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Was den Osten wirklich geprägt hat

Als die Lügen­medien die Geschichte noch alleine schreiben konnten, als es noch kein Internet gab, wurden alle Unter­schiede und Ver­wer­fungen zwi­schen Ost und West an der kor­rupten Treuhand und den nur mit Ver­zö­gerung blühen wol­lenden Land­schaften fest­ge­macht, also an der Nach­wen­dezeit. Die Sachsen, Thü­ringer, Bran­den­burger und Meck­len­burger hätten einen Bruch in ihrer Bio­grafie hin­nehmen müssen, es wäre alles scheußlich gewesen.
(von Wolfgang Prabel)

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Zuge­geben, Zucker­lecken war es am Anfang nicht gerade. Ich fuhr mit meinem Trabant jeden Sonn­tag­abend mit einem Sand­kuchen für das Früh­stück sowie zwei Knack­würsten und einem Brot für mittags nach Hessen und ver­diente in einem grö­ßeren Betrieb 1.200 DM. Nicht in der Woche, sondern im Monat. Freitag nach­mittag ging es zurück. Das Leben im Westen war sehr inter­essant, ich habe in kurzer Zeit viel gelernt. Ich hatte dort einen hes­si­schen Mit­kämpfer im Büro, der nie selb­ständig war, aber genau wusste wie man einen Betrieb führt. Ich meine das nicht iro­nisch, er hat mir hundert goldige Tips gegeben, die ich später erfolg­reich genutzt habe. So kom­pli­ziert, wie er damals täglich in den Medien bejammert wurde, war der Kampf um die neue Existenz nicht, der Neu­start brachte auch viel Frische und Bewegung. Zum Bei­spiel konnte man das vom Mund abge­sparte Geld Eins zu Drei in Ostmark umtau­schen. Alleine der Umstand über die Zonen­grenze zu fahren war immer wieder ein Genuss. Soviel zur Zeit nach 1989.
Gerade war ich zwei Wochen in Ungarn in einigen Heil­bädern. Man gönnt sich ja sonst nichts. Dort wimmelt es von Rentnern aus Thü­ringen und Sachsen. Beim Rum­hocken in den Schwe­fel­me­dencen und Etterems hört man was die Leute in meinem Alter wirklich bewegt. Kein Mensch erzählt über die Zeit nach dem Zusam­men­bruch. Es werden vielmehr die Geschichten und Märchen aus der Rus­senzeit raus­ge­kramert. Sie sind für die Befind­lichkeit im Osten der Weisheit letzter Schluss, weil sie viel bunter und skur­riler sind und in der Regel mit eigenen Hel­den­taten gespickt. Denn es gab damals ja keine Ein­nahmen und Aus­gaben, sondern Ein­gaben und Aus­nahmen. Es roch nach Alkohol, Beschaf­fungs­kri­mi­na­lität und Abenteuer.
In der Gast­stätte Feherló (Zum weißen Rössel) erzählte eine säch­sische Familie den öster­rei­chi­schen Bekannten detail­reich, wie sie in der Rus­senzeit die Kantine ihrer Klein­gar­ten­anlage bewirt­schaftet hatten. Wie sie mit dem Kin­der­wagen als Trans­port­mittel zur Kauf­halle gefahren sind, um die Ware ein­zu­kaufen. Denn es gab ja noch keine Autos und auch keine elek­tri­schen Las­ten­fahr­räder vom Ver­kehrs­ex­perten Hof­reiter. Wie sie die Was­ser­leitung im Natio­nalen Auf­bauwerk (NAW) selbst gebaut hatten.
In einer Kocsma in Zala­karos wollte es der Zufall, dass am Nach­bar­tisch ein Ehepaar saß, wo der Mann in den Acht­zigern im selben Kom­binat wie ich gear­beitet hatte. Er war Kraft­fahrer gewesen und wusste noch genau wie ich die Namen der stärksten Trinker, der besten Spe­zia­listen und der bösesten Schlampen, er konnte sich exakt an die grauen Prä­senthosen und das grüne Cam­pinghemd vom Gene­ral­di­rektor Lam­precht erinnern.
