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Merz beklagt die Kriegs­mü­digkeit der Deutschen

(David Berger) Friedrich Merz will nach einem Bericht der „Neuen Zürcher Zeitung“ die „kriegs­müden Bürger auf­rütteln“. Deutschland trage als Macht in der Mitte Europas „besondere Ver­ant­wortung“. Man sollte bei solchen Sätzen genau hin­hören. Denn das Grund­gesetz kennt tat­sächlich eine besondere deutsche Ver­ant­wortung – aller­dings for­mu­liert es sie zunächst als Auftrag, „dem Frieden der Welt zu dienen“.

Merz wolle die „kriegs­müden Bürger auf­rütteln“, zitiert die NZZ den Bun­des­kanzler. Dazu der völlig inkom­pa­tibele Satz: „Wir Deutsche tragen als die Macht in der Mitte Europas besondere Ver­ant­wortung.“ Was bedeutet eigentlich „kriegsmüde“? Dass man – um weiter in der Sphäre des Black­ro­ckers zu bleiben eigentlich auf den Friedhof gehört? Sind Men­schen, die nach mehr als vier Jahren Krieg in der Ukraine auf Ver­hand­lungen, Dees­ka­lation und ein Ende des Sterbens hoffen, bloß müde und träge geworden? Muss man sie „auf­rütteln“, damit sie sich wieder an den Gedanken eines womöglich noch jah­re­langen Krieges gewöhnen, ja diesen aus­drücklich begrüßen und munter gar nicht genug von dem Schlachten in Stahl­ge­wittern bekommen? Bis endlich der Span­nungsfall aus­ge­rufen werden und das unein­sichtige Volk so davon abge­halten werden kann, Merz und seine Bande abzuwählen …

Gerade ein deut­scher Bun­des­kanzler sollte bei solchen Worten vor­sichtig sein. Die Prä­ambel des Grund­ge­setzes sagt aus­drücklich, Deutschland wolle als gleich­be­rech­tigtes Glied in einem ver­einten Europa „dem Frieden der Welt dienen“. Artikel 26 erklärt Hand­lungen für ver­fas­sungs­widrig, die in ent­spre­chender Absicht geeignet sind, „das fried­liche Zusam­men­leben der Völker zu stören“, ins­be­sondere die Vor­be­reitung eines Angriffs­krieges oder die Unter­stützung eines ange­grif­fenen Staates per se ver­fas­sungs­widrig wären. Die Wis­sen­schaft­lichen Dienste des Bun­des­tages haben zudem darauf hin­ge­wiesen, dass das Frie­dens­gebot der Prä­ambel eine positive Ver­pflichtung zur För­derung des inter­na­tio­nalen Friedens enthält. Davon, dass Kriegs­geilheit eine Staats­raison ist und Waf­fen­lie­fe­rungen in Kriegs­ge­biete eine Tugend, um Kriege mög­lichst zu ver­längern, bis man findet sich dort nichts.

Frie­dens­engel aus der Hölle gehören auf den Friedhof

Umso wich­tiger ist die poli­tische Frage, welche Vor­stellung von Frieden Merz ver­tritt. Bereits sein viel dis­ku­tierter Satz „Frieden findet man auf jedem Friedhof“ brachte eine Haltung zum Aus­druck, bei der Frieden ohne Freiheit und Sicherheit als wertlos zurück­ge­wiesen wird. Aus der Per­spektive der Bun­des­re­gierung folgt daraus die Not­wen­digkeit mili­tä­ri­scher Abschre­ckung und wei­terer Unter­stützung der Ukraine. Kri­tiker halten dagegen, dass Abschre­ckung und Auf­rüstung ohne eine ebenso ener­gische diplo­ma­tische Initiative die Eska­la­ti­ons­gefahr erhöhen können. Das eigent­liche Ärgernis an der Rede von der „Kriegs­mü­digkeit“ liegt deshalb tiefer. Kriegs­mü­digkeit ist keine Cha­rak­ter­schwäche. Nach hun­dert­tau­senden Toten und Ver­wun­deten, zer­störten Städten und Mil­lionen Ver­trie­benen ist der Wunsch nach einem Ende des Krieges zunächst einmal etwas zutiefst Mensch­liches. Eine Regierung muss erklären, warum sie Waf­fen­lie­fe­rungen und Abschre­ckung für not­wendig hält. Sie muss sich aber zuvor die Frage beant­worten, welche kon­kreten diplo­ma­ti­schen Wege sie ver­folgt, um das Töten zu beenden.

Und ja: Deutschland trägt auf­grund seiner Lage, seiner Geschichte und seines poli­ti­schen Gewichts eine besondere Ver­ant­wortung. Gerade deshalb sollte diese Ver­ant­wortung nicht in Mil­li­arden für Rüstung, Waf­fen­lie­fe­rungen und mili­tä­ri­scher Durch­hal­te­fä­higkeit sichtbar werden. Sie besteht vielmehr darin, Gesprächs­kanäle offen­zu­halten, Eska­la­tionen zu ver­hindern und jede rea­lis­tische Mög­lichkeit eines trag­fä­higen Friedens aus­zu­loten. Der Ruf: „Russland wird immer unser Feind sein“ schlägt den genau umge­kehrten Weg ein.

Merz‘ gestörtes Ver­hältnis zu unserem Grundgesetz

Die Deut­schen müssen sich daher nicht dafür recht­fer­tigen, dass viele von ihnen des Krieges müde sind. Erklä­rungs­be­dürftig ist vielmehr eine Politik, die von den Bürgern immer neue Bereit­schaft zu mili­tä­ri­scher Kon­fron­tation ver­langt, ohne ihnen über­zeugend dar­zu­legen, auf welchem poli­ti­schen Weg dieser Krieg schließlich beendet werden soll. Denn die besondere Ver­ant­wortung Deutsch­lands steht tat­sächlich im Grund­gesetz. Dort heißt ihr Ziel nicht Kriegs­tüch­tigkeit und auch nicht Durch­hal­te­fä­higkeit, sondern: dem Frieden der Welt zu dienen.

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