Mario N. auf der Überwachungskamera der Tankstelle. Bild: Polizei Wiesbaden
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Gedanken zum Tankstellenmord in Idar Oberstein – Pauschalisieren und Hetze plötzlich doch gut?

24. September 2021

Die „Ungeimpften“ sind ein sehr komplexer und unterschiedlicher Teil der Gesellschaft. Sie sind grün, sie sind links, sie sind konservativ, sie sind rechts. Sie sind Unpolitische, Alternative, Deutsche, Nichtdeutsche, Junge, Alte. Manche bestreiten, dass es überhaupt Viren gibt, manche bestreiten, dass es „Corona“ gibt, manche halten Corona für eine Biowaffe, andere glauben, es war ein Laborunfall, wieder andere denken, es ist die umbenannte Grippe. Viele sehen in die Länder wie Dänemark und Schweden und halten aufgrund deren glimpflichen Verlaufs der Pandemie die ganzen Maßnahmen für Unsinn, andere Nicht-Impfer finden die Eindämmungsmaßnahmen gut. Viele sind der Meinung, Abstand und Vorsicht ist gut, aber der Staat habe kein Recht, mit Zwang und Strafen zu drangsalieren. Die meisten sind sehr gut informiert und kennen die einschlägigen Studien, manche wollen davon gar nichts wissen, sondern einfach in Ruhe gelassen werden und diese Impfung einfach nur nicht nehmen. Es gibt auch solche, die haben sich impfen lassen, treten aber leidenschaftlich gegen die Zwangsimpfung ein.

Aber das, was wir alle, aus allen Lagern der Ungeimpften gemeinsam fürchteten und ganz und gar nicht wollten, was immer wieder bei Gesprächen über die Sache durchkam, war die Sorge, dass es um Gottes Willen nicht so einen bescheuerten Irren gibt, der aus Wut über die Eindämmungsmaßnahmen und den indirekten Impfzwang jemanden umbringt. 

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Wie wir leider erfahren mussten, ist genau das geschehen. Ein junger Mann, der sich etwas Geld in einer Tankstelle verdiente, machte einen Kunden auf die Maskenpflicht aufmerksam, der wollte nicht, es gab einen hitzigen Disput. Der Maskenverweigerer soll mit einer drohenden Geste gegangen, aber dann wiedergekehrt sein und mit einer illegalen Waffe den armen Jungen einfach erschossen haben. Grauenhaft. Zum Kotzen.

Und sofort, wie auf Knopfdruck, springt jeder, der sich profilieren will, allen voran Politiker und Verbände aller Art vor Mikrofon und Kamera und röhrt los, dass man ja hätte wissen müssen, welches Gewalt- und Terrorpotenzial all diese „Covidioten“ darstellen. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn überholt verbal noch den „Berufshysteriker“ Karl Lauterbach auf der rechten Spur und glänzt mit der kaum noch zu übertreffenden, bodenlos diffamierenden Pauschalisierung vom „Pandemieextremismus“, mit dem er mal eben locker ein gutes Drittel der Bevölkerung Deutschlands zu irren Mördern stempelt.

Genau das war schon vorher klar. Auf so etwas wartete man ja nur. Jetzt haben sie endlich den Anlass, alle Ungeimpften in einen Topf zu werfen. Jeder Ungeimpfte hat mitgemordet. Jetzt kann man andere Saiten aufziehen, jetzt wird gegen das dreckige Ungeimpftenpack knallhart durchgegriffen: Zensieren, drangsalieren, finanziell bestrafen, ausschließen, wegsperren, abstrafen, draufhauen. Der Bundesgesundheitsminister ruft sogar alle Bürger*Innen auf, gegen die „Pandemieesxtremisten“ einzutreten.

Ja, Herr Minister Spahn, es wäre wirklich gut, wenn wir alle, wie sie sagen, aufpassen, „wie wir Worte wägen“. Bitte, gehen Sie mit gutem Beispiel voran und verwenden sie nicht solche Bezeichnungen.

