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Atlantis: Als der Mensch das kol­lektive Bewusstsein verlor

Ein kleiner wis­sen­schafts­ge­schicht­licher Exkurs

(von Fer­dinand Speidel)

Abb. 1 Fer­dinand Speidel, “Atlantis — ALS DER MENSCH DAS KOL­LEKTIVE BEWUSSTSEIN VERLOR, Rem­scheid (RediRoma Verlag), Dezember 2017, ISBN 978–3961033089, € 17,95

Ein immer noch vor­herr­schendes Para­digma wurde bereits im 19. Jahr­hundert durch die beiden Briten Lyell (1795 – 1875) und Charles Darwin (1809 – 1882) geschaffen. Mit seiner Lehre der Uni­for­mität, nach der alle geo­lo­gi­schen Ver­än­de­rungen auf der Erde durch ihre bekannten, lang­samen Pro­zesse erklärbar sind, hatte Lyell der noch jungen Geo­logie die Basis gegeben. Sie wurde von Charles Darwin unter­stützt, der in seiner Evo­lu­ti­ons­theorie das Über­leben des Starken und Tüch­tigen durch eine lineare Ent­wicklung für die Bio­logie festschrieb.

Nach der breiten Aner­kennung der beiden Thesen wurde For­schern wie Georges Cuvier (1769 – 1832), die für einen „Kata­stro­phismus“ ein­traten, nach dem auch katak­lys­mische Ereig­nisse erheb­lichen Ein­fluss auf die irdische Ent­wicklung nahmen, für lange Zeit jeg­liche Auf­merk­samkeit durch die Wis­sen­schaft entzogen.

Diese Lehre der Uni­for­mität kann auf eine sehr lange Vor­ge­schichte zurück­blicken, die sich bis zu Aris­to­teles (384 bis 322 v.Chr.) zurück­ver­folgen lässt. Hatte Platon (427 bis 347 v.Chr.) noch eine zyklische Ent­wicklung des irdi­schen Lebens, beein­flusst durch Natur­ka­ta­strophen mit abrupten Abbrüchen und uner­klär­lichem Neu­beginn, gelehrt, so lässt sich mit Aris­to­teles ein Übergang von einem magi­schen Denken zu einem ratio­nalen, beob­ach­tenden, phi­lo­so­phi­schen Denken fest­stellen. Die Welt ging bei ihm in einen geord­neten, vor­her­sag­baren Zustand über. Und dabei blieb es für die fol­genden etwa 1.500 Jahre.

Die christ­liche Kirche übernahm diese Welt­sicht und konnte mög­liche Natur­ka­ta­strophen als gött­liche Strafen für die sündige Menschheit erklären. Als Koper­nikus (1473 – 1543) sein helio­zen­tri­sches System vor­stellte, wurde es von der Kirche als mathe­ma­ti­sches Modell ver­brämt; Giordano Bruno, der sich für die These ein­setzte, musste dafür 1600 auf dem Schei­ter­haufen sein Leben lassen. Galileo Galilei, der eben­falls Koper­nikus´ Modell stützte, ent­hielt sich nach bischöf­licher Ermahnung öffent­licher Äuße­rungen zu dem Thema.

Abb. 2 Der große Natur­phi­losoph, Astronom und Astrologe Johannes Kepler (1571–1630) brachte eine neue Him­mels­er­scheinung ins Spiel: die Kometen. Es sollten aber noch ca. 400 Jahre ver­gehen, bis das Gefähr­dungs-Potential der Erde durch diese ‘Vaga­bunden des Son­nen­systems’ wis­sen­schaftlich aner­kannt wurde.

Erst ein Jahr­hundert nach Koper­nikus´ Tod setzte sich seine These durch. Johannes Kepler (1571 – 1630) brachte eine neue Him­mels­er­scheinung ins Spiel, die Kometen. Galileo Galilei hatte sie noch als Illusion betrachtet. Kepler war der Meinung, dass sie sich weit außerhalb des Son­nen­systems bewegten.

Diesen Gedanken griff Isaac Newton (1642 – 1726) auf. Er hielt das Son­nen­system für eine gött­liche Schöpfung, die wie ein Uhrwerk arbeitete, in das keine Kometen passten. Als der Astronom Flamsteed jedoch 1680 die Laufbahn eines Kometen als Parabel nachwies, erkannte Newton Kometen als Teil der gött­lichen Ordnung an, nach der Zusam­men­stöße mit Pla­neten keine katak­lys­mi­schen Ereig­nisse, sondern gött­liche Vor­sehung waren. Nicht nur mit seinem Gra­vi­ta­ti­ons­gesetz, sondern auch mit dieser Hypo­these nahm er beträcht­lichen Ein­fluss auf den Gang der Wissenschaften.

