Bildunterschrift: Uigurische Proteste. Halbmond und Stern stehen für ihre Verbindung zum Islam und zu ihrer Turk-Abstammung. Die Fahne steht für das autonome Ost-Turkestan. Bild: Flickr.com, Malcolm Brown, Bildlizenz: CC BY-SA 2.0

China: Eine App iden­ti­fi­ziert Kan­di­daten für „Umer­zie­hungs­kran­ken­häuser“ um ideo­lo­gi­schen „Gehirn­virus“ zu heilen

Wenn­gleich sich das Reich der Mitte heute weit welt­of­fener gibt, als noch vor zwanzig Jahren, so sind dort doch noch einige Grund­über­zeu­gungen durchaus gültig. Das mar­xis­tische Weltbild, dass „Religion Opium für’s Volk“ sei, ist heute auch noch vor­handen. Heute darf man — je nachdem — seiner Religion nach­gehen. Aller­dings unter strenger, staat­licher Auf­sicht. In dem zum größten Teil athe­is­tisch-agnos­ti­schen Land gibt es mitt­ler­weile mehrere große  Reli­gi­ons­gruppen: Bud­dhisten, Christen, Dao­isten und Muslime und den chi­ne­si­schen Volks­glauben, den „She­nismus“. Dieser ist eigentlich keine Religion, es gibt auch keine Priester, sondern der Fami­li­en­vater zele­briert nach altem Brauch Rituale für Hochzeit, Geburt eines Kindes, Neu­jahrsfest usw. Es ist eigentlich ein tao­is­ti­scher Ahnenkult und ein Glaube an eine für Men­schen unsichtbare Welt der Geister, die „Shen“ heißen.
Die Muslime in China sind fast aus­schließlich auf das Volk der Uiguren im Nord­westen Chinas beschränkt. Dieses Volk in der chi­ne­si­schen Provinz Xin­jiang ist zwar asia­tisch, aber ein Turkvolk und keine Chi­nesen. Sie streben schon seit Langem danach, ein Staatsvolk mit eigenem Staat zu sein. Gern bezeichnen sie ihr Land auch als „Ost­tur­kestan“.  Zuletzt gab es 2009 einen Auf­stand dort mit Hun­derten von Toten und meh­reren Ter­ror­an­griffen gegen die Zen­tral­re­gierung. Einige Uiguren sind auch als IS-Kämpfer in Syrien aktiv geworden.

