(c) anti-matrix.com: Eine Karte in Miller-Zylinderprojektion zeigt die Hauptfelddeklination (D) des Erdmagnetfelds gemäß der Vorhersage des Weltmagnetmodells (WMM) für 2025. Die Konturintervalle betragen 2 Grad und verdeutlichen die Komplexität des Magnetfelds sowie die unzuverlässigen Zonen in Polnähe

Die magne­tische Kraft der Erde ver­lagert sich von Kanada nach Sibirien

Satel­li­ten­mes­sungen von 2014 bis 2025 zeigen, dass sich die Region mit dem stärksten Magnetfeld der Nord­halb­kugel von Kanada nach Sibirien ver­lagert, da der kana­dische Lobus schwächer und der sibi­rische Lobus stärker wird. 

Diese Neu­ver­teilung steht in direktem Zusam­menhang mit der anhal­tenden Ost­drift des magne­ti­schen Nordpols, der sich mit etwa 36 km/h (22 mph) bewegt. 

Die Ver­la­gerung ver­ändert die magne­tische Dekli­nation und beein­flusst Navi­ga­ti­ons­systeme messbar, was häufige Aktua­li­sie­rungen des Welt­ma­gnet­mo­dells (WMM) erfor­derlich macht, das von Flug­zeugen, Schiffen, U‑Booten und GPS-Geräten genutzt wird. Im gleichen elf­jäh­rigen Zeitraum blieb die Region mit dem stärksten Magnetfeld der Süd­halb­kugel zwi­schen Aus­tralien und der Ant­arktis weit­gehend stabil.

Vier Jahr­hun­derte lang befand sich die stärkste Kon­zen­tration des Erd­ma­gnet­felds der Nord­halb­kugel unter Kanada, ver­ankert in den tiefen Strö­mungen seines äußeren Erd­kerns. Nun zeigen hoch­präzise Satel­li­ten­daten, dass sich diese Dominanz nach Osten in Richtung Sibirien verlagert.

Daten der Swarm-Satel­li­ten­kon­stel­lation der Euro­päi­schen Welt­raum­or­ga­ni­sation, die über 11 Jahre kon­ti­nu­ier­licher Beob­achtung gesammelt wurden, zeigen, dass das starke Magnet­feld­gebiet unter Kanada stetig schrumpft und schwächer wird, während sich das ent­spre­chende Gebiet unter Sibirien aus­dehnt und ver­stärkt – ein geo­phy­si­ka­li­scher Ener­gie­transfer mit realen Kon­se­quenzen für Navi­ga­ti­ons­systeme weltweit.

Die Ergeb­nisse wurden in einer Studie von For­schern der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Dänemark ver­öf­fent­licht, die in der Fach­zeit­schrift „Physics of the Earth and Pla­netary Inte­riors“ erschienen ist.

Die Studie kar­tiert die Magnet­feld­stärke an der Erd­ober­fläche zwi­schen 2014 und 2025 und misst, wie viel Fläche innerhalb bestimmter Feld­stär­ke­schwellen liegt. Das Bild auf der Nord­halb­kugel ist eindeutig.

In Kanada schrumpfte die Fläche innerhalb der Feld­stär­ke­kontur von 57.000 Nano­tesla (nT) im Laufe von elf Jahren um 0,65 % der Erd­ober­fläche. Die maximale Feld­stärke im kana­di­schen Sektor sank von 58.832 nT auf 58.031 nT – ein Rückgang um 801 nT bzw. 1,4 %. Die Fläche innerhalb der Kontur von 55.000 nT ver­rin­gerte sich im gleichen Zeitraum um 0,41 % der Erdoberfläche.

In Sibirien hin­gegen haben sich gegen­läufige Ver­än­de­rungen voll­zogen: Dort hat sich das Stark­feld­gebiet stetig aus­ge­dehnt und ver­stärkt. Zwi­schen 2014 und 2025 wuchs seine Fläche um 0,42 % der Erd­ober­fläche, und seine maximale Feld­stärke stieg um 260 nT – von 61.359 nT auf 61.619 nT. Der sibi­rische Lobus, der bereits vor einem Jahr­zehnt dominant war, führt nun mit deutlich grö­ßerem Abstand.

Auf der Süd­halb­kugel blieb die Region mit starkem Magnetfeld zwi­schen Aus­tralien und der Ant­arktis im gleichen Zeitraum nahezu unver­ändert. Ihre maximale Feld­stärke sank in den­selben elf Jahren um lediglich 37 nT, weniger als ein Zwan­zigstel des Rück­gangs in Kanada. Dies bestätigt, dass die dra­ma­tische Umstruk­tu­rierung ein Phä­nomen der Nord­halb­kugel ist.

Die Ver­än­de­rungen an der Erd­ober­fläche werden durch Vor­gänge in etwa 3000 km Tiefe (1800 Meilen) ver­ur­sacht, an der Grenze zwi­schen dem flüs­sigen äußeren Erdkern und dem umge­benden Gesteins­mantel. Unter Kanada bzw. Sibirien befinden sich zwei große Kon­zen­tra­tionen starken magne­ti­schen Flusses, und die Ver­än­de­rungen im Fluss des geschmol­zenen Eisens zwi­schen ihnen bestimmen, welche die stärkere Anzie­hungs­kraft ausübt.

