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Kli­ma­schutz: Kampf gegen die Eiszeit

Nach der Kli­ma­woche ist vor der Kli­ma­woche, kann man ange­sichts der Dominanz des Themas nur kon­sta­tieren. Während den einen die ange­kün­digten Maß­nahmen der Regierung nicht radikal genug sind, bedauern andere ein Sam­mel­surium an Maß­nahmen mit hohen Kosten und mehr als zwei­fel­haften Wir­kungen. Derweil wird auf welt­weiter Ebene erneut betont, wie ent­scheidend das Ziel der Reduktion des CO2-Aus­stoßes ist, will man dem Kli­ma­wandel noch begegnen. Die Erd­at­mo­sphäre soll sich nicht weiter auf­heizen, so das Ziel.
Kli­ma­wandel in der Weltwirtschaft
Aus öko­no­mi­scher Sicht muss man jedoch ganz anders auf das Welt­klima blicken. Denn nicht eine Erwärmung – also mehr Wachstum, mehr Inflation und wach­sender Wohl­stand – ist hier das Thema, sondern das genaue Gegenteil. Die Welt rutscht immer mehr in das Sze­nario einer öko­no­mi­schen Eiszeit. Weniger Wachstum, anhal­tender defla­tio­närer Druck und sta­gnie­render bis schrump­fender Wohl­stand sind die Ingre­di­enzen für soziale Kon­flikte, poli­tische Radi­ka­li­sierung und Protektionismus. 
  • Japan befindet sich schon seit dem Platzen der Spe­ku­la­ti­ons­blase Ende der 1980er-Jahre in einer Dau­er­sta­gnation. Die schmerz­hafte Ent­schuldung („Dele­ver­aging“) der Unter­nehmen führte zu geringem Wachstum und defla­tio­närem Druck. Nur dank anhaltend guter Exporte und massiv stei­gender Staats­ver­schuldung bei gleich­zeitig hoch aggres­siver Geld­po­litik (Nega­tivzins, Aufkauf von Anleihen und Aktien) ist es dem Land gelungen, eine schwere Depression zu ver­meiden. Der Rückgang der Erwerbs­be­völ­kerung, die ihren Höhe­punkt ungefähr zeit­gleich mit dem Höhe­punkt der Spe­ku­la­ti­ons­blase hatte, ver­stärkt den Trend zu geringem Wachstum. Dieser kann trotz erheb­licher Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritte nicht kom­pen­siert werden.
  • Europa – namentlich die Eurozone – befindet sich seit dem Platzen der Euro-Schulden-Party-Blase im Jahre 2009 eben­falls auf dem Weg in das eigene „japa­nische Sze­nario“. Die Par­al­lelen sind in der Tat beängs­tigend, vor allem mit Blick auf die hohe Ver­schuldung, das – bei nüch­terner Betrachtung – insol­vente Ban­ken­system, die zuneh­mende Zom­bi­fi­zierung der Unter­nehmen und der demo­gra­fi­schen Ent­wicklung. Hinzu kommen noch die deutlich schlechtere Pro­duk­ti­vi­täts­ent­wicklung als in Japan, das Korsett des Euro und die Tat­sache, dass Europa kein ein­zelnes Land mit ähnlich homo­gener Bevöl­kerung ist wie Japan. Damit steht die Eurozone deutlich schlechter da als Japan.
  • Die USA haben unter Trump den wohl aggres­sivsten Versuch einer Refla­tio­nierung – also eines Aus­bruchs aus dem Eiszeit-Sze­nario – erlebt. Und er scheint gescheitert. Egal ob man dem Prä­si­denten mit seiner For­derung nach raschen und deut­lichen Zins­sen­kungen der Fed folgt, ist unstrittig, dass sich der längste (und schwächste) Auf­schwung der Nach­kriegszeit trotz Rekord­de­fizit und nega­tiven Real­zinsen dem Ende nähert. Und damit dürften die USA mit einem Zyklus Ver­spätung nach Japan und Europa auch in die Eiszeit driften. Negative Zinsen auf zehn­jäh­rigen US-Staats­an­leihen sind damit nur eine Frage der Zeit.
