Hintergrundfoto Piqsels, CC0, Foto Sebastian Kurz: Wikimedia Commons, Bildquelle: www.kremlin.ru, Bildlizenz: CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sebastian_Kurz_(2018-02-28).jpg

Macher des Ibiza-Videos packt aus: Rauschgift, Erpressung, … platzt jetzt auch die Regierung Kurz?

Der Pri­vat­de­tektiv Julian H., einer der Macher des berüch­tigten Ibiza-Skan­dal­videos, ist vor einer Woche nach Öster­reich aus­ge­liefert worden, nachdem alle Rechts­mittel, die er ein­gelegt hatte, nichts halfen. Immer wieder wehrte er sich mit Ein­sprüchen gegen seine Aus­lie­ferung aus Deutschland nach Öster­reich. Doch nachdem alle Instanzen abge­klappert waren, ging‘s zurück nach Wien, wo er in U‑Haft in Wien-Josef­stadt sitzt. Er geriert sich als ver­folgter Aktivist gegen die bösen, kor­rupten Rechten. Tat­sächlich sind die Vor­würfe gegen ihn aber völlig anderer Natur. Er soll wegen Rausch­gift­handels und Besitzes von Rauschgift und wegen ver­suchter Erpressung vor Gericht kommen. Das hört sich nicht so richtig nach einem tap­feren Akti­visten gegen die bösen „Nazis“ an. Und es geht weiter: Julian H. zettelt gerade einen Rauschgift-Skandal gegen Kanzler Sebastian Kurz an!

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt begründete die Zurück­weisung seines Eil­an­trags gegen die Aus­lie­ferung fol­gen­der­maßen: Julian H. habe „nicht sub­stan­tiiert dar­gelegt, dass er in der Republik Öster­reich poli­tisch ver­folgt wird und ihn dort kein faires Ver­fahren … erwartet“.

Die ganze Sache rundum das Video ent­wi­ckelt sich zu einer Voll­ka­ta­strophe für alle, die damit in Berührung kommen. Selten war das Wort von dem, der eine Grube gräbt und selbst hin­ein­fällt, so wahr. Sogar die, die von dieser Schlamm­schlacht in der Jau­che­grube poli­tisch pro­fi­tierten, haben Spritzer auf dem weißen Che­mi­settchen. Der Begriff „Ibiza-Video“ hat längst eine andere Kon­no­tation bekommen: Es wird jetzt mit undurch­sich­tigen Machen­schaften, üblen Tricks, Täu­schung und absichtlich bös­wil­ligem Zusam­men­schneiden und Ver­drehen zum Zwecke des Ruf­mordes in Ver­bindung gebracht. Und da der öster­rei­chische Jung-Wun­der­wutzi Sebastian Kurz auf­grund des ganzen Skandals – zackbumm – plötzlich auf dem Kanz­ler­thron saß, weil die Herren Strache und Gudenus im Ziel­einlauf abge­schossen wurden, hängt seiner Kanz­ler­schaft auch ein „G‘schmäckle“ an.

Selbst­ver­ständlich weist Herr Julian H. das alles zurück. Alles Kabale, Lüge und Ver­dre­hungen. Kommt ja aus beru­fenem Munde, ist man ver­sucht zu denken.

Die öster­rei­chi­schen Ermittler werfen ihm jeden­falls die erwähnten Straf­taten vor, sogar die taz widmete ihm einen ganzen Artikel. Seine Sicht ist, zusam­men­ge­fasst, kurz erzählt: Herr H. Ist ein Opfer der par­tei­ischen, durch und durch rechts ver­or­teten, öster­rei­chi­schen Behörden, wo man sich gegen ihn ver­schworen hat und Rache üben will wegen des Ibiza-Videos. Die Beschul­digung, zwei­einhalb Kilo Kokain ver­kauft zu haben, sei eine Lüge und stamme von zwei frü­heren Mit­ar­beitern, von denen er einen im Streit gefeuert habe. Der andere sei selbst mit Drogen erwischt worden und erhofft wohl eine mildere Strafe, indem er Julian H. belastet. Nun jaaa, räumt er ein … früher, im Jahr 2019 habe ja wirklich ein anderer Mit­ar­beiter ver­sucht, das gesamte, unge­schnittene Video an Herrn Strache zu ver­kaufen. Das sei aber doch keine Erpressung gewesen und im übrigen ganz ohne das Wissen von Herrn Julian H. Und ganz gegen seinen Willen geschehen.

