Gefähr­licher Akti­vismus: Warum die mar­xis­ti­schen Ideen zu auto­ri­tären Sys­temen führen — Metho­do­lo­gi­scher Dua­lismus, Deter­mi­nismus und die Ver­tei­digung der Freiheit

13. Juli 2026 – von Antony P. Mueller

Dieses ist der 4. Teil der 6‑teiligen Reihe über Ludwig von Mises „Theorie und Geschichte“. Den 3. Teil finden Sie HIER.

Im zweiten Teil von Theorie und Geschichte ent­faltet Ludwig von Mises eine der grund­le­gendsten metho­do­lo­gi­schen Klä­rungen der Sozi­al­wis­sen­schaften. In der Aus­ein­an­der­setzung mit Deter­mi­nismus, Mate­ria­lismus und ins­be­sondere dem Mar­xismus ver­teidigt er die Eigen­stän­digkeit der Wis­sen­schaft vom mensch­lichen Handeln. Sein Anliegen ist dabei nicht primär meta­phy­sisch, sondern erkennt­nis­theo­re­tisch: Es geht darum, zu zeigen, dass jede Theorie, die mensch­liches Handeln erklären will, sich kate­go­risch von natur­wis­sen­schaft­lichen Erklä­rungs­mustern unter­scheiden muss.

Aus­gangs­punkt ist die Dis­kussion des Deter­mi­nismus. Mises räumt ein, dass die Annahme einer durch­ge­henden Kau­sa­lität aller Ereig­nisse weder end­gültig bewiesen noch widerlegt werden kann. Doch selbst wenn man sie akzep­tiert, folgt daraus nichts für die Methode der Sozi­al­wis­sen­schaften. Denn ent­scheidend ist nicht, ob mensch­liches Ver­halten letztlich kausal bestimmt ist, sondern wie es sinnvoll ana­ly­siert werden kann. Während die Natur­wis­sen­schaften Ereig­nisse durch Ursachen erklären, muss die Wis­sen­schaft vom Handeln Ver­halten als ziel­ge­richtet inter­pre­tieren. Der Mensch handelt, indem er Mittel wählt, um Ziele zu erreichen. Diese Struktur lässt sich nicht durch rein kausale Erklä­rungen ersetzen, ohne den Gegen­stand selbst zu verfehlen.

Besonders scharf wendet sich Mises gegen Ver­suche, die Rolle von Ideen und Über­zeu­gungen aus der Erklärung mensch­lichen Han­delns zu eli­mi­nieren. Solche Ansätze – ins­be­sondere im Mate­ria­lismus – betrachten geistige Phä­nomene als bloße Reflexe mate­ri­eller Bedin­gungen. Mises zeigt, dass diese Reduktion scheitert. Ideen sind nicht bloße Neben­pro­dukte, sondern kon­sti­tutive Ele­mente des Han­delns. Jede Ent­scheidung setzt eine Inter­pre­tation der Situation voraus, und diese ist not­wendig ideell ver­mittelt. Wer diesen Aspekt aus­blendet, erklärt nicht mehr mensch­liches Handeln, sondern kon­struiert ein mecha­nis­ti­sches Modell ohne Bezug zur Realität.

In der klas­si­schen Debatte um den freien Willen nimmt Mises eine prag­ma­tische Position ein. Für die Sozi­al­wis­sen­schaft ist nicht ent­scheidend, ob der Wille im meta­phy­si­schen Sinne frei ist. Ent­scheidend ist, dass Men­schen handeln, als ob sie wählen könnten. Die Kate­gorie der Wahl ist unauf­gebbar. Jede Handlung impli­ziert eine Ent­scheidung zwi­schen Alter­na­tiven. Daraus folgt, dass Begriffe wie Ver­ant­wortung, Schuld und Zurechnung unver­zichtbar bleiben. Selbst ein kon­se­quenter Deter­minist kann auf sie nicht ver­zichten, ohne die Grund­lagen sozialer Ordnung zu untergraben.

