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Selbst die Men­schen in der Steinzeit wollten keinen Kommunismus

Die Wie­der­be­lebung sozia­lis­ti­scher Ideen zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts ist ein evi­dentes Phä­nomen, welches Teile der west­lichen Bevöl­kerung erfasst hat. Sozia­listen haben ver­schiedene „Beweise“ zusam­men­ge­tragen, die die ver­meint­lichen Vor­teile sowie Natür­lichkeit, welche der kol­lek­ti­vis­ti­schen Lebens­weise inne­wohnt, belegen. Es gibt eine Denk­richtung, die davon ausgeht, dass die Menschheit über die längste Zeit ihrer Geschichte hinweg unter einer all­um­fas­senden Art von Kol­lek­ti­vismus gelebt hat und deshalb der Sozia­lismus eine natür­liche Lebens­weise innerhalb der mensch­lichen Gesell­schaft sei, während andere sozio-öko­no­mische For­ma­tionen, vor allem der Kapi­ta­lismus, not­wendige, aber ungünstige Wen­dungen im evo­lu­tio­nären Prozess darstellen.
(von Allen Gindler)
Solche Ideen sind nicht neu, sondern können bis zu den Begründern des wis­sen­schaft­lichen Kom­mu­nismus, Karl Marx und Friedrich Engels, zurück­ver­folgt werden. Die Erfinder des Mar­xismus bezeichnen die sozio­öko­no­mische Ordnung der Jäger und Sammler als «pri­mi­tiven Kom­mu­nismus». So schreibt Engels in seinem berühmten Werk Der Ursprung der Familie, des Pri­vat­ei­gentums und des Staats
Die Pro­duktion aller frü­heren Gesell­schafts­stufen war wesentlich eine gemeinsame, wie auch die Kon­sumtion unter direkter Ver­teilung der Pro­dukte innerhalb grö­ßerer oder klei­nerer kom­mu­nis­ti­scher Gemein­wesen vor sich ging.
Diese Sicht­weise hat sich seitdem unter den Gelehrten durch­ge­setzt, wurde tief in der wis­sen­schaft­lichen Lite­ratur ver­ankert und in Schul­bü­chern festgeschrieben.
Laut einem Gesetz des dia­lek­ti­schen Mate­ria­lismus («Das Gesetz von der Negation der Negation»), stellen sich die Mar­xisten den his­to­ri­schen Prozess als eine Spirale vor, wo die Bewegung wieder auf ihren Ursprung zurück­kehrt, aber auf einem höheren Niveau. In anderen Worten, im Lauf der mensch­lichen Ent­wicklung negierte der Indi­vi­dua­lismus den Kol­lek­ti­vismus, nur um wie­derum vom Kol­lek­ti­vismus negiert zu werden, aber auf einer fort­ge­schrit­te­neren Stufe. Der Mar­xismus besagt weiters, dass sozia­lis­ti­scher Wandel objektiv ist und – unab­hängig von irgend­einem Willen – zwingend pas­sieren wird, wenn der Wider­spruch zwi­schen unaus­ge­gli­chener Ent­wicklung der pro­duk­tiven Kräfte und den pro­duk­tiven Bezie­hungen innerhalb der Gesell­schaft in der Mehrheit der Indus­trie­na­tionen seinen Höhe­punkt erreicht haben wird (his­to­ri­scher Determinismus.)
Die mate­ria­lis­tische Kon­zeption der Geschichte wurde selbst von mar­xis­ti­schen Intel­lek­tu­ellen zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in Frage gestellt, als klar wurde, dass die Gesell­schaft sich nicht nach der mar­xis­ti­schen Anleitung ent­wi­ckelte (Krise des Mar­xismus). Dies führte zur Ent­stehung einer Reihe von Refor­misten und Revi­sio­nisten, die den Mar­xismus ent­weder kom­plett ablehnten (revo­lu­tionäre Syn­dikate und Faschisten) oder dessen Form bei­be­hielten, aber den Inhalt der Lehre kom­plett ver­än­derten (Bol­schewiki und Sozi­al­de­mo­kraten). Jedoch, waren diese neuen Sicht­weisen von sozialer Ent­wicklung um nichts besser als der ori­ginale Marxismus.
