Die Ursprünge der Umer­ziehung – Sowjet­er­ziehung & Reform­päd­agogik seit 1917

Das Konzept der Umer­ziehung ent­stand  lange vor 1945 und war seit der Fran­zö­si­schen Revo­lution mit poli­ti­schen Utopien, psy­cho­lo­gi­scher Ver­hal­tens­steuerung und reform­päd­ago­gi­schen Ideen ver­knüpft, um gezielt einen „neuen Men­schen“ zu formen. In unter­schied­lichen poli­ti­schen Sys­temen – von der Sowjet­union bis zu west­lichen Demo­kratien – wurde Erziehung dabei als Instrument gesell­schaft­licher Trans­for­mation genutzt, oft mit Span­nungen zwi­schen Frei­heits­an­spruch, Mani­pu­lation und ideo­lo­gi­scher Zielsetzung.

(Von Dr. Erwin Rigo)

Der Begriff der „Umer­ziehung“ wird häufig positiv mit der demo­kra­ti­schen Neu­ori­en­tierung Deutsch­lands nach 1945 ver­bunden. Grund­sätzlich bezeichnet er jedoch Maß­nahmen mit dem poli­ti­schen Ziel, Ein­stel­lungen und Ver­hal­tens­weisen von Indi­viduen oder ganzen Bevöl­ke­rungs­gruppen gezielt zu ver­ändern. Diese Pro­zesse können offen repressiv erfolgen – etwa in tota­li­tären Sys­temen – oder subtil durch psy­cho­lo­gische, mediale und päd­ago­gische Methoden. Kon­trolle über Leit­medien ermög­licht dabei eine lang­fristige Beein­flussung des Bewusst­seins, wie sie heute auch durch digitale Zen­surme­cha­nismen oder gesetz­liche Regu­lie­rungen sichtbar wird.

His­to­risch reichen die Wurzeln der Umer­ziehung weit zurück. Bereits nach der Fran­zö­si­schen Revo­lution 1789 ver­folgten die Jako­biner unter Robes­pierre das Ziel, im Sinne Rous­seaus einen „neuen Men­schen“ zu formen. Terror und Gewalt wurden als not­wendige Mittel zur Vor­be­reitung des Volkes auf den Gesell­schafts­vertrag legi­ti­miert. Diese revo­lu­tionäre Tra­dition wirkte bis ins 20. Jahr­hundert fort und beein­flusste ins­be­sondere die rus­sische Okto­ber­re­vo­lution von 1917. Dort wurden Mon­archie und Aris­to­kratie abge­schafft und eine sozia­lis­tische Gesell­schafts­ordnung eta­bliert, die Erziehung als zen­trales Instrument der Gesell­schafts­trans­for­mation verstand.

Nach dem Ersten Welt­krieg verband sich dieser revo­lu­tionäre Impuls mit einem starken Fort­schritts- und Mach­bar­keits­glauben. Reform­päd­ago­gische Bewe­gungen pro­ji­zierten große Hoff­nungen auf die junge Gene­ration. Natur­wis­sen­schaft­liche und psy­cho­lo­gische Erkennt­nisse, ins­be­sondere aus der Ver­hal­tens­for­schung, schienen zu belegen, dass mensch­liches Ver­halten planbar und steu­erbar sei. Expe­ri­mente zur Kon­di­tio­nierung, zunächst an Tieren, wurden auf Men­schen über­tragen und als neue Lehr- und Lern­formen an Labor­schulen erprobt. Ziel war die Erziehung eines bes­seren, sozial ange­passten Menschen.

Eine zen­trale Rolle spielte dabei der ame­ri­ka­nische Phi­losoph und Päd­agoge John Dewey. In seinem Werk Demo­cracy and Edu­cation (1916) ent­wi­ckelte er eine Bil­dungs­phi­lo­sophie, die Schule als Keim­zelle einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft ver­stand. Lernen sollte erfah­rungs­ba­siert („learning by doing“), kind­zen­triert und auf gesell­schaft­liche Trans­for­mation aus­ge­richtet sein. Deweys Ideen – die Pro­gressive Edu­cation – ver­brei­teten sich inter­na­tional rasch und machten die Columbia Uni­versity zu einem Zentrum der Reform­päd­agogik. Seine Nähe zur empi­ri­schen Psy­cho­logie, ins­be­sondere zur Ver­hal­tens­for­schung, prägte sein Ver­ständnis von Erziehung als bewusst steu­er­baren Prozess. Par­allel dazu ent­wi­ckelten Psy­cho­logen wie Edward Thorndike, Iwan Pawlow und später B. F. Skinner Theorien der Kon­di­tio­nierung, die den Beha­vio­rismus begrün­deten. Lernen wurde als Reiz-Reak­tions-Mecha­nismus ver­standen, bei dem Ver­halten durch Belohnung und Bestrafung geformt werden kann. Diese Erkennt­nisse hatten weit­rei­chende Aus­wir­kungen auf Päd­agogik, Psy­cho­logie und Gesellschaftspolitik.

