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Von der Leyens Griff nach den 10 Bil­lionen der euro­päi­schen Sparer

(David Berger) Zehn Bil­lionen Euro haben Europas Bürger auf ihren Bank­konten liegen. Für Ursula von der Leyen und die EU-Kom­mission ist das offenbar viel Geld, das noch nicht so arbeitet, wie man es sich in Brüssel wünscht. Mit der „Spar- und Inves­ti­ti­ons­union“ soll ein grö­ßerer Teil dieses pri­vaten Ver­mögens in die Kapi­tal­märkte gelenkt und damit für jene Inves­ti­tionen mobi­li­siert werden, die Brüssel für not­wendig hält.

Man muss sich zunächst die Grö­ßen­ordnung klar­machen. Rund zehn Bil­lionen Euro halten die euro­päi­schen Haus­halte nach Angaben der Kom­mission als Bank­ein­lagen. Dieses Geld gehört Arbeit­nehmern und Rentnern, Familien und Selb­stän­digen. Es ist Alters­vor­sorge, Not­gro­schen, Erb­schaft oder schlicht das Ergebnis jahr­zehn­te­langer Arbeit. Aus Sicht der EU handelt es sich jedoch zugleich um ein gewal­tiges Kapi­tal­re­servoir, das bislang nicht aus­rei­chend für „pro­duktive Inves­ti­tionen“ genutzt werde.

In ihren eigenen Papieren rechnet die Kom­mission vor, was möglich wäre: Würden die euro­päi­schen Haus­halte ihr Ver­mögen ähnlich anlegen wie ame­ri­ka­nische, könnten lang­fristig bis zu acht Bil­lionen Euro aus Bank­ein­lagen in markt­ba­sierte Anlagen umge­schichtet werden. Das ent­spräche einem Strom von rund 350 Mil­li­arden Euro pro Jahr. Gleich­zeitig beziffert Brüssel den zusätz­lichen Inves­ti­ti­ons­bedarf Europas bis 2030 auf jährlich 750 bis 800 Mil­li­arden Euro, wobei die inzwi­schen erheblich gestie­genen Aus­gaben für Ver­tei­digung noch hin­zu­kommen. Da trifft es sich natürlich aus­ge­zeichnet, dass auf den Konten der Bürger zehn Bil­lionen Euro liegen.

Die EU nennt ihr Projekt „Savings and Invest­ments Union“, Spar- und Inves­ti­ti­ons­union. Wie immer klingt das zunächst nach einem freund­lichen Ser­vice­an­gebot. Tat­sächlich sagt die Kom­mission aber ganz offen, was sie erreichen will: Private Erspar­nisse sollen stärker mit „pro­duk­tiven Inves­ti­tionen“ ver­bunden werden. In einem offi­zi­ellen Infor­ma­ti­ons­blatt heißt es sogar, die Bürger könnten einen Teil ihrer Erspar­nisse in Inves­ti­tionen stecken, die der Finan­zierung der Ziele der EU dienen – aus­drücklich genannt werden Kli­ma­wende, Inno­vation und Ver­tei­digung. Hier zeigt sich die eigent­liche Brüs­seler Men­ta­lität. Private Erspar­nisse werden nicht mehr allein als das Eigentum der Bürger betrachtet, über das diese nach ihren eigenen Vor­stel­lungen ver­fügen. Sie erscheinen zugleich als volks­wirt­schaft­liche Manö­vrier­masse, die für poli­tische Ziele „mobi­li­siert“ werden kann. Das heißt: Gebt uns Euer Erspartes für unsere Kriegs­trei­berei und mehr Windräder!

Erst stran­gu­liert man die Wirt­schaft, dann ent­deckt man die Sparer

Besonders dreist wird dieses Ansinnen, wenn man sich ansieht, wer nun den Bürgern erklären möchte, wie ihr Geld pro­duk­tiver ein­ge­setzt werden könnte. Es ist die­selbe Euro­päische Union, die ihre Wirt­schaft seit Jahren mit immer neuen Vor­schriften über­zieht, Energie ver­teuert, Unter­nehmen mit Berichts­pflichten und Kli­ma­vor­gaben beschäftigt und einen gigan­ti­schen poli­tisch gesteu­erten Inves­ti­ti­ons­bedarf geschaffen hat. Nun fehlen Hun­derte Mil­li­arden Euro im Jahr, um die eigenen ehr­gei­zigen Pro­jekte zu finan­zieren. Und plötzlich fällt der Blick auf die Konten der Bürger. Die EU for­mu­liert das inzwi­schen selbst erstaunlich unver­blümt. Auf dem offi­zi­ellen Finanz­portal der Kom­mission wurde die Spar- und Inves­ti­ti­ons­union im Juli 2026 als der bisher ehr­gei­zigste Versuch der EU bezeichnet, Europas zehn Bil­lionen Euro an Bank­ein­lagen „to work“ – zum Arbeiten – zu bringen.

