„Die abge­schaffte Mutter“

Von der Ver­nichtung der Schöpfergöttin…

„Die abge­schaffte Mutter“ – das ist der Titel eines Buches von Dr. Hilde Schmölzer, das 2005 in der Erst­auflage erschien. Der Unter­titel lautet: „Der männ­liche Gebärneid und seine Folgen“. Klar, dass Frieda auf dieses Buch hin­weisen muss, wird uns Frauen doch seit Sigmund Freud der Penisneid unter­stellt. Der dem Kokain zugetane Psy­cho­ana­ly­tiker stützte seine Penisneid-These auf die Ver­mutung, der Neid auf das Genital des Mannes ent­stehe bei kleinen Mädchen im Laufe der Kind­heits­ent­wicklung, wenn ihnen der ana­to­mische Unter­schied zwi­schen Frau und Mann bewusst werde. Nach Freuds Trieb­theorie habe diese „Erkenntnis“ zur Folge, dass Mädchen in Erman­gelung eines Penisses die unbe­wusste Fan­tasie ent­wi­ckeln würden, sie seien kas­triert worden, was mit Min­der­wer­tig­keits­ge­fühlen ein­hergehe. Eine der daraus resul­tie­renden Folgen sei zudem, dass der Neid kleiner Mädchen sich darin äußern könne, den Vater inzestuös besitzen zu wollen. (…) Freuds glei­cher­maßen populäre wie auch kon­trovers dis­ku­tierte These wirft leider noch lange Schatten – bis heute.

Die ekla­tante Zunahme an Kin­der­por­no­grafie einer­seits und die rasante Ent­wicklung in der Repro­duk­ti­ons­tech­no­logie ande­rer­seits, sind nur zwei von vielen Gründen, um Freuds These erneut aus weib­licher Sicht zu beleuchten. Frieda befragte hierzu die Autorin des ein­gangs erwähnten Werkes. Dr. Hilde Schmölzer wurde 1937 in Linz, Öster­reich, geboren, erlernte zunächst den Beruf der Foto­grafin und pro­mo­vierte später in Publi­zistik und Kunst­ge­schichte an der Uni­ver­sität Wien. Als frei­be­ruf­liche Foto­grafin und Jour­na­listin arbeitete sie 25 Jahre für unter­schied­lichste Medien. Seit 1990 ist sie aus­schließlich als Autorin tätig mit den Schwer­punkten Frau­en­geschichte und Frau­en­bio­grafien. Ihre Bücher „Phä­nomen Hexe“ und „Die ver­lorene Geschichte der Frau“ waren Bestseller.

Mut­termord und Patriarchat

Worum es in „Die abge­schaffte Mutter“ geht, bringt bereits der Deckeltext auf den Punkt: „Mit dem Mut­termord begann das Patri­archat. Vom gewalt­samen Tod der großen alten Göttin kündet der Mythos. Dann begannen die männ­lichen Götter zu gebären: Athene, die Kopf­geburt, ent­springt dem Haupt des Zeus. Und die Geschichte von der Rip­pen­geburt macht im christ­lichen Schöp­fungs­mythos den Mann zur Mutter der Frau. Mit der Ent­stehung der Gen- und Repro­duk­ti­ons­tech­no­logie wird begin­nendes Leben zum wich­tigen For­schungsgut erklärt; es wird zer­teilt, zer­stü­ckelt, weg­ge­worfen und mani­pu­liert. Hilde Schmölzer zeigt auf ihrem Streifzug durch die Geschichte der männ­lichen Aneignung von Repro­duktion, dass es in diesem Prozess um Macht und Kon­trolle geht, um patri­ar­chale Gewalt und schließlich um Aus­beutung und Ver­marktung des weib­lichen Körpers (…).