  • China wie­derum hat zwar einen ent­schei­denden Beitrag geleistet, um eine Große Depression in Folge der Finanz­krise zu ver­hindern. Doch dies ging einher mit einer massiv gestie­genen Ver­schuldung, die zu einem guten Teil zu Über­ka­pa­zi­täten und damit defla­tio­nären Druck führt. Es ist fraglich, ob die Regierung dort nochmals in der Lage sein wird, einen Abschwung zu ver­hindern. Hinzu kommt auch hier die oftmals ver­gessene demo­gra­fische Ent­wicklung, die schon bald zu einem Rückgang der Erwerbs­be­völ­kerung führen dürfte. Zwar verfügt das Land über enormes Human­ka­pital und damit die Fähigkeit, bei den Tech­no­logien der Zukunft ganz vorne mit­zu­spielen. Zur Stütze der Welt­wirt­schaft, vor allem im Eiszeit-Umfeld der anderen Regionen dürfte es nicht langen.
Schon früher gab es solche Krisen, aus­gelöst durch zu viele Schulden und die damit ver­bundene Fehl­al­lo­kation von Res­sourcen. Zuletzt war das in der Großen Depression der 1930er-Jahre der Fall, die bekanntlich nur durch die Auf­rüstung für den Krieg und die mit dem Krieg ein­her­ge­hende Zer­störung über­wunden wurde. Nach dem Krieg hatten wir weltweit hohes Wachstum, getrieben von Bevöl­ke­rungs­wachstum und sprung­haften Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritten auf­grund tech­ni­schen Fort­schrittes. Dabei spielte die Entwertung/Zerstörung vor­han­denen Kapitals und die Ver­nichtung von Schulden durch Pleiten, Inflation und eben­falls krie­ge­rische Hand­lungen eine ent­schei­dende Rolle. 
Kampf gegen den Kli­ma­wandel statt Krieg
Auch heute brauchen wir zur Über­windung der „säku­laren Sta­gnation“ – Eiszeit – radikale Maß­nahmen. Die Geld­po­litik ist mit ihren Mög­lich­keiten weit­gehend am Ende, wie hier aus­führlich erklärt: Das monetäre End­spiel wird vor­be­reitet. Nur die Fis­kal­po­litik kann hier noch wirksam helfen, stößt aber ange­sichts der bereits ange­häuften Schulden an ihre Grenzen, wenn man von Aus­nahmen wie Deutschland absieht. (Wobei nicht zu ver­gessen ist, dass auch Deutschland bei sau­berer Rechnung nicht so gut dasteht, wie immer behauptet. 
Deshalb ist es nicht ver­wun­derlich, dass von aka­de­mi­scher Seite immer offener der Ein­stieg der Noten­banken in die direkte Finan­zierung der Staaten gefordert wird. Nur durch das direkte Steigern der Nach­frage ist es nach dieser Logik möglich, den Teu­fels­kreis aus immer höheren Schulden und immer tie­ferem Wachstum zu durch­brechen. Mit Blick auf die Geschichte und die schlechten Erfah­rungen, die wir mit solcher Politik gemacht haben – von Weimar bis Sim­babwe – ist es natürlich erfor­derlich, eine gute Begründung für eine solche Politik zu finden. 
Solange wir keine offen­sicht­liche Mas­sen­ar­beits­lo­sigkeit haben und das Sozi­al­system eini­ger­maßen funk­tio­niert, dürfte es schwer werden, eine breite Unter­stützung für die direkte Finan­zierung der Staaten durch die Notenbank zu bekommen. Während Japan auf dem Weg schon recht weit fort­ge­schritten ist und die USA und China aus unter­schied­lichen Gründen letztlich auch recht schnell zu aggres­si­veren Maß­nahmen greifen können, dürfte es in der Eurozone schwie­riger sein, den erfor­der­lichen poli­ti­schen Konsens her­zu­stellen. Dazu braucht man dann eine „Krise“.
