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Politik

Was den Osten wirklich geprägt hat

15. September 2019

Als die Lügenmedien die Geschichte noch alleine schreiben konnten, als es noch kein Internet gab, wurden alle Unterschiede und Verwerfungen zwischen Ost und West an der korrupten Treuhand und den nur mit Verzögerung blühen wollenden Landschaften festgemacht, also an der Nachwendezeit. Die Sachsen, Thüringer, Brandenburger und Mecklenburger hätten einen Bruch in ihrer Biografie hinnehmen müssen, es wäre alles scheußlich gewesen.

(von Wolfgang Prabel)

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Zugegeben, Zuckerlecken war es am Anfang nicht gerade. Ich fuhr mit meinem Trabant jeden Sonntagabend mit einem Sandkuchen für das Frühstück sowie zwei Knackwürsten und einem Brot für mittags nach Hessen und verdiente in einem größeren Betrieb 1.200 DM. Nicht in der Woche, sondern im Monat. Freitag nachmittag ging es zurück. Das Leben im Westen war sehr interessant, ich habe in kurzer Zeit viel gelernt. Ich hatte dort einen hessischen Mitkämpfer im Büro, der nie selbständig war, aber genau wusste wie man einen Betrieb führt. Ich meine das nicht ironisch, er hat mir hundert goldige Tips gegeben, die ich später erfolgreich genutzt habe. So kompliziert, wie er damals täglich in den Medien bejammert wurde, war der Kampf um die neue Existenz nicht, der Neustart brachte auch viel Frische und Bewegung. Zum Beispiel konnte man das vom Mund abgesparte Geld Eins zu Drei in Ostmark umtauschen. Alleine der Umstand über die Zonengrenze zu fahren war immer wieder ein Genuss. Soviel zur Zeit nach 1989.

Gerade war ich zwei Wochen in Ungarn in einigen Heilbädern. Man gönnt sich ja sonst nichts. Dort wimmelt es von Rentnern aus Thüringen und Sachsen. Beim Rumhocken in den Schwefelmedencen und Etterems hört man was die Leute in meinem Alter wirklich bewegt. Kein Mensch erzählt über die Zeit nach dem Zusammenbruch. Es werden vielmehr die Geschichten und Märchen aus der Russenzeit rausgekramert. Sie sind für die Befindlichkeit im Osten der Weisheit letzter Schluss, weil sie viel bunter und skurriler sind und in der Regel mit eigenen Heldentaten gespickt. Denn es gab damals ja keine Einnahmen und Ausgaben, sondern Eingaben und Ausnahmen. Es roch nach Alkohol, Beschaffungskriminalität und Abenteuer.

In der Gaststätte Feherló (Zum weißen Rössel) erzählte eine sächsische Familie den österreichischen Bekannten detailreich, wie sie in der Russenzeit die Kantine ihrer Kleingartenanlage bewirtschaftet hatten. Wie sie mit dem Kinderwagen als Transportmittel zur Kaufhalle gefahren sind, um die Ware einzukaufen. Denn es gab ja noch keine Autos und auch keine elektrischen Lastenfahrräder vom Verkehrsexperten Hofreiter. Wie sie die Wasserleitung im Nationalen Aufbauwerk (NAW) selbst gebaut hatten.

In einer Kocsma in Zalakaros wollte es der Zufall, dass am Nachbartisch ein Ehepaar saß, wo der Mann in den Achtzigern im selben Kombinat wie ich gearbeitet hatte. Er war Kraftfahrer gewesen und wusste noch genau wie ich die Namen der stärksten Trinker, der besten Spezialisten und der bösesten Schlampen, er konnte sich exakt an die grauen Präsenthosen und das grüne Campinghemd vom Generaldirektor Lamprecht erinnern.

Legendär ist die Geschichte, wo sich eine verrufene Sekretärin bei einem Stasimann eingeschlossen hatte. Die Sekretärin schnackselte mit ihm und rief dabei die Frau von ihrem Liebhaber an: „Ich rammele gerade auf deinem Bock, hörst du wie es quietscht? Ich halte mal den Hörer runter!“ Die Ehefrau rief erbost den General an, Lamprecht stürmte vor das Liebesnest und demmelte mit seinem gewaltigen Gewicht solange gegen die Türe, bis aufgetan ward. Aus diesem und noch härteren Holz sind die meisten Stories vor 89 geschnitzt. Es war die Zeit der bunten Anekdoten.

Im Thermalbecken des Strandfürdö in Zalakaros saßen kürzlich zwei thüringische Familien. Sie erzählten sich mit welchen seltsamen Methoden sie das Baumaterial für ihr Wochenend (Datsche) bzw. für ihren EW 65B organisiert hatten. Für die Wessis zur Erklärung:

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Mit welchen Ringtauschen und Bestechungen. Mit welchen Diebstählen und Beziehungen. Der Trabanthänger hatte damals den Spitznamen „Klaufix“. Was war das damals für ein pralles Leben! Es war nicht einfach und leicht, manchmal auch riskant. Ich erinnere mich, wie der Parteisekretär degradiert und aus dem Betrieb verbannt wurde, weil er die Leute von seiner Abteilung exzessiv auf seiner Privatbaustelle arbeiten ließ. Es gab eben auch Grenzen des Machbaren, der Mangel glotzte aus jeder Ritze.

Diese lange Zeit, für viele über 30 Jahre, hat schon deshalb stark geprägt, weil das Alter bis 20 Jahren hereinfiel, welches für die Sozialisierung wichtig ist. In unserem Ort lief der Übergang vom Honecker- zum Kohlsozialismus so: Der LPG-Vorsitzende gründete eine Tiefbaufirma, der Schweinemist wurde aus den Schubkarren rausgekippt, am nächsten Tag war Beton drin. Ein gleitender Übergang, der durch die riesigen Investitionen im Bauwesen möglich war. Es war nicht überall Katastrophe, nur die Medien jammerten täglich rum.

Die geläufige Erzählung, dass die Ossis so komisch sind, weil die Wende kam, gehört ins Reich der Brüder Grimm. Sie ist für Westjournalisten so verlockend, weil es die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ostens erspart. Beim Zusammenbruch der Kombinate sind sie dabeigewesen, die Geheimnisse der Russenzeit werden ihnen verschlossen bleiben. Wenn man die Nachwendezeit dramatisiert, bekommt der pöse Kapitalismus sein Fett weg, würde man die Russenzeit beleuchten, stände der bei den Systemmedien allseits geliebte Sozialismus in einem schrägen Licht.

Im Juni 1986 – kurz vor Toresschluss – hatten die ZEIT-Kakerlaken Sommer, Dönhoff und Leonhardt mit Erlaubnis und unter Aufsicht der Stasi die DDR bereist und berichteten danach über ihre „Reise ins andere Deutschland“. Ein Mix aus oberflächlichen Gesprächen mit zuvor präparierten Leuten im Osten und aus unzutreffenden Beobachtungen. Ein Bericht aus dem „besseren Deutschland“, wo Wohnungsbau angeblich wichtiger war als Fahnenhissen und wo Frauen gleichberechtigt waren. Von diesen Fehltritten hat sich der westdeutsche Medienbetrieb nie distanziert. Das übermäßige Zetern über die Nachwendezeit wahrte nicht das Gesicht, sondern zeigte die unmenschliche Fratze der Lügenpresse und des Monopolfernsehens. ARD, ZDF – Abschalten!


Quelle: prabelsblog.de


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