Weit ent­fernt von femi­nis­ti­scher Betroffenheitsliteratur…

Wer nun meint, bei Dr. Schmölzer könne es sich um eine Kamp­f­emanze handeln, die den Männern mit ihrem Buch die Kante geben wollte, ist völlig auf dem Holzweg. Bei dem Buch haben wir es nicht ent­fernt mit lar­moy­anter Betrof­fen­heits­li­te­ratur zu tun, sondern mit einem exzellent recher­chierten Sachbuch, das Frauen- und Män­ner­iden­ti­täten nicht nur kul­tur­his­to­risch beleuchtet, sondern auch einen Bogen zum nach wie vor aktu­ellen Umgang des medi­zi­ni­schen Estab­lish­ments mit der natur­gemäß weib­lichen Domäne des Gebärens spannt. Es geht, früher wie heute, um Macht und Kon­trolle, um patri­ar­chale Gewalt und nicht zuletzt um die Ver­marktung und Aus­beutung des weib­lichen Körpers.

Denken wir allein an die Repro­duk­ti­ons­tech­no­logie, an die zuneh­mende Regle­men­tierung des Berufs­standes der Heb­ammen, und auch an die Patho­lo­gi­sierung der schwan­geren Frau und des unge­bo­renen Kindes, hat das Buch von Hilde Schmölzer an Aktua­lität nichts ein­gebüßt. Bereits 2005 schrieb sie, eine Umkehr sei dringend nötig. Sie müsse mit einer geän­derten Bewusst­seinslage beginnen. Deshalb gehe es in ihrem Buch auch um Alter­na­tiven, um eine andere, nicht von Männern domi­nierte Wis­sen­schaft, in der lebendige Zusam­men­hänge, die im Grunde Liebe bedeuten, gewahrt blieben. Ange­sichts der schon heute gän­gigen Rea­lität erscheint ihr Buch geradezu pro­phe­tisch und aktu­eller denn je, wenn­gleich anscheinend das Thema an sich im „kol­lek­tiven Unbe­wussten“ seit Jahr­tau­senden präsent ist, nur anders aus­agiert wird.

Männ­licher Gebärneid

All dem geht eine Ent­wicklung voraus, die nach Ansicht von Dr. Schmölzer von männ­lichem Gebärneid geprägt war und ist. Inzwi­schen sind wir auf­grund der tech­ni­schen Mög­lich­keiten beängs­tigend nahe an dem Sze­nario, Leben in immer grö­ßerem Ausmaß künstlich zu erschaffen. In welche Richtung das gehen kann, wird ins­be­sondere anhand des aktuell dis­ku­tierten Themas „Trans­hu­ma­nismus“ deutlich. Ray Kurzweil, google-Chef, gehört zu den Befür­wortern dieser Bewegung, die die Ver­schmelzung des Men­schen mit Com­pu­ter­tech­no­logie als nächsten Evo­lu­ti­ons­schritt begreift und das Uni­versum mit „Cyborgs“ auf eine „neue Stufe“ heben will. Etliche Filme aus den letzten Jahren, allesamt US-Pro­duk­tionen, trans­por­tieren diese perfide Idee bereits in Form von Bildbotschaften.

FRIEDA im Gespräch mit Dr. Hilde Schmölzer 

Dr. Hilde Schmölzer © Sascha Manóvicz

Frieda: Frau Dr. Schmölzer, welche Alter­na­tiven könnten es sein, die die von Männern domi­nierte Wis­sen­schaft refor­mieren könnten in die von Ihnen emp­fohlene Richtung des Gewahrseins leben­diger Zusammenhänge?

