Wenn heute von der Versklavung des Menschen die Rede ist, greift der bundesrepublikanische Reflex gern zur vertrauten Schablone: Schuld ist der Kapitalismus. Das klingt sauber, kämpferisch und moralisch anschlussfähig – und ist doch in dieser Pauschalität ungefähr so erhellend wie ein Feuerwehrmann, der bei jedem Brand erst einmal den Sauerstoff verhaftet. Gewiss spielt Kapital eine Rolle. Nur müsste man dafür zunächst wissen, was Kapital überhaupt ist. Die meisten Bundesrepublikaner unterscheiden Kapital und Geld ungefähr so sicher wie Regenbogennebel und Nebelmaschine: irgendwie bunt, irgendwie feucht, irgendwie muss es mit Ungerechtigkeit zu tun haben.
(Von Alexander Kohlhaas)
In unserem Buch „Gendern, bis der Arzt kommt“ wird dieser Unterschied von Jan van Helsing und mir ausführlicher erklärt. Denn Geld ist noch nicht Kapital. Geld wird erst dann Kapital, wenn es eingesetzt wird, um mehr Wert hervorzubringen. Unsere Bäckermeisterin, die in diesem Buch mehrfach auftaucht, ist daher selbstverständlich ebenfalls Kapitalistin, sobald sie mit ihrem Geld Ofen, Zutaten, Kühlung, Arbeitskraft und Räume organisiert, um Kuchen zu verkaufen. Wer also beim Wort Kapitalist sofort an einen düsteren Zylinderträger mit Monokel und Arbeiterblut am Spazierstock denkt, müsste konsequenterweise auch die Frau anklagen, die am Wochenende Erdbeertorte verkauft. Schon daran erkennt man, wie albern viele Debatten werden, sobald Begriffe nicht mehr verstanden, sondern nur noch moralisch gezündet werden.
Doch die eigentliche Versklavung des Menschen sitzt tiefer. Sie liegt nicht einfach darin, dass jemand wirtschaftet, investiert, Eigentum nutzt oder Gewinn erzielen will. Sie liegt in jenen beiden großen Hebeln, die den Menschen ein Leben lang in Abhängigkeit halten: im modernen Geldwesen und im Boden. Das eine entscheidet darüber, wie Schuld, Zins, Kaufkraft, Vermögen und Abhängigkeit erzeugt und verteilt werden. Das andere entscheidet darüber, ob ein Mensch überhaupt irgendwo frei stehen, wohnen, arbeiten und leben kann – oder ob er sich bereits für das bloße Recht auf Raum in ein jahrzehntelanges Abzahlungs- und Mietknechtschaftsverhältnis begeben muss.
Gerade die Frage des Bodens ist dabei keineswegs eine neue Entdeckung irgendwelcher modernen Systemkritiker. Auf deutschem Boden sind wesentliche Erkenntnisse dazu seit Jahrhunderten bekannt; auch Wirtschaftswissenschaftler haben sie formuliert. Der Mann, der diese Zusammenhänge besonders wirksam ans Tageslicht brachte, ist hierzulande so unbekannt geworden, dass viele nicht einmal mehr merken, dass nach ihm sogar eine deutsche Stadt benannt wurde. Man könnte fast sagen: Die Bundesrepublik stolpert täglich über einen Namen, dessen Bedeutung sie nicht mehr versteht.
Damit beginnt die eigentliche Pointe. Der Mensch wird nicht dadurch versklavt, dass eine Bäckermeisterin Kuchen verkauft oder ein Handwerker Werkzeug kauft. Er wird dadurch klein gehalten, dass Geld und Boden so organisiert sind, dass er arbeiten, zahlen, tilgen, mieten, sich verschulden und ein Leben lang krumm buckeln muss, nur um etwas zu erreichen, das für jedes Tier selbstverständlich ist: einen Ort zum Leben. Wer diesen Zusammenhang verstehen will, muss tiefer gehen als die Parole vom bösen Kapitalismus.
Genau darum führen wir diese Mechanik im Buch ausführlicher aus. Denn wer Geld und Boden nicht versteht, versteht auch nicht, warum der moderne Mensch so oft frei heißt, aber wie ein Schuldner lebt.























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