Man stelle sich vor, das hätte jemand gesagt, nachdem der eine oder andere zugewanderte Vor-den-Zug-Schubser ahnungslose Deutsche umgebracht hat. Oder nachdem gerade erst in Leipzig-Connewitz Antifa-Leute einen jungen Mann halb tot geschlagen haben, weil er die falsche Mütze aufhatte und sie ihn für einen „Nazi“ hielten. Wo war der Aufschrei da? Wurden da alle Mitglieder der Linken als Mittäter gebrandmarkt? Distanzierte sich irgendwer von den Linken oder der SPD? Wurden alle Ausländer als Mitmörder diffamiert?

Im Gegenteil. Kaum hat irgendein zugewanderter Neubürger jemanden getötet oder schwer verletzt, erhebt sich der laute Mahnruf, nur ja nicht zu pauschalieren. Das ist richtig, gilt aber allgemein.

Dabei tun alle so, als sei der Täter Mario N. deshalb Täter geworden, weil er ein „Corona-Leugner“ sei. Mal abgesehen davon, dass das Wort Corona-Leugner logischerweise nur jemanden bezeichnen kann, der in Abrede stellt, dass es das neue, die Covid-Pandemie verursachende Coronavirus gibt (und das sind die allerwenigsten Ungeimpften) … ist vollkommen unklar, ob Mario N. die Existenz dieses Coronavirus in Frage stellt.

Es ist bisher nämlich überhaupt nicht so wirklich klar, was da in der Tankstelle geschehen ist und warum Mario N. so durchdrehte. So warnte der Kriminalpsychologe Rudof Egg vor voreiligen Schlüssen. Aus seiner Erfahrung weiß er, dass zwischen Anlass und Grund für eine Tat unterschieden werden muss. „Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, würde einen ihm völlig unbekannten jungen Mann wegen eines Hinweises auf eine Maske erschießen. Das ist kriminalpsychologischer Nonsens“ erklärt Herr Egg. „Was da wirklich an diesem Tag und an diesem Abend war, worüber er sich noch geärgert hat“, sei noch völlig unklar. Möglicherweise habe der Verdächtige ganz andere Gründe als die Corona-Auflage gehabt.

Bei den Entstehungszusammenhängen der Tat müsse man „sehr, sehr aufpassen“, erklärte Herr Egg. „Manchmal ist es nur zeitlich miteinander verknüpft, ohne wirklich ursächlich zu sein.“ Er kennt solche Taten und das, was eigentlich dahintersteckt und weiß: „Der letzte Tropfen, der das Fass der Aggressivitätsneigung zum Überlaufen gebracht hat, den kann man nicht als die Ursache ansehen.“ Genauso gut hätte etwas ganz anderes, das dem Täter zufällig widerfährt, die Katastrophe auslösen können: „Bei Personen, die ein Gewaltpotenzial haben und so unter Druck stehen, ist es fast egal. Sie nehmen jede Einschränkung als Anlass“.

Seine Kölner Kollegin Lydia Benecke sieht es genauso: „Auch, wenn viele Menschen sich nun eine schnelle Antwort auf die Frage wünschen, warum eine solche Tat begangen wurde: Diese ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich.“

Interessant: Viele orientierten sich bei ihrer Tat „an dem, was zeitgeistig vorhanden ist“, sagt Rudolf Egg. Über Corona-Auflagen ärgerten sich viele Menschen, in einigen Ländern seien sie ja auch bereits abgeschafft, sagt er.

Das ist sogar recht einleuchtend. Ist eine ganze Gesellschaft unter Spannung und ein „latenter Dauerfrust“ liegt in der Luft, zusätzlich heizen Politik und Medien noch die Aggressionen und die Spaltung zwischen Geimpften und Ungeimpften an … dann könnte das ja durchaus einer solchen, sowieso aggressiv geladenen Person das Gefühl geben, dass er endlich etwas tun muss, sich wehren muss, „ein Zeichen setzen“, wie der Tankstellenmörder vor der Polizei aussagte.

Was wäre geschehen, wenn der junge Mann hinter der Tankstellentheke sich nicht moralisch verpflichtet gefühlt hätte, diesen unbotmäßigen „Covidioten“ energisch zurechtzuweisen? Hat er nicht bemerkt, dass er da jemanden vor sich hat, der kurz vor dem Amok steht? Warum fühlte er sich verpflichtet, die Maske um jeden Preis durchzudrücken bei jemandem, der erkennbar wütend ist? Warum hat er nicht den Ball flach gehalten, die Bierdosen abkassiert und drei Kreuzzeichen gemacht, als der aufgebrachte Typ wieder draußen war?

