Foto: KI-Bild (ChatGPT) aus einer Covervorlage von Murat Temeltas & Timo Berka

»80 JAHRE GUSTLOFF-TRA­GÖDIE!« – Die fürch­ter­lichste Schiffs­ka­ta­strophe der Mensch­heits­ge­schichte (Teil 2)


Am Abend des 30. Januar 1945 kreuzte die Wilhelm Gustloff, eins­tiges Pres­ti­ge­objekt der NS-Orga­ni­sation KdF, vor der pom­mer­schen Küste ihren letzten Kurs. Unbe­merkt näherte sich das sowje­tische U‑Boot S‑13 unter dem Kom­mando von Alex­ander Marinesko. In einem ris­kanten Über­was­ser­an­griff brachte er sein Boot in Schuss­po­sition. Um 21:16 Uhr feuerte Marinesko drei Tor­pedos auf den Oze­an­riesen ab – ein Angriff, der die größte Schiffs­ka­ta­strophe der Geschichte auslöste.


Der erste Torpedo schlug knapp unter der Was­ser­ober­fläche in das Vor­schiff und damit auch in den Wohn­trakt der Stamm­be­satzung ein. Die Hälfte der zivilen Mann­schaft war tot, bevor sie über­haupt wusste, was geschehen war. Der Zweite entlud sich im Schwimm­becken mit dem Quartier der Mari­ne­hel­fe­rinnen, die eben­falls zer­fetzt wurden. Und das dritte Unter­was­ser­ge­schoss deto­nierte im Maschi­nenraum, riss die Bordwand bis zur Reling entzwei.


ZEIT­ZEUGIN Wal­traud Grüter (21-jährige Mari­ne­hel­ferin): „Es klang wie ein Schrank voller Gläser, der auf eine Stahl­platte fällt.“[i]


ZEIT­ZEUGE Willi Schäfer (Mari­ne­soldat 2. ULD): „Beim ersten Treffer brach die Panik schon aus. Dann kam von der Brücke der Befehl: ‚Behalten Sie Ruhe, das Schiff sinkt nicht.‘ Beim zweiten Treffer neigte es sich schon zur Seite, ein bisschen. Und beim dritten Treffer war nichts mehr zu machen. Und als dann der Befehl kam: ‚Rette sich wer kann‘, gab es kein Halten mehr.“[ii]


ZEIT­ZEUGIN Ursula Pautz (Gustloff-Über­le­bende): „Ein ent­setz­licher Schlag riss mich plötzlich hoch. Gleich darauf folgte ein zweiter und dann ein dritter. Es war, als wenn Eisen­platten mit wahn­sin­niger Wucht gegen­ein­ander geschlagen wurden. Ent­set­zens­schreie rings um mich herum gellten durch die Luft. Wir alle begriffen nicht, was eigentlich los war … Jetzt flammte die Not­be­leuchtung auf, und ich sah die Ver­wüstung. Umge­stürzte Spinde, ein­ge­klemmte schreiende Mädchen …“[iii]


Dem ohren­be­täu­benden Krachen der Deto­na­tionen, die wie Keu­len­schläge eines Riesen anmu­teten, folgten mächtige Luft­druck­wellen, die sich durch das Schiff pressten. Die Besat­zungs­mit­glieder und Pas­sa­giere, ganz egal, wo sie sich in diesen Sekunden auf­hielten, wurden gegen die Wände der Kabinen, Räume, Säle und Gänge geschleudert. Andere flogen aus ihren Kojen oder Betten.

Gleich darauf fiel das Licht aus. Direkt danach sprang die Not­be­leuchtung an. Aber keine Maschine lief mehr. Doch die atemlose Stille, die nach den Explo­sionen folgte, und die Gewissheit, dass das Schiff tödlich getroffen worden war, hielt jene, die sofort wussten, was geschehen war, für bange Sekunden und Minuten in einem schreck­lichen Bann.


ZEIT­ZEUGIN Ursula Pautz (Gustloff-Über­le­bende): Durch die Tür unseres Raumes, die zum Schwimmbad führte, drang Wasser. Ich riss sie mit Gewalt auf. Ich sah ein ent­setz­liches Bild. Die schweren Tische und Bänke waren umge­stürzt, dar­unter und dazwi­schen lagen meine Kame­ra­dinnen, teil­weise schon im Wasser, ein schrei­ender, betender Haufen. Das Wasser stieg von Sekunde zu Sekunde. Die Mädels, die noch nicht ertrunken waren und noch Kräfte ver­spürten, ver­suchten, den Nie­dergang zu erreichen, der nach oben führte. Als ich mich eben­falls durch­ge­kämpft hatte, erlosch meine letzte Hoffnung auf Rettung. Die Schotten waren dicht … Vor mir lag eine wim­mernde Masse junger Mädchen. Ich hörte ihre Ent­set­zens­schreie: ‚Mutter, Mutter, warum hilfst du mir nicht, ich will nicht sterben, ich will nicht sterben …‘“ Ursula Pautz weiter: „Eine Kame­radin neben mir hatte von irgend­woher ein Messer, und mit irrem Ruf: ‚Wenn mir Gott nicht hilft, helfe ich mir selbst!‘, schnitt sie sich die Adern an beiden Armen auf. Das Blut mischte sich mit dem immer höher stei­genden Wasser … Dann stand plötzlich eine Kame­radin neben mir … Sie rief mir zu: ‚An dieser Seite muss ein Not­ausgang sein!‘ Sie stieg über die schreiende Masse hinweg. Ich folgte dicht hinter ihr. Sie zeigte auf eine schmale Tür an der Wand. Mit aller Kraft warfen wir uns dagegen und brachen sie so weit auf, dass wir uns durch­zwängen konnten. Dann sahen wir die schmale Treppe vor uns. Es war der Not­auf­stieg. Unge­ahnte Kräfte wurden in uns wach. Wir liefen um unser Leben, die schmalen Stufen der Eisen­treppe hinauf, so schnell wir konnten. Wir wollten nichts weiter als über­leben …“[iv]