Dr. Hilde Schmölzer: Bereits in den 80’er Jahren hat die all­ge­meine Patri­ar­chats­kritik auch die Wis­sen­schaften erfasst. Wis­sen­schaft­le­rinnen sämt­licher Fach­rich­tungen nahmen sich dieses Themas an, um fest­zu­stellen, dass auch die Wis­sen­schaften andro­zen­trisch geprägt sind, und zwar sowohl in der prak­ti­schen Aus­übung als auch in der Rea­li­täts­ver­mittlung. Weil die Wis­sen­schaften seit ihren Anfängen eine fast aus­schließ­liche Män­ner­domäne seien, können sie, so wurde argu­men­tiert, keinen Anspruch auf Objek­ti­vität erheben. Evelyn Fox Keller etwa, eine der pro­fi­lier­testen femi­nis­ti­schen Wis­sen­schaft­le­rinnen, setzte sich mit der Frage aus­ein­ander, in welchem Maße Wis­sen­schaft mit der Vor­stellung von Männ­lichkeit ver­knüpft ist, wobei sie Psy­cho­logie, Sozio­logie und Geschichts­wis­sen­schaften in ihre Über­le­gungen mit ein­be­zieht. Denn der Aus­schluss der Frau aus den Wis­sen­schaften ist nicht nur in seiner his­to­ri­schen Ent­wicklung zu erklären, sondern ganz all­gemein als ein „Symptom für eine breitere und tiefere Kluft zwi­schen weiblich und männlich, sub­jektiv und objektiv, ja sogar zwi­schen Liebe und Macht zu sehen; er ist eine Spaltung des mensch­lichen Gefüges, das uns alle betrifft…“.

Das Nicht-Vor­kommen von Frauen in den Wis­sen­schaften hat vor allem zwei Gründe: einer­seits die Abwertung weib­licher Lebens­äu­ße­rungen, weib­licher Arbeit und weib­licher Bedürf­nisse und ihre Beschreibung als unter­ge­ordnet, ande­rer­seits die Vor­stellung von der All­ge­mein­gül­tigkeit männ­lichen Denkens, Fühlens und Han­delns, das als „menschlich“ defi­niert wird und somit weib­liches Denken, Fühlen und Handeln ausschließt.

Zwar dringen immer mehr Frauen in den wis­sen­schaft­lichen Bereich vor; trotzdem jedoch werden sie mit einer Situation kon­fron­tiert, die sich in Jahr­hun­derten ent­wi­ckelt hat und nicht so leicht zu durch­brechen ist. Wie die Phi­lo­sophin Cor­nelia Klinger aus­führlich darlegt, führt der Andron­zen­trismus in den Wis­sen­schaften zu einem ver­zerrten Bild der Rea­lität, die nicht umfassend, voll­ständig und daher auch nicht objektiv sind, sondern einen ein­sei­tigen, nämlich männlich ori­en­tierten, Stand­punkt ver­mitteln. Neben den For­de­rungen nach einem höheren Frau­en­anteil im wis­sen­schaft­lichen Bereich wird also auch die For­derung nach einer „neuen Wis­sen­schaft“ gestellt, die ein ganz­heit­liches Denken anstrebt und auch die ver­ges­senen, emo­tio­nalen Dimen­sionen zurück­holen möchte. Eine For­schung also, die andere Prio­ri­täten setzt, den Dienst am Leben an vor­derste Stelle rückt und damit jene zer­stö­re­ri­schen, Natur und men­schen­ver­ach­tenden Ziel­set­zungen aus­klammert, wie sie vor allem die Natur­wis­sen­schaften aus­zeichnet. Sind Frauen doch nicht nur durch Mut­ter­schaft, den Umgang mit Kindern, Alten und Kranken – ein Bereich, der nach wie vor meist ihnen über­lassen wird – ebenso wie auf­grund einer jahr­hun­derte oder jahr­tau­sende langen Sozia­li­sation näher am Leben, seinen Not­wen­dig­keiten und Bedürf­nissen. Femi­nis­tische Wis­sen­schaft­le­rinnen fordern eine Auf­hebung der Spal­tungen, der „Zer­split­terung der inneren Natur des Men­schen“, der „Zer­split­terung der mensch­lichen Natur­er­fassung“, und der „Zer­split­terung des mensch­lichen Ver­hält­nisses zur Natur,“ und wollen Natur­be­herr­schung durch Natur­ver­ständnis ersetzen.