Hier spielt nämlich die monatelange Politik der Spaltung, des Verächtlichmachens Ungeimpfter  eine nicht geringe Rolle. Der Druck, diese an Hetze grenzenden Bezeichnungen und Beschimpfungen wie Corona-Leugner, Covidioten, Virenschleudern, Pandemie der Ungeimpften, Superspreader, all diese Beleidigungen und ungerechten Schuldzuweisungen, welche Politiker, Medien und Prominente seit Monaten überall gegen Ungeimpfte verbreiten, all das musste irgendwann bei irgendeinem aggressiven, potenziellen Gewalttäter, wie Mario N. die Sicherung durchbrennen lassen.

Dass Mario N. „so jemand“ ist, wird deutlich, wenn eine Nachbarin des Täters in einem Interview mit RTL über ihn spricht. Sie sagt klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, „bis der so eskaliert“. Er sei immer aggressiv gewesen und sei immer wieder auf sie  – und andere – verbal losgegangen, seit Jahren habe sie sich vor ihm gefürchtet: „Eigenen Angaben zufolge schloss die Kosmetikerin nach jedem Kunden, der zu ihr in den Laden kam, wieder ab – aus Angst vor ihrem Nachbarn Mario N.“

RTL schreibt:

Im RTL-Interview erzählt die Frau: „Ich hab‘ ihn auch für meine Kundschaft als Bedrohung angesehen.“ Oft habe Mario N. sich mit ihr gestritten: „Der ist oft verbal auf mich los, hat mich zutiefst vulgär beleidigt. Es ging um die Parkerei, ich habe alle Kunden gebrieft, dass sie bloß nicht zu nah an dieser Garage von ihm parken. Damit das hier nicht noch in einem Fiasko endet.“ Als sie das gepixelte Fahndungsfoto nach dem Mord in der Tankstelle in Idar-Oberstein sah, habe sie sofort gedacht: „Das ist er! Es war eine Frage der Zeit, bis der so eskaliert.“

Menschen, die sich so verhalten, haben ein gestörtes Selbstbewusstsein. Sie fühlen sich missachtet, untergebuttert und glauben, sich ständig „mit aller Gewalt“ dagegen wehren zu müssen. Sie steigern sich immer weiter in diese Haltung hinein. Sie können mit der Herabsetzung, den Beleidigungen, die ihnen aus allen Ecken entgegenschallen, nicht vernünftig umgehen.

Betrachtet man den Werdegang und die Persönlichkeit des Täters, findet man schnell Hinweise und Fakten, die zeigen, dass Mario N. schon lange vor der Pandemie so konditioniert war. Er fiel viele Jahre früher durch erschreckende Gewaltphantasien auf. Auf Twitter fanden Recherchen seine gruseligen Posts. So schrieb er schon vor vielen Jahren „Ich freue mich auf den nächsten Krieg. Ja, das mag sich jetzt destruktiv anhören, aber wir kommen aus dieser Spirale einfach nicht raus.“ (Das entdeckte die Organisation CeMAS, Center für Monitoring, Analyse und Strategie.)

Die Freude unter den Rechercheuren ist groß: Mario N. tummelte sich auch gern auf AfD-Plattformen und folgte dem Twitter-Account des ehemaligen Bundesverfassungsschutzpräsidenten und heutigen Bundestagskandidaten Hans-Georg Maaßen (CDU) oder der ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten (bis 2017) Erika Steinbach, langjährige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und heute Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung.

Unklar ist, ob diese recherchierten Aufenthalte von Mario N. auf den besagten Twitterkonten nun Herrn Maaßen und Frau Steinbach schaden sollen, weil ein späterer Mörder ihnen auf Twitter folgte, oder soll – umgekehrt – im Subtext mitschwingen, dass Herr Maaßen und Frau Steinbach so kontaminierend finsterböse sind, dass sie Mario N. durch seine bloße digitale Anwesenheit auf ihren Twitterkonten zum Amokläufer programmierten? Oder pauschalisiert man einfach mal wieder alles, was einem nicht passt, in einen Topf als „rechte Mörderbande“?