Das schrille Klingeln der Alarm­glocken hörte sich an, wie die Ein­leitung zum Untergang. Genauso war es auch. Die größte Schiffs­ka­ta­strophe der Geschichte nahm ihren Anfang …

Fas­sungslos starrten die sofort auf die Kom­man­do­brücke eilenden Schiffs­of­fi­ziere Petersen, Zahn, Weller und Reese durch die dick­wan­digen Scheiben auf den tief ins Wasser tau­chenden Bug der Gustloff. Mächtige Brecher rollten bereits über das Vor­schiff und ließen erahnen, in welch kata­stro­phaler Lage sich das völlig über­füllte und nun tod­ge­weihte Schiff durch den Tor­pe­do­fächer bereits befand. Und mit ihm seine Besatzung und die Tau­senden von Ver­trie­benen. Selbst das Herz des Oze­an­riesens hatte auf­gehört zu schlagen, durch Feind­be­schuss zum Sterben verurteilt.

Petersen ver­schaffte sich zuerst einmal einen Über­blick über die ent­stan­denen Schäden. Offen­sichtlich saßen alle drei Treffer zwi­schen dem Bug und dem Mit­tel­schiff, was unschwer zu erkennen war. Im vor­deren Drittel des gigan­ti­schen Schiffs­leibes klaffte ein gezacktes Loch bis beinahe zum unteren Pro­me­na­dendeck hinab. Der Versuch des Kapitäns, den Maschi­nenraum zu kon­tak­tieren, misslang, weil das Telefon tot war.

Mit einem wei­teren mäch­tigen Ruck neigte sich die elf Stock­werke hohe Gustloff nach Backbord, so dass die Schlag­seite stetig zunahm. Nichts konnte jetzt mehr die ton­nen­schweren Was­ser­massen auf­halten, die mit ohren­be­täu­bendem Getöse in den tod­wunden Schiffsleib ein­drangen und mit unge­heurer Wucht in die höher gele­genen Decks hin­auf­schossen. Auch nicht die auto­ma­tisch geschlos­senen Schotten, die das Vor­schiff her­me­tisch vom Mit­tel­schiff abdich­teten, um ein schnelles Sinken zu verhindern.

Wer das Pech hatte, sich hinter den eisernen Schot­ten­türen auf­zu­halten, war ver­loren, saß in einer Falle, aus der es kein Ent­kommen mehr gab. Ungleich später jedoch brachen selbst die Schotten in den untersten Decks unter der Gewalt der ein­drin­genden Fluten. Überall schwammen Betten, Matratzen, Stühle, Bänke, Tische, Koffer und Men­schen in der ein­bre­chenden Ostsee – tote und noch lebende.

Auf der Gustloff herrschte jetzt das reine Chaos. Überall ein Schreien, Weinen, Beten, Fluchen.

Fahr­ka­pitän Heinz Weller brüllte laut: „Rot schießen – Rot schießen!“

Der Signalgast auf dem Peildeck schoss sofort rote zischende Raketen in den Himmel. Der letzte Hil­feruf des schnell sin­kenden, ster­benden Schiffes. Für Sekunden blieben die leuch­tenden Ele­mente der Signal­ra­keten in der stock­dunklen Win­ter­nacht stehen, bevor sie vollends abbrannten, ver­lö­schenden Glüh­würmchen gleich. Der blutrote Schein, der die Sze­nerie des Grauens aus der Fins­ternis riss, ver­blasste zuse­hends, während die Schlag­seite des Rie­sen­schiffes ruck­artig zunahm.

Die Raketen waren die einzige Option, um wenigstens das Geleitboot Löwe auf den Notfall auf­merksam zu machen. Denn auch der Funkraum hatte durch die Tor­pe­dierung großen Schaden genommen. Dem­entspre­chend war es dem dienst­ha­benden Funkmaat nicht einmal möglich, ein SOS abzusetzen.