Solche Ent­schei­dungen sind […] nicht das unver­meid­liche Ergebnis vor­her­ge­hender Bedin­gungen. Sie sind vielmehr […] die Bekundung einer unaus­lösch­lichen mora­li­schen Freiheit. (S. 119–120)

Die Dis­kussion des Deter­mi­nismus führt Mises zur Kritik der Anwendung sta­tis­ti­scher Methoden auf das mensch­liche Handeln. Sta­tistik kann zwar Regel­mä­ßig­keiten beschreiben, doch sie erklärt nicht die Ursachen indi­vi­du­eller Ent­schei­dungen. Die Ver­su­chung besteht darin, aus sta­tis­ti­schen Kor­re­la­tionen kausale Gesetze abzu­leiten. Mises weist diese Ver­wechslung ent­schieden zurück. In den Sozi­al­wis­sen­schaften bleibt Sta­tistik ein deskrip­tives Hilfs­mittel; die eigent­liche Erklärung muss auf der Ebene des indi­vi­du­ellen Han­delns ansetzen.

Damit wider­spricht Mises der im 19. Jahr­hundert ver­brei­teten Auf­fassung, sta­tis­tische Regel­mä­ßig­keiten könnten den Nachweis eines strengen Deter­mi­nismus liefern. Vielmehr zeigt die Sta­tistik – richtig ver­standen – nicht Ordnung im natur­ge­setz­lichen Sinne, sondern his­to­ri­schen Wandel:

Sta­tis­tiken zeigen einen geschicht­lichen Wandel, nicht eine Gesetz­mä­ßigkeit im natur­wis­sen­schaft­lichen Sinn. (S. 126)

Während Sta­tistik in den Natur­wis­sen­schaften als Instrument induk­tiver Geset­zes­findung dient, hat sie im Bereich mensch­lichen Han­delns einen grund­legend anderen Status:

Sie ist eine Beschreibung his­to­ri­scher Gescheh­nisse in zah­len­mä­ßigen Begriffen […]. Ihre Bedeutung beruht gerade darauf, dass sie Ver­än­de­rungen beschreibt. (S. 130)

Diese Über­le­gungen münden in die Ver­tei­digung der Auto­nomie der Pra­xeo­logie. Die Wis­sen­schaft vom mensch­lichen Handeln verfügt über eine eigene Methodik, die nicht aus den Natur­wis­sen­schaften über­nommen werden kann. Ihre Grund­be­griffe – Ziel, Mittel, Wahl und Knappheit – sind nicht empi­risch gewonnen, sondern ergeben sich aus der Reflexion auf das Handeln selbst. Damit ist die Pra­xeo­logie eine eigen­ständige Dis­ziplin, deren Geltung nicht von empi­ri­scher Veri­fi­kation abhängt.

Für die Geschichts­wis­sen­schaft – ebenso wie für ihre quan­ti­tative Aus­prägung in der Sta­tistik – folgt daraus, dass die Rück­schau zwar kausal inter­pre­tiert werden kann, die Zukunft jedoch grund­sätzlich ungewiss bleibt:

In der Rück­schau gibt es keine Frage der Zufäl­ligkeit […]. Der Begriff der Zufäl­ligkeit […] bezieht sich auf die Unge­wissheit des Men­schen über die Zukunft. (S. 133)

Die poli­tische Dimension dieser Argu­men­tation wird deutlich, wenn Mises die Impli­ka­tionen des Mate­ria­lismus ana­ly­siert. Werden Ideen als bloße Reflexe mate­ri­eller Bedin­gungen inter­pre­tiert, ver­liert indi­vi­duelle Ver­ant­wortung ihren Sinn. Politik erscheint dann als tech­ni­sches Problem der Steuerung gesell­schaft­licher Pro­zesse. Eine solche Sicht­weise begünstigt kol­lek­ti­vis­tische Ideo­logien, da sie die Legi­ti­mation für umfas­sende Ein­griffe in indi­vi­du­elles Handeln liefert. Mises sieht hierin eine fun­da­mentale Bedrohung der Freiheit.

