Wenn der Krieg wieder Deutsch spricht

Es gibt Wörter, die in einem Land mit deut­scher Geschichte eigentlich nur mit zit­ternder Hand aus­ge­sprochen werden sollten. Kriegs­tüch­tigkeit gehört dazu. Waf­fen­lie­fe­rungen gehören dazu. Der Satz, man müsse den Krieg nach Russland tragen, gehört erst recht dazu. Und doch erlebt man in der Bun­des­re­publik derzeit eine merk­würdige sprach­liche Ent­hemmung, als habe man die his­to­ri­schen Siche­rungen aus­gebaut, die Erin­ne­rungs­kultur als Sonn­tags­de­ko­ration bei­be­halten und die eigent­liche Lehre aus der Geschichte still­schweigend durch geo­po­li­tische Betrieb­samkeit ersetzt.

(von Alex­ander Kohlhaas)

Noch Anfang der acht­ziger Jahre gingen Mil­lionen Men­schen auf die Straße, um gegen Nach­rüstung, Rake­ten­sta­tio­nierung und die Logik ato­marer Eska­lation zu pro­tes­tieren. Man kann über die dama­ligen Bewe­gungen streiten, über ihre Milieus, ihre Ein­sei­tig­keiten und manche naive Frie­dens­ro­mantik. Aber eines steht fest: Damals spürte noch ein erheb­licher Teil der Bevöl­kerung, dass Krieg, Raketen und mili­tä­rische Auf­rüstung keine tech­ni­schen Ver­wal­tungs­themen sind, sondern exis­ten­tielle Fragen. Heute dagegen wirkt die Lage gespens­tisch ruhig. Die hyp­no­ti­sierten Bun­des­re­pu­bli­kaner sitzen vor Bild­schirmen, nicken bei den rich­tigen Nach­rich­ten­sätzen, erschrecken pflicht­gemäß vor den rich­tigen Feind­bildern und bemerken offenbar kaum noch, dass in ihrem Namen wieder Waffen, Panzer, Munition, Marsch­flug­kör­per­de­batten und Kriegs­rhe­torik in alle Herren Länder getragen werden.

Das Problem der heu­tigen Zeit ist nicht nur, dass Kriege geführt werden. Das Problem ist, dass die Begriffe bereits wieder vor­be­reitet sind. Man spricht nicht vom Töten, sondern von Ver­ant­wortung. Nicht von Eska­lation, sondern von Unter­stützung. Nicht von Kriegs­be­tei­ligung, sondern von Soli­da­rität. Nicht von Kriegs­vor­be­reitung, sondern von Kriegs­tüch­tigkeit. Das alles haben Jan van Helsing und ich in unserem Buch Gendern, bis der Arzt kommt“ aus­führ­licher beschrieben: Neu­sprech, Dop­peldenk, Haltung, betreute Moral und jene see­lische Fähigkeit des Bun­des­re­pu­bli­kaners, das Unge­heu­er­liche hin­zu­nehmen, solange es mit den rich­tigen Eti­ketten ver­sehen wird. Der Bürger hört das Wort „Frieden“ und akzep­tiert Waffen. Er hört „Ver­tei­digung“ und überhört Angriffs­rhe­torik. Er hört „Werte“ und bemerkt nicht, dass der Wert am Ende wieder im Kaliber gemessen wird.

Besonders auf­schluss­reich ist, wie Men­schen im Ausland auf deutsche Poli­tiker reagieren. Wir werden dort nicht selten gefragt: Sagen deutsche Poli­tiker so etwas SCHON WIEDER? Und genau dieses SCHON WIEDER ist der eigent­liche Schlag. Denn damit meinen sie nicht irgendeine tages­po­li­tische Irri­tation. Sie meinen jene dunk­leren Zeiten, von denen hier­zu­lande unab­lässig gesprochen wird, wenn es um Mahnung, Erin­nerung und mora­lische Selbst­ver­ge­wis­serung geht. Aus­ge­rechnet Men­schen anderer Staaten hören deutsche Sätze über Krieg, Russland, Reich­weiten, Waffen und mili­tä­rische Härte und zucken zusammen, während der Bun­des­re­pu­bli­kaner selbst offenbar immer weniger merkt, wie diese Worte außerhalb seiner betreuten Medi­en­kammer klingen.

Wer im Ausland Sätze hört, nach denen der Krieg nach Russland getragen werden müsse, denkt nicht zuerst an Talk­show­logik, Debat­ten­kultur oder stra­te­gische Fein­ab­stimmung. Er denkt an deutsche Geschichte. Er denkt an jene alten Energien, die Deutschland angeblich für immer hinter sich gelassen hat. Er hört deutsche Poli­tiker nicht als harmlose Ver­wal­tungs­stimmen eines geläu­terten Staates, sondern als Ver­treter eines Landes, dessen his­to­rische Fußspur in Europa, Russland und darüber hinaus tief genug ist, um jedes mar­tia­lische Wort aus Berlin oder Bonn besonders schwer klingen zu lassen. Genau das wird hier offenbar nicht mehr wahr­ge­nommen. Der Bun­des­re­pu­bli­kaner hat gelernt, sich für mora­lisch gereinigt zu halten, und gerade deshalb bemerkt er nicht mehr, wenn seine Sprache erneut jene Tem­pe­ratur annimmt, vor der andere Völker eine sehr viel wachere Erin­nerung besitzen.

Natürlich ist die Welt nicht harmlos. Natürlich gibt es Gewalt, Macht­po­litik, Inter­essen, Bedro­hungen und Staaten, die ihre Ziele mit Waffen ver­folgen. Aber zwi­schen naiver Wehr­lo­sigkeit und sprach­licher Kriegs­nor­ma­li­sierung liegt ein gewal­tiger Unter­schied. Wer aus­ge­rechnet in Deutschland wieder so spricht, als sei mili­tä­rische Eska­lation nur eine Frage aus­rei­chender Ent­schlos­senheit, sollte auf stär­keren Wider­stand stoßen als auf ein müdes Ach­sel­zucken. Ein Volk, dessen Städte in Trümmern lagen, dessen Familien Kriegs­gräber, Ver­triebene, Ver­sehrte und Trau­ma­ti­sierte in ihrer Geschichte tragen, müsste ein besonders emp­find­liches Sen­sorium für solche Worte haben. Statt­dessen scheint vielen schon der Hinweis auf Dees­ka­lation ver­dächtig, als sei Frieden plötzlich eine rus­sische Spe­zi­al­ope­ration und Diplo­matie ein Zeichen man­gelnder Haltung.

Genau deshalb braucht es wieder eine Bevöl­kerung, die sich demo­kra­tisch, friedlich und sichtbar gegen die neue Kriegs­rhe­torik stellt. Nicht aus Feigheit, nicht aus Gleich­gül­tigkeit gegenüber fremdem Leid und nicht aus Liebe zu irgend­einer Macht, sondern aus Ver­ant­wortung gegenüber dem eigenen Land, seiner Geschichte und den Men­schen, die am Ende wieder zahlen, bluten und buckeln müssen. Denn Poli­tiker reden gern von Ver­ant­wortung, während andere die Rechnung erhalten. Sie sprechen von Reich­weiten, Lie­fe­rungen und Stärke, während die Bevöl­kerung Kauf­kraft, Sicherheit, sozialen Frieden und im schlimmsten Fall ihre Söhne ver­liert. Der Krieg spricht längst wieder Deutsch. Die Frage ist nur, ob die Deut­schen es noch hören.

 

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