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Gloria von Thurn und Taxis: Gott statt Zeitgeist

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Gloria von Thurn und Taxis gegen den Zeit­geist: Gott, Familie, Abtreibung – und der Mut zum freien Wort

Gloria von Thurn und Taxis hat wieder einmal getan, was sie seit Jahren zu einer der unge­wöhn­lichsten Stimmen des deut­schen öffent­lichen Lebens macht: Sie hat aus­ge­sprochen, was sie denkt – ohne vorher zu prüfen, ob es in den engen Kor­ridor des gesell­schaftlich Erwünschten passt. In einem aus­führ­lichen Interview mit Jasmin Kosubek, das jetzt auf YouTube ver­öf­fent­licht wurde, spricht die Fürstin über Kli­ma­po­litik und Eliten, Migration und gesell­schaft­liche Aus­grenzung, Ehe und Kinder, Abtreibung, Religion und die Frage, weshalb sie trotz aller per­sön­lichen Kon­se­quenzen nicht bereit ist zu schweigen.

Was dieses Interview für Phi­lo­sophia Perennis inter­essant macht, sind jedoch weniger die ein­zelnen Pro­vo­ka­tionen. Inter­es­santer ist der rote Faden, der sich durch das Gespräch zieht. Hinter Glorias Äuße­rungen steht eine Frage, die sehr viel grund­sätz­licher ist: Gibt es eine dem Men­schen vor­ge­gebene Natur und damit Grenzen, über die weder Mehr­heiten noch poli­tische Moden beliebig ver­fügen können?

„Ich muss von der Religion her erklären“

Als das Gespräch auf Fort­pflanzung und Abtreibung kommt, setzt Gloria nicht bei Par­tei­pro­grammen oder dem Straf­recht an. „Ich muss von der Religion her erklären“, sagt sie. Gott habe den Men­schen geschaffen; damit gehe auch der Glaube an eine „Natur des Men­schen“ einher. Besonders scharf for­mu­liert sie einen Wider­spruch unserer Zeit: Bei Lebens­mitteln, Tieren und Land­wirt­schaft werde ständig Natür­lichkeit gefordert. Die Tomate soll bio­lo­gisch, das Fleisch öko­lo­gisch erzeugt sein. Beim Men­schen selbst dagegen scheint die Berufung auf Natur zunehmend ver­dächtig. Für Gloria gehören Vater, Mutter und Kind zu einer natür­lichen Ordnung. Damit berührt sie eine der ent­schei­denden phi­lo­so­phi­schen Aus­ein­an­der­set­zungen unserer Gegenwart. Ist die mensch­liche Natur etwas Vor­ge­ge­benes, an dem sich Freiheit ori­en­tieren muss? Oder ist auch sie letztlich Material, über das der autonome Mensch ver­fügen kann? Dass die zweite Option eine post­hu­ma­nis­tische Gesell­schaft zur Folge hat, die die Würde des Men­schen sys­te­ma­tisch mit Füßen tritt, wurde hier immer wieder aufgezeigt.

Am deut­lichsten wird dieser Gegensatz beim Thema Abtreibung. Gloria scheut dabei keine dras­ti­schen Worte. Für sie kann der mora­lische Status eines Kindes nicht davon abhängen, auf welcher Seite des Geburts­kanals es sich befindet: „Das Kind bleibt ein Kind, ob es drinnen ist oder draußen ist.“ Deshalb spricht sie von einer „Form von lega­li­siertem Mord“. Inter­essant ist dabei, dass Gloria die Ver­ant­wortung kei­neswegs allein bei Frauen sucht. Im Gegenteil: Sie spricht aus­drücklich von den Männern, die eine schwangere Frau zur Abtreibung drängen, und fordert auch deren mora­lische und recht­liche Ver­ant­wortung ein.

Warum Gloria nicht schweigen will

Fast heiter wirkt dagegen der Teil des Inter­views, in dem Gloria über ihre eigene Ehe spricht. Sie nennt die Ver­bindung mit Johannes von Thurn und Taxis selbst eine „Ver­nunftehe“ – und fügt den ent­schei­denden Satz hinzu: „Wir haben uns lieben gelernt.“ Daraus ent­wi­ckelt sie eine Kritik am modernen Lie­bes­ideal. Hol­lywood und später Netflix hätten Gene­ra­tionen die Vor­stellung ver­mittelt, Liebe müsse mit über­wäl­ti­gender Ver­liebtheit und groß­ar­tigem Sex beginnen und danach das ganze Leben glücklich machen. Gloria setzt dem drei unspek­ta­ku­lärere Begriffe ent­gegen: „Ver­bun­denheit“, „Ver­trautheit“ und „Loya­lität“.

Darin liegt ein scharfer Kon­trast zum Zeit­geist. Eine Kultur nahezu unbe­grenzter Optionen hat es leichter gemacht, Bezie­hungen zu beginnen – aber womöglich schwerer, sich dau­erhaft zu binden. Gloria nennt es das „Com­mitment Problem“: Man legt sich nicht fest, weil immer noch eine andere Mög­lichkeit offen­steht. Und dann fällt ein Satz, der eine zutiefst christ­liche Ein­sicht zum Aus­druck bringt: Die heile Welt gebe es auf Erden nicht. Das Paradies komme erst danach. Nach Glück dürfe und solle der Mensch streben, aber einen Anspruch darauf habe er nicht; lacri­marum valle!

Außen­seiter sein

Damit kommt man zum per­sön­lichsten Motiv des Inter­views. Gloria erzählt von gesell­schaft­licher Aus­grenzung, die sie wegen ihrer Posi­tionen erlebt habe. Selbst in den Kreisen der soge­nannten High Society fühle sie sich inzwi­schen als Außen­sei­terin. Warum also wei­terhin reden?

Ihre Antwort führt in die eigene Fami­li­en­ge­schichte. Eine Groß­tante habe die NS-Zeit erlebt. Gloria habe sie später immer wieder gefragt, weshalb ihre Gene­ration damals nichts gesagt habe. Diese Erfahrung habe bei ihr den Ent­schluss hin­ter­lassen, sich nicht irgendwann vor­werfen lassen zu müssen, geschwiegen zu haben. Das ist keine Gleich­setzung der heu­tigen Bun­des­re­publik mit dem Natio­nal­so­zia­lismus. Inter­es­santer ist der dahin­ter­ste­hende Gedanke: Zeit­geist funk­tio­niert nicht nur durch Verbote. Er funk­tio­niert durch Anpassung, Bequem­lichkeit und die mensch­liche Neigung, bestimmte Fragen lieber nicht zu stellen. Auch deshalb ist dieses Interview lesens- und sehenswert. Man kann Gloria von Thurn und Taxis wider­sprechen. Man kann ihre dras­ti­schen For­mu­lie­rungen ablehnen. Schwerer ist es, den Fragen aus­zu­weichen, die hinter ihnen stehen.

Was ist der Mensch? Ist seine Natur gegeben oder ver­fügbar? Wo endet Selbst­be­stimmung, wenn ein anderer Mensch betroffen ist? Was hält eine Familie zusammen, wenn Gefühle ver­gehen? Und wie frei ist eine Gesell­schaft, in der Men­schen zwar theo­re­tisch alles sagen dürfen, prak­tisch aber genau wissen, welche Mei­nungen sie gesell­schaftlich und immer öfter auch juris­tisch teuer zu stehen kommen können? Gloria von Thurn und Taxis beant­wortet diese Fragen aus einem ent­schieden katho­li­schen Men­schenbild heraus. Gerade deshalb wirkt sie heute auf viele wie eine Pro­vo­kation. Und das ist auch gut so.

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