Politik & Aktuelles

Unsere Debattenkultur verelendet – Recht hat der Lauteste

8. August 2020

Zuviel Emotionen und Betroffenheit, zu wenig Fakten

(von Peter Helmes)

Viele kennen das: Die Diskussionen vor allem im politischen Bereich werden immer schwieriger, unersprießlich und machen verdrießlich. Allzu oft wird nicht mehr mit Worten gefochten, sondern mit Lautstärke. Uns ist, wie es scheint, eine besondere Kultur abhandengekommen, die Kultur des Austauschs „gepflegter Meinungen“.

Mein Gott, klingt das altmodisch! Aber ist es das wirklich? Wer einmal die Dialoge und die Streitgespräche der sog. „Großen Literatur“ kennengelernt hat, weiß, wovon ich rede. Madame de Staël, Goethe, Voltaire, Montesquieu und viele andere – allesamt Meister der geschliffenen Sprache – dienen heute nicht mehr als Vorbild für eine freie Diskussion, von Vorbildern der Antike ganz zu schweigen.

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Es scheint, als ob es kein Einerseits-Andererseits, kein „Auditatur et altera pars“ (lateinisch für „gehört werde auch der andere Teil“ bzw. „man höre auch die andere Seite“ – ein Grundsatz des römischen Rechts, der auch für einen fairen politischen Diskurs gelten sollte) mehr gibt. Dem Anderen recht zu geben, wird eher als Schwäche verstanden denn als Stärke.

Es wird immer mehr losschwadroniert – ungehobelt, vorlaut und ohne Rücksicht auf das Recht des Anderen, gehört zu werden. Der Diskurs entartet zur „Verkündigung mit Alleinvertretungsanspruch“. Ein Konsens wird häufig gar nicht erst gesucht, während sich an den radikalen Rändern die Stimmung immer weiter aufheizt. „Leise Töne“ dringen nicht mehr durch.

Das kann man auch nonverbal in den Internetforen beobachten. Wenn bei Diskussionen im Netz die Meinungen aufeinanderprallen, wird es oft ungemütlich: Wer anders denkt, wird verbal in den Boden gestampft. Selbst im „liberalen Lager“ findet man dogmatische Tendenzen und Intoleranz. Die „gemäßigte Mitte“ scheint den Einsatz für eine ausgewogene Debattenkultur aufgegeben zu haben. Der Diskussion mangelt es vielfach an Toleranz und Offenheit. Kritik wird nicht zugelassen bzw. überhört, abweichende Meinungen werden verschmäht oder kleingemacht, zuweilen gar niederkartätscht.

Vernünftige Diskussionen scheinen im Netz nicht mehr möglich zu sein. Es wird gepöbelt, verspottet, gedroht. Viele „User“ haben offensichtlich nie gelernt, bei anderen Meinung und Person voneinander zu trennen. Forderungen werden häufig weit weg von Fakten erhoben und durch Emotionen und Betroffenheiten ersetzt. Das gelingt auch bei intellektuell anspruchsvolleren Menschen mittels Diskursverengung, also der Herabzonung eines Themas auf einen einzigen „Reizbegriff“.

So werden gewollt oder ungewollt Brücken eingerissen, die eigentlich Gespräche bei Meinungsverschiedenheiten „überbrücken“ sollten. Und oft beweist sich, dass der Lautere recht hat bzw. bekommt. Die so entstehende Polarisierung erscheint dann letztlich als unüberwindbares Hindernis eines freien Meinungsaustauschs. Nötig wären aber weniger Unerbittlichkeit und mehr Toleranz.

