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„Von der Politik ver­gessen” – Die ost­preu­ßi­schen Wolfs­kinder und das deutsche Schweigen! (2)


Als der Zweite Welt­krieg endete, begann für viele ost­preu­ßische Kinder erst das Grauen. Allein, hungrig, gejagt – sie irrten durch Wälder und Dörfer: die „Wolfs­kinder“. Ohne Eltern, ohne Heimat, ohne Iden­tität kämpften sie ums nackte Über­leben. Gerettet von Fremden – und später von der Geschichte ver­gessen. Warum schweigt Deutschland bis heute über ihr Schicksal?


Nach dem end­gül­tigen Zusam­men­bruch der deut­schen Front unter der Über­macht der Sowjets zer­brachen in Ost- und West­preußen Familien innerhalb von Stunden. Eltern starben, wurden ver­schleppt oder ver­loren ihre Kinder im Chaos von Flucht und Vertreibung.

Zurück blieben Zehn­tau­sende Jungen und Mädchen.

Allein.

Hungrig.

Ver­loren.

Viele dieser Kinder schlossen sich zu kleinen Gruppen zusammen und durch­streiften Wälder und Dörfer, immer auf der Suche nach Nahrung, Schutz – und einem Rest Menschlichkeit.

Sie lebten wie Gejagte.

Deshalb nannte man sie später:

„Wolfs­kinder“.

Ein Begriff, der kaum erfassen kann, was sie durchlitten.

Denn diese Kinder exis­tierten am Rand der Gesell­schaft – oder ganz außerhalb von ihr. Sie bet­telten, arbei­teten für ein Stück Brot, ver­steckten sich, passten sich an, ver­leug­neten ihre Herkunft.

Denn sie waren Deutsche.

Und in der Nach­kriegszeit konnte das ein Todes­urteil sein.

Geo­po­li­tische Ent­schei­dungen der Sie­ger­mächte trugen maß­geblich zu dieser Situation bei.

Wilde und bar­ba­rische Ver­trei­bungen von zig Mil­lionen deut­schen Men­schen, über­wiegend Frauen, Kinder und Greise wurden in Kauf genommen, bewusst organisiert.

Das Ergebnis war ein unüber­schau­bares Chaos. Mil­lionen ver­loren ihr Leben.

Familien wurden aus­ein­an­der­ge­rissen.
Kinder ver­loren jede Orientierung.

Einige wurden in sowje­tische Kin­der­heime gebracht.
Andere flohen nach Litauen.
Wieder andere wurden in alle Rich­tungen zerstreut.

Was blieb, war ein Leben im Ausnahmezustand.

Viele der Wolfs­kinder, die in Litauen über­lebten, berichten von ähn­lichen Schick­salen: Sie ver­loren ihre Sprache, ihre Namen, ihre Iden­tität. Sie mussten sich in eine fremde Kultur ein­fügen – oft unter här­testen Bedingungen.

Sie arbei­teten früh, erhielten kaum Bildung, lebten in stän­diger Angst, ent­deckt zu werden.

Denn jede Hilfe konnte jederzeit enden.

Litauen selbst war von der Sowjet­union besetzt. Auch dort herrschte Miss­trauen, Kon­trolle, poli­tische Repression.

Und dennoch gab es Menschlichkeit.

Litauische Familien nahmen deutsche Wolfs­kinder auf, ris­kierten viel, um ihnen zu helfen.

Diese Hilfe war oft das Einzige, was zwi­schen Leben und Tod stand.

Über Jahr­zehnte hinweg fanden die Wolfs­kinder kaum Platz im öffent­lichen Gedächtnis.

Ihre Geschichten galten als unbequem.

Erst mit dem Ende der Sowjet­union konnten viele von ihnen über­haupt offen sprechen.

Erst dann begann eine langsame, vor­sichtige Aufarbeitung.

Doch bis heute bleibt sie unvollständig.

Und genau deshalb ist der 14. Sep­tember, der im Juni 2024 vom litaui­schen Par­lament zum natio­nalen Gedenktag für die ost­preu­ßi­schen Kinder erklärt worden war, so bedeutend.

Er zeigt, was möglich ist: Erin­nerung ohne Rela­ti­vierung. Mit­gefühl ohne poli­tische Agenda.

Während Litauen erinnert, ver­drängt Deutschland.

Während andere wür­digen, schweigen hiesige Politik und Medien.

Die Wolfs­kinder – einst Opfer von Krieg, Hunger und Ver­treibung – sind heute erneut Opfer geworden:

Opfer des Vergessens.

Und dieses Ver­gessen ist kein Zufall.

Es ist eine Entscheidung.

Eine Ent­scheidung, die endlich hin­ter­fragt werden muss!


✍️ Mein per­sön­licher Bezug:

Ich bin ein Nach­ge­bo­rener west­preu­ßi­scher Flücht­linge aus Danzig. Ich habe die Flucht nicht selbst erlebt, aber ich habe ihre Folgen gespürt. In den Erzäh­lungen, in den Brüchen der Bio­grafien, in den unaus­ge­spro­chenen Traumata meiner Familie väter­li­cher­seits. Und genau deshalb ist das heutige Schweigen der deut­schen Politik so schwer zu ertragen. Denn es zeigt, dass Geschichte nicht nur ver­gessen werden kann – sondern bewusst aus­ge­blendet wird. Sogar, wenn es um die Kleinsten geht – den Kindern!


Quellen: https://low-hessen.de/kultur-geschichte/landeskulturtagung/landeskulturtagung-2024-der-landsmannschaft-der-ost-und-westpreussen-landesgruppe-hessen-e‑v/litauischer-gedenktag-fuer-wolfskinder?fbclid=IwY2xjawRdFodleHRuA2FlbQIxMABicmlkETExNWZvTG91a0k3U2dxQTJzc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHkn_h2i65RaL2E9KxOLVEyKhT9RANQOtf2naMW1-JarIAVdsUeEl3YrQCtDC_aem_nqhDr4Z5LF14hT06FYjLXA; https://nationalgeographic.de/geschichte-und-zivilisation/2023/09/die-vergessenen-wolfskinder-ostpreussens/

Der Artikel erschien zuerst hier: GuidoGrandt.de

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