Weil diese Spal­tungen und Zer­split­te­rungen nicht nur die Wis­sen­schaften selbst – und dabei ins­be­sondere die Natur­wis­sen­schaften -, sondern darüber hinaus den gesamten Wis­sen­schafts­be­trieb kenn­zeichnen, treten Femi­nis­tinnen auch hier für eine Auf­hebung der Tren­nungen ein­zelner Dis­zi­plinen ein, wenn sie sich inhaltlich sowie gesell­schaftlich auf­ein­ander beziehen, so wie etwa in der Medizin, in der ein hoch­spe­zia­li­siertes, Zusam­men­hänge weit­gehend igno­rie­rendes Exper­tentum den Verlust ganz­heit­licher Mensch­lichkeit zur Folge hat.

Dieses Zer­teilen, Zer­stü­ckeln und Mani­pu­lieren kenn­zeichnet auch die Repro­duk­ti­ons­tech­no­logie. Zusam­men­hänge, die im Grunde auch Zuwendung, Zuneigung und Liebe bedeuten, werden zer­rissen. Die Frau wird ihrer Ganzheit beraubt, ihr wird als Person wenig Bedeutung ein­ge­räumt, wichtig ist sie lediglich als Lie­fe­rantin von „Roh­ma­terial“, wichtig sind ihre Eier, wichtig ist ihr Embryo, und wichtig ist ihr Körper als Experimentierfeld.

In einer „anderen“ Wis­sen­schaft müsste eine Ganzheit wie­der­her­ge­stellt werden, die weit­gehend ver­loren gegangen ist. Dazu sind aller­dings nicht nur Frauen auf­ge­rufen, sondern auch Männer in den Labors, und zwar nicht nur in den medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaften. Es bedarf eines anderen Umgangs mit der Natur, mit dem orga­ni­schen Leben auf unserem Globus, das geschunden, aus­ge­beutet, gequält und aus­ge­rottet wird. (Die oft brutale Mas­sen­tier­haltung soll lediglich als ein Bei­spiel dienen).

Die Mecha­ni­sierung der Natur ent­springt der Machtgier. Sie soll uns Reichtum und Wohl­stand schaffen, aber sie bringt Zer­störung und den Verlust von Arbeits­plätzen. Sie begann bereits im 17. Jahr­hundert bei René Des­cartes, der alle Tiere zu Auto­maten erklärte, setzte sich fort mit dem fran­zö­si­schen Arzt Julien Offray de La Mettrie und seinem Buch „ L’homme machine“ (Der Mensch als Maschine“), erschienen im Jahr 1748 und findet einen Höhe­punkt im heu­tigen soge­nannten „Trans­hu­ma­nismus“, der diese Vor­stellung ver­wirk­lichen will. Aber die Maschine bewirkt eine Ent­fremdung vom Leben, eine Redu­zierung der mensch­lichen Ganzheit. Aus dem Zusam­men­spiel von Leib-Seele-Geist ent­steht die Ein­di­men­sio­na­lität von Hirn-Bewusstsein. Und die Vor­stellung, dass z.B. in Zukunft alte Men­schen dank eines Roboters einen perfekt durch­or­ga­ni­sierten Alltag vor­finden, aber ohne jede mensch­liche Wärme, lässt einen erschauern.

Nötig wäre ein bes­seres Ver­ständnis von Zusam­men­hängen. Die Liebe – ein fast alt­mo­di­scher Begriff, wenn sie nichts mit Sex zu tun hat – müsste einen höheren Stel­lenwert erhalten. Ver­netzung ist auch ein wich­tiger Faktor. Es mag – punk­tuell – zag­hafte Ver­suche in dieser Richtung geben, die aller­dings nicht aus­rei­chend sind und andernorts wieder zer­stört werden. Uto­pisch? Viel­leicht! Und trotzdem eine anzu­stre­bende Entwicklung.

Frieda: Stich­worte Ödipus und Nar­zissmus – warum „ticken“ Männer immer noch so, dass sie – ob bewusst oder unbe­wusst – Macht und Kon­trolle ausüben wollen? Haben die alle ein Mut­terin­trojekt und sind als Rache­engel unterwegs? Haben Männer Angst vor starken Frauen, weil sie sie eine Art „über­mächtige Mutter“ auf sie pro­ji­zieren und sie daher – unbe­wusst – zer­stören wollen?