Ja, und sicher, stimmt schon, man habe ihn einmal mit 20 Gramm Kokain im Zuge eines beruf­lichen Ein­satzes erwischt, gibt Julian H. im taz-Interview zu. Aber das sei nur Besitz und nicht Handel gewesen.

Was für ein Sumpf an Lügen, Intrigen, Dea­lerei, Rache und Verrat, welch char­mante Gesell­schaft. Eine Schlan­gen­grube ist ein Kuschelzoo dagegen. Nur Julian H. ist ein miss­ver­stan­dener Auf­rechter, ein Held der Auf­klärung fins­terer Machenschaften.

Die FAZ fasst die Geschichte der Ent­stehung des Ibiza-Videos, die der Idealist und Ver­fechter der Wahrheit Julian H. ver­breitet, wie folgt zusammen:

„Ein Freund H.s, der Wiener Anwalt M., wollte Infor­ma­tionen eines Leib­wächters Straches über angeb­liche kor­rupte Hand­lungen der Polizei melden, doch die habe sich dafür nicht inter­es­siert. Dar­aufhin habe man gemeinsam die Ibiza-Falle aus­ge­heckt, um Straches wahre Natur zu ent­hüllen. Aber auch für dieses Video habe sich leider niemand inter­es­siert. Als Strache dann in der Regierung gewesen sei und alle schlimmen Pläne in die Tat umzu­setzen begonnen habe, ‚gab es kein Zurück mehr‘. Geld? Nein, um Geld sei es ihm nie gegangen. Das ent­lockte auch dem Inter­viewer von der ‚taz‘ die ungläubige Frage: ‚Kann man das glauben: Ein Pri­vat­de­tektiv wird zum poli­ti­schen Akti­visten?‘“ 

Tat­sache ist, dass Julian H. und der „Anwalt M.“ nach dem Dreh des Ibiza-Videos 2017 eben schon ver­suchte, es für 5 Mil­lionen Euro zu ver­kaufen. Es ging also offen­sichtlich doch um Geld. Die Herren wandten sich an ver­schiedene zah­lungs­kräftige, ver­mut­liche Inter­es­senten, denen jedoch die Sache offenbar nicht behagte – unter anderem den Bau­un­ter­nehmer Hans-Peter Hasel­steiner. Niemand biss an, weder die SPÖ noch die ÖVP. Auch zu den Grünen suchte Julian H. & Co. Kontakt – und sandte eine frag­würdige Nach­richt an den Bun­des­prä­si­denten Alex­ander Van der Bellen … ganz kurz, bevor die Bombe platzte. Die invol­vierten Haupt­medien ver­si­cherten, nichts für den ver­öf­fent­lichten, bös­wil­ligen Zusam­men­schnitt bezahlt zu haben.

Ist es wirklich glaub­würdig, dass man erst ver­suchte, 5 Mil­lionen aus dem Sudel­video her­aus­zu­schlagen und es dann kos­tenlos her­aus­ge­geben hat? Und wenn es stimmt, dass die „Her­stel­lungs­kosten“ etwa 100.000 € betrugen, wer hat die bezahlt? Und wer bezahlt jetzt die Anwälte? Und war das Ganze wirklich nur die Idee von Julian H.? Wenn man die „cui bono“-Frage (wem nützt es?) stellt, kommen einem doch ganz andere Namen in den Sinn. Selbst der Oberste Gerichtshof Öster­reichs geht laut Äuße­rungen des Vor­sit­zenden Richters davon aus, das Julian H. diese Film­auf­nahmen zu Geld machen wollte. Ein sehr nahe­lie­gendes Motiv.

Ist aber laut Julian H. alles ganz, ganz anders und von ihm aus reiner Kampf um Gerech­tigkeit. Das hört sich in der „taz“ so an:

Julian H.: Das stimmt aber nicht. Das Ganze begann mit einem frü­heren Body­guard von Strache, der Material über dubiose Geld­zu­wen­dungen und Spe­sen­ab­rech­nungen von ihm gesammelt hatte. Davon erzählte der Body­guard 2015 einem Freund von mir, einem Wiener Anwalt. Als dieser die Sache an das öster­rei­chische Bun­des­kri­mi­nalamt meldete, aber nichts pas­sierte, bat er mich um Hilfe, um Strache die Kor­ruption selber nach­zu­weisen. Und dann ent­stand die Idee mit dem Video. Ich habe da anfangs nur mit­ge­macht, um ihm einen Gefallen zu tun.“

taz: Sie orga­ni­sierten Anbah­nungs­treffen und lockten Strache auf eine ver­wanzte Villa nach Ibiza – ein hoher Einsatz für einen Freundschaftsdienst.

