Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-464-0383I-26 / Kleiner / CC-BY-SA 3.0 Nemmersdorf (Ostpreußen), ermordete Deutsche (Oktober 1944)

VER­SCHWIEGEN: »OST­PREUßENS HÖL­LEN­FAHRTEN – NEM­MERSDORF UND METGETHEN«


Jahr­zehn­telang ver­schwiegen: Was geschah wirklich in Nem­mersdorf und Met­gethen, als der Krieg Ost­preußen ver­schlang? Dieses erschüt­ternde Dossier rekon­struiert anhand von Augen­zeu­gen­be­richten, his­to­ri­schen Doku­menten und sel­tenen Bild­quellen eines der dun­kelsten und umstrit­tensten Kapitel des Zweiten Welt­kriegs. Zwi­schen Pro­pa­ganda, Ver­tu­schung und grau­samer Rea­lität stellt sich die unbe­queme Frage: Warum wurde das Leid deut­scher Zivi­listen so lange aus dem öffent­lichen Gedächtnis ver­drängt? Ein scho­nungs­loser Blick in die Abgründe von Krieg, Rache und mensch­licher Enthemmung.


»Wie grau­envoll mein Tod gewesen ist, das hat dir keiner noch erzählt, so höre, was er mir getan.«

Dante Ali­ghieri (ita­lie­ni­scher Dichter und Philosoph)

Zwi­schen den ver­gilbten Akten, den ver­stö­renden Foto­grafien und den kaum erträg­lichen Zeu­gen­aus­sagen liegt ein Kapitel deut­scher Geschichte, das bis heute viele lieber ver­schweigen, rela­ti­vieren oder ver­gessen möchten.

Es ist ein Kapitel voller Blut, Angst und unaus­sprech­licher Grau­samkeit. Ein Kapitel, das nicht in das ein­fache Schwarz-Weiß-Bild von Tätern und Opfern passt. Und gerade deshalb ist es so unbequem.

Der ita­lie­nische Dichter Dante Ali­ghieri beschrieb in seiner Gött­lichen Komödie die neun Höl­len­kreise als Stufen eines immer tie­feren Absturzes in mensch­liche Grau­samkeit, Schuld und Verdammnis.

Genau daran erinnern auch Nem­mersdorf und Met­gethen am Ende des Zweiten Welt­kriegs: wie Sta­tionen einer ost­preu­ßi­schen Höl­len­fahrt, auf der jede Grenze von Mensch­lichkeit durch die bar­ba­rische Ent­hemmung der Roten Armee zerbrach.

Die Men­schen dort gerieten in einen Strudel aus Angst, Gewalt und Rache, der ganze Dörfer in Vorhöfe der Hölle ver­wan­delte. Frauen wurden ver­ge­waltigt, Kinder erschlagen, Greise ermordet, ganze Familien aus­ge­löscht. Der Krieg zeigte sich hier nicht mehr nur als mili­tä­ri­scher Zusam­men­bruch, sondern als Absturz des Men­schen selbst in einen Abgrund, wie ihn Dante einst lite­ra­risch beschrieb.

So stehen Nem­mersdorf und Met­gethen bis heute sinn­bildlich für Ost­preußens Höl­len­fahrten – für einen Weg durch Leid, Terror und Tod, der sich tief in das Gedächtnis der Über­le­benden ein­ge­brannt hat.

Dieses Buch will keine Pro­pa­ganda betreiben. Es will nicht rela­ti­vieren, auf­rechnen oder die Ver­brechen des Natio­nal­so­zia­lismus klein­reden. Die deut­schen Gräu­el­taten des Zweiten Welt­kriegs sind hin­länglich his­to­risch belegt.

Doch ebenso unbe­streitbar ist: Auch Mil­lionen Deutsche  – vor allem Zivi­listen – wurden Opfer der soge­nannten »Befreier«.

In meinem Buch ohne Gnade – Alli­ierte Gräu­el­taten gegen deutsche Zivi­listen 1914–1946 doku­men­tiere ich diese Kriegs­ver­brechen mit aller Deut­lichkeit – dar­unter selbst­ver­ständlich auch jene der Roten Armee.

Im vor­lie­genden Werk greife ich ins­be­sondere die bar­ba­ri­schen Mas­saker in den ost­preu­ßi­schen Orten Nem­mersdorf und Met­gethen auf. Die dort geschil­derten Ereig­nisse basieren zwar teil­weise auf Recherchen aus meinem frü­heren Buch, wurden hier jedoch um ein Viel­faches erweitert. Sowohl durch zusätz­liche schrift­liche Quellen, Zeit­zeu­gen­be­richte, eides­statt­liche Erklä­rungen, inter­na­tionale Unter­su­chungen, zeit­ge­nös­sische Pres­se­ar­tikel als auch durch umfang­reiches, scho­ckie­rendes Bildmaterial.

Manches ent­stand im Wirrwarr und unter den Bedin­gungen des Krieges und wurde pro­pa­gan­dis­tisch aus­ge­schlachtet – sowohl von alli­ierter Seite als auch von den Natio­nal­so­zia­listen. Das wird eben­falls nicht verschwiegen.

Doch Pro­pa­ganda allein erklärt diese Mas­saker nicht.

Die hier geschil­derten Ereig­nisse sind schwer zu ertragen. Viele Leser werden sich fragen, wie Men­schen zu solchen Taten fähig waren. Andere werden ein­wenden, man müsse doch die Vor­ge­schichte bedenken – Hitlers Krieg gegen die Sowjet­union. Das ist richtig.

Aber auch Leid erklärt nicht jedes Ver­brechen. Rache genauso wenig. Denn Kriegs­ver­brechen bleiben Kriegs­ver­brechen. Und Erin­nerung darf niemals selektiv sein.

Wer nur die Opfer der einen Seite betrauert und die der anderen ver­schweigt, betreibt keine ehr­liche Geschichts­auf­ar­beitung, sondern in den Zeit­geist ein­ge­färbte poli­tische Erinnerungskultur.

Nem­mersdorf war das erste Fanal. Met­gethen wurde zum Mene­tekel. Was dort geschah, kün­digte den Untergang Ost­preußens an – und das Schicksal Mil­lionen deut­scher Flücht­linge und Zivi­listen, die zwi­schen Fronten, Ideo­logien und Ver­geltung zer­mahlen wurden.

Dieses Buch ver­steht sich deshalb auch als Mahnung: Krieg zer­stört nicht nur Städte und Staaten. Krieg zer­stört den Men­schen und seine Mensch­lichkeit selbst. Er ent­fesselt das Dun­kelste, das in ihm steckt.

Und genau deshalb dürfen die Schreie von Nem­mersdorf und Met­gethen niemals ver­stummen. Denn die Hölle ist stets dort, wo der Mensch seine Mensch­lichkeit verliert.

Zuerst erschienen bei GuidoGrandt.de.


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