Dr. Hilde Schmölzer: Ich glaube, dass ein wesent­licher Faktor für das Streben nach Kon­trolle die Angst des Mannes vor der starken Frau ist. Ich hatte vor kurzem ein Gespräch mit einem – mit dem Femi­nismus sym­pa­ti­sie­renden, auf­ge­schlos­senen – Mann, der sich Mediator nennt und für Kon­flikt­lö­sungen zuständig ist. Er meinte, dass Frauen auf viele Männer bedrohlich wirken, weil sie alles haben: Sie gebären Kinder, sie sind aber auch berufs­tätig, können ihre Kinder ernähren (wenn auch mit zum Teil großen Schwie­rig­keiten) und Kar­riere machen. Dem Mann bleibt wenig von seiner tra­di­tio­nellen Rolle des Fami­li­en­er­halters, und er fühle sich auch ganz all­gemein an den Rand gedrängt. Das schaffe Ver­un­si­cherung im männ­lichen Selbst­ver­ständnis, in einem durch die Jahr­hun­derte selbst­ver­ständ­lichen Män­nerbild. Nötig wäre hier, dass Männer den Zugang zu ihren eigenen, ver­schüt­teten Dimen­sionen finden, denn es wurde ja nicht nur die Frau ihrer Ganzheit beraubt, sondern auch der Mann. Ich glaube, Männern müsste deut­licher klar gemacht werden, dass dieser Prozess auch einen Gewinn für sie bedeutet, dass Leben für sie reich­hal­tiger, erfüllter wird, wenn sie z.B. einen inten­si­veren Umgang mit Kindern pflegen. Ansätze dazu gibt es ja bereits.

Frieda: Was können Mütter und Väter tun, damit aus den Söhnen keine Nar­zissten werden, also selbst­ver­liebte, eitle, mehr oder weniger bin­dungs­un­fähige ewige Prinzen?

Dr. Hilde Schmölzer: Eine Antwort auf diese Frage schließt an die vor­her­ge­hende an: Ich glaube, dass hier dem Vater eine sehr ent­schei­dende Rolle zukommt. Er sollte ein posi­tives Bei­spiel für seine Söhne sein, nicht nur im Sinne von Erfolg im Beruf, von Effi­zienz und Durch­set­zungs­kraft, sondern auch, indem er sich mit der Mutter den Haushalt, die Kin­der­er­ziehung teilt und damit wie­derum ihr den Ein­stieg in die Gesell­schaft ermög­licht. Das alles ist ja bekannt, wird auch ver­sucht, halb­herzig und zaghaft meist. (Wozu aller­dings auch die Bereit­schaft der Mutter gehört, die manchmal auf­grund ihrer gesell­schaft­lichen Dis­kri­mi­nierung an ihrer Rolle als wich­tigste Person für das Kind festhält und davon wenig abgeben will). Aber ich sehe ein Problem darin, wenn die Mutter – vor allem, wenn sie Allein­er­zie­herin ist – den Sohn, ohne väter­liches Vorbild, zu einem Femi­nisten erziehen will. Ich glaube, dass das Wider­stand erzeugt; Söhne haben es dann schwer, ein männ­liches Selbst­ver­ständnis zu ent­wi­ckeln. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung, ich habe einen Sohn, war Allein­er­zie­herin und habe eine schwierige Beziehung zu ihm, obwohl ich ihn nie indok­tri­niert habe. Aber eine starke Mutter – ohne gleich­zei­tiges männ­liches Vorbild, an dem sich ein Sohn ori­en­tieren kann – macht genauso Angst wie eine starke Frau in einer Partnerschaft.

Frieda: In spi­ri­tu­ellen Kreisen ist mitt­ler­weile häu­figer von „weib­licher und männ­licher Urkraft“ die Rede. Können Sie erläutern, was es mit der Ver­nichtung der Schöp­fer­göttin aus mytho­lo­gi­scher Sicht auf sich hat?

