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Angreifer stürmen Schule im Kamerun und töten mehrere Kinder (+Videos)

14. November 2020

Es sind schreckliche Bilder, die uns aus dem Kamerun erreichen, nachdem Kinder in einer Schule von einer Gruppe Männer angegriffen und getötet wurden. Ihr einziges Verbrechen war, zur Schule zu gehen, um zu studieren, damit sie eine bessere Zukunft haben können.

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Wie schlimm es um den Kamerun steht, ist noch kaum an die Öffentlichkeit gedrungen. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden vertrieben. Human Rights Watch forderte die separatistischen Kämpfer im englischsprachigen Raum Kameruns dazu auf, ihre Angriffe auf Schulen, Schulkinder und Lehrer im Nordwesten und Südwesten des Landes zu stoppen, nachdem eine Schülerin von separatistischen Kämpfern verstümmelt wurde, als sie von der Schule nach Hause kam. Die Separatisten fanden Bücher in ihrer Tasche. Dieser Fall ist kein Einzelfall. Es ist die schlimmste Gräueltat seit der Wiederaufnahme des Schuljahres Anfang dieses Monats, als Männer auf Motorrädern und in Zivil gegen Mittag die zweisprachige Schule in der Stadt Kumba im Südwesten des Landes angriffen. Sie stürmten mit Waffen und Macheten die Schule und töteten mindestens sechs unschuldige Kinder und verletzten weitere zwölf Kinder schwer. Es sind Kinder, deren einziges Vergehen es ist, dass sie für ein besseres Leben Bildung wollen. Es erinnert an das schreckliche Schicksal der 276 Mädchen, die am 14. April 2014 aus einer Schule im nigerianischen Chibok von der Terrorgruppe Boko Haram entführt wurden. Grund für die Entführung ist die Tatsache, dass Boko Haram westliche Bildung und Schulen für Mädchen verabscheut. Es sind unschuldige Schulkinder, die auch im Kamerun entführt, verstümmelt oder getötet werden.  Das Massaker an kleinen Kindern in ihrem Klassenzimmer erschüttert Kamerun.

Angreifer stürmen die Schule im Kamerun und töten mehrere Kinder

                                                                                                           Schüler, die von einer bewaffneten Gruppe in einer Schule getötet wurden

Sechs Schüler wurden getötet, fünf Mädchen und ein Junge, alle zwischen 9 und 12 Jahre alt. Weitere wurden bei dem Angriff auf eine Schule in Kumba im englischsprachigen Südwesten am 24. Oktober 2020 verletzt. Dies geht aus einem Bericht hervor, der vom Premierminister veröffentlicht wurde.

Es war ein Schultag wie jeder andere in diesem privaten College im Herzen der Stadt Kumba. Als plötzlich unbekannte bewaffnete Männer die Schule stürmten. Berichten zufolge eröffneten sie das Feuer auf mehrere Schüler. Nach dem regelrechten Gemetzel verschwanden sie so schnell, wie sie gekommen waren. Zurück blieben leblose Kinderkörper, Verwundete, Blut, Tränen und Entsetzen, so der Bericht von Polycarpe Essomba. 

„Es dauerte nicht lange, bis die ersten Bilder dieses Massakers in sozialen Netzwerken verbreitet wurden und eine Flut von Empörung auslöste, wie wir sie selten in dem seit fast vier Jahren andauernden Konflikt im englischsprachigen Raum erlebten. Politiker aller Art, NGOs, Künstler, normale Bürger, oft mit den gleichen Fragen: Wer kann so verrückt sein, das Feuer auf unschuldige Kinder zu eröffnen? Im Namen welcher Ursache? Wie weit werden wir auch den Horror treiben? Fragen bleiben meist unbeantwortet. Die Stadt Kumba ist in den Schleier der Trauer gehüllt, während das ganze Land darum kämpft, seinen Schmerz und seine Emotionen einzudämmen,“ so der Premierminister Joseph Dion Ngute, der versprach, eine Untersuchung einleiten zu wollen.