Aber das Geld arbeitet bereits. Es erfüllt nämlich genau den Zweck, den sein Eigen­tümer ihm zuge­dacht hat. Viel­leicht will der Rentner kein Akti­en­port­folio und auch nicht in einen Krieg gegen Russland inves­tieren, sondern die Gewissheit, dass er im Pfle­gefall auf seine Rück­lagen zugreifen kann. Viel­leicht spart eine Familie für eine Wohnung. Viel­leicht will ein Selb­stän­diger schlicht liquide Reserven halten. Und viel­leicht möchte jemand sein Geld über­haupt nicht für die Kli­ma­po­litik, die Rüs­tungs­pro­gramme oder sonstige „stra­te­gische Ziele“ der Euro­päi­schen Union ein­setzen. Das ist sein gutes Recht. Die Frage ist auch nicht, ob Aktien lang­fristig höhere Ren­diten ermög­lichen können als ein Sparbuch. Natürlich können sie das. Wer euro­päische Unter­nehmen für Inves­toren attrak­tiver machen will, könnte deshalb die Bedin­gungen dafür schaffen: weniger Büro­kratie, nied­rigere Steuern, bezahlbare Energie, Rechts­si­cherheit und eine Politik, die Unter­nehmer wieder unter­nehmen lässt. Dann braucht niemand die Bürger zur „Mobi­li­sierung“ ihres Kapitals zu ermuntern. Das Geld kommt von selbst.

Brüssel geht den umge­kehrten Weg. Erst ver­schlechtert man die Bedin­gungen für die euro­päische Wirt­schaft, dann stellt man einen gigan­ti­schen Inves­ti­ti­ons­bedarf fest und schließlich ent­deckt man das Pri­vat­ver­mögen der Bürger als bislang unzu­rei­chend genutzte Ressource.

Finger weg von unserem Geld!

Genau deshalb sollte man bei der Spar- und Inves­ti­ti­ons­union sehr genau hin­schauen. Denn hinter all den wohl­klin­genden Begriffen steckt ein Denken, das für die heutige EU cha­rak­te­ris­tisch geworden ist. Es gibt kaum noch einen Lebens­be­reich, der einfach privat bleiben darf. Ener­gie­ver­brauch, Heizung, Auto, Ernährung, Wohnen und Alters­vor­sorge werden unter poli­ti­schen Ziel­vor­gaben betrachtet. Nun geraten auch die Bil­lionen auf den Konten der Bürger ver­stärkt in diesen Blick. Dabei ist die Sache denkbar einfach: Mein Spar­gut­haben muss weder dem Green Deal noch der euro­päi­schen Wett­be­werbs­fä­higkeit dienen. Es muss keine stra­te­gische Auto­nomie her­stellen, keine Ver­tei­di­gungs­pro­gramme finan­zieren und auch keinen Beitrag zu Ursula von der Leyens Vor­stellung von Europas Zukunft leisten. Es ist Pri­vat­ei­gentum. Zehn Bil­lionen Euro sind für eine poli­tische Klasse, die sich daran gewöhnt hat, nahezu jedes Problem mit neuen Mil­li­ar­den­pro­grammen zu beant­worten, zwei­fellos eine ver­füh­re­rische Summe. Gerade deshalb ist Miss­trauen ange­bracht, wenn Brüssel beginnt, darüber nach­zu­denken, wie dieses Geld besser „arbeiten“ könnte.

Frau von der Leyen, das Geld der Europäer wartet nicht darauf, von Brüssel endlich einer höheren Bestimmung zuge­führt zu werden. Es gehört den Bürgern. Und die ent­scheiden selbst, was damit geschieht. Noch!

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