Dr. Hilde Schmölzer: Im Mythos der alten matri­zen­tri­schen Kul­turen war die Große Schöp­fer­göttin nicht nur Frucht­bar­keits­göttin, sondern das gesamte Sein, Anfang und Ende, Lebens­göttin und Todes­göttin zugleich. „Was da ist, was sein wird und was gewesen ist bin Ich“, sagt ein Tem­pel­spruch von Sais über die ägyp­tische Nuth oder Neith, die nicht nur im Himmel wohnte, sondern die selbst der Himmel mit allen Gestirnen war. Die Göttin gebar nicht nur die Men­schen, sondern auch Pflanzen und Tiere, ebenso die Gestirne und das ganze Uni­versum. Sie war Inkar­nation des Lebens, aber auch des Todes, und die Ver­stor­benen kehrten in ihren Leib zurück, um wie­der­ge­boren zu werden. Die Ver­nichtung der alten Schöp­fer­göttin am Übergang zum Patri­archat etwa 3000 vor unserer Zeit mar­kiert nicht nur den Beginn patri­ar­chaler Reli­gionen, sie hatte auch weit­rei­chende Folgen für die Frau.

Vorerst wurde die eine und einzige Göttin auf­ge­spalten in ver­schiedene Gott­heiten, wie wir sie aus der Antike kennen. Dann wurden die Göt­tinnen von den inzwi­schen ent­stan­denen männ­lichen Göttern (die es ursprünglich nicht gab…) geraubt, oder ver­ge­waltigt (Göt­ter­vater Zeus ist ein ein­drucks­volles Bei­spiel). Und schließlich wurde die Große Göttin gänzlich ver­nichtet, wie etwa in der bereits patri­ar­chalen Theo­logie Baby­lo­niens durch den Pfeil des Son­nen­gottes Marduk, der ihre Ein­ge­weide zer­fetzte, sich tri­um­phierend auf ihren toten Leib setzte und in einem als hel­denhaft gerühmten Akt ihren Leib in zwei Hälften spaltete, um daraus Himmel und Erde zu formen, worauf er zum obersten Sonnen-und Staatsgott emporstieg.

Hier wird deutlich, was die gesamte patri­ar­chale Geis­tes­ge­schichte aus­zeichnet: Eine Spaltung des müt­ter­lichen, ganz­heit­lichen Urprinzips in den männ­lichen Himmel ( = Geist) und die weib­liche Erde ( = Natur). Wobei die große, Leben spen­dende Mutter zum toten „Material“ wird, zum Objekt, der männ­lichen Herr­schaft unter­worfen. Gebären wollten jetzt die Götter, Zeus etwa gebiert die Göttin Athene aus seinem Kopf, und der ägyp­tische Hauptgott Atum befriedigt sich mit der Hand, schluckt seinen Samen und gebiert aus seinem Mund die Götter Schuh und Tefnut. Auch in der alt­tes­ta­ment­lichen Rip­pen­geburt wird die Frau bekanntlich aus einem Mann geboren.

Frieda: Welche Rolle spielen die Reli­gionen dabei, das Patri­archat über Genera­tionen hinweg auf­recht­zu­er­halten und zu manifestieren?

Dr. Hilde Schmölzer: Die patri­ar­chalen Welt­re­li­gionen kommen schließlich alle ohne eine Göttin aus; vielmehr beginnt jetzt der eine und einzige Gott die gesamte Schöp­fungs­macht auf sich zu ver­einen. Andere Götter oder Göt­tinnen werden ebenso wenig geduldet wie indi­vi­duelle Glau­bens­aus­le­gungen. Mono­the­is­tische Reli­gionen sind immer Staats­re­li­gionen, und in ihrem Namen werden in Zukunft Kriege gefochten, Groß­reiche gebildet und wird Herr­schaft eta­bliert. Der jeweilige Gott ist meist auch ein Kriegsgott gewesen (eine Aus­nahme bildet der Bud­dhismus), er hat die Waffen gesegnet und die Kriege geheiligt.

