Das Konzept der Umerziehung entstand lange vor 1945 und war seit der Französischen Revolution mit politischen Utopien, psychologischer Verhaltenssteuerung und reformpädagogischen Ideen verknüpft, um gezielt einen „neuen Menschen“ zu formen. In unterschiedlichen politischen Systemen – von der Sowjetunion bis zu westlichen Demokratien – wurde Erziehung dabei als Instrument gesellschaftlicher Transformation genutzt, oft mit Spannungen zwischen Freiheitsanspruch, Manipulation und ideologischer Zielsetzung.
(Von Dr. Erwin Rigo)
Der Begriff der „Umerziehung“ wird häufig positiv mit der demokratischen Neuorientierung Deutschlands nach 1945 verbunden. Grundsätzlich bezeichnet er jedoch Maßnahmen mit dem politischen Ziel, Einstellungen und Verhaltensweisen von Individuen oder ganzen Bevölkerungsgruppen gezielt zu verändern. Diese Prozesse können offen repressiv erfolgen – etwa in totalitären Systemen – oder subtil durch psychologische, mediale und pädagogische Methoden. Kontrolle über Leitmedien ermöglicht dabei eine langfristige Beeinflussung des Bewusstseins, wie sie heute auch durch digitale Zensurmechanismen oder gesetzliche Regulierungen sichtbar wird.

Nach dem Ersten Weltkrieg verband sich dieser revolutionäre Impuls mit einem starken Fortschritts- und Machbarkeitsglauben. Reformpädagogische Bewegungen projizierten große Hoffnungen auf die junge Generation. Naturwissenschaftliche und psychologische Erkenntnisse, insbesondere aus der Verhaltensforschung, schienen zu belegen, dass menschliches Verhalten planbar und steuerbar sei. Experimente zur Konditionierung, zunächst an Tieren, wurden auf Menschen übertragen und als neue Lehr- und Lernformen an Laborschulen erprobt. Ziel war die Erziehung eines besseren, sozial angepassten Menschen.
Eine zentrale Rolle spielte dabei der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey. In seinem Werk Democracy and Education (1916) entwickelte er eine Bildungsphilosophie, die Schule als Keimzelle einer demokratischen Gesellschaft verstand. Lernen sollte erfahrungsbasiert („learning by doing“), kindzentriert und auf gesellschaftliche Transformation ausgerichtet sein. Deweys Ideen – die Progressive Education – verbreiteten sich international rasch und machten die Columbia University zu einem Zentrum der Reformpädagogik. Seine Nähe zur empirischen Psychologie, insbesondere zur Verhaltensforschung, prägte sein Verständnis von Erziehung als bewusst steuerbaren Prozess. Parallel dazu entwickelten Psychologen wie Edward Thorndike, Iwan Pawlow und später B. F. Skinner Theorien der Konditionierung, die den Behaviorismus begründeten. Lernen wurde als Reiz-Reaktions-Mechanismus verstanden, bei dem Verhalten durch Belohnung und Bestrafung geformt werden kann. Diese Erkenntnisse hatten weitreichende Auswirkungen auf Pädagogik, Psychologie und Gesellschaftspolitik.
Eine weitere Schlüsselfigur war Edward Bernays, Neffe Sigmund Freuds und Begründer der modernen Public Relations. Er nutzte tiefenpsychologische Erkenntnisse zur gezielten Beeinflussung der öffentlichen Meinung („engineering of consent“). Bernays’ Propagandaarbeit im Ersten Weltkrieg, seine späteren Kampagnen in Werbung und Politik sowie seine Vorstellung einer „unsichtbaren Elite“, die die irrationalen Massen lenkt, verdeutlichen die Verbindung von Psychologie, Manipulation und Demokratieverständnis. Propaganda sollte dabei nicht als Zwang, sondern als Gefühl von Freiheit wahrgenommen werden.
Diese pädagogischen und psychologischen Konzepte wirkten auch international. Dewey reiste nach dem Ersten Weltkrieg nach Japan, China, Russland und in die Türkei, wo er als Berater für Bildungsreformen tätig war. Seine Mission war eng mit dem Selbstverständnis der USA verbunden, Demokratie durch Bildung zu exportieren. Kritiker sehen darin jedoch weniger eine demokratische Ermächtigung „von unten“ als vielmehr eine staatlich gelenkte, von oben verordnete Gesellschaftstransformation, bei der Geschichte, Tradition und Religion bewusst zurückgedrängt wurden.
Auch in Europa fanden diese Ideen Widerhall. In der Schweiz forderten sozialdemokratisch-kommunistische Programme um 1920 die Ablösung der Familie als zentrale Erziehungsinstanz zugunsten der sozialistischen Gemeinschaft. Religion sollte vollständig privatisiert werden, während Schule zum Instrument gesellschaftlicher Umformung wurde. Ähnliche Entwicklungen zeigten sich in Österreich zwischen 1918 und 1934. Die Wiener Schulreform unter Otto Glöckel zielte auf Chancengleichheit, Einheitsschule und eine emanzipatorische Bildung für das Proletariat. Reformpädagogische Ansätze, Individualpsychologie (Alfred Adler) und austromarxistische Theorien verbanden sich mit dem Anspruch, Kinder für eine zukünftige solidarische Gesellschaft zu erziehen.
Dabei zeigte sich ein grundlegender Widerspruch: Während reformpädagogische Praktiker auf politische Neutralität und Selbstentfaltung setzten, betrachteten sozialistische Theoretiker die Schule als Teil der Klassengesellschaft, die echte sozialistische Erziehung kaum leisten könne. Dennoch blieb der Anspruch bestehen, durch Erziehung langfristig eine neue Gesellschaftsordnung zu schaffen – oft verbunden mit hierarchischen Strukturen und ideologischer Zielsetzung wie später Peter Petersen mit seiner Jena Schule vorgeworfen wurde, die 1924 gegründet worden war.
Es ist festzuhalten, dass Umerziehung seit der Moderne eng mit politischen Utopien, psychologischer Verhaltenssteuerung und pädagogischen Reformbewegungen verknüpft ist. Ob in der Sowjetunion, in westlichen Demokratien oder in sozialistischen Reformprojekten Europas: Erziehung wurde wiederholt als Schlüssel zur Formung des „neuen Menschen“ verstanden – mit weitreichenden Konsequenzen für Freiheit, Tradition und individuelle Autonomie.
Wer noch tiefer in die Thematik der Umerziehung einsteigen möchte, dem empfehle ich mein Buch „Umerziehung zum neuen Menschen“, das im Dezember 2025 erschienen ist.

























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