Obwohl im Funkraum der Gustloff alle Geräte ver­stummt waren und somit keine Ver­bindung zur Außenwelt bestand und selbst das Not­ag­gregat nicht funk­tio­nierte, gaben der Ober­funk­meister und seine Leute nicht auf. Immerhin gab es die Mög­lichkeit, die Funk­station über Akkus zu betreiben, um so letzt­endlich doch noch einen SOS-Ruf abzu­setzen. Aller­dings zerstob in diesen Minuten die letzte Hoffnung, denn die Männer mussten fest­stellen, dass die Akkus nicht geladen waren. Der Teufel schien auch hier seine Hände im Spiel zu haben … Aber viel­leicht nicht ganz – drüben auf der Kom­man­do­brücke gab es noch ein Ultra­kurz­wellen-Funk­gerät mit eigener Bat­terie! Und tat­sächlich saß dort ein Funk­ge­freiter der Marine, der das UKW-Gerät mit auf­ge­setztem Kopf­hörer und mit Mikrophon vor dem Mund, fach­män­nisch bediente und immer wieder hin­einrief: „Haben drei Tor­pe­do­treffer … sinken auf Position 55 Grad 7,5 Nord und 17 Grad Ost …“

Natürlich konnte der Funk­spruch keine Funk­stelle an Land erreichen, lag die Reich­weite doch bei maximal zwei­tausend Metern. Aller­dings das vor­aus­lau­fende Geleit­schiff Löwe. Aber auch von dort meldete sich zunächst niemand zurück, weil der Notruf offenbar nicht ankam. Dennoch hatte das Tor­pe­doboot längst bemerkt, dass sich die Gustloff in höchster Not befand, und drehte deshalb nach Backbord ab, um ihr ent­ge­gen­zu­laufen. Irgendwann wurde der Funk­spruch von der Löwe emp­fangen. Dar­aufhin setzte der Funkmaat unver­züglich diese Kriegs­not­meldung ab, die gleich danach bei der Ostsee-Leit­funk­stelle und der Funk­stelle Swi­ne­münde einging.

Wäh­rend­dessen stand auf dem rie­sigen Schiff das Wasser backbord bereits Meter hoch. Das Vor­schiff senkte sich bis unter die her­an­rol­lenden Brecher dra­ma­tisch ab. Die Men­schen an Bord schlit­terten zur Was­ser­seite, genauso wie Tische, Bänke sowie nicht fest ver­an­kerte Gegen­stände, wurden mit­unter von Möbel­stücken regel­recht zer­quetscht oder erschlagen.

Überall herrschte heil­loses Durch­ein­ander und Geschrei, das aller­dings im Tosen des ton­nen­weise ein­drin­genden Wassers sprich­wörtlich unterging. Keiner mehr dachte an „Volk und Vaterland.“ Selbst der zuvor im Alltag der Deut­schen so all­ge­gen­wärtige „Führer“ war jetzt so unwirklich wie eine Fata Morgana. Ebenso der feste Glaube an ein „Tau­send­jäh­riges Reich.“ Völlig real hin­gegen war, dass der Grund der Ostsee, viele Meter unter dem zusam­men­ge­schos­senen Schiffs­wrack, das Grab für Tau­sende Men­schen werden würde.

Frauen und Männer, Kinder und Greise, Zivi­listen und Militärs schickten glei­cher­maßen Stoß­gebete gen Himmel: „Lieber Herrgott, lass uns nicht sterben …“

Aber es schien, als ob Gott in dieser schick­sal­haften Nacht nicht da war. Jeden­falls nicht bei den ums Über­leben kämp­fenden Men­schen. Nur die eisige See, das zer­bre­chende, ver­sin­kende Rie­sen­schiff und ein U‑Boot der Russen. Dafür hielt der Sen­senmann reichlich Ernte, sichelte unzählige Tod­ge­weihte dahin.  Dabei wollten jene, die sich noch an Bord befanden, nur eines: Leben! Über­leben! Von dem Tor­pe­do­be­schuss voll­kommen über­rascht und von seinen Aus­wir­kungen wie Blätter im Herbstwind durch­ein­an­der­ge­wirbelt, dauerte es Minuten, bis sie wieder zu sich fanden, erfüllt von unbän­digem Lebens­willen, dieser Hölle auf See zu entkommen …

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Quellen:

[i] Zitiert nach: Armin Fuhrer: Die Todes­fahrt der „Gustloff“ – Por­träts von Über­le­benden der größten Schiffs­ka­ta­strophe aller Zeiten, München 2007, S. 94

[ii] Zitiert nach: https://www.spiegel.de/geschichte/versenkung-der-wilhelm-gustloff-a-949082.html

[iii] Zitiert nach: Heinz Schön: Die Gustloff-Kata­strophe – Bericht eines Über­le­benden, Stuttgart 1999, S. 280, 289

[iv] Zitiert nach: Heinz Schön: Die Gustloff-Kata­strophe – Bericht eines Über­le­benden, Stuttgart 1999, S. 280, 289


Der Artikel erschien zuerst bei guidograndt.de.

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