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Shutdown der Zen­tralbank. Ein Diskurs zwi­schen Philipp Bagus und Guido Hülsmann

Am 20.10.2025 ver­öf­fent­lichte Philipp Bagus auf unserer Website seinen Beitrag „Kre­ditgeld, Pesos, Dollars und Argen­tinien“ , der später auch auf Eng­lisch erschien und in welchem es um die poten­zi­ellen Aus­wir­kungen der Schließung der argen­ti­ni­schen Zen­tralbank auf den Wert des Pesos ging. Dar­aufhin erwi­derte Jörg Guido Hülsmann mit seinem Beitrag „Closing a Central Bank: Comment on Bagus“ auf der Website des Mises Institute, Auburn (Alabama, USA), dem wie­derum eine Gegen­er­wi­derung von Philipp Bagus folgte. So ent­stand eine eng­lische Arti­kel­serie aus ins­gesamt 8 Bei­trägen, welche die Autoren nun dan­kens­wer­ter­weise auf Deutsch für unsere Leser zur Ver­fügung stellen. In vier Dop­pel­bei­trägen lesen Sie jeweils zuerst die Erwi­derung von Jörg Guido Hülsmann und sodann die Gegen­er­wi­derung von Philipp Bagus. Heute beginnen wir mit dem ersten Dop­pel­beitrag. (von Jörg Guido Hülsmann und Philipp Bagus)

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Schließung einer Zen­tralbank: Kom­mentar zu Bagus

29. Oktober 2025 (Ori­ginal auf Eng­lisch)von Jörg Guido Hülsmann

Philipp Bagus hat gerade einen Blog­beitrag ver­öf­fent­licht, in dem er erklärt, „was mit der Nach­frage nach Pesos pas­siert wäre, wenn Javier Milei am ersten Tag seiner Amtszeit die Zen­tralbank geschlossen hätte“. Er argu­men­tiert, dass eine solche Schließung die stark infla­tio­nären Ten­denzen, die in Argen­tinien bei Amts­an­tritt von Prä­sident Milei herrschten, noch ver­stärkt hätte. Er schreibt:

Die Nach­frage nach Pesos wäre gesunken, weil es keine Hoffnung mehr gegeben hätte, dass die Zen­tralbank die Pesos jemals in Dollar umtau­schen würde. Die Argen­tinier hätten ver­sucht, ihre Pesos auf dem Markt gegen Dollar zu ver­kaufen. Der Peso-Wech­selkurs wäre zusammengebrochen.

Darüber hinaus hätte die Schließung der Zen­tralbank bedeutet, dass sie keine Zinsen mehr auf ihre ver­zins­lichen Ver­bind­lich­keiten gegenüber den Geschäfts­banken gezahlt hätte. Ein großer Teil der Inves­ti­tionen der Geschäfts­banken wäre wertlos geworden. Die daraus resul­tie­renden Ver­luste hätten zu einem Zusam­men­bruch des argen­ti­ni­schen Banken- und Finanz­systems geführt. Es wäre zu Chaos, Panik und sozialen Unruhen gekommen. Der Ver­trau­ens­verlust in den Peso hätte sich beschleunigt. Die Argen­tinier wären zum Dollar geflohen. […] Aber der Peso würde nicht ‚ver­schwinden‘, solange er in den Augen seiner Nutzer noch Kauf­kraft besäße, sondern nur dann, wenn er aus der Sicht seiner Inhaber prak­tisch keinen Tauschwert mehr hätte. Mit anderen Worten: ‚Ver­schwinden‘ bedeutet, dass es zu einer extremen Infla­ti­onsrate gekommen wäre, ähnlich wie bei der Hyper­in­flation des Pesos.

Es ist sehr wahr­scheinlich, dass das durch die rasche Abwertung des Pesos ver­ur­sachte Chaos, wie in einer hyper­in­fla­tio­nären Situation, von der Oppo­sition für einen Staats­streich aus­ge­nutzt worden wäre.

Dieses Argument trägt nicht sehr weit. Aber es berührt einige wirt­schaft­liche Grund­sätze und ver­dient daher vier kurze Anmerkungen.

Erstens legt Pro­fessor Bagus nicht klar dar, was genau die „Ein­lös­barkeit” oder „Kon­ver­tier­barkeit” des Pesos in US-Dollar bedeutet. Handelt es sich um eine feste Wech­sel­kurs­bindung oder lediglich um die Mög­lichkeit, Pesos zu einem variablen Kurs in Dollar umzu­tau­schen („die Chance, dass Pesos in Zukunft in irgend­einer Form in Dollar umge­tauscht werden“)? Wenn wir vom letz­teren Sze­nario sprechen, dann wird die Kon­ver­ti­bi­lität des Pesos durch die Abschaffung der Zen­tralbank ein­deutig nicht in Frage gestellt.

