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Freud­scher Ver­sprecher: Kramp-Kar­ren­bauer und ihre Union der Sozialdemokraten

Mit dem Slogan „Sie kennen mich“ ging Angela Merkel einst für die Union auf Stim­menfang. Das funk­tio­nierte eine Weile, bis mancher Wähler die Vor­stellung nicht mehr beru­higend, sondern eher beängs­tigend fand. Ihre Nach­fol­gerin als CDU-Vor­sit­zende kennt man hin­gegen noch nicht recht. Wer ist diese Annegret Kramp-Kar­ren­bauer und wohin will sie? Selbst auf beharr­liche Nach­frage ziert sie sich, ihre Ambi­tionen auf die Kanz­ler­kan­di­datur zu bestä­tigen. Und auch poli­tisch hat sie seit ihrer Kür zur Par­tei­chefin noch keinen klaren Kurs erkennen lassen. Zwar wartete „AKK“ mit der Fest­stellung auf, man müsse manches in der CDU auf den Prüf­stand stellen, nicht zuletzt die Migra­ti­ons­po­litik, doch fällt es vielen schwer, an einen wirk­lichen Kurs­wechsel zu glauben. Daran ändern auch die nun statt­fin­denden „Werk­statt­ge­spräche“ nichts. In diesen sollen die Posi­tionen der CDU zu den Themen Migration, Sicherheit und Inte­gration dis­ku­tiert und über­ar­beitet werden. Man wird sehen, was dabei am Ende her­aus­kommt. Dass die Union durch die unmiss­ver­ständ­liche Auf­for­derung an Zuwan­derer, selbst zum Gelingen ihrer Inte­gration bei­zu­tragen, oder ein klares Bekenntnis zum Rechts­staat und zur Sicherung der Grenzen einen Koali­ti­ons­bruch mit der nach links rückenden SPD ris­kieren will, darf aber bezweifelt werden. Vor allem würde sie damit ihren grünen Wunsch­partner ver­prellen, der als künf­tiger Mehr­heits­be­schaffer parat steht. Die neue Vor­sit­zende steht von Beginn an unter Druck: Sie will einer­seits nicht als Mini-Merkel enden, muss ande­rer­seits aber den kon­ser­va­tiven Teil ihrer Partei hinter sich bringen.

„Wir Sozi­al­de­mo­kra­tinnen und Sozi­al­de­mo­kraten“ – im Kreis der eigenen Mit­glieder wähnte sich Kramp-Kar­ren­bauer bei der SPD

Es macht die Aufgabe sicher nicht leichter, dass Kramp-Kar­ren­bauer jedes Cha­risma abgeht. Sie ist ver­bindlich und ihre Sätze unter­scheiden sich wohl­wollend von den ver­drehten Wort­gir­landen ihrer Vor­gän­gerin, bei der man sich nach jedem Statement die Frage stellt, was sie eigentlich sagen will. Doch so sehr die „Neue“ zur ver­ständ­lichen Sprache neigt, so hölzern sind ihre Auf­tritte. Dabei wirkt sie zuweilen unsicher. Besonders anzu­merken war ihr dies zum Auftakt der Gesprächs­runde, die sie ihrer CDU als „Repa­ra­tur­werk­statt“ ver­ordnet hat. Ob aber die Auf­regung als Erklärung dafür aus­reicht, dass sie sich im Kreis der eigenen Mit­glieder bei der SPD wähnte? „Ich freue mich ins­be­sondere, dass wir dies nicht nur als Sozi­al­de­mo­kra­tinnen und Sozi­al­de­mo­kraten heute Abend hier unter uns tun, sondern dass wir dies gemeinsam mit Freun­dinnen und Freunden der CSU tun“, begrüßte Kramp-Kar­ren­bauer die peinlich berührte Runde, um ihren Fauxpas erst zu bemerken, als Zwi­schen­rufer sie daran erin­nerten, dass dies eine Ver­an­staltung ihrer eigenen Partei sei. Nun ist ein Ver­sprecher nichts, womit man sich lange auf­halten müsste, ginge es hier nicht um die kom­plette Begrü­ßungs­formel, die dank der ein­ge­übten Praxis des sper­rigen Gen­de­rings eben nicht nur ein flüchtig ver­tauschtes Wort enthält. Vor allem sollte eine Vor­sit­zende selbst im Tief­schlaf her­un­ter­beten können, welcher Partei sie vor­steht. Es ist schon pikant, dass die neue Chefin der CDU, die nun so vieles anders machen will, um die Kon­ser­va­tiven zu besänf­tigen, aus­ge­rechnet in ihrem ersten großen Auf­tritt seit dem Par­teitag die eigene Partei mit der des Koali­ti­ons­partners verwechselt.

Kramp-Kar­ren­bauer hat Merkels Werk – zumindest sprachlich – voll­endet und damit ihrer eigenen Glaub­wür­digkeit einen Dämpfer verpasst

Mög­li­cher­weise war es aber doch eher der selige Sigmund Freud, der aus dem Grab grüßte. So sehr ist die CDU inzwi­schen links zu ver­orten, dass eine Vor­sit­zende die eigenen Mit­glieder schon einmal mit Sozi­al­de­mo­kraten ver­wechseln kann. Dass die SPD den immer enger wer­denden Raum durch einen Links­schwenk wieder zu ver­größern ver­sucht, bestätigt dies. Kramp-Kar­ren­bauer hat Merkels Werk – zumindest sprachlich – voll­endet und damit ihrer eigenen Glaub­wür­digkeit in der kri­ti­schen Phase des Neu­an­fangs einen gewal­tigen Dämpfer ver­passt. Sie hat außerdem alle Kri­tiker bestätigt, die eine immer geringere Unter­scheid­barkeit der beiden ehe­ma­ligen „Volks­par­teien“ bemängeln. Die CDU-Vor­sit­zende ver­suchte ihren Aus­rut­scher übrigens anschließend damit zu erklären, „dass die Sozi­al­de­mo­kraten zur Zeit gerade dabei sind, ein großes Trauma ihrer Partei“, nämlich die Hartz-IV-Gesetze, auf­zu­ar­beiten. Offenbar ist sie in Gedanken in diesen Tagen doch mehr bei der SPD als bei ihrer CDU. Irgendwie scheint sie sich nicht nur für ihre Partei, sondern auch für den Koali­ti­ons­partner ver­ant­wortlich zu fühlen. In dem von der „Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Union“ ange­führten Par­tei­en­block spielt die Par­tei­zu­ge­hö­rigkeit aller­dings ohnehin keine besondere Rolle mehr. Querbeet hat man sich nur noch einer poli­ti­schen Richtung ver­schrieben. Den Journalisten-„Millennials“, die dies bejubeln und Anders­den­kende so erbittert bekämpfen, sei gesagt: Das Expe­riment mit einer Ein­heits­partei, die kaum noch wirksame Oppo­si­ti­ons­po­litik ermög­licht, ist zuletzt 1989 kra­chend gescheitert. Warum sollte es diesmal besser laufen?


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