Wenn es immer nur “Inflation” oder “Deflation” wären, durch welche die Preise im Durchschnitt erhöht oder gesenkt werden, dann wäre die Forderung nach Stabilisierung des Preisdurchschnitts berechtigt. In Wirklichkeit sind aber die Preisänderungen nicht nur von seiten des Geldes, sondern auch von der Warenseite her bedingt, und in der Praxis kann man nicht entscheiden, wo die Änderung ihren Ausgang genommen hat. Wenn beispielsweise dank technischer Fortschritte oder dank der Ergiebigkeit der Natur die Produktion verbilligt wird, so sinkt das Preisniveau, ohne daß eine “Deflation” vorliegt. Vermehrt man jetzt die Geldmenge, um den Preisrückgang wieder wettzumachen, so müßte man gerade dieses Stabilhalten der Preise als inflationistisch bezeichnen. Das haben jene Theoretiker erkannt, die keine Preisstabilität, sondern eine Neutralität des Geldes verlangen. Das Geld soll von sich aus keine Veränderungen der Preise und der Produktion hervorrufen, es soll aber auch die natürlichen Veränderungen der Preise und der Produktion nicht aufhalten und nicht stören. Könnte nicht eine vollkommen unveränderliche Geldmenge diese Eigenschaft, “neutral” zu sein, besitzen?

Also ist weder jene Währungsmanipulation, die auf den stabilen Warenpreisdurchschnitt abzielt, noch jene, die eine absolut stabile Geldmenge sucht, frei von Störungen für den Aufbau der Produktion. Wenn man dieses Ideal nicht erreichen kann, so sucht man ein solches Geldsystem, das wenigstens möglichst viel andere Vorteile hat. Die Goldwährung, die sich noch immer sehr vieler Anhänger erfreut, hat verschiedene Vorteile: 1. Die Austauschverhältnisse zwischen dem Geld verschiedener Goldwährungsländer, d. h. die Devisenkurse sind stabil. 2. Der Einfluß der Politik auf die Währung ist weitgehend ausgeschaltet. 3. Die Gefahr inflationistischer Experimente ist verringert.
Goldwährung besitzt ein Land, dessen Geld in einem festen Austauschverhältnis zum Gold steht. Dazu ist es keineswegs notwendig, daß ein Umlauf von Goldmünzen besteht (Goldumlaufswährung). Es kann das Gold auch in den Notenbanken liegen (Goldkernwährung), ja sogar in ausländischen Notenbanken, gegen welche man Forderungen besitzt (Golddevisenwährung). Das Wesentliche ist, daß man das inländische Geld jederzeit zum festen Kurs in ausländisches Geld umtauschen kann und auch umgekehrt das Geld anderer Goldwährungsländer jederzeit zum festen Kurs in inländisches. Durch diesen Umtausch kommen die Preissysteme aller Goldwährungsländer in eine feste Verbindung: die inländische Kaufkraft kann jederzeit im Ausland, die ausländische im Inland geltend gemacht werden. Dies wird auch immer der Fall sein, wenn die Preise eines Landes sich nicht parallel mit denen der anderen Goldwährungsländer bewegen. Diese Länder treten in ein Kommunikationssystem, das an das physikalische System der kommunizierenden Gefäße erinnert.
Wenn beispielsweise ein Goldwährungsland seine Banknotenmenge durch Kreditgewährung an seine Produzenten erhöht, so entsteht die Tendenz zu einer Preissteigerung, es sinkt die Kauflust des Auslands (Exportsenkung) und es steigt die Kauflust aus dem Ausland (Importsteigerung). Es wird also inländisches Geld zum Umtausch in Gold oder Auslandsgeld zur Notenbank gebracht werden, deren Gold und Devisenvorrat (Reserve) auf diese Art geschwächt wird; der inländische Umlauf aber, der durch die Kreditgewährung erhöht worden war, wird durch den Umtausch in Auslandsgeld (Einlösung in Gold) wieder abnehmen. Kurz: das Gold strömt aus den Ländern, die andere Geldschöpfungsmethoden übertreiben, in jene Länder, die das nicht tun. (“Schlechtes Geld verdrängt das gute Geld.” Greshamsches Gesetz.)