Diese Krise könnte die „Kli­ma­krise“ sein, egal ob man daran glaubt oder nicht. Prak­ti­scher­weise hat die künftige Prä­si­dentin der EZB, Christine Lagarde, bei ihrer Anhörung im Euro­päi­schen Par­lament bereits ange­kündigt, den Kli­ma­wandel auch zum Thema der EZB zu machen: „Climate change is one of the most pressing global chal­lenges facing society today (…) My per­sonal view is that any insti­tution has to actually have climate change risk and pro­tection of the envi­ronment at the core of their under­standing of their mission.“ Könnte man die direkte Finan­zierung von Kli­ma­schutz­maß­nahmen der Politik da noch kri­ti­sieren? Ange­sichts der dro­henden „Kli­ma­krise“ sicherlich nicht. 
Ent­wertung von Ver­mögen und Schulden
Ähnlich wie bei der „Refla­tio­nierung“ durch Auf­rüstung werden wir eine nun – erfreu­li­cher­weise deutlich fried­li­chere – Refla­tio­nierung durch den Kampf gegen den Kli­ma­wandel erleben. Dabei kommt Fol­gendes zusammen: 
  • Direkte Staats­fi­nan­zierung durch die Noten­banken, um damit ent­spre­chende Maß­nahmen zu finan­zieren. Ange­sichts von Null-/Ne­ga­tivzins lohnen dann auch Maß­nahmen, die sonst nicht wirt­schaftlich wären. Damit steigt die Nach­frage deutlich, was ange­sichts des schrump­fenden Pro­duk­ti­ons­po­ten­zials der Volks­wirt­schaften – weniger Erwerbs­tätige und unzu­rei­chende Inves­ti­tionen in den letzten Jahren – zu infla­tio­närem Druck führt. Eine wichtige Vor­aus­setzung, um die Schulden zu entwerten.
  • Ent­wertung vor­han­denen Ver­mögens durch weitere regu­la­to­rische Maß­nahmen. Da geht es unter anderem darum, vor­han­denes Sach­ver­mögen zu ent­werten und Ersatz­be­schaf­fungen zu erzwingen. Wenn man bei­spiels­weise Ver­bren­nungs­mo­toren und Ölhei­zungen ver­bietet, schafft man die Grundlage für einen enormen Nach­fra­ge­schub, vor allem, wenn man es mit Finanz­hilfen kom­bi­niert, die aus dem Fundus der Noten­banken stammen. Man schafft also ein Bedürfnis und erleichtert die Befriedigung.
  • Die soziale Kom­po­nente führt derweil zu einer über­pro­por­tio­nalen Ent­wertung der grö­ßeren Ver­mögen, in dem man die finan­zielle Unter­stützung mit der Bedürf­tigkeit ver­bindet. So, wie die Bun­des­re­gierung in ihrem Beschluss in der letzten Woche, in dem eine Begrenzung der Umlage der CO-Steuer für Ver­mieter vor­ge­schlagen wird. Damit sollen Ver­mieter „ermutigt“ werden, ent­spre­chende Inves­ti­tionen zu tätigen, obwohl sie sich nicht rechnen. Wenn man das mit wei­teren Maß­nahmen wie dem Mie­ten­deckel ver­bindet, ist es möglich, vor­handene Ver­mö­gens­werte zu entwerten.
  • Eine höhere Inflation sollte durch die Kom­bi­nation dieser Maß­nahmen ange­sichts der demo­gra­fi­schen Ent­wicklung und des demo­gra­fi­schen Wandels erzielbar sein. Ver­bunden mit wei­terhin tiefen Zinsen und wei­teren Maß­nahmen zur Betei­ligung der Ver­mö­genden an der Mensch­heits­aufgabe Klima (Ver­mö­gens­steuer, höhere Erb­schafts­steuer, Belastung von Immo­bilien) sollte es damit möglich sein, die Forderungen/Schulden relativ zum BIP deutlich zu senken. Eine wesent­liche Vor­aus­setzung für die Über­windung der Eiszeit.
Zwei­fellos ein Pro­gramm, das in der Politik große Unter­stützung findet, vor allem, weil es mit einem guten Zweck begründet werden kann. Allemal besser als Kriege ist es zweifellos! 