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Pekings Reaktion besteht nun darin, vor­sichts­halber jeg­liche Eigen­mäch­tigkeit der Uiguren sofort zu unter­binden und die Anführer natio­naler Bestre­bungen sowie reli­giöse Führer aus dem Verkehr zu ziehen und in Umer­zie­hungs­lager zu stecken. Es sollen angeblich zirka eine Million mus­li­mi­scher Uiguren in solchen Umer­zie­hungs­lagern sein. Der Islam wurde offi­ziell zu einer „anste­ckenden, ideo­lo­gi­schen Krankheit“ erklärt. In den Umer­zie­hungs­lagern werden sie davon „geheilt“, indem sie Lieder der kom­mu­nis­ti­schen Partei singen, Schwei­ne­fleisch essen, ihrem Glauben abschwören und Alkohol trinken müssen, berichten ehe­malige Häftlinge.
Um die Träger und Ver­breiter der „anste­ckenden, ideo­lo­gi­schen Krankheit“ zu iden­ti­fi­zieren und dingfest zu machen, nutzt China, wenig über­ra­schend, moderne Technik. Smart­phones werden flä­chen­de­ckend über­wacht und eine App führt die aus­ge­le­senen Daten ver­schie­dener Über­wa­chungs­tech­no­logien zusammen. Über diese App können Polizei und Behörden mit einer über­ge­ord­neten Plattform, der IJOP (Inte­grated Joint Ope­ra­tions Platform) kom­mu­ni­zieren, und zwar in beide Rich­tungen: Polizei und andere Ermitt­lungs­be­hörden über­mitteln ihre Daten an die Plattform und erhalten von dort im Gegenzug Infor­ma­tionen über Ver­dächtige, poten­tielle Ter­ro­risten und andere Auf­fäl­lig­keiten. Ein­ge­geben und gesammelt wird fast alles, was über die betref­fende Person zu erfahren ist: Beruf­liches, Pri­vates, Gesund­heit­liches und vor allem die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rigkeit, die dann noch nach ihrer Inten­sität ein­ge­teilt wird (normal oder stark).
Wer bei­spiels­weise kein Smart­phone besitzt, ist ver­dächtig, wer sich auf­fällig lang oder oft im Ausland befindet oder zuviel Energie ver­braucht ebenso, wer Spenden für Moscheen sammelt ganz besonders. Auch wer ein Handy hat, aber sich längere Zeit nicht ein­loggt, kann Alarm aus­lösen. Wer ein Auto betankt, dessen Halter er gar nicht ist, macht sich auch ver­dächtig. Das fällt deshalb auf, weil man sich in China beim Tanken  mit Ausweis regis­trieren lassen muss. Leute, die gern Gebäude durch Seiten- oder Hin­ter­ein­gänge betreten, weil sie den all­ge­gen­wär­tigen Kameras aus­weichen wollen führen nach Ansicht der Regierung nichts Gutes im Schilde, genauso sind Autos, die längere Zeit auf keiner Über­wa­chungs­kamera auf­tauchen ein Hinweis darauf, dass der Besitzer seltsame Dinge treibt. All das spricht dafür, dass da jemand schon „gehirn­in­fi­ziert“ sein könnte und Terror plant.
Radio Free Asia brachte einen (eng­lisch­spra­chigenBericht über diese Umer­zie­hungs­lager und wie dort Uiguren, die von „reli­giösem Extre­mismus infi­ziert“ worden sind, gegen diese Krankheit „behandelt“ werden. Auch die Erklärung der „Infektion“ durch chi­ne­sische Par­tei­kader ist inter­essant. Hier ein Ausschnitt:
„Ange­hörige der Öffent­lichkeit, die zur Umer­ziehung aus­ge­wählt wurden, sind von einer ideo­lo­gi­schen Krankheit ange­steckt worden. Sie wurden mit reli­giösem Extre­mismus und gewalt­tä­tigen ter­ro­ris­ti­schen Ideo­logien infi­ziert und müssen sich deshalb sta­tionär in einem Kran­kenhaus behandeln lassen. 
In den letzten Jahren kam es in Xin­jiang nach­ein­ander zu gewalt­tä­tigen Zwi­schen­fällen, die von den „drei bösen Kräften („Ter­ro­rismus“, „reli­giösem Extre­mismus“ und „Sepa­ra­tismus“) aus­gelöst wurden, was die Sicherheit aller Men­schen und eth­ni­schen Gemein­schaften gefährdet hat. Das ver­ur­sachte schwere Schäden und Ver­luste. Diese Ter­ro­risten haben eines gemeinsam: Sie wurden von reli­giösem Extre­mismus und einer gewalt­tä­tigen Ter­ro­ris­mus­krankheit angesteckt.
Die reli­giöse extre­mis­tische Ideo­logie ist eine Art gif­tiger Medizin, die das Bewusstsein der Men­schen ver­wirrt. Sobald sie von ihr ver­giftet werden, ver­wandeln sich einige in Extre­misten, die nicht einmal mehr ihr eigenes Leben wert­schätzen. Wenn wir reli­giösen Extre­mismus an seinen Wurzeln nicht aus­rotten, werden die gewalt­tä­tigen ter­ro­ris­ti­schen Vor­fälle wie ein unheil­barer bös­ar­tiger Tumor wachsen und sich ausbreiten
Obwohl einige Per­sonen, die mit extre­mis­ti­scher Ideo­logie indok­tri­niert wurden, keine Ver­brechen begangen haben, sind sie bereits von der Krankheit infi­ziert. Es besteht immer die Gefahr, dass sich die Krankheit jederzeit mani­fes­tiert, was die Öffent­lichkeit ernsthaft schä­digen könnte. Deshalb müssen sie recht­zeitig in ein Umer­zie­hungs­kran­kenhaus ein­ge­liefert werden, um das Virus von ihrem Gehirn zu behandeln und zu rei­nigen und den nor­malen Geist wiederherzustellen. 
Es muss klar sein, dass die Behandlung in ein Umer­zie­hungs­kran­kenhaus keine Mög­lichkeit dar­stellt, Per­sonen zwangs­weise zu ver­haften und zur Bestrafung ein­zu­sperren. Es handelt sich dabei um einen Teil einer umfas­senden Ret­tungs­mission, um sie zu retten.“
Auf den ersten Blick scheint es doch sehr ver­wun­derlich, dass die brutale Vor­ge­hens­weise Chinas gegen die uigu­ri­schen Muslime und die Klas­si­fi­zierung des Islam als eine schreck­liche Infektion des Gehirns nicht zu einem inter­na­tio­nalen Auf­schrei wegen Isla­mo­phobie geführt hat, ins­be­sondere in mus­li­mi­schen Ländern. Doch nicht der­gleichen geschieht. Man hört nicht einmal Kritik.
Der Business Insider bietet dies­be­züglich eine recht über­zeu­gende Erklärung an: Man fürchtet gerade in den Isla­mi­schen Ländern, mit Pro­testen den Zugang zu chi­ne­si­schem Kapital zu gefährden – ins­be­sondere die üppigen Infra­struk­tur­kredite, die Peking diesen Ländern im Rahmen der Groß­in­itiative der „Neuen Sei­den­straße“ (One Belt One Road) gewährt hat. Die meisten der Emp­fän­ger­länder könnten diese Summen gar nicht zurück zahlen, sie sind auf die chi­ne­sische Unter­stützung ange­wiesen, weil ihre Kre­dit­wür­digkeit von den Rating­agen­turen als hoch­riskant ein­ge­stuft wird.
Ägypten, eben­falls ein Mit­glied des Sei­den­stra­ßen­pro­jektes, unter­stützt China sogar gegen die Uiguren: Im Sommer 2017 ver­haftete Ägypten ohne Angabe von Gründen Dut­zende Uigu­rische Stu­denten und  ver­wehrten ihnen den Bei­stand von Anwälten. Min­destens ein Dutzend Uiguren wurden zu dieser Zeit nach China depor­tiert.
„There is a general con­sensus that speaking out about the situation in Xin­jiang might jeo­pardize the deve­lo­pment of eco­nomic ties, and it is the­refore not in their inte­rests to do so.“
(Es gibt eine all­ge­meine Über­ein­kunft darüber, dass eine Beschwerde über die Situation in Xin­jiang die Ent­wicklung der wirt­schaft­lichen Ver­bin­dungen auf’s Spiel setzen könnte, und daher liegt es nicht in ihrem Interesse, das zu tun.)
 
Hübsch, nicht wahr? So fürch­terlich gehirn­zer­störend kann also die Islam-Infektion wohl doch nicht sein.