Was jahrzehntelang undenkbar war, wird plötzlich wieder politisches Leitmotiv: Deutschland soll „kriegstüchtig“ werden. Doch was steckt wirklich hinter diesem Begriff – mit dem bereits die Nazis die Bevölkerung auf Krieg eingeschworen haben und wer treibt diese äußerst gefährliche Entwicklung voran?
TEIL 1 – DIE RÜCKKEHR DER KRIEGSTÜCHTIGKEIT
Ein Wort kehrt zurück.
Ein Wort, das viele längst aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt glaubten.
Was einst tief in den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte verankert war, taucht heute wieder auf – nicht am Rand, sondern im Zentrum politischer Debatten.
Der Journalist Hubert Brieden meint dazu:
„Beim Begriff ‚kriegstüchtig‘ handelt es sich bereits um eine stärkere Dosis aus dem Giftschrank militaristischer Rhetorik.“
Quelle: https://ak-regionalgeschichte.de/wp-content/uploads/Kriegstuechtigkeit-das-Wort-Essay.pdf
Offiziell geht es dabei um Sicherheit.
Um Verteidigungsfähigkeit.
Um eine neue Realität in einer gefährlicher gewordenen Welt.
Doch Kritiker sehen mehr.
Im Zuge der sogenannten „Zeitenwende“ vollzieht sich ein Wandel, der weit über militärische Fragen hinausgeht.
Das Wort „Zeitenwende“ ist wie „Kriegstüchtigkeit“, wie wir noch sehen werden, ebenfalls vorbelastet.
Kein anderer als NS-Propagandaminister Joseph Goebbels erklärte in einer Rundfunkansprache am 24. Dezember 1942:
„Was haben wir in den vergangenen 3½ Jahren nicht alles gelernt! Wir sind uns erst jetzt unserer Kraft bewußt geworden. Wir wissen, daß das Leben unseres Volkes über allem anderen steht, daß wir dafür kämpfen und arbeiten müssen, wenn wir es behaupten wollen, daß unser eine große Zukunft wartet, wenn wir sie nur erkennen und ihr gehorchen, daß wir an einer Wende der Zeit stehen und daß es jetzt darauf ankommt, das zu begreifen und danach zu handeln, daß das Schicksal uns lange prüft, ob wir zur Führung berufen sind, daß wir unsere Ansprüche nicht nur erheben dürfen, daß wir sie uns auch verdienen müssen, daß wir niemals verlassen sind, wenn wir uns nicht selbst im Stich lassen, daß die Tapferkeit des Herzens zumal im Kriege höher zu weiten ist als der klügelnde Intellekt, daß wir im Begriff sind, eine Nation zu werden und deshalb alles tun müssen, um die Neugeburt unseres Volkes zu beschleunigen, daß wir alle wichtig und unentbehrlich …“
Deutschland, lange geprägt von Zurückhaltung, scheint sich neu auszurichten – nicht nur strategisch, sondern auch militärisch und vor allem mental.
Der Begriff „kriegstüchtig“ ist dabei kein technischer Begriff. Er ist ein Signal.
Ein Signal dafür, dass sich nicht nur Armeen verändern sollen – sondern ganze Gesellschaften.

