Alice Schwarzer, Bild gemeinfrei via Wikipedia, Itu, CC By-SA 3.0

Alice Schwarzer: Mehr Weit­blick und Ver­nunft, als alle anderen — es wird 2029 keine Brand­mauer mehr existieren!

Die Ste­reo­typen von rechts und links brö­ckeln offenbar in rasendem Tempo weg. Die Grünen, einst Frie­dens­partei, betreiben jetzt das Gegenteil und schüren Krieg. Sahra Wagen­knecht unter­stützt den Stopp der unge­re­gelten Migration, der der AfD als Ras­sismus und „Nazi“ um die Ohren gehauen wird, aber Herrn Merz zum Stim­menfang diente. Der Blackrock-Zögling Merz geriert sich als Feldherr in Spe und ändert ständig seine Wahl­ver­sprechen, die gar schreck­liche „Ober-Nazi-Ras­sis­tenfrau“ Alice Weidel erinnert daran, dass die NSDAP (National-Sozia­lis­tische Deutsche Arbeiter-Partei) eigentlich Sozia­listen waren, lebt in einer les­bi­schen Beziehung mit einer dun­kel­häu­tigen Inderin und Alice Schwarzer findet Brand­mauern unsinnig und „unrea­lis­tisch“.

Da geht doch bei vielen der innere Kompass in den Krei­sel­modus über. Was ist denn jetzt rechts und was links? Es scheint, dass diese „Brand­mauer“ vielen sauer auf­stößt, die sich selbst aber weder „rechts“ noch „links“ ver­orten. Und das ist ja auch richtig. Zum Spektrum der zuläs­sigen Mei­nungen und Gesell­schafts­kon­zepte gehören auch die „Flügel“, wie rechts und links. Auf eine gewisse Weise sind das auch viele Par­teien, die unter „Sonstige“ fallen, ob sie nun streng christlich, Tier­schützer, Initiative Friede und Men­schen­rechte, der unab­hängige Frau­en­verband, die Pira­ten­partei, die Deutsche Zen­trums­partei oder wer­weiß­welche Inter­essen und Welt­an­schau­ungen  sonst noch ver­treten. In einer Demo­kratie darf das jeder, und wenn es genügend Bürger gibt, die sich darin ver­treten sehen, kann diese Partei eine wichtige Rolle spielen oder nicht. Vor­aus­setzung ist, dass sie auf dem Boden der Ver­fassung des Landes steht.

Das Problem mit der „Brand­mauer“

Wer „Brand­mauern“ kri­tisch sieht, ist nicht „rechts“, sondern hat die Idee der Demo­kratie besser ver­standen als jene, die sich selbst als die demo­kra­tische Mitte sehen. Das ist logisch, denn wer nur die von ihm Kraft eigener Selbst­über­schätzung gezo­genen Grenzen der „demo­kra­ti­schen Mitte“ zum Aus­schluss aller anderen an der Teilhabe der Demo­kratie benutzt, defi­niert jeden, der anders denkt, als Demokratiefeind.

Demo­kratie ist aber nicht durch Kon­kur­renz­denken und Revier­ver­tei­digung defi­niert, sondern schlicht durch die Stimme der Menge der Bürger eines Volkes als Sou­verän. Wenn also in Umfragen um die 80 Prozent der Bürger sagen, dass sie ein Ende der unge­re­gelten Zuwan­derung wollen – und das ist so – dann ist das ein Auftrag des Volkes an die Regierung, das umzu­setzen. Punkt. Denn das aus dem Grie­chi­schen kom­mende Wort „Demo­kratie“ bedeutet „Volks­herr­schaft“ und nicht „Züch­ti­gungs­in­strument der Regierung zur Volkserziehung“.

Die Grenze ist da, wo die Gewalt beginnt und die Ver­fassung aus­ge­setzt werden soll. Egal, ob rechts oder links. Die Ver­fassung eines demo­kra­ti­schen Staates garan­tiert allen ihre indi­vi­duelle Freiheit des Denkens, der Worte, der unan­tast­baren Würde des Men­schen, der Freiheit, sein Leben innerhalb der Gesetz so zu leben, wie man will. Aus­grenzung und Gewalt gegen ganze Teile der Bürger sind das Fanal für einen Bür­ger­krieg. Eine Brand­mauer sperrt ganze Teile der Bür­ger­schaft aus – und genau das führt zur Radi­ka­li­sierung und letzt­endlich zur Gewalt. Bürger, denen man ihre ver­brieften Rechte ver­wehrt greifen immer irgendwann zu Gewalt.

Alice Schwarzer kri­ti­siert „Brand­mauer“ gegen die AfD

Nun hat die große Masse der genervten Bürger Ver­stärkung aus einer Ecke bekommen, die für die Tugend­wächter und Ver­tei­diger der Brand­mauer nicht so leicht nie­der­zu­knüppeln ist. Alice Schwarzer steht nicht im Ruch, eine Faschistin zu sein. Schon, als sie zusammen mit Sahra Wagen­knecht eine riesige Frie­densdemo orga­ni­sierte, gab es im Vorfeld etwas Rei­be­reien, weil es Stimmen gab, die davor warnten, dass sich mög­li­cher­weise AfD-Anhänger dar­unter mischen werden. Die beiden Anfüh­re­rinnen Schwarzer und Wagen­knecht machten schnell klar, dass, solange da keine Par­tei­trans­pa­rente her­um­ge­tragen werden, könne natürlich jeder mit­gehen und den Willen zum Frieden auf die Straße tragen.