„Ich bin schockiert und empört über die Ermordung unschuldiger Schulkinder, die zur Schule gingen, um eine Ausbildung zu erhalten“, sagte Matthias Z Naab, der im Kamerun ansässige humanitäre Koordinator der Vereinten Nationen. Kinder haben ein Recht auf Bildung. Gewalt gegen Schulen und unschuldige Schulkinder ist unter keinen Umständen akzeptabel und kann ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, wenn dies vor Gericht nachgewiesen wird. Ich fordere die zuständigen Behörden auf, eine gründliche Untersuchung dieser Tragödie durchzuführen“, fügte Naab hinzu.

Zwei Sprachen, eine koloniale Vergangenheit

Fast 700.000 Menschen sind durch die anglophone Krise in der Nordwestprovinz Kameruns vertrieben worden. Viele davon warten auf humanitäre Hilfe.

In den beiden anglophonen Regionen Kameruns – der Nordwest- und der Südwestregion – lebt eine große Minderheit der englischsprachigen Bevölkerung in einem Land, in dem die überwiegende Mehrheit französischsprachig ist,  eine Situation, die das Erbe der Entkolonialisierung Westafrikas durch Frankreich und Großbritannien vor über 60 Jahren ist.

Ende 2016 wurden langjährige Beschwerden über politische und wirtschaftliche Diskriminierung der englischsprachigen Bevölkerung durch die Zentralregierung laut, als Anwälte, Schüler und Lehrer Reformen forderten.

Die tödliche Reaktion der Regierung auf die Proteste veranlasste die Rebellen dazu, 2017 die Unabhängigkeit für eine Region zu erklären, die sie „Ambazonia“ nennen, was ein stärkeres Vorgehen der Behörden auslöste.

Beide Seiten wurden seitdem beschuldigt, in einem Konflikt, bei dem rund 3.000 Menschen getötet und Hunderttausende Menschen aus ihren Häusern vertrieben wurden, Gräueltaten begangen zu haben.

In dem zentralafrikanischen Staat stehen sich Separatisten und Sicherheitskräfte der Regierung in einem bewaffneten Konflikt gegenüber, der seine Wurzeln in der Zweisprachigkeit des Landes hat – und damit auch in seiner kolonialen Geschichte. Abseits der internationalen Aufmerksamkeit schwelt seit Jahren ein Konflikt im Kamerun. Tausende Menschen werden gewaltsam vertrieben, ein blutiger Bürgerkrieg droht – der sich um mehr dreht als eine gemeinsame Sprache, so die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V.

Erst im Februar 2020 kam es im Dorf Ngarbuh in der Nordwestprovinz Kameruns zu einem blutigen Massaker. „Sie brechen die Türen auf, schießen auf diejenigen, die da sind, und zünden die Häuser an“, berichtet ein Bewohner aus der betroffenen Gemeinde. Mindestens 22 Zivilisten, darunter 14 Kinder, sollen bei dem Angriff getötet worden sein – mutmaßlich von den Sicherheitskräften der eigenen Regierung. Die spricht von einem „bedauernswerten Unfall“ und spielt den brutalen Konflikt herunter, der seit Jahren im nordwestlichen, an Nigeria grenzenden Teil Kameruns heranwächst.

Die anglophone Krise in Kamerun ist trotz aller dramatischer Entwicklung ein Konflikt, der sich abseits der internationalen Aufmerksamkeit abspielt. „Die Angriffe auf Zivilisten nehmen immer weiter zu“, sagt die UN-Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten in Kamerun Allegra Baiocchi.

„Was in der Nordwestprovinz Kameruns gerade passiert, ist indes dramatisch: Die Kämpfe zwischen separatistischen Gruppierungen und Regierungskräften forderten seit 2016 mehr als 3000 Tote, rund 680.000 Menschen sind nach Angaben der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR in der Region seitdem auf der Flucht. Die Dunkelziffer könnte hier erheblich höher sein, da sich viele vor der ausufernden Gewalt in der Wildnis verstecken müssen.“

Eine Mutter, Isabel Dione, fand ihre 12-jährige Tochter auf dem Boden eines Klassenzimmers. Sie blutete aus dem Bauch. Das Mädchen wurde ins Krankenhaus gebracht, wo es wegen einer Schusswunde behandelt wird. Ihr einziges „Vergehen“ war, zur Schule zu gehen, für eine bessere Zukunft.

Netzfrau Doro Schreier


Quelle: netzfrauen.org