Eine weitere Schlüs­sel­figur war Edward Bernays, Neffe Sigmund Freuds und Begründer der modernen Public Rela­tions. Er nutzte tie­fen­psy­cho­lo­gische Erkennt­nisse zur gezielten Beein­flussung der öffent­lichen Meinung („engi­neering of consent“). Bernays’ Pro­pa­gan­da­arbeit im Ersten Welt­krieg, seine spä­teren Kam­pagnen in Werbung und Politik sowie seine Vor­stellung einer „unsicht­baren Elite“, die die irra­tio­nalen Massen lenkt, ver­deut­lichen die Ver­bindung von Psy­cho­logie, Mani­pu­lation und Demo­kra­tie­ver­ständnis. Pro­pa­ganda sollte dabei nicht als Zwang, sondern als Gefühl von Freiheit wahr­ge­nommen werden.

Diese päd­ago­gi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Kon­zepte wirkten auch inter­na­tional. Dewey reiste nach dem Ersten Welt­krieg nach Japan, China, Russland und in die Türkei, wo er als Berater für Bil­dungs­re­formen tätig war. Seine Mission war eng mit dem Selbst­ver­ständnis der USA ver­bunden, Demo­kratie durch Bildung zu expor­tieren. Kri­tiker sehen darin jedoch weniger eine demo­kra­tische Ermäch­tigung „von unten“ als vielmehr eine staatlich gelenkte, von oben ver­ordnete Gesell­schafts­trans­for­mation, bei der Geschichte, Tra­dition und Religion bewusst zurück­ge­drängt wurden.

Auch in Europa fanden diese Ideen Widerhall. In der Schweiz for­derten sozi­al­de­mo­kra­tisch-kom­mu­nis­tische Pro­gramme um 1920 die Ablösung der Familie als zen­trale Erzie­hungs­in­stanz zugunsten der sozia­lis­ti­schen Gemein­schaft. Religion sollte voll­ständig pri­va­ti­siert werden, während Schule zum Instrument gesell­schaft­licher Umformung wurde. Ähn­liche Ent­wick­lungen zeigten sich in Öster­reich zwi­schen 1918 und 1934. Die Wiener Schul­reform unter Otto Glöckel zielte auf Chan­cen­gleichheit, Ein­heits­schule und eine eman­zi­pa­to­rische Bildung für das Pro­le­tariat. Reform­päd­ago­gische Ansätze, Indi­vi­du­al­psy­cho­logie (Alfred Adler) und austro­mar­xis­tische Theorien ver­banden sich mit dem Anspruch, Kinder für eine zukünftige soli­da­rische Gesell­schaft zu erziehen.

Dabei zeigte sich ein grund­le­gender Wider­spruch: Während reform­päd­ago­gische Prak­tiker auf poli­tische Neu­tra­lität und Selbst­ent­faltung setzten, betrach­teten sozia­lis­tische Theo­re­tiker die Schule als Teil der Klas­sen­ge­sell­schaft, die echte sozia­lis­tische Erziehung kaum leisten könne. Dennoch blieb der Anspruch bestehen, durch Erziehung lang­fristig eine neue Gesell­schafts­ordnung zu schaffen – oft ver­bunden mit hier­ar­chi­schen Struk­turen und ideo­lo­gi­scher Ziel­setzung wie später Peter Petersen mit seiner Jena Schule vor­ge­worfen wurde, die 1924 gegründet worden war.

Es ist fest­zu­halten, dass Umer­ziehung seit der Moderne eng mit poli­ti­schen Utopien, psy­cho­lo­gi­scher Ver­hal­tens­steuerung und päd­ago­gi­schen Reform­be­we­gungen ver­knüpft ist. Ob in der Sowjet­union, in west­lichen Demo­kratien oder in sozia­lis­ti­schen Reform­pro­jekten Europas: Erziehung wurde wie­derholt als Schlüssel zur Formung des „neuen Men­schen“ ver­standen – mit weit­rei­chenden Kon­se­quenzen für Freiheit, Tra­dition und indi­vi­duelle Autonomie.

Wer noch tiefer in die The­matik der Umer­ziehung ein­steigen möchte, dem emp­fehle ich mein Buch „Umer­ziehung zum neuen Men­schen“, das im Dezember 2025 erschienen ist.

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