Josef Kraus, 1987 bis Juni 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, stellte schon im Jahre 2009 fest:

„Unser heutiges Bildungswesen steht näher an der Apokalypse als an der Katastrophe…. Und weil das Abreißen immer leichter ist als das Aufbauen, diskutieren Politik, Journaille und ´moderne Pädagogik´ munter darauf los. Vor allem hat man es dabei gerne einfach. Man wünscht – mit Rücksicht auf das vermeintlich dumme Volk – Verringerung von Komplexität auf Monokausalität und Eindimensionalität…. Mitreden kann hier schließlich jeder, denn jeder hat einmal die Schule besucht oder kennt zumindest einen, die einen kennt, der in der Schule war. Andere aber, die in solchen Runden auf Realismus oder auch nur auf Differenzierung achten, stehen auf verlorenen Posten…“

Es ist alarmierend, wie schnell und wie viele Menschen sich ihrer jeweiligen Sache absolut sicher sind, ohne dem Debattenteilnehmer zuzuhören. Und allzu oft wird versucht, alles aus einer vorgefassten Meinung zu „erklären“, sie zu „untermauern“ und damit als eine Art „wahre Erkenntnis“ wirken zu lassen.

„Die jeweils eigene fixe Idee wird generalisiert und absolut gesetzt. Aufgrund ihres jeweiligen Absolutheitsanspruches werden aus so entwickelten Meinungen häufig feste Ideologien geformt und andere Ideologien wechselseitig ausgeschlossen; sie sind nicht überhöhungsfähig und untereinander friedensunfähig. Sie sind alle gleich wahr und richtig, nämlich falsch und widersinnig, da übertrieben und einseitig“ (Dr. Wolfgang Caspart, conservo 15.7.20).

Diktatur der politisch Korrekten

Es ist alarmierend, dass es keine „Toleranzschwelle“ mehr zu geben scheint, sondern allzu schnell eine Freund-Feind-Grenze gezogen wird. Noch alarmierender ist die „Diktatur der politisch Korrekten“, die nicht nur ausschließlich ihre (vermeintlich „korrekte“) Meinung gelten lassen, sondern die (angeblich) Unkorrekten bis zur Existenzgefährdung bekämpfen.

So entsteht für Menschen, die von sehr progressiven Stimmen dominiert werden – sei es privat oder, schlimmer, am Arbeitsplatz – eine regelrechte Kultur der Angst, insbesondere, wenn sie durch eine harmlos gemeinte Äußerung unbegründet unter Rassismusverdacht geraten.

Auf diese Weise befördert die tatsächlich verdachtsfreie Frage nach der Herkunft eines Farbigen in manchen Hirnen schon die „Giftblase Rassismus“ – und der arme Zeitgenosse kann froh sein, seinen Job behalten zu dürfen. Zu Ende gedacht, werden wir uns bald wohl auch erklären müssen, warum wir noch immer Christen und keine Moslems sein wollen. Doch Obacht, das Fallbeil des allzu schnell herbeigerufenen Rassismusverdachts könnte bald auch mal auf die zurückfallen, die sich in Selbstgerechtigkeit suhlen.

Es müsste sich etwas Wesentliches ändern, um zu einer konstruktiven Debattenkultur in Foren und in den sozialen Medien zu finden: Verstehen, was der andere sagt und schreibt, Verständnis für die Situation des Diskussionspartners aufbringen. Das bedeutet gewiss nicht, vorbehaltlos für alle möglichen Meinungen Verständnis zu haben, sondern sich vielmehr sachlich damit auseinanderzusetzen. Wobei ich gerne zugebe, dass es, besonders, wenn man eine fundierte eigene Meinung hat, nicht leicht fällt, sachlich zu bleiben und darzulegen, warum ich etwas für falsch halte – verbunden mit der Bereitschaft, offen für eine andere Meinung zu sein, ja, sie gegebenenfalls sogar zu übernehmen.

In den zehn Jahren, die ich conservo als liberal-konservatives Meinungsforum betreibe, habe ich immer wieder versucht, diesen Kurs zu halten. Das wird häufig missverstanden. Aber „wahrhafter Diskurs“ heißt auch, offen zu sein und die eigene Meinung nicht unbedingt als die einzig richtige zu akzeptieren.


Dieser lesenswerte Beitrag erschien zuerst auf dem Blog von Peter Helmes – www.conservo.wordpress.com