Krieg beginnt im Kopf.
In der Sprache.
In den Bildern, die vermittelt werden.
In den Begriffen, die sich schleichend normalisieren.
Und genau hier setzt die Kritik an: Es gehe längst nicht mehr nur um Panzer, Waffen oder Milliardenprogramme.
Es gehe um eine mentale Mobilmachung.
Um die Vorbereitung einer Gesellschaft auf einen Zustand, der über Jahrzehnte als überwunden galt.
Diese Entwicklung zeigt sich nicht laut und offen, sondern leise und systematisch. In Schulen, in Universitäten, in Medien.
In Debatten über Resilienz, Sicherheit und Bedrohung. Begriffe, die harmlos klingen – und doch eine klare Richtung vorgeben.
Es sind ausgerechnet die Sozialisten, die darauf aufmerksam machen:
So erschien am 9. Juli 1944, als die Niederlage der Wehrmacht bereits nicht mehr aufzuhalten war, die nationalsozialistische Wochenzeitung Das Reich mit der Schlagzeile „Kriegstüchtig wie nur je“. Der Leitartikel aus der Feder von Propagandaminister Joseph Goebbels beschwört die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands und verlangt, alle Kräfte der „Nation“ für den „Sieg“ zu mobilisieren. Dieses Ziel verfolgt die herrschende Klasse auch heute wieder.
Quelle: https://www.wsws.org/de/articles/2023/11/12/mili-n12.html
Hier:
Quelle Screenshot/Bildzitat: https://www.wsws.org/de/articles/2023/11/12/mili-n12.html
Am 16. Mai 1943 konstatierte NS-Propagada-Minister Joseph Goebbels, dass ein „Mentalitätswechsel“ zugunsten der Kriegstüchtigkeit längst abgeschlossen und konsolidiert sei. Den vollzogenen „Mentalitätswechsel“ nennt er „moralische Kriegstüchtigkeit“:
„Die moralische Kriegstüchtigkeit unseres Volkes an der Front und in der Heimat ist vollkommen unantastbar.“
Am 18. Juli 1943 erläuterte Goebbels, dass für vollumfängliche Kriegstüchtigkeit nicht allein die materielle Rüstung entscheidend ist, sondern eben auch die „Moral“ – dass Kriegstüchtigkeit immer auch eine Frage der „Mentalität“ ist:
„Neben dem Krieg der Waffen, der soeben in ein neues Stadium eingetreten ist, spielt sich ein erbitterter Krieg der Nerven ab. Er verdient mehr Beachtung, als ihm im allgemeinen geschenkt wird. Selbstverständlich können nur die Waffen die letzte Entscheidung bringen, aber dazu bedürfen sie einiger wichtiger Voraussetzungen, unter denen die Kriegstüchtigkeit der Moral von hervorragendster Bedeutung ist. Es wurde schon öfter darauf hingewiesen, daß wir den ersten Weltkrieg auf diesem Felde verloren haben, ein Beweis dafür, daß das Fehlen dieser Voraussetzung kriegsentscheidend sein kann.“

Was auf den ersten Blick nach Schutz und Stabilität klingt, steht in der Praxis für eine engere Verzahnung von Militär und Gesellschaft.
Zivile Strukturen werden eingebunden, Reservisten aktiviert, Szenarien durchgespielt, die früher undenkbar schienen.
Die Grenze zwischen zivilem Alltag und militärischer Logik beginnt zu verschwimmen.
Und während all das geschieht, wird ein Narrativ aufgebaut: Deutschland müsse sich vorbereiten.
Deutschland müsse stärker werden.
Deutschland müsse – so das zentrale Wort – „kriegstüchtig“ werden.
Ein Wort, das bleibt.
Ein Wort, das wirkt.
Nicht einfach so erklärte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius bereits im Februar 2024 zum Begriff „Kriegstüchtig“:
„Manche stören sich daran, dass es eine Kombination ist aus einem aus der Mode gekommenen Wort – tüchtig – und einem Wort, dass viele am liebsten verdrängen – Krieg. Dabei ist Tüchtigkeit nichts anderes als eine besondere Form von Tauglichkeit.“
Und weiter: „Wir reden über die Fähigkeit, einen Krieg führen zu können.“
In der Tat, das ist ein klar formuliertes Ziel.
Und das, obwohl den Deutschen seit 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in die Hirne eingetrichtert wurde, wie schlecht Krieg eigentlich ist. Denn die damals Überlebenden haben ihre Kriegstraumatisierungen vielfach an die jüngeren Generationen weitergegeben.
Der Journalist Hubert Brieden macht genau darauf aufmerksam:
In vielen Familien wurde ausgiebig über Kriegs- und Gewalterfahrungen erzählt, verdrängt wurde manches aber vieles auch nicht. Diese Menschen wissen, was Krieg bedeutet, deshalb wollen sie ihn nicht und sprechen sich vehement gegen alle Versuche aus, erneut „kriegstüchtig“ zu werden. Der Verteidigungsminister und seine militärische und politische Entourage haben offensichtlich keine Vorstellungen von diesen Traumatisierungen. Wissen diese Leute auch nichts von der Geschichte ihres so gern benutzten Begriffs?
Quelle: https://ak-regionalgeschichte.de/wp-content/uploads/Kriegstuechtigkeit-das-Wort-Essay.pdf
FORTSETZUNG FOLGT!
Der Artikel erschien zuerst hier: GuidoGrandt.de



























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