Die «neuen» Sozia­listen spielten mit der Idee, eine Gesell­schaft zu errichten anhand eines vorher aus­ge­ar­bei­teten Plans und unter Auf­sicht fähiger Eliten mit Hilfe von Sozi­al­technik und Gewalt­an­drohung unter­schied­lichen Aus­maßes. So bestätigt es auch der Sozia­lis­mus­theo­re­tiker Tugan-Bara­novsky, indem er in seinem Buch Sozia­lismus als Positive Doktrin schreibt: «Das sozia­lis­tische System ist künstlich, erfunden von der mensch­lichen Gesell­schaft, im Gegensatz zu den natür­lichen, spontan ent­stan­denen Formen von Gesell­schaft, die heute exis­tieren.» Im Kern bestätigt er, dass Kol­lek­ti­vismus nicht auf natür­lichem Wege ent­steht, sondern eher eine impro­vi­sierte Qua­lität auf­weist. Darum hatten die Sozia­listen zur dama­ligen Jahr­hun­dert­wende ihre Rhe­torik dra­ma­tisch geschwenkt, weg von der Idee einer natür­lichen Evo­lution, die in der sozia­lis­ti­schen Revo­lution kul­mi­niert, und hin zum Konzept des ratio­nalen Zwecks.
Das Fiasko des Sozia­lismus, auf­grund seiner wirt­schaft­lichen Unnach­hal­tigkeit und seines vor­herr­schenden Trends zur mora­li­schen Dekadenz, hat dem sozia­lis­ti­schen Gedan­kengut kein Ende bereitet. Die Linke hat nicht auf­ge­geben und wieder einmal das alte Argument von kom­mu­nis­ti­schen Banden aus­ge­graben; von Jägern und Sammlern, die Pri­vat­ei­gentum nicht kannten. Sie argu­men­tieren daher, dass es eine Aufgabe aller pro­gressiv-den­kenden Men­schen sei, die Gesell­schaft wieder auf den rich­tigen Pfad zurück­zu­führen und die Kol­lek­ti­vierung wieder ein­zu­führen, die uns in den Genen liege. Wie es so oft der Fall bei Sozia­listen ist, ist das genaue Gegenteil richtig.
Die Befür­worter des «pri­mi­tiven Kom­mu­nismus» führen an, dass Nomaden nur wenige Besitz­tümer hatten, also lediglich solche Sachen, die sie auf eine Reise mit­nehmen konnten und so konnte sich die Idee von Pri­vat­ei­gentum auf­grund feh­lender mate­ri­eller Wurzeln nicht durch­setzen. Jedoch bedeuten wenig Besitz­tümer nicht, dass es keinen Sinn für Eigentum gab. Es bedarf bloß eines Gegen­standes, den sich ein Jäger zu eigen macht und ständig mit sich trägt, damit sich eine gewisse intime Bedeutung zwi­schen dem Besitz und dem Besitzer ent­wi­ckelt. So lautet auch Hans-Hermann Hoppes erstes Axiom seiner Theorie von Eigentumsrechten:
Jeder ist der legitime Eigen­tümer seines eigenen phy­si­schen Körpers, sowie von sämt­lichen Orten und natur­ge­ge­benen Gütern, über die er kör­perlich verfügt, vor­aus­ge­setzt, dass diese nicht bereits von jemand anders bean­sprucht werden.
Es ist hier noch bei­zu­fügen, dass auch jeder der legitime Eigen­tümer seines eigenen Ver­standes ist.
Ein wei­terer gewich­tiger Punkt für die Ver­tei­digung der Position ist, dass vor­ge­schicht­liche Men­schen einen Sinn für Pri­vat­ei­gentum auf­grund der Her­stellung von Werk­zeugen ent­wi­ckelten. Werk­zeuge in dieser Zeit bestanden aus dem Sammeln von Steinen und Zweigen, die nie­manden vorher gehört hatten, und dem Hin­zu­fügen Jemandes geschickter Arbeits­kraft. Auf diese Weise erhöhte sich der Wohl­stand des Werk­zeug­ma­chers, während zur gleichen Zeit niemand auf­grund dessen schlechter gestellt wurde. Die Werk­zeug­her­stellung beinhaltet also zwei signi­fi­kante Fak­toren für das Wirt­schafts­wachstum: Pri­vat­ei­gentum und Inno­vation. Zwei­fellos schlug die Ent­wicklung der mensch­lichen Gesell­schaft aus diesen beiden Ele­menten Kapital.
