru­taler Ras­sismus, Arroganz, Dünkel aus Unver­ständnis, Zer­störung der Selbst­achtung der Urein­wohner, nicht wieder gut zu machende Traumata, die über Genera­tionen nachwirken.

Ab 1874 wurden in Kanada rund 150.000 Kinder von Urein­wohnern (Indianer, Mes­tizen, Inuit) von ihren Familien getrennt, aus ihrer Kultur gerissen und ihre Per­sön­lichkeit zerstört.

Diese Wunden ver­heilen nicht.

Nun wurden 215 Kin­der­leichen auf dem Gebiet einer solchen kana­di­schen Resi­dential School aus­ge­graben. Viele unge­klärte Kin­der­schicksale können nun auf­ge­klärt werden, viele Familien werden nun die traurige Sicherheit haben, dass ihr ver­misstes Kind einfach ver­scharrt worden ist und man es nicht einmal für nötig befand, die Familien zu unter­richten. Die jüngsten Kinder waren zum Zeit­punkt ihres Todes drei Jahre alt.

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Das „Internat“ lag in Kam­loops, einer Stadt in der kana­di­schen Provinz British Columbia, an der Pazi­fik­küste. In diesem Bun­des­staat ist es so, wie man sich in Europa Kanada vor­stellt. Riesige Wälder, Gebirge, Grizzlys und Lachs in den Flüssen, das Stam­mes­gebiet der Sec­wepemc-Indianer, das tief in das heutige Gebiet der USA hineinreicht.

Das ehe­malige Internat, das von der katho­li­schen Kirche im Auftrag der kana­di­schen Regierung betrieben wurde, war eine von 139 solcher Ein­rich­tungen, die gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts in Kanada errichtet wurden. Es wurde 1890 eröffnet und hatte in den 50er-Jahren bis zu 500 Schüler. Erst 1969 wurde das Internat geschlossen.

In den Stamm­ge­mein­schaften der First Nations in Kam­loops gab es schon immer das Wissen, dass es dort um das düstere Gemäuer ein Mas­sengrab geben musste. So viele Kinder konnten nicht spurlos ver­schwinden und geflohene Kinder hatten Dinge gesehen und gehört. Die damalige Schul­leitung hat den Tod dieser Kinder noch nicht einmal in irgend­welchen Akten doku­men­tiert. Die Nach­fragen der Stam­mes­mit­glieder wurden ignoriert.

Wie und warum diese Kinder gestorben sind, ist noch nicht geklärt. Die meisten von ihnen haben noch lebende Geschwister. Die Indigene Gemeinde will nun mit Gerichts­me­di­zinern und mit DNA-Proben her­aus­finden, welche Kin­der­leiche in welche Familie gehört und woran das Kind jeweils ver­storben ist. Ab Juni sollen vor­läufige Ergeb­nisse in einem ersten Unter­su­chungs­be­richt ver­öf­fent­licht werden.

Viele indigene Gemein­schaften machen die Heime, die ganze Genera­tionen geprägt haben, heute für soziale Pro­bleme wie Alko­ho­lismus, häus­liche Gewalt und erhöhte Selbst­mord­raten ver­ant­wortlich. Ottawa ent­schul­digte sich im Jahr 2008 offi­ziell bei den Über­le­benden der Internate. Sie seien Opfer eines „kul­tu­rellen Genozids“, stellte eine Unter­su­chungs­kom­mission im Jahr 2015 fest.