Mythos und Religion prägen natürlich auch die Rea­lität. Das Fehlen einer weib­lichen Gottheit hatte dra­ma­tische Aus­wir­kungen auf das Selbst­be­wusstsein der Frau. „Gott ist der Spiegel des Men­schen“ meint Feu­erbach. Der Frau fehlt dieser Spiegel, um Frau zu werden. Frauen wurden in den fol­genden Jahr­hun­derten abge­wertet, auch und vor allem in ihrer gene­ra­tiven Rolle. Bei Aris­to­teles z.B. ist allein der männ­liche Same für die Schaffung der Seele zuständig, während die Frau mit dem Mens­trua­ti­onsblut den nied­riger zu bewer­tenden Stoff liefert. Auch die großen Theo­logen der Hoch­scho­lastik pre­digen ihre unter­ge­ordnete Rolle beim Zeu­gungsakt und daraus folgend ihre gesamte Infe­rio­rität. Ihr frucht­barer Körper, in matri­zen­tri­schen Kul­turen heilig und verehrt, wurde schmutzig und sündhaft und ihre Gebär­kraft eine Strafe: „Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären“ heißt es nun über die Jahr­hun­derte, und „In Schuld bin ich gezeugt worden und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen“.

Diese Vor­stellung vom gefähr­lichen, sünd­haften Körper der Frau beein­flusste massiv das All­tags­leben der Frauen, und zwar nicht nur durch die Hexen­ver­fol­gungen. So etwa hatte sich die Ansicht vom Geburts­schmerz als Strafe für die weib­liche Erb­schuld tief in das Bewusstsein ein­ge­graben. In den fol­genden Jahr­hun­derten wurde die Frau zur gefähr­lichen Ver­füh­rerin, deren Bio­logie (=Gebären) ihr als Fluch aus­gelegt wurde. Nach der Geburt eines Kindes etwa musste sie wegen des vor­an­ge­gan­genen Geschlechts­ver­kehrs Buße tun, um sich mit der Kirche wieder „aus­zu­söhnen“. Dazu war eine „Rei­ni­gungszeit“ von vierzig Tagen bei Knaben und achtzig bei – ganz offen­sichtlich mit grö­ßerer Erb­schuld belegten – Mädchen not­wendig. In der Praxis bedeutete das, dass sich die Frau durch­schnittlich vier bis sechs Wochen nach der Geburt nicht aus ihrem Haus ent­fernen durfte. Ein Über­treten dieses Gebots zog nicht nur kirch­liche Strafen, sondern auch welt­liche Geld­strafen nach sich, und Wöch­ne­rinnen, die ohne die not­wendige „Aus­segnung“ starben, wurde bis ins 16. Jahr­hundert die Beer­digung am Friedhof ver­weigert. Die Gemein­schaft hatte sich auch ansonsten vor ihren unheil­vollen Kräften zu schützen, ihre Berüh­rungen ver­darben Lebens­mittel, Ernte und Vieh, die durften nicht am Brunnen Wasser schöpfen, denn das würde das Wasser ver­un­rei­nigen und ein Gang über Felder hätte Unwetter zur Folge. Auch mussten sie spe­zielle Essens­vor­schriften ein­halten und waren, ebenso wie während der Schwan­ger­schaft, zur sexu­ellen Ent­halt­samkeit ver­pflichtet. Hielt sie sich nicht an diese Regeln, konnte dies ein totes oder miss­ge­bil­detes Kind zur Folge haben; die „Schuld“ der Frau stand also von vorn­herein fest. In länd­lichen Gegenden wurden Frauen bis in die sech­ziger Jahre des 20. Jahr­hun­derts „aus­ge­segnet“.

