INF-Vertrag durch USA gekündigt: Deutsche Poli­tiker fordern neue US-Atom­ra­keten in Europa

von Thomas Röper
Nun machen die USA wenig über­ra­schend die Drohung wahr und steigen aus dem INF-Vertrag aus. Was bedeutet das für Europa und was sind die Hintergründe?
Der INF-Vertrag war der letzte von meh­reren Abrüs­tungs­ver­trägen des Kalten Krieges. Er ver­bietet den USA und Russland land­ge­stützte Atom­ra­keten mit einer Reich­weite von 500 bis 5.500 Kilo­meter. Der Vertrag ist vor allem für Europa wichtig, denn solche Raketen erreichen ihr Ziel in wenigen Minuten, man hat also prak­tisch keine Vor­warnzeit und damit auch keine Zeit, über eine Reaktion nach­zu­denken. Das erhöht die Gefahr eines „Atom­krieges aus ver­sehen“, wenn eine Seite etwas fälsch­li­cher­weise als Rakete erkennt und dar­aufhin ihre eigenen Raketen los­schickt, einfach weil es keine Zeit mehr zum Nach­denken und Ana­ly­sieren gibt.
Diese Gefahr betrifft Europa und Russland, die innerhalb der Reich­weite dieser Raketen liegen, die USA hin­gegen sind nicht betroffen, denn die ent­spre­chenden Raketen fliegen nicht bis in die USA. Deshalb sollten Russland und Europa hier eigentlich an einem Strang ziehen, aber die Europäer machen ihrer Rolle als „Schoß­hunde der USA“ alle Ehre und nicken in der Nato jeden Vor­schlag der USA ab, auch wenn er die Sicherheit in Europa ohne Not ver­schlechtert. Hierbei wird auch eine Show für das Volk abge­zogen, wenn die Europäer heu­cheln, sie wollten den Vertrag erhalten, bei einer Abstimmung in der UNO aber mit den USA gegen eine Debatte über das Thema stimmen. Natürlich wurde darüber in den deut­schen Medien kein Wort berichtet, als sich diese Geschichte Ende Oktober 2018 zutrug. Der deutsche Leser hätte ja die Dop­pel­zün­gigkeit der Bun­des­re­gierung allzu leicht erkennen können, da ver­schweigen die deut­schen kri­ti­schen Qua­li­täts­medien das Thema lieber komplett.
Nun besteht also die Gefahr eines neuen ato­maren Wett­rüstens in Europa. Und kaum haben die USA ange­kündigt, in einem halben Jahr aus dem Vertrag aus­zu­steigen, da rufen schon die ersten euro­päi­schen Poli­tiker nach neuen US-Atom­bomben in Europa. Immerhin halten die USA sich an die Kün­di­gungs­frist von sechs Monaten, zwi­schen­durch sah es so aus, als wollten die USA diese Kün­di­gungs­frist igno­rieren und sofort aus dem Vertrag aussteigen.
Der Spiegel berichtet heute zum Bei­spiel, dass der pol­nische Außen­mi­nister umgehend nach neuen US-Atom­ra­keten für Europa gerufen hat: „Als Reaktion auf ein Ende des INF-Ver­trags über das Verbot land­ge­stützter Mit­tel­stre­cken­waffen fordert der pol­nische Außen­mi­nister Jacek Cza­pu­towicz die Sta­tio­nierung ame­ri­ka­ni­scher Atom­ra­keten in Europa. „Es liegt in unserem euro­päi­schen Interesse, dass ame­ri­ka­nische Truppen und Atom­ra­keten auf dem Kon­tinent sta­tio­niert sind“, sagte Cza­pu­towicz dem SPIEGEL.
Nun sind die Polen ohnehin als extreme Falken bekannt, wenn es um Russland geht. Aber ich frage mich trotzdem, wie Atom­ra­keten in Europas Interesse sein sollen. Zur Info: Wenn zum Bei­spiel Polen auf seinem Ter­ri­torium US-Atom­ra­keten sta­tio­nieren lässt, dann bedeutet das auto­ma­tisch, dass diese Sta­tio­nie­rungsorte zu Zielen rus­si­scher Atom­ra­keten werden. Wie soll das in Polens Interesse sein? Zumal weil, wir erinnern uns, diese Sta­tio­nierung so dicht an der Grenze des anderen die Gefahr eines Atom­krieges „aus Ver­sehen“ massiv erhöht. Ich kann, selbst wenn ich der pol­ni­schen Logik von einer „rus­si­schen Bedrohung“ folgen würde, nicht erkennen, wie die Erhöhung der Gefahr eines „Krieges aus Ver­sehen“ die Sicherheit Europas ver­bessern könnte. Das Gegenteil ist der Fall.
