John Deweys Gesell­schafts­kritik und sein Demo­kra­tie­ver­ständnis fordern eine radikale Trans­for­mation der Gesellschaft

Um 1930 galt John Dewey (1859–1952) überall auf der Welt als „Vor­denker“ der Päd­agogik, dank seines inter­na­tio­nalen Erfolgs im Jahre 1916 mit seinem Buch „Demo­cracy and Edu­cation“, nur im deut­schen Sprachraum nicht. In der Wei­marer Republik Deutsch­lands und während der ersten Republik in Öster­reich war Prag­ma­tismus eine Exo­ten­po­sition und nach 1945 war Deweys Buch mit dem Makel der „Re-Edu­cation“ behaftet. 1940 regierte der Kol­lek­ti­vismus in der Päd­agogik Europas, und sowohl im Westen als auch im Osten herrschte in der Sozi­al­päd­agogik auf Maka­renkos durch­mi­li­ta­ri­sierte Kol­lek­tiv­päd­agogik, was als Gegenpol zu Deweys Ver­ständnis von Demo­kratie ver­standen wurde.

(Von Dr. Erwin Rigo)

Grund­prin­zipien für Dewey sind poli­tische Par­ti­zi­pation der Bürger, also auch der Schüler, und ständige Neu­an­passung der sozialen Institutionen.

Dewey betrachtete Demo­kratie primär als Lebensform, die fort­laufend zu klugen Ent­schei­dungen und intel­li­genten Formen der Anpassung nötigt, und nicht als Regie­rungsform. Für ihn war das mensch­liche Leben ein Selbst­zweck, und er lehnte jeg­liche Aus­beutung des Indi­vi­duums für den Profit anderer ab. ​Er plä­dierte zudem für eine Huma­ni­sierung der Arbeitswelt und eine sinn­erfüllte, selbst­be­stimmte Arbeit. Deweys sozialer Huma­nismus basierte auf der ver­ant­wort­lichen Selbst- und Mit­be­stimmung des Ein­zelnen. In der Bildung setzte er auf kind­ori­en­tierte Erziehung, bei der Schüler aktiv in die Auswahl von Zielen und Lern­wegen ein­ge­bunden werden. ​ Dies führte jedoch zu Kritik, da es das aka­de­mische Niveau zu nivel­lieren drohte. Dewey lehnte psy­chi­schen und poli­ti­schen Dua­lismus ab und sah Freiheit nur durch Regle­men­tierung als rea­li­sierbar, was schon zu seiner Zeit Wider­spruch provozierte. 

Dewey war ein glü­hender Sozialist und befür­wortete die Ver­staat­li­chung als Lösung für öko­no­mische Kon­trolle. ​Seine Vision eines koope­ra­tiven Systems der Indus­trie­kon­trolle war ein Gegen­entwurf zum Wirt­schafts­li­be­ra­lismus und der Aus­beutung der Massen. Er sah Demo­kratie als einen expe­ri­men­tellen Prozess, der ständig neu defi­niert werden müsse. ​ Seine Ansichten zur Bildung und Gesell­schaft wurden von Kri­tikern als uto­pisch und teil­weise als fremd­ge­steuert angesehen. 

Die Reform­päd­agogik, die Dewey maß­geblich beein­flusste, hat trotzdem weltweit Einzug gehalten, auch in Regel­schulen. ​ Sie wird jedoch zunehmend kri­tisch betrachtet, da sie die Leh­rer­schaft über­fordert und die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­higkeit der Schüler durch man­gelnde Übung beein­trächtigt. Dewey selbst kri­ti­sierte, dass schu­li­sches Lernen oft als Last emp­funden werde, und setzte auf größere Indi­vi­dua­li­sierung und Sozia­li­sation, um die Freude am Lernen zu fördern. 

Die Frank­furter Schule, gegründet 1923, ent­wi­ckelte die Kri­tische Theorie, die sich vor allem gegen tra­dierte Werte und den Wirt­schafts­li­be­ra­lismus richtete. Ihre Ver­treter, dar­unter Max Hork­heimer und Theodor W. Adorno, ana­ly­sierten soziale Ver­hält­nisse und prägten den west­lichen Mar­xismus. ​ Nach der Schließung des Instituts durch die Natio­nal­so­zia­listen emi­grierten die Mit­glieder und setzten ihre Arbeit in den USA fort. Die Schule beein­flusste später nach der Rückkehr die 68er-Bewegung und die gesell­schaft­liche Debatte. 

Die Ent­wicklung der Demo­kratie wird heute kri­tisch betrachtet. ​ Sie hat sich von einem offenen System der freien Kon­kurrenz zu einer mora­li­schen Chiffre gewandelt, die poli­tische Dif­fe­renzen unter­drückt und auto­ritäre Züge annimmt. Kri­tiker bemängeln, dass Demo­kratie zunehmend zur Insze­nierung ver­kommt, in der die Freiheit des Gegners ein­ge­schränkt wird und mora­lische Selbst­ge­wissheit die Gleichheit der Unvoll­kom­menen ver­drängt. ​ Die Indok­tri­nation beginnt bereits im Kin­der­garten und setzt sich durch die Leit­medien und durch das Bil­dungs­system fort, was die Mei­nungs­vielfalt gefährdet. 

Die neue vom Prag­ma­tismus geprägte Päd­agogik hat den Kon­flikt zwi­schen Freiheit und Ega­lität, der jeder Demo­kratie inne­wohnt, nie wirklich auf­gelöst. Daher war allzu oft die „neue Erziehung“ nur eine Rhe­to­rische Figur, die auf ein Wun­der­mittel verwies, das es nie gab (vgl. Per­kinson 1995). Ver­kürzt aus­ge­drückt kann die zen­trale Frage „Kind oder Cur­ri­culum?“ nicht dadurch auf­gelöst werden, indem das „oder“ negiert wird.

Der Dua­lismus beherrscht wieder die öffent­liche Rhe­torik und prägt die päd­ago­gi­schen Lager. Dabei liegt das „und“ schon aus ganz tri­vialen Gründen bei Zuhil­fe­nahme des Haus­ver­stands nahe.

Fakt ist, dass die Ideen von Dewey und anderen Denkern wie der Frank­furter Schule bis heute sehr starken Ein­fluss auf Bildung und Gesell­schaft haben, jedoch auch kon­trovers dis­ku­tiert werden müssen, was ich in meinem Buch „Umer­ziehung zum neuen Men­schen“ noch tie­fer­gehend erläutere. Die Ent­wicklung der Demo­kratie und die Rolle von Bildung und Ideo­logie bleiben zen­trale Themen der gesell­schaft­lichen Debatte.

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