Die Spielregeln der Goldwährung sind also recht einfach. Jedes Land, das “mitspielt”, ist genötigt, sich in seiner Kreditgeldschöpfung nach den anderen zu richten; wer seinen Zinsfuß künstlich ermäßigt und zuviel Kreditgeld (z. B. durch Wechseleskontierung) schafft, verliert Gold und muß geschwind wieder mit dieser freigebigeren Kreditpolitik aufhören, sonst muß er aus dem Spiele ausscheiden, d. h. er verliert alles Gold oder tritt freiwillig aus der Reihe der Goldwährungsländer.
In den letzten Jahren haben einige der Währungspolitiker die Spielregeln anders auslegen wollen. Wenn der Mechanismus der Goldwährungen das Gold aus einem Land ins andere treibt, dann sollte ihrer Ansicht nach nicht das Goldausfuhrland zu einer vorsichtigeren Kreditpolitik (Zinsfußerhöhung) übergehen müssen, sondern das Goldeinfuhrland sollte seinerseits in der Kreditgewährung freigebiger werden. Man sollte sich also nicht mehr nach den zurückhaltenden, sondern nach den großzügigeren Notenbanken richten. Wenn Gold aus England nach Frankreich strömte (bevor noch England den Goldstandard aufgegeben hatte), so hätte nach den alten Regeln in England der Diskontsatz erhöht werden müssen. England war nicht geneigt, das zu tun, und wollte, daß Frankreich lieber seinen Diskontsatz ermäßige, damit durch eine verstärkte französische Kreditgeldschöpfung der Goldzustrom nach Frankreich zum Stillstand gebracht werde. Diese neuen Spielregeln, die als “Kooperation (Zusammenarbeit) der Notenbanken zur Erleichterung internationaler Kreditinflation” bezeichnet werden können, sind zweifellos wider den Geist des Goldwährungssystems. Der sogenannte “Kampf um die zu kurze Golddecke”, den die verschiedenen Notenbanken miteinander führten, war gerade eine der wichtigsten Erscheinungen des Goldwährungssystems, weil die einzelnen Notenbanken dadurch zu größerer Vorsicht gegenüber den Lockungen der Kreditausdehnung veranlaßt wurden.
Die Geldmenge ist anderseits beim System des Goldstandards auch nicht ganz starr. Abgesehen von der immerhin noch bestehenden, wenn auch beschränkten, Elastizität des Notenbankkredits, wird die Geldmenge auch durch die neue Produktion des Goldes vergrößert. Die Goldproduktion ist gering im Verhältnis zur bereits existierenden Goldmenge. Das ist gerade der Vorteil des Goldes als Währungsgrundlage, daß der Weltvorrat nur um wenige Prozente im Jahr größer wird. Man hat errechnet, daß der Zuwachs lange Zeit hindurch durchschnittlich 3 % jährlich betragen hat. Man befürchtete mitunter, daß der Zuwachs – also die Neuproduktion von Gold – geringer werden könnte. Man glaubte, daß die Zunahme der sonstigen 
Auch die Klagen über die “schlechte” Goldverteilung sind nicht begründet. Wenn die Länder A, B, C, D und E alle gleich viel Gold besessen und dann A, Bund C durch Bankkredite den Zinsfuß künstlich niedriger gehalten hätten, so wäre das Gold nach D und E geströmt. Das Gold ist hernach ungleichmäßig verteilt, aber weitere Folgen hat das nicht. Zurück nach A, Bund C ginge das Gold nur, wenn diese Länder eine Deflationspolitik oder wenn D und E mit einer Inflation beginnen würden. Keiner von beiden Wegen hätte Vorteile für die Wirtschaftslage. Die ungleichmäßige Goldverteilung – als bereits vollzogene Tatsache – schadet niemandem, sie verurteilt die goldarmen Banken höchstens zu noch größerer Enthaltsamkeit vor übermäßigen Kreditausdehnungen.
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Aus: Fritz Machlup, „Führer durch die Krisenpolitik“ (1934)
Fritz Machlup (1902–1983) war ein österreichisch-amerikanischer Ökonom. Er war einer der ersten Ökonomen, der Wissen als ökonomische Ressource untersuchte.
