Unter­su­chungen, die zeit­gleich mit und vor der Swarm-Studie ver­öf­fent­licht wurden, weisen auf einen Prozess hin, der sich zwi­schen 1970 und 1999 zu ver­stärken begann: Ver­än­de­rungen im Kern­fluss ver­län­gerten und schwächten dann den kana­di­schen Fluss­lobus, während der sibi­rische Lobus relativ stärker wurde.

Die Swarm-Daten quan­ti­fi­zieren nun die Folgen dieses Pro­zesses, der sich über die fol­genden anderthalb Jahr­zehnte erstreckte: Der kana­dische Lobus an der Kern-Mantel-Grenze hat an Größe und Stärke abge­nommen, während sich die sibi­rische Kon­zen­tration aus­ge­dehnt hat.

„Das Magnetfeld wird in Kanada schwächer, aber um Sibirien herum stärker, und das zieht den magne­ti­schen Pol in Richtung Sibirien“, sagte Ciarán Beggan, Geo­phy­siker beim British Geo­lo­gical Survey.

Die Wan­derung der magne­ti­schen Energie im Unter­grund folgt direkt der Bewegung des magne­ti­schen Nordpols selbst – dem Punkt auf der Erd­ober­fläche, an dem eine Kom­pass­nadel senk­recht nach unten zeigt.

Der Pol befand sich min­destens 400 Jahre lang innerhalb der kana­di­schen Arktis, bevor er in den 1990er Jahren begann, sich in Richtung Russland zu bewegen. Anfang der 2000er Jahre erreichte er eine Rekord­ge­schwin­digkeit von rund 55 km/h. Laut dem jüngsten Bericht der NOAA hat sich diese Geschwin­digkeit in letzter Zeit deutlich ver­langsamt und liegt nun bei etwa 36 km/h pro Jahr.

Der bri­tische geo­lo­gische Dienst (BGS) bezeichnete dies als die größte Ver­lang­samung in der auf­ge­zeich­neten Geschichte. Wis­sen­schaftler des BGS pro­gnos­ti­zieren, dass sich der Pol in den nächsten fünf Jahren weiter in Richtung Sibirien bewegen wird, wenn auch langsamer.

Die 11-jährige Swarm-Auf­zeichnung erfasst diese Ver­lang­samung in den Magnet­feld­daten selbst: Die Ände­rungsrate in Kanada und Sibirien ist seit 2014 kon­stant, hat sich aber nicht beschleunigt, was mit der an der Ober­fläche beob­ach­teten Ver­lang­samung des Pols übereinstimmt.

Das Welt­ma­gnet­modell (WMM) , der globale Standard für mili­tä­rische und zivile Flug­zeuge, Schiffe, U‑Boote und GPS-Geräte, muss aktua­li­siert werden, um die Ver­än­de­rungen des Magnet­felds zu erfassen. Die NOAA und der British Geo­lo­gical Survey ver­öf­fent­lichten 2025 eine neue Version des WMM – die detail­lier­teste, die je erstellt wurde, mit einer zehnmal höheren räum­lichen Auf­lösung als ihre Vorgänger.

Die Dring­lichkeit des Updates wird durch den Navi­ga­ti­ons­fehler ver­deut­licht, den es kor­ri­giert: Ein Rei­sender, der sich bei einer 8.500 km langen Reise von Süd­afrika nach Groß­bri­tannien auf das Vor­gän­ger­modell ver­lassen hatte, hätte bis zu 150 km vom Kurs abweichen können.

Das neue WMM berück­sichtigt die anhal­tende Ver­schiebung des magne­ti­schen Nordpols von Kanada nach Sibirien. Der jüngste Jah­res­be­richt der NOAA, ver­öf­fent­licht im Januar 2026, bestä­tigte, dass die Position des magne­ti­schen Nordpols im ver­gan­genen Jahr nahe an den Modell­vor­her­sagen blieb und sich mit etwa 36 km/h (22 mph) bewegte – immer noch schnell genug, dass jede fünf Jahre alte See­karte messbar ver­altet ist.

 

 

Der Übergang von Kanada nach Sibirien ist auf geo­lo­gi­schen Zeit­skalen nicht bei­spiellos. Ana­lysen von ark­ti­schen Sedi­ment­kernen aus Spitz­bergen, die 2022 ver­öf­fent­licht wurden, zeigten, dass der magne­tische Nordpol in den ver­gan­genen 22.000 Jahren mehrfach zwi­schen den beiden Regionen oszil­lierte, wobei Perioden rascher Drift lange Abschnitte rela­tiver Sta­bi­lität unterbrachen.

Neu ist die Mög­lichkeit, dies nahezu in Echtzeit zu beob­achten. Die Swarm-Kon­stel­lation umkreist die Erde 15 bis 16 Mal täglich und liefert so eine kon­ti­nu­ier­liche Auf­zeichnung, die es For­schern erstmals ermög­licht, die langsame Drift des Kern­feldes von kurz­pe­ri­odi­schen Schwan­kungen zu trennen, die durch Mee­res­strö­mungen, iono­sphä­rische Strö­mungen und Welt­raum­wetter ver­ur­sacht werden.

Die ESA hat ihre Absicht bekundet, Swarm auch über das Jahr 2030 hinaus in Betrieb zu halten, da eine Periode redu­zierter Son­nen­ak­ti­vität einen noch bes­seren Zugang zum Kern­signal ermög­lichen wird.

Bis dahin wird der Wett­streit zwi­schen Kanada und Sibirien bereits ein halbes Jahr­hundert andauern, und die Auf­zeich­nungen von Swarm werden noch mehr Erkennt­nisse liefern können.


Der Artikel erschien zuerst bei anti-matrix.com.

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