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Politik

Venezuela, Bolivien, Kolumbien – Die letzten Entwicklungen im Pulverfass Südamerika

1. Dezember 2019

In Südamerika gehen die Unruhen in verschiedenen Ländern weiter. Nun rumort es auch in Kolumbien.

Kolumbien ist ein sehr armes Land, das Durchschnittsgehalt liegt bei 399 Dollar und ist damit eines der geringsten in der Region. Und das, obwohl das Land reich an Bodenschätzen wie Gold, Silber, Platin und auch Öl und Gas ist. Das Land war lange von einem Bürgerkrieg zerrissen, der heute zwar vorbei ist, aber die Armut hat in den letzten Jahren sogar zugenommen. Der Grund war in erster Linie, dass die Währung an Wert verloren hat. So sind die Löhne in Peso zwar gestiegen, aber die Kaufkraft der Menschen hat trotzdem abgenommen.

In unseren Medien hören wir immer, dass die Lage in Venezuela so katastrophal sei und das ist sicher richtig, aber was wir im Zusammenhang mit den Unruhen, die derzeit in Kolumbien herrschen, nicht berichtet bekommen ist, dass die Armut in Kolumbien sogar noch größer ist. Und nicht nur das, auch die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist in Kolumbien sogar noch niedriger, als in Venezuela. Zumindest galt das vor der Einführung der harten US-Sanktionen, die Venezuela derzeit wirtschaftlich abwürgen. Die letzten verlässlichen Zahlen zum BIP von Venezuela sind aus dem Jahre 2016 und damals lag das BIP pro Kopf in Venezuela bei ca. 15.800 Dollar, in Kolumbien nur bei ca. 7.900.

https://www.google.com/publicdata/explore?ds=d5bncppjof8f9_&met_y=ny_gdp_pcap_cd&idim=country:COL:VEN:MEX&hl=de&dl=de#!ctype=l&strail=false&bcs=d&nselm=h&met_y=ny_gdp_pcap_cd&scale_y=lin&ind_y=false&rdim=region&idim=country:COL:VEN&ifdim=region&tstart=501800400000&tend=1511643600000&hl=de&dl=de&ind=false

Nebenbei ist sogar für mich überraschend, wie stark das BIP pro Kopf in Venezuela unter der sozialistischen Regierung von Chavez ab dem Jahr 2000 gewachsen ist, was in einem krassen Widerspruch zu den Thesen der Neoliberalen und auch zu den Medienberichten in Deutschland steht.

Kolumbien ist nicht nur wegen seiner Bodenschätze wichtig, es ist auch ein strategisch wichtiges Land für die USA. Als einziges Land Südamerikas ist Kolumbien seit 2018 sogar ein offizieller Nato-Partner. Und die USA haben das genutzt, denn diese Vereinbarung macht es den USA leichter, Truppen dort zu stationieren. Und diese Truppen waren Anfang 2019 ein Druckmittel gegen Venezuela, als dort Guaido seinen Putschversuch startete. Wochenlang fürchtete die Welt damals, dass die USA Kolumbien als Basis für ein militärisches Eingreifen in Venezuela nutzen könnten.

So spielt Kolumbien für die USA eine durchaus strategische Rolle bei dem offensichtlich fokussierten Wiederbeleben der Monroe-Doktrin, die vorsieht, dass die USA Nord- und Südamerika beherrschen. Sehr zum Ärger der USA gewinnt nämlich vor allem China in Südamerika an Einfluss hinzu, aber auch Russland ist auf dem Vormarsch. Und daher sehen wir derzeit, wie Regierungen in der Region, die sich von den USA abwenden, gestürzt werden.

Das versuchen die USA seit Jahrzehnten in Kuba, seit einigen Jahren in Venezuela und in Bolivien ist es ihnen gerade gelungen.

Wie sehr die USA aus dem Verborgenen hinter dem Putsch in Bolivien stehen, kann man daran sehen, wie eine wahre Armee von erst kürzlich eingerichteten Bot-Accounts den Putsch auf Twitter unterstützt.

Abgesehen davon gab es noch eine Entwicklung, die aufzeigt, wie sehr die USA in Bolivien die Fäden ziehen. Am 21. November hat sich US-Außenminister Pompeo zu Wort gemeldet und gefordert, dass der gestürzte Präsident Morales in Bolivien nicht bei der nächsten Wahl antreten solle. Und schon drei Tage später, am 24. November, wurde dort ein entsprechendes Gesetz erlassen und Morales von der Wahl ausgeschlossen.