Die Eigen­tums­frage rund um Grund und Boden in einer Gesell­schaft von Jägern und Sammlern ist kom­pli­ziert. Tat­sächlich hatten Jäger und Sammler noch keine Bäume gepflanzt, Land bewirt­schaftet oder Tiere gezüchtet, also nicht mit Absicht ihre Umwelt zu ihrem Vorteil ver­ändert. Jedoch benö­tigten auch die dama­ligen Wild­beuter eine Art «Keim­zelle» für Unter­künfte, Vor­rats­spei­cherung, Feu­er­stellen, pri­mi­tiven Werk­stätten, also alles, was ihr pro­vi­so­ri­sches Lager aus­machte. Noch wich­tiger war aber, dass die Jäger und Sammler tem­poräre Kon­trollen im unge­fähren Umkreis, welches ihr Habitat umgab, eta­blierten. Sie bewachten die Grenzen ihrer natür­lichen Umgebung, so wie jede andere auf Ter­ri­torien ange­wiesene Spezies aus der Tierwelt. So wurde der Zustrom von fremden, kon­kur­rie­renden Gruppen begrenzt, da ihr Wohl­stand und ihr Über­leben von der exklu­siven Aus­beutung von Lebens­mit­tel­quellen in einer bestimmten Umgebung abhingen. Men­schen kon­trol­lierten also die Grenzen, aber nicht die natur­ge­ge­benen Güter innerhalb ihrer Umgebung. Dies führte dazu, dass ein Gebiet eine Dua­lität aufwies, nämlich dass es zwar kon­trol­liert wurde, aber gleich­zeitig her­renlos blieb.
Als dann die Jäger und Sammler dazu über­gingen, sich Gebiete in einem bisher nie gekannten Ausmaß anzu­eignen, wurden sie zu den ursprüng­lichen Besitzern von Grund und Boden und sämt­liches Pri­vat­ei­gentum könnte theo­re­tisch bis zu diesen ori­gi­nalen Eigen­tümern zurück­ver­folgt werden.
Ein wei­teres Argument für den «pri­mi­tiven Kom­mu­nismus» lautet, dass die Men­schen aus der Alt­steinzeit auf­grund extremer Not und Armut zusam­men­kamen, um Lebens­mittel, anhand von all­ge­meiner Rezi­pro­zität, zu teilen, was auf­grund von eth­no­gra­phi­schen Beob­ach­tungen uran­säs­siger Völker abge­leitet wird. Jedoch lehrt uns die Erfahrung, dass es nicht die Armut ist, die zum Kom­mu­nismus führt, sondern dass der Kom­mu­nismus in die Armut führt.
Die gemeinsame Auf­teilung von Lebens­mittel der Jäger und Sammler ist bes­ten­falls mit einem System von Aus- und Ver­leihen zu beschreiben oder als eine Mani­fes­tation einer Art Ver­si­che­rungs­stra­tegie, wie Richard Posner in seinem Werk A Theory of Pri­mitive Society, with Special Refe­rence to Law (Theorie der pri­mi­tiven Gesell­schaft, mit spe­zi­ellem Fokus auf das Recht) fol­gen­der­maßen erklärt:
Die Pro­duk­ti­ons­be­din­gungen, allen voran das Problem der Lebens­mit­tel­la­gerung, erzeugen signi­fi­kante Unsi­cherheit bezüglich der zukünf­tigen Ange­mes­senheit des Lebens­mit­tel­an­gebots eines Indi­vi­duums und führt deshalb auch zu einer signi­fi­kanten Schwankung in dessen Wohl­stand. Unter solchen Umständen kommt es zu Trans­ak­tionen, wo zum Bei­spiel A, der gerade eine Ernte ein­ge­fahren hat, die seine eigenen Kon­sum­be­dürf­nisse über­steigt, Teile seines Über­schusses an B abgibt und sich B dafür zu Rezi­pro­zität ver­pflichtet, sollten sich die Rol­len­ver­hält­nisse einmal umkehren. Diese Trans­aktion ist also für beide Par­teien attraktiv.