Den Schwer­punkt seiner Kritik richtet er auf den dia­lek­ti­schen Mate­ria­lismus des Mar­xismus. Diese Theorie ver­bindet eine mate­ria­lis­tische Anthro­po­logie mit einer deter­mi­nis­ti­schen Geschichts­auf­fassung. Der Verlauf der Geschichte wird als Ergebnis objek­tiver Gesetz­mä­ßig­keiten inter­pre­tiert, die aus den „mate­ri­ellen Pro­duk­tiv­kräften“ her­vor­gehen sollen. Mises weist diese Auf­fassung zurück und betont die zen­trale Rolle von Ideen und unter­neh­me­ri­schem Handeln für tech­ni­schen und wirt­schaft­lichen Fortschritt:

Eine tech­no­lo­gische Neuerung ist nichts Mate­ri­elles. Sie ist das Produkt eines geis­tigen Pro­zesses […]. Zudem erfordert ihre Umsetzung ange­sam­meltes Kapital […]. Die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse sind nicht das Produkt mate­ri­eller Kräfte, sondern deren Vor­aus­setzung. (S. 147)

Auch die mar­xis­tische Lehre vom Klas­sen­in­teresse weist Mises zurück. Sie beruht auf der Annahme, öko­no­mische Theorien seien bloße Ideo­logien bestimmter Klassen. Dem­ge­genüber betont Mises die Uni­ver­sa­lität öko­no­mi­scher Gesetz­mä­ßig­keiten. Die Funk­ti­ons­weise des Marktes ist nicht klas­sen­ab­hängig, sondern gilt für alle Han­delnden glei­cher­maßen. Die Reduktion sozialer Pro­zesse auf Klas­sen­in­ter­essen ver­kennt die Vielfalt indi­vi­du­eller Motive und die Mög­lichkeit frei­wil­liger Kooperation.

Der Glaube an his­to­rische Gesetz­mä­ßig­keiten führt, so Mises, zu einem gefähr­lichen Akti­vismus: Wer meint, den unver­meid­lichen Gang der Geschichte zu erkennen, fühlt sich berechtigt, ihn zu beschleu­nigen. Dies legi­ti­miert tief­grei­fende Ein­griffe in indi­vi­du­elles Handeln und führt letztlich zu auto­ri­tären Sys­temen.

Dem­ge­genüber for­mu­liert die pra­xeo­lo­gische Sicht­weise eine alter­native Perspektive:

Jedes Indi­viduum […] strebt danach, eine weniger befrie­di­gende Lage durch eine bessere zu ersetzen […]. Was als besser gilt, wird durch das han­delnde Indi­viduum ent­schieden […]. Es ist ein Wert­urteil. (S. 168–169)

Mises’ Kritik an Posi­ti­vismus, Szi­en­tismus und Mar­xismus geht damit weit über eine rein metho­do­lo­gische Debatte hinaus. Sie ist eine grund­le­gende Ver­tei­digung der Freiheit. Wenn mensch­liches Handeln real ist, dann ist auch Ver­ant­wortung real. Und wenn Ver­ant­wortung real ist, dann kann gesell­schaft­liche Ordnung nicht auf deter­mi­nis­ti­schen Kon­struk­tionen beruhen, sondern nur auf der frei­wil­ligen Koope­ration freier Individuen.

Dieser Artikel wurde von Antony P. Mueller vor dem 5. Mai 2026 geschrieben und wurde posthum gering­fügig redak­tionell bearbeitet.

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Die deutsche Ausgabe von „Theorie und Geschichte“ (ISBN: 978–3‑9816008–3‑4) (*) ist bedau­er­li­cher­weise derzeit nur anti­qua­risch erhältlich.

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