Bis ins erste Viertel des 20. Jahr­hun­derts war die For­schung zu Kometen und Meteoren noch auf einem nied­rigen Niveau. Deshalb wurden sie auch nicht als Gefahr für die Erde betrachtet, trotz einiger offen­kun­diger Anzeichen. Bei dem Ende des Perm vor rund 250 Mil­lionen Jahren und der Krei­dezeit vor rund 65 Mil­lionen Jahren erkannte man Zeichen für gewaltige Mas­sen­aus­sterben, sie wurden jedoch noch mit lang­fris­tigen Pro­zessen erklärt.

Als der ame­ri­ka­nische Geologe Walter Alvarez und sein Vater, der Phy­siker und Nobel­preis­träger Luis Walter Alvarez, am Übergang von der Krei­dezeit zum Tertiär einen hohen Iridium-Gehalt fest­stellten, wer­teten sie das als Zeichen für den Ein­schlag eines Him­mels­körpers. Ihre Ver­öf­fent­li­chung dazu wurde jedoch vom Tisch gewischt. Erst nachdem der Chic­xulub-Krater in Yukatan ein­deutig als Ein­schlag­krater eines Meteors vor 65 Mil­lionen Jahren iden­ti­fi­ziert worden war, wurde die Alvarez-These als Ursache für die Aus­lö­schung der Dino­saurier weit­gehend aner­kannt. Es wäre jedoch ver­früht, die Aner­kennung dieses Ereig­nisses als Ein­fluss­faktor auf das irdische Leben als Para­dig­men­wechsel zu betrachten, auch wenn manche Wis­sen­schaftler es als Anzeichen dafür sehen.

Abb. 3 Dem US-ame­ri­ka­ni­schen Wis­sen­schafts­phi­lo­sophen und ‑his­to­riker Thomas Samuel Kuhn (1922–1996) kommt das Ver­dienst zu, die Funk­ti­ons­weisen einer massiv para­dig­men­ge­steu­erten Wis­sen­schaft sowie die Struktur wis­sen­schaft­licher Revo­lu­tionen dar­ge­stellt zu haben.

Die Funk­ti­ons­weise solcher Vor­gänge beschreibt der ame­ri­ka­nische Wis­sen­schafts­phi­losoph und –his­to­riker Thomas Kuhn in einem Buch mit dem Titel „Die Struktur wis­sen­schaft­licher Revo­lu­tionen[1]. Er unter­scheidet zwei Arten der Wis­sen­schaft, eine normale und eine revo­lu­tionäre. Die normale Wis­sen­schaft findet in einer Gemein­schaft von Wis­sen­schaftlern statt, die ein gleiches Para­digma teilen. Ein Para­digma ist ein Glau­bens­konsens, nach dem die zen­tralen Pro­bleme eines beson­deren Gebietes durch bestimmte Lösungen erklärt werden.

Wis­sen­schaftler stehen zu einem Para­digma nicht etwa, weil sie es gründlich unter­sucht und getestet hätten, sondern weil sie ihm ver­pflichtet sind, übli­cher­weise durch Aus­bildung, pro­fes­sio­nelle Werte und Über­ein­stimmung zwi­schen mäch­tigen Insti­tu­tionen wie Stif­tungen, Uni­ver­si­täten, Regie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen und For­schungs­ein­rich­tungen. Das Para­digma ist richtig, weil jedermann es sagt, und weil es die Fakten erklärt, von denen jedermann sagt, dass es die rich­tigen sind. Diese Annahme ist so grund­legend und unzwei­felhaft, dass alles innerhalb des vor­herr­schenden Para­digmas natürlich und normal, dagegen alles außerhalb – besonders die Ano­malien – irrelevant erscheint.

Die revo­lu­tionäre Wis­sen­schaft ist das Werk von For­schern außerhalb des Para­digmas, jene, die die vor­herr­schende Weisheit nicht akzep­tieren und sich statt­dessen der Ano­malien annehmen, die das aner­kannte Para­digma nicht erklären kann. Die Revo­lu­tionäre bieten ein neues, kon­kur­rie­rendes Para­digma an, das die vor­he­rigen Ano­malien zum Stütz­pfeiler ihrer neuen wis­sen­schaft­lichen Welt­sicht macht.

Da das normale und revo­lu­tionäre Para­digma nicht darin über­ein­stimmen, was zentral und wichtig ist, können sie sich nicht gegen­seitig wider­legen. Wenn das neue Para­digma mehr Phä­nomene erklären kann, wird es sich durch­setzen. Obwohl kon­kur­rie­rende Para­digmen ver­schiedene Phä­nomene erklären können, wird eines von beiden mehr seiner eigenen Phä­nomene erklären als das andere. Dadurch wird es für Wis­sen­schaftler inter­es­santer, da es weiter rei­chende For­schungs­ar­beiten und damit beruf­liches und per­sön­liches Ansehen in Aus­sicht stellt.