Legendär ist die Geschichte, wo sich eine ver­rufene Sekre­tärin bei einem Sta­simann ein­ge­schlossen hatte. Die Sekre­tärin schnack­selte mit ihm und rief dabei die Frau von ihrem Lieb­haber an: „Ich rammele gerade auf deinem Bock, hörst du wie es quietscht? Ich halte mal den Hörer runter!“ Die Ehefrau rief erbost den General an, Lam­precht stürmte vor das Lie­besnest und dem­melte mit seinem gewal­tigen Gewicht solange gegen die Türe, bis auf­getan ward. Aus diesem und noch här­teren Holz sind die meisten Stories vor 89 geschnitzt. Es war die Zeit der bunten Anekdoten.
Im Ther­mal­becken des Strand­fürdö in Zala­karos saßen kürzlich zwei thü­rin­gische Familien. Sie erzählten sich mit welchen selt­samen Methoden sie das Bau­ma­terial für ihr Wochenend (Datsche) bzw. für ihren EW 65B orga­ni­siert hatten. Für die Wessis zur Erklärung:
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Mit welchen Ring­tau­schen und Bestechungen. Mit welchen Dieb­stählen und Bezie­hungen. Der Tra­bant­hänger hatte damals den Spitz­namen „Klaufix“. Was war das damals für ein pralles Leben! Es war nicht einfach und leicht, manchmal auch riskant. Ich erinnere mich, wie der Par­tei­se­kretär degra­diert und aus dem Betrieb ver­bannt wurde, weil er die Leute von seiner Abteilung exzessiv auf seiner Pri­vat­bau­stelle arbeiten ließ. Es gab eben auch Grenzen des Mach­baren, der Mangel glotzte aus jeder Ritze.
Diese lange Zeit, für viele über 30 Jahre, hat schon deshalb stark geprägt, weil das Alter bis 20 Jahren her­einfiel, welches für die Sozia­li­sierung wichtig ist. In unserem Ort lief der Übergang vom Hon­ecker- zum Kohl­so­zia­lismus so: Der LPG-Vor­sit­zende gründete eine Tief­bau­firma, der Schwei­nemist wurde aus den Schub­karren raus­ge­kippt, am nächsten Tag war Beton drin. Ein glei­tender Übergang, der durch die rie­sigen Inves­ti­tionen im Bau­wesen möglich war. Es war nicht überall Kata­strophe, nur die Medien jam­merten täglich rum.
Die geläufige Erzählung, dass die Ossis so komisch sind, weil die Wende kam, gehört ins Reich der Brüder Grimm. Sie ist für West­jour­na­listen so ver­lo­ckend, weil es die Aus­ein­an­der­setzung mit der Geschichte des Ostens erspart. Beim Zusam­men­bruch der Kom­binate sind sie dabei­ge­wesen, die Geheim­nisse der Rus­senzeit werden ihnen ver­schlossen bleiben. Wenn man die Nach­wen­dezeit dra­ma­ti­siert, bekommt der pöse Kapi­ta­lismus sein Fett weg, würde man die Rus­senzeit beleuchten, stände der bei den Sys­temm­edien all­seits geliebte Sozia­lismus in einem schrägen Licht.
Im Juni 1986 – kurz vor Tores­schluss – hatten die ZEIT-Kaker­laken Sommer, Dönhoff und Leon­hardt mit Erlaubnis und unter Auf­sicht der Stasi die DDR bereist und berich­teten danach über ihre „Reise ins andere Deutschland“. Ein Mix aus ober­fläch­lichen Gesprächen mit zuvor prä­pa­rierten Leuten im Osten und aus unzu­tref­fenden Beob­ach­tungen. Ein Bericht aus dem „bes­seren Deutschland“, wo Woh­nungsbau angeblich wich­tiger war als Fah­nen­hissen und wo Frauen gleich­be­rechtigt waren. Von diesen Fehl­tritten hat sich der west­deutsche Medi­en­be­trieb nie distan­ziert. Das über­mäßige Zetern über die Nach­wen­dezeit wahrte nicht das Gesicht, sondern zeigte die unmensch­liche Fratze der Lügen­presse und des Mono­pol­fern­sehens. ARD, ZDF – Abschalten!

Quelle: prabelsblog.de