Boris Palmer will AfD “nicht vor­eilig Mit­schuld für Hanau geben”

Der Tübinger Ober­bür­ger­meister und Grünen-Poli­tiker Boris Palmer hat davor gewarnt, der AfD “vor­eilig” eine Mit­schuld an den Morden von Hanau zu geben. In einem Gast­beitrag für die “Frank­furter All­ge­meine Zeitung” (Don­ners­tags­ausgabe) schreibt Palmer: “Die Gewissheit, die AfD müsse sich eine Mit­schuld an dem Attentat anrechnen lassen, weil sie ein geis­tiges Klima geschaffen habe, das solche Taten erst ermög­liche, war 24 Stunden nach den Morden zumindest vor­eilig.” Wer nun eine Aus­grenzung und Stig­ma­ti­sierung der Wähler der AfD pro­pa­giere, spiele ihr in die Hände und ver­schärfe eher das Risiko einer wei­teren Radi­ka­li­sierung ein­zelner, auch wirrer Geister.
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Palmer sprach von einem “ver­mutlich psy­chisch gestörten Ein­zel­täter”. Das unter­scheide die Attentate von Hanau von den Taten des NSU. Palmer stellt auch die These in Frage, wonach ein poli­tisch nicht hin­rei­chend kor­rekter Sprach­ge­brauch die Ent­stehung von Welt­bildern begünstige, an deren Ende solche Taten stünden. Dies beschreibe “allen­falls einen ver­mut­baren Zusam­menhang, aber keine Kau­sa­lität”. Man könne mit ähn­licher Berech­tigung ver­muten, schreibt der Grünen-Poli­tiker weiter, “dass der infla­tionäre Gebrauch des Ras­sismus-Vor­wurfs gegenüber einer Kopf­tuch­kri­ti­kerin wie Alice Schwarzer oder einer Kul­tur­kri­ti­kerin wie Anja Rützel, es den gefähr­lichen Ras­sisten erlaubt, sich hinter ehren­haften Men­schen in Deckung zu bringen”. Wenn man Leute erreichen wolle, die grund­legend anderer Auf­fassung seien, dann solle man “seine Argu­mente streng über­prüfen und alles weg­lassen, was in erster Linie dazu dient, die eigene Welt­sicht zu stützen”. Andern­falls mache man sich schnell unglaub­würdig und dringe auch mit den starken Argu­menten nicht mehr durch. Dem Täter von Hanau schreibt Palmer ras­sis­tische Motive zu. Alle seine Opfer seien ein­ge­wandert oder Kinder von Ein­wan­de­rer­fa­milien gewesen. “Egal wer ihn beein­flusst hat, egal woher seine Ideen kamen, egal welchen Geis­tes­zu­standes er war: Er hatte einen Plan. Und er war klar genug im Kopf, diesen zu ver­wirk­lichen. Sterben mussten Men­schen, die nach seiner Auf­fassung in Deutschland kein Lebens­recht haben sollten, weil sie Wurzeln im Ausland hatten.” Welche Angst dies unter Men­schen auslöse, die selbst eine Zuwan­de­rungs­ge­schichte hätten, sei unmit­telbar zu erfassen. “Das sollte genügen, um jedem ver­nunft­be­gabten und mit­füh­lenden Men­schen klar zu machen, dass wir alle auf­ge­rufen sind, die Aus­breitung solcher Gedanken so ein­zu­schränken wie die des Coronavirus.”


Tübingen (dts Nach­rich­ten­agentur) — Foto: Tatort in Hanau, über dts Nachrichtenagentur