Was Deutschland tun müsste 
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Ich traue mich, zu wetten, dass wir uns auf dem Weg in dieses Sze­nario befinden. Zwar neige ich dazu, zu früh mit meinen Vor­her­sagen zu sein, jedoch ist es die ein­malige Kom­bi­nation aus zu heiß (Klima) und zu kalt (Eiszeit), die quasi zu einer Win-win-Situation für die Politik wird. 
Wenn nun also die west­liche Welt mit aller Macht auf noten­bank­fi­nan­zierte staat­liche Pro­gramme setzt, an deren Ende unwei­gerlich die Ent­wertung von Ver­mögen steht, was sollte die Politik in Deutschland dann tun? 
  • Sofortige Abkehr von der „schwarzen Null“: Ohnehin mehr ein Mar­ke­ting­trick der Politik als Rea­lität, sollte die Regierung umgehend auch anfangen, Schulden zu machen. Ange­sichts der festen Absicht der anderen Staaten – auch jener, mit denen wir im Euroboot sitzen, namentlich Frank­reich und Italien – die Schulden durch Inflation zu ent­werten, sollte auch Deutschland etwas haben, „was ent­wertet“. Sonst sind es nur die hie­sigen Sparer, die ver­lieren, während im Gegenzug andere Staaten profitieren.
  • Reduktion der Export­ab­hän­gigkeit: Eng damit ver­bunden sind unsere Export­über­schüsse. Wie immer wieder erläutert, führen diese zu einem Export von deut­schen Erspar­nissen ins Ausland. (Alter­nativ: Wir lassen unsere Ver­kaufs­erlöse als For­de­rungen stehen, was aber auf das­selbe hin­aus­läuft.) Diese legen wir tra­di­tionell schlecht an, allein in der Finanz­krise haben wir 400 bis 600 Mil­li­arden ver­loren. Statt unsere Erspar­nisse im Ausland zu ver­lieren, sollten wir lieber mehr im Inland investieren.
  • Steuerung statt Klein-Klein: Bei den Maß­nahmen zum Kli­ma­schutz sollten wir dann ent­spre­chend mutig und zugleich öko­no­misch vor­gehen. Statt wie bisher mit staat­lichen Maß­nahmen Mil­li­arden zu ver­senken, sollten wir auf Markt­me­cha­nismen setzen. Dazu sollten wir CO2-Ausstoß mit Abgaben deutlich belasten, den Bürgern aber im Gegenzug deutlich mehr über Steuern- und Abga­ben­sen­kungen zurück­geben. Dabei sollten wir darauf ver­zichten, dem Ein­zelnen vor­zu­schreiben, was er tun soll. Der hohe Preis von CO2 würde dazu führen, dass wir effi­zient und effektiv den Ausstoß von CO2 redu­zieren. Wo unbe­dingt gewünscht, kann die Politik die Ent­wertung vor­han­dener Assets, die durch die Abgabe ohnehin erfolgt, weiter ver­stärken. Nötig wäre das aller­dings nicht.
  • Inno­vation statt Verbote: Zugleich sollten wir uns auf die Stärken unseres Landes besinnen. Wir sind noch eine der füh­renden Tech­no­lo­gie­na­tionen und sollten das absehbare Sze­nario dazu nutzen, wichtige Indus­trien zu ent­wi­ckeln, die den Wohl­stand auch für künftige Gene­ra­tionen sichern. Dazu führt bereits ein markt­wirt­schaft­licher Ansatz, zugleich könnte man die Grund­la­gen­for­schung fördern. Eine bessere Ver­wendung der ange­dachten 40 bis 80 Mil­li­arden für den Aus­stieg aus der Koh­le­ver­stromung wäre das allemal!
Die Über­windung der Eiszeit wird für alle Gläu­biger – und Deutschland ist einer der größten Gläu­biger – schmerzvoll und teuer. Noch können wir den Schaden begrenzen und die Grundlage für künf­tigen Wohl­stand legen. Viel Zeit bleibt nicht mehr.

Dr. Daniel Stelter – www.think-beyondtheobvious.com