Julian H.: Je mehr ich mich mit der Sache beschäf­tigte, umso mehr han­delte ich auch aus Über­zeugung und Empörung. Ich war über­rascht, wie offen Straches Ver­trauter Johann Gudenus vom ersten Treffen an war, obwohl wir hier rus­si­sches Schwarzgeld offe­rierten. Und ich merkte, dass etwas faul ist im Staate Öster­reich. Es gibt ein System, Wirt­schafts­in­ter­essen mit Par­tei­spen­den­kon­struk­tionen durch­zu­setzen. Ver­suche, die Medien zu steuern. Undurch­sichtige Kon­takte nach Russland. Und so hoch war der Aufwand für mich gar nicht. Die ver­deckten Kameras habe ich im Internet bestellt.“

Dass das Ganze einen Regie­rungs­um­sturz ver­ur­sacht hat, das will Julian H. nicht erwartet haben. Und dennoch stellt er sich als eine Art neu­zeit­licher Robin Hood dar, der den bösen, kor­rupten Rechten das Handwerk legen wollte, trotz aller Unbill, die er dafür in Kauf nehmen musste.

Der Unschulds­engel Julian H. hat aber schon den nächsten poten­zi­ellen Regie­rungs­sturz auf der Pfanne. Nur diesmal würde es den smarten, jungen öster­rei­chi­schen Kanzler Sebastian Kurz treffen, der von dem Ibiza-Video enorm pro­fi­tierte. Julian H.‘s Behauptung: Es gebe Beweise dafür, dass Kanzler Kurz nach der Natio­nal­ratswahl 2017 mit seinen engen Par­tei­freunden im Büro eines befreun­deten, pro­mi­nenten Szene-Gast­wirtes Kokain kon­su­mierte. Das kam so ganz nebenbei bei einer Anhörung des Unter­su­chungs­aus­schusses des deut­schen Bun­des­tages zu den Vor­gängen rund um den Wirecard-Skandal heraus.

Dr. Jens Zim­mermann von der SPD befragte Julian H. zu seinen Wahr­neh­mungen bezüglich der Wirecard-Causa, und dessen Aus­sagen sind offenbar über­zeugend. Denn der Ex-Detektiv, der das Ibiza-Video gemacht hatte, kennt sich aus in seinem Metier und bei allem, was Dro­gen­handel, kri­mi­nelle Deals und die dunkle Seite der Poli­tiker angeht. Eigentlich wurde er nur des­wegen von einem deut­schen Unter­su­chungs­aus­schuss zu den kri­mi­nellen Machen­schaften rund um Wirecard befragt. Er war als Pri­va­ter­mittler nämlich schon oft in solchen Kreisen unterwegs, dabei auch für die öster­rei­chische Kri­mi­nal­po­lizei, das Innen­mi­nis­terium und auch nicht-öster­rei­chische Regie­rungen und Behörden.

Vor dem Aus­schuss zu Wirecard, so berichtet das öster­rei­chische Medium „Wochen­blick“, berichtete Julian H. von Video­be­weisen dafür, dass Kanzler Kurz nach der Wahl 2017 beim Konsum und der Wei­tergabe von Kokain gefilmt wurde. Der Szene-Gastwirt stand schon länger im Ruf, dass bei ihm gekokst werde. Dem Wochen­blick wurden die bri­santen Aus­schuss-Unter­lagen anonym zuge­spielt. Infor­mierte Kreise bestä­tigen die Echtheit des Doku­ments. Auf eine weitere Frage von Dr. Zim­mermann, ob es noch mehr als die Audio- und Video­auf­nahmen von dieser „Koks­party“ gebe, um die Behaup­tungen zu unter­mauern, ent­gegnete Julian H., es gebe darüber hinaus noch interne BVT-Papiere (Öster­rei­chi­sches Bun­desamt für Ver­fas­sungs­schutz und Ter­ro­ris­mus­be­kämpfung), die das alles bestätigen.

Die deut­schen Poli­tiker im Aus­schuss sollen scho­ckiert gewesen sein. Welche Aus­wir­kungen das auf die öster­rei­chische Regierung und auf Kanzler Kurz hat, wird abzu­warten sein.