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Noch mehr Sozia­lismus wagen? Ein Blick auf die Wahl in Berlin

Am Sonntag, dem 20. Sep­tember 2026 wurde in Berlin gewählt. Die Ergeb­nisse dieser Wahl führten zu einem inten­siven Medi­enecho. Es lohnt sich – auch aus Per­spektive der Öster­rei­chi­schen Schule der Natio­nal­öko­nomie – einen Blick darauf zu werfen.

(von Rainer Fass­nacht)

Nach­fol­gende Angaben beziehen sich auf das von der Lan­des­wahl­leitung ver­öf­fent­lichte vor­läufige Ergebnis vom 21. Sep­tember um 03:33:56 Uhr. Die Daten wurden am 24. Sep­tember um 10:20 Uhr abge­rufen (bei einem spä­teren Aufruf des Links gibt es mög­li­cher­weise Abweichungen).

Ergeb­nisse der Wahl

Es gab 2.487.318 Wahl­be­rech­tigte, wovon 1.846.170 (74,2 %) zur Wahl gingen. Zur Ori­en­tierung der Ver­gleich mit der Ein­woh­nerzahl: laut Sta­tistik Berlin Bran­denburg hatte Berlin am 30. Juni 2026 ins­gesamt 3.917.196 Ein­wohner. Demnach wählten rund 47 Prozent der Ein­wohner, und etwa 16 Prozent der Ein­wohner hätten wählen dürfen, taten es aber nicht.

Das große Medi­enecho war ins­be­sondere darauf zurück­zu­führen, dass „Die Linke“ die größten Zuwächse bei Erst- und Zweit­stimmen ver­zeichnen konnte und die meisten Stimmen gewann. 468.060 Wähler (25,7 %) gaben dieser Partei ihre Zweit­stimme und 435.898 (24,0 %) ihre Erst­stimme. „Die Linke“ kommt damit auf 47 von 158 Sitzen im Abge­ord­ne­tenhaus von Berlin.

Die CDU verlor deutlich und liegt mit 34 Sitzen auf dem zweiten Platz. Mit deut­lichen Zuwächsen folgt die AfD, die nunmehr mit 29 Sitzen ver­treten sein wird. SPD und Grüne mussten eben­falls Ver­luste hin­nehmen und sind mit 22 respektive 26 Sitzen im Abge­ord­ne­tenhaus von Berlin. Andere Par­teien sind nicht vertreten.

Ein­drücke vom (Plakat-) Wahlkampf

Über mehrere Wochen waren die zahl­reichen Plakate der Par­teien und ihrer Kan­di­daten kaum zu über­sehen. An den Haupt­ver­kehrs­adern domi­nierten groß­for­matige Bilder der Spit­zen­kan­di­daten, in den Sei­ten­straßen waren über­wiegend kleinere Poster mit etwas mehr Text­anteil an den Laternen zu finden.

Bemer­kenswert war, dass diesmal bei vielen Par­teien zwei Themen besonders im Fokus der Print­werbung standen – Ver­wahr­losung und Mieten. Die Regie­rungs­par­teien, die Oppo­si­ti­ons­par­teien und die neuen Her­aus­for­derer wollten Wähler damit über­zeugen, etwas gegen die in Berlin offen­sicht­liche Ver­wahr­losung und den ange­spannten Woh­nungs­markt zu tun. Oft hätte man die Slogans und die Par­teien aus­tau­schen können und es wäre kaum aufgefallen.

Das ist wenig ver­wun­derlich, schließlich ist die Ver­wahr­losung für die Ein­wohner Berlins außerhalb von „Gated Com­mu­nities“ nicht zu über­sehen. Auch Besu­chern der Stadt bleibt der Verfall nicht ver­borgen. Gäste, welche die Unter­führung zwi­schen der S‑Bahn und Messe-Nord nutzen, bekommen davon einen beson­deren Ein­druck – kaputte Trep­pen­stufen, defekte Roll­treppen, Obdachlose und urin­ge­schwän­gerte „Ber­liner Luft“ hin­ter­lassen einen prä­genden Eindruck.

Auch die Lage auf dem Woh­nungs­markt ist ein nach­voll­zieh­bares Thema, da Berlin mit über 50 % den höchsten Miet­woh­nungs­anteil in Deutschland und auch den höchsten Wert in der gesamten Euro­päi­schen Union hat.

Es kommt hinzu, dass während der Teilung Berlins die Mieten im (sub­ven­tio­nierten) Westteil und im (sozia­lis­ti­schen) Ostteil der Stadt unter­durch­schnittlich waren. Als die Mauer fiel, lagen die Mieten in Berlin weit unterhalb von jenen, die in anderen Lan­des­haupt­städten anzu­treffen sind (und die Bau­sub­stanz im Osten war am Ero­dieren). In Ver­bindung mit deut­lichem Zuzug führte dies dazu, dass die Mieten nach dem Mau­erfall deutlich anzogen.

Erkennt­nisse – „Die Linke“ und die sozia­lis­tische Idee

„Die Linke“ konnte die meisten Wäh­ler­stimmen gewinnen. Sie tat dies mit For­de­rungen wie „Wohn­kon­zerne ent­eignen“ und „Mie­ten­deckel jetzt“. Zahl­reiche weitere Maß­nahmen, welche „Die Linke“ umsetzen möchte, folgen eben­falls dem sozia­lis­ti­schen Lehrbuch. Hier zeigt sich, dass „Die Linke“ die Nach­fol­gerin der SED ist. Diese Aussage ist gerichtlich doku­men­tiert, der Schatz­meister der Partei sagte dazu eides­stattlich vor Gericht aus.