Deshalb ist das groß­zügige ‘Geschenke ver­teilen’ oder die direkte Umver­teilung, die von manchen ober­flächlich beob­achtet wurde, in Wirk­lichkeit der Beweis für ein aus­ge­reif­teres Wirt­schafts­leben, also die Wie­der­gut­ma­chung von Schulden oder eine Bezahlung einer Ver­si­che­rungs­police gegen Hunger. Die all­ge­meine Rezi­pro­zität, die zwi­schen Fami­li­en­mit­gliedern vor­herrscht, wurde fälsch­li­cher­weise auf die gesamte Gruppe übertragen.
Die Gesell­schaft der frühen Men­schen ist cha­rak­te­ri­siert von einer rudi­men­tären Arbeits­teilung entlang von Geschlecht, enger Koope­ration, einem fun­da­men­talen Sinn für Pri­vat­ei­gentum, wenigen Besitz­tümern, einer geringen Anzahl an ver­füg­baren Roh­stoffen und Leis­tungen für den Konsum oder Handel und einem gewissen Maß an Ungleichheit in der Ein­kom­mens­ver­teilung. Eine prä­his­to­rische, mensch­liche Gesell­schaft wies also alle benö­tigten Merkmale einer Markt­wirt­schaft auf, aber auf einem solch nied­rigem Niveau, dass die Mehrheit der Gelehrten dazu ten­dierte, diese zu igno­rieren. Im evo­lu­tio­nären Prozess jedoch darf man solche Zutaten nicht über­sehen, da das geringste Delta es ver­un­mög­licht, Ver­hal­tens­än­de­rungen im Zeit­ablauf erklären zu können. Ein anfäng­licher und pri­mi­tiver sozio­öko­no­mi­scher Aufbau bestimmte die Stei­gerung mensch­licher Ent­wicklung hin zu einer intel­li­genten Spezies, die ihren Intellekt dazu benutzen würde, um immer fort­ge­schrit­tenere Pro­duk­ti­ons­arten zu organisieren.
Ange­nommen, dass einige Gruppen von Jägern und Sammlern tat­sächlich eine Art von «pri­mi­tiven Kom­mu­nismus» prak­ti­zierten, wären sie ver­mutlich aus­ge­storben, da sie im strengen Wett­bewerb mit den wirt­schaftlich ren­tablen, «liber­tären» Stämmen unter­legen wären. Kom­mu­nismus ist in der Mensch­heits­ge­schichte nie spontan oder natürlich ent­standen. Viele Ver­suche von revo­lu­tio­nären Ele­menten eine kom­mu­nis­tische Gesell­schaft zu errichten, wurden vor­sichtig und von langer Hand geplant. Jäger und Sammler konnten sich solch gran­diose und gleich­zeitig selbst­zer­stö­re­rische Pläne, auf­grund ihrer pri­mi­tiven Ent­wick­lungs­stufe, nicht aus­denken. Instinktiv haben sie sich an dem ori­en­tiert, was natürlich erschien. Deshalb hält die Hypo­these des «pri­mi­tiven Kom­mu­nismus» der Kritik nicht stand und sollte als Bei­spiel für einen groben Fehler in die Wis­sen­schafts­ge­schichte eingehen.
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Aus dem Eng­li­schen über­setzt von Mathias Nuding. Der Ori­gi­nal­beitrag mit dem Titel Paleo­lithic People Were Not Pri­mitive Com­mu­nists ist am 10.10.2019 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.
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Allen Gindler ist Wis­sen­schaftler aus den ehe­ma­ligen Sowjet­union mit den Schwer­punkten Volks­wirt­schaft, Öko­no­metrie und Wirt­schafts­in­ge­nieur­wesen. Er lehrte Wirt­schafts­ky­ber­netik, Stan­dard­da­ten­systeme und com­pu­ter­ge­stützte Arbeits­ge­staltung an der Chmel­nytskyi National Uni­versity, Ukraine. Derzeit ist er als pri­vater Berater der IT-Industrie im Bereich Daten­bank­ad­mi­nis­tration und Kryp­to­graphie tätig. Als Hobby inter­es­siert er sich für poli­tische Phi­lo­sophie, Geschichte, Popu­la­ti­ons­ge­netik und biblische Archäo­logie. Er schreibt Artikel für Mises Wire, Ame­rican Thinker, Foun­dation for Eco­nomic Edu­cation und Biblical Archaeology Review.


Quelle: misesde.org