Der „sündige Körper“ der Frau und ihr „unreines Blut“ dienten auch als Recht­fer­tigung, um ihr das Pries­teramt zu ver­weigern. Men­stru­ie­rende durften lange Zeit nicht das Haus des einen und ein­zigen Gottes betreten, sie wurden vom Kirchgang und von der Kom­munion aus­ge­schlossen. Die Men­stru­ie­rende war ebenso wie die Wöch­nerin zu meiden, konnte Pflanzen ver­dorren lassen, Krank­heiten über­tragen und den bösen Blick verursachen.

Diese Tabui­sierung von Mens­truation und Geburt ist bei allen patri­ar­chalen Völkern zu finden, sie ist Aus­druck von Furcht vor dem Mys­terium der Mut­ter­schaft, aber auch von Neid auf die Gebär­kraft der Frau. In Teilen Indiens bei­spiels­weise gilt die Mutter während der Geburt und zehn Tage danach heute noch als „unbe­rührbar“. Und rituelle Rei­ni­gungen der Frauen nach ihrer Geburt finden auch bei den Juden, den Arabern und im Kau­kasus statt.

Frieda: Kin­der­por­no­grafie hat stark zuge­nommen, wohl auch wegen der neuen Mög­lich­keiten durch das Internet. Nicht selten ist in diesem Zusam­menhang zu lesen, dass Täter, besonders bei Miss­brauchs­fällen, den Opfern auch noch die Schuld geben, sich selbst aber keiner Schuld bewusst zu sein scheinen. Ist Freuds Mut­maßung, bereits kleine Mädchen hätten inszes­tuöse Fan­tasien ihren Vater betreffend, etwas, das viele Männer – unbe­wusst – als Recht­fer­tigung für ihr Ver­halten in sich tragen?

Dr. Hilde Schmölzer: Das glaube ich eigentlich weniger. Ich meine auch, dass diese Details von Freuds Lehre zu wenig im all­ge­meinen Bewusstsein vor­handen sind. Ich glaube eher, dass Kinder – seien es nun Mädchen oder Jungen – für Männer, die Angst haben vor der starken Frau, Begehr­lich­keiten aus­lösen können. Vor einem Kind muss ein sexuell frus­trierter Mann keine Angst haben. Was aller­dings Mädchen betrifft, so finden sich in der Lite­ratur zahl­reiche Bei­spiele, dass selbst Kinder als Ver­füh­re­rinnen wahr­ge­nommen werden, also selbst kleinen Mädchen diese Rolle zuge­schrieben wird, und sich damit der Täter ent­lastet fühlt. (So etwa macht der Psych­iater Theodor Spoerri für eine pubertäre ver­mutete sexuelle Annä­herung des Dichters Georg Trakl an seine vier Jahre jüngere Schwester Mar­garete ihre „ver­steckte Auf­for­derung“ verantwortlich).

Frieda: Was wün­schen Sie uns allen für die Zukunft?

Dr. Hilde Schmölzer: Ich wünsche mir für die Zukunft, dass sich Frauen weniger an männ­liche Werte anpassen, sondern dass sie eher ver­suchen, jenen mensch­lichen Werten, deren Bewahrung ihnen zuge­wiesen wurde, Vorrang zu geben. Wir brauchen eine Gesell­schaft, die nach mensch­lichen Prin­zipien orga­ni­siert ist, in der die Grund­be­dürf­nisse von Men­schen Prio­rität genießen und in der auch Kin­der­er­ziehung nicht abge­schoben wird als indi­vi­du­elles Problem einer Frau, sondern in der die Sorge für Kinder und ihr Wohl­ergehen eine all­ge­meine, öffent­liche Ange­le­genheit ist.

Frieda: Liebe Frau Dr. Schmölzer, ich danke Ihnen von Herzen – und das sicher auch im Namen von vielen anderen – für Ihre Bereit­schaft zu diesem Interview, zumal Sie inzwi­schen knapp 80 Jahre alt sind. Und ich danke Ihnen ganz per­sönlich für Ihr wert­volles Lebenswerk!

 

Quelle: Beate Wiemers, Jour­na­listin und Betrei­berin von https://frieda-online.de/

von Beate Wiemers, ver­öf­fent­licht am 21. November 2016