Wirtschaft

Das Euro-Projekt ist gescheitert – was nun?

27. März 2019

Malte Fischer, der kompetente Chefvolkswirt der WirtschaftsWoche erläutert, weshalb das „Euro-Projekt gescheitert ist“. Zustimmung fällt leicht. Offen bleibt jedoch die entscheidende Frage: Was folgt aus dieser Erkenntnis?

  • „ (…) der Euro hat viele der in ihn gesetzten Hoffnungen enttäuscht. Spätestens die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, dass der konstruktivistische Versuch, eine funktionierende Währung auf dem Reißbrett der Politik zu entwerfen, zum Scheitern verurteilt ist.“
    Stelter: Vor allem, wenn man so verschiedene Länder zusammenzwingt, wie es der Euro tut.
  • „Eine Währung muss sich bewähren und Dinge bewahren. Der Euro hat beides nicht getan. Er hat sich nicht bewährt, weil er ohne die milliardenschweren Rettungsaktionen der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Regierungen längst untergegangen wäre. Ein Tauschmittel auf der Intensivstation der Politik, dessen Überleben von fiskalisch-monetärer Dauerbeatmung abhängt, ist keine Währung, sondern eine Krankheit.“
    Stelter: Und in der nächsten Krise muss die Dosis weiter erhöht werden. Das wird das Leiden verlängern und den Schaden vergrößern.
  • „Auch bewahrt hat der Euro nichts. Die Kaufkraft seiner Besitzer hat sich seit seiner Einführung im Schnitt um rund 1,7 Prozent pro Jahr verringert. Wer heute noch Euros aus dem Jahr 2002 in der Tasche hat, kann sich dafür rund ein Drittel weniger kaufen als damals. Gemessen an dem Anspruch an eine Währung, zu bewahren und sich zu bewähren, muss der Euro daher als gescheitert betrachtet werden.“
    Stelter: Hier stimme ich nicht zu. Die Inflationsrate war nicht sehr hoch und liegt am unteren Ende dessen, was man bei Fiat-Geldsystemen

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    erwarten muss. Klar, dies war nicht die Leistung der EZB, sondern entsprach der weltweiten Tendenz Richtung Deflation. Dennoch.