Es über­rascht daher nicht, dass „Die Linke“ – als Fort­führung der SED – auch im neuen Kleid gegen den Preis­me­cha­nismus und das Pri­vat­ei­gentum vor­gehen will. Es ist jedoch erwie­se­ner­maßen falsch zu behaupten, dass mit solchen sozia­lis­ti­schen Maß­nahmen die ange­spannte Woh­nungs­si­tuation der Haupt­stadt ent­spannt werden könnte. Die Linke/SED weiß aller­dings genau, dass die Idee des Sozia­lismus nicht funk­tio­niert, und auch in der DDR nicht funk­tio­niert hat, was im Osten Deutsch­lands gut zu sehen war.

Die DDR-Planer selbst mussten ihr Scheitern zugeben, was im soge­nannten Schürer-Bericht (hier als PDF-Download ver­fügbar) nach­zu­lesen ist. Es ist ein Glücksfall der Geschichte, dass dieses als „Geheime Ver­schluss­sache“ gekenn­zeichnete Dokument vor­liegt, um das Scheitern der DDR-Plan­wirt­schaft kurz vor dem Mau­erfall zu dokumentieren.

Zur Erin­nerung folgt eine Auf­zählung der wich­tigsten Punkte aus der „Analyse der öko­no­mi­schen Lage der DDR mit Schluss­fol­ge­rungen“ von Gerhard Schürer (1921 – 2010), der von 1965 bis 1989 Vor­sit­zender der Staat­lichen Plan­kom­mission beim Minis­terrat der DDR war und das Dokument am 30.10.1989 gemeinsam mit anderen Autoren dem Politbüro des Zen­tral­ko­mitees der Sozia­lis­ti­schen Ein­heits­partei Deutschland (SED) vorlegte:

– Es fehlten mate­rielle und finan­zielle Anreize zu Wirtschaften.

– Es gab ein Miss­ver­hältnis zwi­schen admi­nis­tra­tivem „Überbau“ und pro­duk­tiver Basis.

– Wichtige Bereiche der Ver­sorgung der Bevöl­kerung wurden vernachlässigt.

– Es gab nur geringe Investitionen.

– Inves­tiert wurde in den fal­schen Bereichen.

– Die eigene Planung wird „in bedeu­tendem Umfang nicht erfüllt“.

Die Kern­bot­schaften des Schürer-Berichts sind der Hinweis auf die „unmit­telbar bevor­ste­hende Zah­lungs­un­fä­higkeit“ der DDR und die Ein­sicht, dass „ein funk­tio­nie­rendes System der Leitung und Planung“ nicht gegeben war. Das „unge­schminkte Bild“ zeigt: „Das bestehende System der Leitung und Planung hat sich … nicht bewährt, da öko­no­mische und Preis-Markt-Rege­lungen ausblieben.“

Anders aus­ge­drückt, „Die Linke“ schlägt (scheinbar vor­sätzlich) öko­no­misch schäd­liche Maß­nahmen vor. Sie muss aus Erfahrung und prak­ti­scher Anwendung wissen, dass „Preis-Markt-Rege­lungen“ nötig sind, handelt aber augen­scheinlich gegen bes­seres Wissen.

Der han­delnde Mensch in seiner Indi­vi­dua­lität und Sub­jek­ti­vität, das Wis­sens­problem sowie die durch Ludwig Mises (1881 – 1973) belegte Unmög­lichkeit einer Wirt­schafts­rechnung beim Fehlen von Markt­preisen führen unwei­gerlich zum Scheitern der sozia­lis­ti­schen Ideen. Es ist besorg­nis­er­regend, dass in Berlin auch die meisten anderen Par­teien erwie­se­ner­maßen schäd­liche sozia­lis­tische Posi­tionen ver­treten, wenn sie für Preis­deckel, Min­dest­preise und alle mög­lichen anderen staat­lichen Inter­ven­tionen eintreten.

Hoff­nungsvoll stimmt hin­gegen der Umstand, dass „nur“ etwa 12 % der Ein­wohner Berlins direkt das „sozia­lis­tische Ori­ginal“ gewählt und damit für SED-Politik in neuem Gewand gestimmt haben. Es gibt also zahl­reiche Men­schen, die daran zu zweifeln scheinen, dass ein Mie­ten­deckel und Ent­eig­nungen tat­sächlich dazu bei­tragen könnten, die Situation auf dem Woh­nungs­markt in Berlin zu verbessern.

Es bleibt die Her­aus­for­derung, mög­lichst vielen wei­teren Men­schen die Wider­sprüche der sozia­lis­ti­schen Ideen und deren nega­tiven Folgen zu ver­ge­gen­wär­tigen. „Die Wirt­schafts­rechnung im sozia­lis­ti­schen Gemein­wesen“ von Ludwig von Mises und die der Schürer-Bericht (die Kon­kurs­er­klärung der DDR) sind dabei unver­zichtbare Mittel der öko­no­mi­schen Aufklärung.

Hinweis: Die Inhalte der Bei­träge geben nicht not­wen­di­ger­weise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Rainer Fass­nacht ist Ökonom und freier Jour­nalist. Er schreibt für ver­schiedene Print­medien und Online­platt­formen im In- und Ausland. Haupt­thema seiner Artikel über öko­no­mische Themen ist die Bewahrung der indi­vi­du­ellen Freiheit.

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