Abb. 4 Der Astronom Tom Van Flandern (1940–2009) übte besonders scharfe Kritik an den Zuständen im ‘Real exis­tie­renden Wissenschaftssbetrieb.

Der ame­ri­ka­nische Astronom Tom Van Flandern beschrieb seine eigenen Erfah­rungen mit wis­sen­schaft­lichen Lehr­mei­nungen in sehr ein­dring­licher Weise. [2] Es fiel ihm auf, dass in einigen Bereichen, wie Medizin, Bio­logie, Physik, Religion und anderen die Rea­lität deutlich von dem abwich, was er darüber gelernt hatte. Er begann, sein eigenes „Wissen“ zu hin­ter­fragen und war beun­ruhigt über das Ergebnis. Er war noch mehr über­rascht, als er fest­stellte, dass einige „außer­ge­wöhn­liche Hypo­thesen“ unbe­streitbar richtig waren, obwohl sie von allen ange­se­henen Experten des jewei­ligen Gebietes bestritten wurden.

Er ver­suchte her­aus­zu­finden, was daran falsch war und warum. Er bemerkte, dass es eine geübte Praxis war, die fun­da­men­talen Annahmen einer einmal „aner­kannten“ Theorie nicht mehr neu zu prüfen, auch wenn sie nach neueren Beob­ach­tungen und Expe­ri­menten noch so inkom­pa­tibel waren. Er erkannte ein mäch­tiges, eigen­nüt­ziges Interesse im „Status quo“ um bestimmte akzep­tierte Theorien. Es wurde ihm klar, dass viele Leute einiges zu ver­lieren hatten, wenn eine aner­kannte Theorie oder Praxis ange­fochten wurde: die Autoren der ursprüng­lichen Theorie, deren Namen bekannt wurden; all jene, die Artikel mit Bezug oder in Abhän­gigkeit von der Theorie ver­öf­fent­lichten; Zeit­schrif­ten­ver­leger und Sach­ver­ständige, die Ent­schei­dungen trafen oder andere Arbeiten kri­ti­sierten; Stif­tungen, die Geld für die For­schung aus­ge­geben hatten; Appa­ra­te­bauer, die Test­ver­fahren auf der Basis einer Theorie ent­wi­ckelten; Jour­na­listen und Autoren, deren Ver­öf­fent­li­chungen eine Theorie unter­stützten; Lehrer und öffent­liche Per­sonen, die eine Theorie lernten; Stu­denten, die in ihrem Arbeits­gebiet eine Arbeit suchten.

Inmitten seines Berufs­lebens machte er die Beob­achtung, dass es wenige Pro­fes­sio­nelle gab, die wirklich für das Vor­an­kommen der Wis­sen­schaft arbei­teten und nicht nur für das eigene. Außerdem gab es viele Leute mit hand­festen Inter­essen, die den Grup­pen­zwang ver­ur­sachten. Der Grup­pen­zwang in der Wis­sen­schaft, wie auch sonst in der Gesell­schaft, besteht darin, Men­schen mit gegen­sätz­licher Meinung anzu­greifen oder zu igno­rieren, ihre Motive und Kom­pe­tenzen zu dis­kre­di­tieren. Selbst wenn sie nicht direkt per­sönlich betroffen sind, werden sie zumindest iso­liert. Die­je­nigen, die die Not­wen­digkeit eines radi­kalen Wandels einer Theorie sehen, haben dadurch kein Interesse oder Moti­vation, die so stark wären, als die jener, die den Status quo unterstützen.

Abb. 5 Der Untergang von Platons Atlantis fällt mit einer sehr prä­gnanten, geo­lo­gi­schen Zeit­grenze zusammen, dem Ende der Eiszeit und dem Beginn unseres heu­tigen Erd­zeit­alters, dem Holozän. Zu dieser Zeit erlebte die Erde heftige Umwäl­zungen. (Bild: Phan­ta­sie­volle Dar­stellung der Atlantis-Katastrophe)

Als gäbe es nicht genügend Trägheit hin­sichtlich Ver­än­de­rungen, sah er noch ein wei­teres Phä­nomen in unserer Zeit des schnellen Fort­schritts der Wis­sen­schaft, das sich selbst bei über­wäl­ti­gender Sachlage gegen Ver­än­de­rungen stemmte. Nur wenige Wis­sen­schaftler betrach­teten sich außerhalb ihres eigenen Gebietes als qua­li­fi­ziert und sahen sich auf die Unter­stützung durch Experten anderer Gebiete ange­wiesen. In der Regel hat keiner der Wis­sen­schaftler die Wis­sens­breite, um das gesamte Modell oder eine These im Gesamten zu über­schauen, deshalb erhält das Projekt viel­fache Unter­stützung, ohne dass jemand die Ver­ant­wortung für die Zusam­men­führung des gesamten Wissens über­nimmt. Als Ergebnis wird das Projekt unge­achtet seiner Vorzüge oder Nach­teile wei­ter­ge­tragen, denn „so viele Experten können sich nicht irren“.