  • „Auch den Anspruch seiner Konstrukteure, Europas Einigung voranzutreiben, hat er nicht erfüllt. In der Eurokrise wurde der Zank um die Rettung der Gemeinschaftswährung zum politischen Spaltpilz für Europa.“
    Stelter: Das stimmt zweifellos.
  • „ (…) grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass Volkwirtschaften mit unterschiedlichen Wohlstandsniveaus ein und dieselbe Währung nutzen. (…) Sie profitieren sogar davon, wenn sie dieselbe Währung nutzen. Denn Geld ist ein Netzwerkgut. Dabei handelt es sich um Güter, die für den Einzelnen umso wertvoller sind, je mehr Personen dieses Gut nutzen. Wenn alle Menschen dasselbe Geld nutzen und akzeptieren, ist der Nutzen für den Einzelnen am größten. Er kann dann überall auf der Welt mit derselben Währung zahlen, Umtauschkosten und Wechselkursrisiken entfallen. Überließe man die Auswahl der Währungen dem Wettbewerb auf dem freien Markt, wie es der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) forderte, setzte sich vermutlich eine Weltwährung durch, die überall akzeptiert wird. Vieles spricht dafür, dass es sich dabei um ein Warengeld wie Gold oder andere Edelmetalle handeln würde.“
    Stelter: Bei Letzterem bin ich nicht sicher, richtig ist aber, dass eine breite Verwendung Nutzen stiftet.
  • Das Kernproblem ist der einheitliche Zins, mit dem die EZB den Euro steuert. Man stelle sich eine freie Marktwirtschaft ohne Zinsmanipulation durch die staatliche Zentralbank vor. Der Marktzins entspräche dann den Zeitpräferenzen der Menschen. In diesen spiegelt sich ihre Vorliebe für den heutigen Konsum wider. Je höher die Präferenz für den schnellen Konsum ist, desto höher muss der Zins als Entschädigung ausfallen, damit die Menschen auf den Sofortkonsum verzichten und sparen. In einem freien Markt würde sich der Zins so einpendeln, dass er der durchschnittlichen Zeitpräferenz der Menschen entspricht und so Sparen und Investieren zum Ausgleich bringen.“
    Stelter: Da fragt man sich, ob das wirklich so stimmt. Denn in unserer Welt wird Geld beliebig geschaffen, weshalb ich der Badewannen-Theorie von Angebot und Nachfrage immer weniger abgewinnen kann.
  • „Kontrolliert hingegen eine staatliche Zentralbank wie die EZB den Zins und drückt diesen unter die Zeitpräferenzrate der Menschen, etwa um die Konjunktur anzukurbeln, sind ökonomische Verwerfungen programmiert.“
    – Stelter: Diese Kritik kann auch an der US-Fed und der Bank of Japan geübt werden.
  • „In der ersten Hälfte der 2000er-Jahre erlebten die Südländer der Währungsunion einen solchen zinsgetriebenen Boom-Bust-Zyklus. Im Vorfeld der Euro-Einführung waren die Kapitalmarktrenditen in diesen Ländern kräftig gesunken. Nach dem Platzen der New Economy-Blase drückte die EZB auch die Leitzinsen kräftig nach unten – und verstärkte so den Boom, bis dieser mit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 platzte.“
    Stelter: Das stimmt, weil die einheitlichen Zinsen im konkreten Fall zu tief für diese Länder und zu hoch für Deutschland waren.
  • „Dass der Einheitszins für die Eurozone nicht funktionieren kann, liegt daran, dass sich die Zeitpräferenzen der Menschen zwischen den Mitgliedsländern unterscheiden. Wie sehr das der Fall ist, zeigt eine Untersuchung des Bonner Ökonomen Armin Falk, die in der renommierten Fachzeitschrift ‘Quarterly Journal Of Economics’ erschien ist. Falk und seine Ko-Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Menschen in den südlichen Ländern Europas eine höhere Vorliebe für den Gegenwartskonsum besitzen als die Menschen im Norden. Das heißt: Im Süden sind höhere Zinsen nötig als im Norden, um die Menschen zum Sparen zu bewegen und Boom-Bust-Zyklen zu verhindern.“
    Stelter: Ich bin simpler gestrickt. Weil die Inflationsraten in den südlichen Ländern höher waren, war der Realzins noch negativer und das hat den Boom befeuert.
  • „Verschärft wird das Problem dadurch, dass die Frankfurter Eurohüter mit ihren Anleihekäufen in den vergangenen Jahren auch die internationalen Zinsunterschiede am Kapitalmarkt eingeebnet haben. Spätestens seit dem Ausbruch der Eurokrise legt die EZB ihren Leitzinsentscheidungen zudem neben ökonomischen auch politische Überlegungen zugrunde. Offenbar sieht sie ihren Auftrag darin, die Eurozone in ihrer derzeitigen Zusammensetzung zu erhalten, wie die whatever-it-takes-Rede von EZB-Chef Mario Draghi aus dem Jahr 2012 gezeigt hat. Daher muss die EZB nolens volens Rücksicht auf die wirtschaftlich prekäre Lage der schwachbrüstigen Südländer und ihrer kippligen Banken nehmen. Dass die Südländer im Rat der EZB die Mehrheit besitzen, zementiert die Politisierung des Zinses.“
    – Stelter: Das ist richtig und wird von der deutschen Politik in Wirklichkeit befürwortet, denn die Alternative wären ein chaotischer Zerfall des Euro und die Offenbarung des massiven politischen Versagens!
  • „Heterogene Zeitpräferenzen und ein politisierter Einheitszins markieren eine ökonomische Fehlkonstruktion, deren inhärente Fragilität und Rettungsbedürftigkeit den politischen Zusammenhalt der Gesellschaften in Europa gefährden. Kann die Eurozone trotzdem überleben? Vielleicht. Doch der Preis dafür sind immerzu wiederkehrende Krisen, ökonomische Deformationen und eine schleichende Wohlstandserosion. Die entscheidende Frage ist daher: Wie lange machen die Menschen in Europa das mit?“
    Stelter: Genau das ist die Frage. Lösen kann die Eurokrise nur die Politik. Diese weigert sich und damit ist klar, dass wir auf eine politische Revolution warten müssen, während die EZB schadenmaximierend Zeit kauft.

→ Wiwo.de: „Warum das Euro-Projekt gescheitert ist“, 6. März 2019

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Dr. Daniel Stelter – www.think-beyondtheobvious.com


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