Wirtschaft & Finanzen

Ein Viertel der Alleinstehenden ist ärmer als arm

20. Januar 2021

Die neuesten Zahlen sind aus 2019. Sie sind alarmierend genug, aber 2019 war die Welt zumindest noch teilweise in Ordnung. Aber schon der Frühjahrs- und der Herbst-Lockdown haben in der Gesellschaft ihre Bremsspuren hinterlassen. Eine gefährdete Gruppe ist gleich doppelt und dreifach Opfer: Die älteren Alleinlebenden. Nicht nur, dass sie von der Covid-19-Infektion bedroht sind, sie leiden auch seelisch am meisten unter der Isolation. Und dazu kommt noch, dass diejenigen, die ihre viel zu magere Rente durch Gelegenheitsjobs aufbessern konnten, dazu keine Möglichkeit mehr haben. Sie können kaum überleben. 

Die Tendenz zum Alleinleben steigt. 17,6 Prozent der Deutschen leben allein. Und sie haben es schwer. Ohne Partner vereinsamen viele, und es folgt meist ein sozialer Abstieg. Hinausgehen und Leute treffen erfordert Initiative und Geld. Das fehlt vielen. Im Jahr 2006 waren es schon knapp über ein Fünftel der Alleinstehenden, die an der Armutsschwelle oder darunter herumknapsten. Jeder Fünfte musste um sein Dasein kämpfen. Im Jahr 2019 war es schon mehr als jeder Vierte: Die Zahl der Armen unter den Alleinstehenden ist auf 26,5% gewachsen: In Anbetracht dessen, dass die Zahl der Einpersonenhaushalte sowieso deutlich wächst, ist ein so massiver prozentualer Anstieg innerhalb dieser Gruppe doppelt traurig.

Was bedeutet Armut? Als armutsgefährdet gilt nach der Definition in der Europäischen Union, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens der Gesamtbevölkerung im jeweiligen Nationalstaat auskommen muss. In Deutschland gilt laut Statista eine alleinstehende Person mit einem Nettoeinkommen von 781 Euro oder weniger als arm.

Ganz besonders trifft das alleinstehende Rentner im Alter von über 65 Jahren. Deren Anteil unter den armen Einsamen ist von 15% auf 24% gestiegen. Der paritätische Wohlfahrtsverband stellt nüchtern fest, dass die Armutsquote in Deutschland einen historischen Wert von 15,9% der Bevölkerung erreicht hat. Das ist die höchste Armutsquote seit der Wiedervereinigung. In Zahlen sind das 13 Millionen Menschen in Deutschland.

Die Medien schreiben unisono, durch die Pandemie habe sich die Lage der Alleinlebenden weiter verschärft und damit ist das Thema abgehakt. Ein bisschen Zahlen, ein bisschen Empörung und eine linke Sozialpolitikerin, Sabine Zimmermann, wird freundlich erwähnt, denn diese hatte die Daten abgefragt. Das scheint auch die Einzige zu sein, die sich tatsächlich für die Mitmenschen interessiert, die in dieser deprimierenden Lage sind. Sie fordert ein umfassendes Konzept. Sie fordert die Anhebung des Mindestlohnes auf 12 €/Stunde und die Zurückdrängung prekärer Beschäftigungen.

So lobenswert ihr Vorstoß ist, so wenig wird er bringen. Wir werden vor Ostern nicht aus der Pandemie herauskommen. Bis dahin ist entweder ein Wunder passiert oder sehr viele kleine Selbständige und Mittelständler werden ebenfalls hart gegen die Armutsgrenze prallen, die nur in eine Richtung durchlässig ist: Nach unten.

Und genau diese sind es, die so viele kleine Jobs für die älteren Alleinstehenden geschaffen haben. Hier ein paar Stunden Aushilfe, da ein 450-Euro-Job. Hilfe bei der Gartenarbeit, kleine Reparaturen im Haus, putzen, waschen, bügeln, die Straße kehren, im Winter Schnee schippen, die alte Mutter im Haus ein bisschen unterhalten und mit ihr spazieren gehen. Oder bei der Inventur des kleinen Ladens helfen, mal ein paar Stunden das Geschäft übernehmen, Flugblätter verteilen. So besserten viele ihre Rente auf und wurden zum Faktotum in den Haushalten des Mittelstandes, der nun selbst vom Absturz bedroht ist. Diesen „Arbeitgebern“ mehr Stundenlohn oder gar Daueranstellungen abzufordern ist witzlos. Auch von diesen hoch-“prekären“ Jobs, die manchen vor dem Hungern bewahrt haben, werden sehr viele einfach wegfallen.

Selbst die Flaschensammler finden kaum noch etwas. Die Abfalleimer in den Bahnhöfen und Fußgängerzonen sind so leer, wie die Einkaufsstraßen und die Geschäfte. Es gibt keine Jobs mehr. Man trifft sich nicht einmal mehr an den gewohnten Stellen. Die Einsamkeit in der kleinen, schlecht geheizten Wohnung legt sich auf die Seele. Es wird ein stilles Sterben unter diesen Vergessenen, Einsamen geben. Die Zahlen des Armutsberichtes 2021 werden deprimierend.