Über dieses Risiko liest man im Spiegel natürlich nichts in den heu­tigen Artikeln zum INF-Vertrag.
Dafür zitiert der Spiegel den pol­ni­schen Außen­mi­nister weiter: „Es gebe keinen Grund zu glauben, dass Nukle­ar­waffen nicht auch in Zukunft den Frieden sichern würden. Die Nato wirft Russland vor, den INF-Vertrag gebrochen zu haben. Cza­pu­towicz schließt nicht aus, dass eines Tages auch Nato-Atom­ra­keten in Polen stehen könnten. „Das wün­schen wir uns über­haupt nicht“, so Cza­pu­towicz. „Aber es hängt alles davon ab, wie sich Russland in Zukunft verhält, ob es seine aggressive Rüs­tungs­po­litik fort­führt. Darüber müsste die Nato als Gemein­schaft ent­scheiden.“ Russland, so der pol­nische Außen­mi­nister, ver­stehe nur die Sprache der Stärke.
Das lässt der Spiegel unkom­men­tiert durch­gehen, obwohl man doch die Frage stellen könnte, worin Russ­lands „aggressive Rüs­tungs­po­litik“ eigentlich besteht, wenn Russ­lands Ver­tei­di­gungs­budget nur ca. 60 Mil­li­arden beträgt, das der USA alleine aber schon über 700 Mil­li­arden, die anderen Nato-Länder noch nicht einmal eingerechnet.
Aber auch in Deutschland kann es einigen Poli­tikern mit neuen US-Atom­ra­keten in Europa anscheinend gar nicht schnell genug gehen, wie der Spiegel eben­falls berichtet: „CDU-Poli­tiker halten es für einen Fehler, dass Außen­mi­nister Heiko Maas eine nukleare Nach­rüstung als Reaktion auf ein Ende des INF-Ver­trags aus­ge­schlossen hat. Es sei „ganz falsch zu sagen, dass man nichts tun wird“, kri­ti­siert der Vor­sit­zende des Aus­wär­tigen Aus­schusses im Bun­destag Norbert Röttgen. Er warf der SPD vor, die ‘ernste sicher­heits­po­li­tische Lage zu innen­po­li­ti­scher Vor­teils­suche’ zu miss­brauchen.
Nun ist Röttgen als Scharf­macher bekannt. Er war einer der lau­testen Ver­fechter einer deut­schen Betei­ligung an dem ille­galen Irak-Krieg der USA 2003 und for­derte von Russland, die Al-Qaida nahe­ste­henden Gruppen in Syrien nicht anzu­greifen. Und nicht nur das, er war auch der Meinung, Deutschland sollte sich an mög­lichen Angriffen der USA und Frank­reichs in Syrien betei­ligen, auch mit dem Risiko, dabei in direkten Kon­flikt mit rus­si­schen Truppen zu geraten. Sogar einen Verstoß gegen das Völ­ker­recht und gegen das deutsche Grund­gesetz nahm er dabei in Kauf.
Ein Mann, der mit solchen For­de­rungen durch die Gegend läuft, ist in meinen Augen ein Sicherheitsrisiko.
Generell sitzen die Falken momentan in der CDU. Ich habe mich gefreut, als bekannt wurde, dass Elmar Brok endlich in den Ruhe­stand geht und nicht mehr für die Euro­pawahl auf­ge­stellt wurde. Denn auch dieser Mann ist ein wan­delndes Sicher­heits­risiko, wie man im Spiegel lesen kann: „Auch der CDU-Euro­pa­ab­ge­ordnete Elmar Brok hält es für falsch, früh­zeitig Optionen vom Tisch zu nehmen. Sollte Russ­lands Prä­sident Wla­dimir Putin wei­terhin jede Zusam­men­arbeit ablehnen, ‘müsste man not­falls auch über eine atomare Nach­rüstung in Europa nach­denken’, fordert Brok.
Die SPD zeigt sich bisher zurück­hal­tender, als die CDU, man wird die Reak­tionen noch abwarten müssen. Am neu­gie­rigsten bin ich jedoch auf die Reaktion der (oliv-)Grünen, die sich einer­seits als Pazi­fisten geben, aber oft am lau­testen nach Mili­tär­ein­sätzen rufen und diese hinter „huma­ni­tären Not­wen­dig­keiten“ zu ver­bergen suchen.
Einen Über­blick über die Abrüs­tungs­ver­träge der Ver­gan­genheit und Details zum INF-Vertrag finden Sie hier.


Quelle: Anti-Spiegel