Mit diesem letzten Punkt spricht Van Flandern einen wei­teren Aspekt an, der sich eher als Hemmnis denn als Fort­schritt erweist: es ist die per­manent fort­schrei­tende Spe­zia­li­sierung, die Ato­mi­sierung der Wis­sen­schaften, wie auch aller anderen Lebens­be­reiche. Sie hat den unbe­streit­baren Vorteil der Erar­beitung immer neuer Erkennt­nisse durch die inzwi­schen immens vielen Fach­be­reiche, aber einen erheb­lichen Nachteil: Mög­li­cher­weise bleiben diese Erkennt­nisse auf den eigenen Fach­be­reich begrenzt und erfahren keine Ergänzung durch andere oder ein Fach­gebiet ver­sucht, aus dem eigenen Wissen ein Gesamtbild zu formen, ohne das anderer Bereiche in Betracht zu ziehen. Eine fach­über­grei­fende, koor­di­nie­rende Zusam­men­fassung erfolgt prak­tisch nicht, wobei die zu den Para­digmen gemachten Aus­füh­rungen sicher eine Rolle spielen.

Bücher, die sich mit dem Thema „Atlantis“ befassen, ver­suchen in der Regel, seine Existenz oder Nicht­existenz nach­zu­weisen, was auch in diesem Buch der Fall ist. Der Untergang von Platons Atlantis (Abb. 5) fällt mit einer sehr prä­gnanten, geo­lo­gi­schen Zeit­grenze zusammen, dem Ende der Eiszeit und dem Beginn unseres heu­tigen Erd­zeit­alters, dem Holozän. Zu dieser Zeit erlebte die Erde heftige Umwäl­zungen, die die Lebens­mög­lich­keiten des Men­schen stark beschnitten und ein­schränkten und ihn selbst psy­chisch stark ver­än­derten. Diese Ver­än­de­rungen, die von der Wis­sen­schaft als fort­schrittlich ange­sehen werden, sollen hier eben­falls unter­sucht werden. Die Fülle an Infor­ma­ti­ons­ma­terial ist fast unüber­schaubar und kann kaum in ihrer Gänze her­an­ge­zogen werden.

Trotzdem möchte dieses Buch den Versuch unter­nehmen, ein Bild über den Ablauf der letzten etwa 13.000 Jahre der Erd­ge­schichte zu zeichnen, das nicht nur die äußeren Zeichen der Ver­än­de­rungen der Lebens­be­din­gungen für den Men­schen, sondern auch die geistig-psy­chi­schen Ein­flüsse auf ihn berücksichtigt.

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Anmer­kungen und Quellen

Diese Lese­probe wurde — mit freund­licher Geneh­migung des Ver­fassers — dem Buch “ATLANTIS — ALS DER MENSCH DAS KOL­LEKTIVE BEWUSSTSEIN VERLOR” (, S.11–13) von Fer­dinand Speidel ent­nommen, das im Dezember 2017 im RediRoma Verlag, Rem­scheid, erschienen ist. Redak­tio­nelle Bear­beitung, Illus­tration und Unter­titel (“Ein kleiner wis­sen­schafts­ge­schicht­licher Exkurs”) durch Atlantisforschung.de im Mai 2018.

Fuß­noten:

Bild-Quellen:

1) RediRoma Verlag / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
2) Art­Me­chanic (Uploader) bei Wiki­media Commons, unter: File:Johannes Kepler 1610.jpg
3) Wiki­pedia — The Free Ency­clo­pedia, unter: File:Thomas Kuhn.jpg (use rationale); nach: Anthrowiki, unter: Datei:Thomas Kuhn.jpg
4) StarHOG (Urheber) bei Wiki­media Commons, unter: File:Photo of Thomas Van Flandern.jpeg (Lizenz: Creative-Commons, „Namens­nennung – Wei­tergabe unter gleichen Bedin­gungen 3.0 nicht por­tiert“)
5) violations.dabsol.co.uk, unter: http://www.violations.dabsol.co.uk/search/searchpart1.htm (nicht mehr online)

Quelle: atlantisforschung.de