In ihrer Zeit­schrift „Emma“ legt Alice Schwarzer eine saubere Abhandlung zum Thema Brand­mauer, Demons­tra­tionen und der rasant vor­an­schrei­tenden Spaltung der Bevöl­kerung vor. Sie trifft den Nerv, wenn sie die dem­ago­gische Pau­scha­lierung „Rechts“ aller Mei­nungen, von kon­ser­vativ und rechts­kon­ser­vativ über rechts­po­pu­lis­tisch – rechts bishin zu rechts­ra­dikal hin­ter­fragt und findet, man müsse da schon sorg­fältig unter­scheiden. Ansonsten werde diese „Selbst­ge­rech­tigkeit“ und Ignoranz gegenüber den Sorgen und Nöten der Bürger tat­sächlich in eine Spaltung der Bevöl­kerung führen, in der die aus­ge­grenzten Dif­fa­mierten immer wütender werden, die Brand­mauern nie­der­reißen und die Burg der Selbst­ge­rechten stürmen.

Meinte Alice Schwarzer genau das, als sie in einem Gespräch mit der Ber­liner Zeitung sagte:

„Ich blicke mit Sorge auf das ganze poli­tische Per­sonal. Diese Wahl­de­batten … Tech­no­kraten, die nur mit Zahlen han­tieren, aber die Lebens­rea­lität, die Ängste, Sorgen und Träume der Men­schen gar nicht im Blick haben. (…) Ich gehe davon aus, dass die „Brand­mauer“ bei den Bun­des­tags­wahlen 2029 nicht mehr exis­tieren wird. Sie ist unrea­lis­tisch. Mit einer unlieb­samen Partei muss man sich durch Argu­mente aus­ein­an­der­setzen und nicht mit Ver­boten. Ich habe die Dämo­ni­sierung der AfD von Anbeginn an für einen schweren Fehler gehalten. Es wäre sinn­voller gewesen, man hätte die rechts­kon­ser­va­tiven Ele­mente in der AfD ermutigt bei dem Bestreben, die ein­deutig rechts­ra­di­kalen Ele­mente in ihrer Partei zu bekämpfen. Und vor allem hätte es Sinn gemacht, wenn Union, SPD und Grüne ihre eigenen Wähler und Wäh­le­rinnen, die zur AfD über­ge­laufen sind, gefragt hätten, warum. Warum wählt ihr uns nicht mehr, aber die? Was haben wir falsch gemacht? Es reicht eben nicht, immer nur gegen etwas zu sein, man muss auch sagen können, wofür man ist.“

 

In den lesens­werten Kom­men­taren stößt Frau Schwarzer auf viel Zustimmung, auch bei Männern.

„Der Num­berger“ bringt es auf den Punkt: „Wenn die AfD im Osten an der 40% kratzt, ist die Brand­mauer fak­tisch gescheitert. Jetzt ist nur noch die Frage, wer sie als erstes einreißt.“

Der Osten ist weit­gehend blau, nur Berlin ist noch ein roter Klecks zu sehen, wie eine Wunde darin. Da sind sogar Wahl­kreise mit mehr als 40 Prozent keine Seltenheit.

„Alles was rechts von links ist, ist für die Gesin­nungs-Gerechten gleich rechts­ra­dikal und „Nazi“!

Alice Schwarzer ist es nicht nur wohl, wenn sie die „gegen rechts“-Demos sieht. Auf „EMMA“ schreibt sie:

„Gleich­zeitig aber tickt da etwas Beun­ru­hi­gendes. Schwingen etwa manchmal auch selbst­ge­rechte Töne mit? Die Teilung in Gut oder Böse, richtig oder falsch? Das warme Gefühl, zu den Gerechten zu gehören. Eine Stimmung, die keine Dif­fe­ren­zie­rungen, keine Zwi­schentöne, keine Dis­kus­sionen mehr zulässt. In der alles, was rechts von links ist, für die Gesin­nungs-Gerechten gleich rechts­ra­dikal und „Nazi“ ist. Obwohl wir eigentlich doch schon lange nicht mehr so genau wissen, was nun eigentlich rechts und was links ist. (…) Sind die gegen Israel pro­tes­tie­renden Paläs­ti­nenser nun rechts oder links? Bisher galten sie für weite Teile der Linken als links. Und ist Sahra Wagen­knecht links von der Ampel oder rechts – weil sie eine andere Migrations‑, Friedens- und Gesell­schafts­po­litik ver­tritt als „Die Linke“ und „Die Grünen“? Kann es sein, dass diese viel­stra­pa­zierten Eti­ketten nichts mehr taugen, und müssen wir statt­dessen genau hin­gucken, wer was ver­tritt oder gar pro­pa­giert? Und was ist denn nun eigentlich mit der CDU, aus deren Reihen eben­falls einige beim Treffen in Potsdam dabei waren? Ist die jetzt auch rechtsradikal?“

Und:

„Die Brand­mauer ver­läuft eben nicht zwi­schen „uns“ und der AfD, sondern zwi­schen einer demo­kra­ti­schen Mehrheit von links bis rechts und den Rechts- bzw. Links­extremen an beiden Rändern. (…)  Ich habe noch nie ver­standen, warum Sozi­al­de­mo­kraten, Grüne, Liberale, Linke und Kon­ser­vative ihre Ex-Wäh­le­rInnen nicht selber fragen, was sie in deren Augen denn falsch gemacht haben könnten – und was zu tun wäre, um von ihnen wieder gewählt zu werden. Die Dämo­ni­sierung der AfD kann doch nicht die Antwort sein. Das wird ihre Wäh­le­rInnen nur noch mehr auf die Bar­ri­kaden treiben.“