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SOS-Kinderdorf: Corona-Maßnahmen verschärfen Folgen von Kinderarmut

22. Oktober 2020

Anlässlich des Welttags zur Beseitigung der Armut am 17. Oktober machte u.a. der Verein SOS-Kinderdorf darauf aufmerksam, dass die Corona-Krise die ohnehin bereits immer weiter auch in Deutschland zunehmende Kinderarmut enorm verstärkt. Aber auch in anderen Bereichen sind die Kollateralschäden der unverhältnismäßigen Corona-Maßnahmen überhaupt nicht absehbar.

Einer Bertelsmann-Studie zufolge sind von konkreter Armut im Alltag mehr als ein Fünftel (21,3 % ; 2,8 Mio) aller unter 18-Jährigen in Deutschland betroffen. Die Corona-Krise und die damit einhergehenden Maßnahmen verschärften die Lage zusätzlich:

„Geldnöte entstehen durch den plötzlichen Verlust von Arbeitsplätzen und Konflikte in Familien eskalieren auf engem Wohnraum schneller.“

Hat Corona die Lage verschärft und wenn ja, wie genau ist das spürbar?

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Anne Luther, die u.a. als Schulsozialarbeiterin beim SOS-Kinderdorfverein in Berlin tätig ist, sagt im Interview auf die Frage „Hat Corona die Lage verschärft und wenn ja, wie genau ist das spürbar?“ dazu:

„Viele der Jugendlichen, mit denen ich arbeite, leben in prekären sozio-ökonomischen Verhältnissen. Ihre Eltern arbeiten häufiger im Niedriglohnsektor und sind auf zusätzliche Unterstützungsangebote angewiesen. Von Hilfen wie dem Kurzarbeitergeld profitierten die meisten in der Pandemie nicht, und viele Einrichtungen wie Tafeln oder Kleiderkammern blieben geschlossen.

Berlin bietet in „normalen Zeiten“ unzählige Möglichkeiten, Freizeitangebote für sehr wenig Geld oder vollkommen kostenlos zu nutzen: Bogenschießen im Jugendklub statt Tennis im Verein oder Beatboxing-Workshop in der Schule statt Geigenunterricht beim Privatlehrer. Der Zugang ist allerdings schon ohne Corona-Krise nicht ganz leicht: Anträge stellen, Nachweise erbringen, das sind durchaus Hindernisse.

In der Pandemie fallen viele dieser Angebote nun gänzlich weg und somit ein Großteil der außerhäuslichen Unterstützung. Während der Schulschließungen waren viele der Jugendlichen erneut stärker benachteiligt: Zu Hause fehlt die notwendige technische Ausstattung, und Unterstützung durch Lernförderung gibt es nicht. Viele Eltern sind überfordert, wenn sie plötzlich für fünf Kinder unterschiedlichen Alters die Lehrkraft sein sollen – in einer Sprache, die oft nicht ihre Muttersprache ist.

Und in teils beengten Wohnverhältnissen finden diese Kinder und Jugendlichen keinen ruhigen Ort, um konzentriert zu lernen. Auch die Konflikte nehmen häufig zu, wenn Familien über viele Wochen hinweg auf engstem Raum zusammen sind. So kam es während des Lockdowns vermehrt zu Vernachlässigung und Gewalt.“

Weltuntergangsstimmung im Kulturbereich

Auch in zahlreichen anderen Bereichen herrscht derzeit eine Art Weltuntergangsstimmung. Besonders hat es dabei den Kultursektor getroffen, der nun voller Sorge auf den drohenden zweiten Lockdown blickt.

Vor drei Tagen haben sich daher bekannte Kölner Künstler (Gerd Buurmann, Schauspieler, „Kunst gegen Bares“, Christian Bechmann, „Escht Kabarett“, Torsten Schlosser, Kabarettist, Atelier Theater, Bernd Rehse, Schauspieler, ARTheater) in einem flammenden Appell mit dem Titel „Aktuelle Kölner Corona-Schutzmaßnahmen bringen freie Kulturszene zum Absturz!“ an die Öffentlichkeit gewendet.

„Kulturveranstaltungen sind keine Superspreader-Ereignisse!“

Darin heißt es: „Kulturveranstaltungen sind keine Superspreader-Ereignisse! Deshalb halten wir die neuen, per Landeserlass verordneten Verschärfungen für Kulturveranstaltungen, für falsch. Wir sehen das Gebot der Verhältnismäßigkeit verletzt.“

Auch in den Kölner Szene- und Kulturkneipen herrscht die pure Überlebensangst. Obwohl diese seit Jahrzehnten ganz entscheidend mit zu dem ganz besonderen Flair Kölns beitragen, droht hier – auch ohne einen radikalen erneuten Lockdown, sondern schon aufgrund der am Mittwoch beschlossenen Maßnahmen – das große Sterben.

Noch schlimmer sieht die Lage in Berlin aus, das sich seit 1989 weltweit zu der Metropole für „Partymachen“, „Feiern“ und tagelange „Club-Events“ in einer einmaligen Vielfalt entwickelt hat („Sexy, dadurch reich“). Ein für den Berlin-Tourismus ganz entscheidender wirtschaftlicher Faktor droht nun in großen Teilen wegzubrechen.

Bestattungsunternehmen und Krankenhäusern geht es nicht besser

Da bleibt eigentlich nur noch zu erwähnen, dass es den Arztpraxen, Krankenhäusern und den Bestattungsunternehmen nicht besser geht. In der FAZ ist zu lesen: „Einige Bestattungsunternehmen haben gerade so wenig Aufträge, dass sie staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Geht die Zahl der Todesfälle in Deutschland während der Corona-Pandemie sogar zurück?“

Mehr muss man eigentlich zur Einschätzung der Corona-Maßnahmen und des drohenden zweiten Lockdowns nicht wissen…

Außer vielleicht noch die aktuellen, wirklich aussagekräftigen Zahlen zum Infektionsgeschehen:


Erstveröffentlichung auf dem Blog von David Berger www.philosophia-perennis.com