Darüber hat auch der Spiegel berichtet. Was der Spiegel aber verschwiegen hat ist, dass die Übergangspräsidentin es dort mit dem Einhalten von Gesetzen nicht ganz so ernst nimmt. Am gleichen Tag hatte das Parlament nämlich auch noch ein weiteres Gesetz verabschiedet, dass Morales Straffreiheit garantieren sollte. Die Übergangspräsidentin weigerte sich jedoch kurzerhand, das Gesetz zu unterschreiben. In Bolivien wird nun nur noch das Gesetz, was die Putschisten wollen, das Parlament wird notfalls einfach ignoriert. Eine sehr interessante Auslegung demokratischer Regeln, die uns der Spiegel jedoch lieber verschwiegen hat.

Stattdessen können wir im Spiegel lesen, dass der neue Innenminister Morales für die Unruhen im Land verantwortlich macht und ihm Terrorismus vorwirft. Das war schon am 22. November und am gleichen Tag gab Morales RT-Spanisch ein Interview, das der Spiegel aber nicht erwähnt hat. Verständlich, denn dass es bei dem Putsch in Bolivien um Lithium, also um Bodenschätze, geht, das soll der deutsche Leser nicht so gerne wissen. Dem deutschen Leser wird die Legende vom Kampf um die Demokratie erzählt. Morales hat in seinem Interview jedoch das Lithium als Grund für den Putsch genannt:

„Als wir den Plan zum Ausbau des Lithium-Industrie abgeschlossen hatten, hätte Bolivien die weltweiten Lithiumpreise kontrollieren können. (…) Jetzt verstehe ich, dass einige Industrieländer keinen Konkurrenten wollen“

Zur Erinnerung: Lithium wird gerade das neue Öl, denn es wird in riesigen Mengen für die Batterien von Elektroautos gebraucht und Bolivien hat die weltweit größten Lithiumvorkommen. Es geht also wieder nur ganz schnöde um Geld und Rohstoffe und nicht um Demokratie.

Bolivien hatte nämlich unter Morales den Plan entwickelt, mit einer deutschen Firma das Lithium nicht nur abzubauen, sondern auch im Lande zu Batterien zu verarbeiten. Die ganze Wertschöpfungskette sollte in Bolivien bleiben, was den westlichen Konzernen nicht gefallen hat. Die wollen das Lithium dort so abbauen, wie sie es mit den Bodenschätzen in Entwicklungsländern gewohnt sind: Das Land wird mit ca. 25 Prozent abgespeist, der westliche Konzern kassiert den Rest und verarbeitet es dann woanders. Dem stand Morales im Weg und deshalb musste er weg.

Der Weg Boliviens ist damit vorgezeichnet. Demnächst werden sich US-Firmen die Förderrechte sichern und Bolivien bekommt nur Almosen, anstatt von seinen Rohstoffen zu profitieren.

Wie sich jedoch die Dinge in Kolumbien entwickeln, bleibt abzuwarten. Dort gab es Massenproteste und einen Generalstreik. Daraufhin hat der Präsident zu einem nationalen Dialog aufgerufen, dessen Ergebnisse man abwarten muss. Einen Sturz der Regierung wird es kaum geben, zu wichtig ist das Land für die USA im Kampf gegen Maduro im Nachbarland Venezuela. Die kolumbianische Regierung hat sich längt offen auf die Seite von Guaido gestellt, dessen Unterstützung in Venezuela jedoch abnimmt.

Guaido ruft zwar immer wieder zu Demonstrationen auf, aber beim letzten Mal sind nur noch einige Hundert gekommen und das Militär unterstützt Maduro weiterhin. Der Putschversuch von Guaido ist offensichtlich gescheitert.

Wen die Medien in Deutschland unterstützen, kann man sehr leicht erkennen. In Chile gab es bereits hunderte Tote, auch in Bolivien. Darüber wird in Deutschland zwar berichtet, aber es fehlt dabei Kritik an dem Vorgehen der Polizei, vor allem in Bolivien. Im Iran hingegen, wo es kürzlich bei Protesten ebenfalls zu Toten gekommen ist, klingen die Formulierungen anders. Dort wird von den „Befürchtungen“ berichtet, die Amnesty äußert:

„Nach Zahlen der iranischen Behörden wurden ein Demonstrant und vier Sicherheitskräfte getötet, die Menschenrechtsorganisation Amnesty International befürchtet hingegen, dass es allein unter den Demonstranten mehr als hundert Todesopfer gegeben haben könnte.“

Während es in Bolivien und Chile weit mehr Tote gegeben hat, auch nach offiziellen Angaben, fehlen solche „Besorgnisse“ bei den Berichten über die Proteste in diesen Ländern. Kein Wunder: In den Augen der Medien sind die Putschisten in Bolivien und die neoliberale Regierung in Chile „die Guten“. Deren Gewalt wird möglichst klein geredet. Der Iran ist hingegen „der Böse“, dessen Gewalt weit dramatischer dargestellt wird, als sie war.

Gewalt ist immer schlecht, aber wenn es sie gibt, sollte darüber auch objektiv berichtet werden und nicht so parteiisch, wie es die deutschen Medien tun.


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“