Nehmen wir also an, dass mit dem mög­lichen Ver­schwinden der Zen­tralbank keine Hoffnung mehr bestanden hätte, dass der Peso zu einem festen Kurs in Dollar kon­ver­tierbar wäre. Ceteris paribus, wie Bagus erklärt, und wir stimmen ihm zu, hätte dies die Nach­frage nach Pesos verringert.

Aber wie wichtig ist dieser Faktor? So wie Philipp Bagus es dar­stellt, ist es nur ein kleiner Schritt von diesem Rückgang der Geld­nach­frage zur Hyper­in­flation. Hyper­in­flation ent­steht jedoch nicht allein durch einen Ver­trau­ens­verlust, sondern durch einen Ver­trau­ens­verlust in Ver­bindung mit einer enormen Zunahme der Geld­menge. Die Abschaffung der Zen­tralbank bedeutet jedoch nicht, dass die Geld­menge zunimmt. Wie wir bereits gesagt haben, bedeutet sie die Zer­störung der Hoffnung, dass der Peso zu einem festen Kurs in Dollar umge­tauscht werden kann, und damit, ceteris paribus, einen Rückgang der Peso­nach­frage. Dies ist einer von meh­reren Fak­toren, die die Geld­nach­frage belasten. Ist er wich­tiger als das gleich­zeitige Ver­schwinden des unun­ter­bro­chenen und erheb­lichen Anstiegs der Geld­menge? Das darf man bezweifeln.

Zweitens müssen wir berück­sich­tigen, dass die Zen­tralbank Geld über Kredite schafft. Die Schließung der Zen­tralbank würde daher bedeuten, dass aus­ste­hende Kredite nicht ver­längert würden und die Geld­menge in einen freien Fall geraten würde. Wie hätte dies zu einer Preis­in­flation oder gar einer Hyper­in­flation geführt?

Drittens berück­sichtigt Pro­fessor Bagus zwar einen ent­schei­denden Faktor: den Zusam­men­bruch des argen­ti­ni­schen Banken- und Finanz­systems, der auf die Abschaffung der Zen­tralbank folgen würde. Aber auch hier irrt er sich hin­sichtlich der Folgen für das Preis­niveau. Ceteris paribus führt ein solcher Zusam­men­bruch zu defla­tio­nären Effekten oder sogar zu einer Defla­ti­ons­spirale, da die Geld­menge im wei­teren Sinne bei einem Zusam­men­bruch der Geschäfts­banken zusam­men­schrumpft. Nur wenn gleich­zeitig die Geldbasis massiv erhöht wird (wenn die Zen­tralbank die Geschäfts­banken rettet), geht dies mit Preis­stei­ge­rungen einher; dies wäre jedoch unmöglich, wenn die Zen­tralbank geschlossen würde.

Viertens argu­men­tiert Philipp Bagus, dass der Zusam­men­bruch des Banken- und Finanz­systems zu Panik und sozialen und poli­ti­schen Unruhen führen könnte. In diesem Punkt stimmen wir zu. Es ist gerade die Haupt­aufgabe jedes Reformers, diese Art von Pro­blemen zu anti­zi­pieren, die Bevöl­kerung darauf vor­zu­be­reiten und vor­über­ge­hende Maß­nahmen zu ergreifen, um den Schwächsten in der Über­gangs­phase zu helfen. Wenn dieses Problem jedoch als Vorwand genommen wird, um die Zen­tralbank nicht abzu­schaffen, dann ver­lassen wir den liber­tären Ansatz und schließen uns den Eta­tisten an.

Der bekannte Sozialist Yanis Varou­fakis hat diese Inko­härenz erkannt und argu­men­tiert, dass Javier Milei „kein Liber­tärer“ sei, sondern „den Olig­archen Argen­ti­niens ver­pflichtet“. Er erklärte:

Wenn Sie (im Gegensatz zu mir) wirklich an die über­legene Weisheit der Märkte glauben und Argen­tinien von poli­ti­schen Zwängen befreien wollen, die dem Markt­me­cha­nismus auf­erlegt sind, welchen Markt würden Sie dann zuerst libe­ra­li­sieren? Sicherlich den Geld­markt. Welche Preis­ver­zerrung würden Sie zuerst mit Ihrer Ket­tensäge besei­tigen? Zwei­fellos den festen (oder begrenzten) Wech­selkurs. Und was tun Sie als Letztes? Genau das, was Milei getan hat: Sie leihen sich Zil­lionen von Dollar, häufen sie auf einen bereits uner­träg­lichen Berg von Staats­schulden und ver­hindern so, dass der Geld­markt den Wech­selkurs Ihrer Währung frei wählen kann.

Hoffen wir also, dass der Wahl­erfolg vom ver­gan­genen Sonntag die Regierung Milei endlich dazu ver­an­lasst, das Zen­tral­bank­wesen abzu­schaffen. Sie muss keine Preis­in­flation befürchten. Aber sie muss mit gutem Bei­spiel vor­an­gehen und die Bevöl­kerung auf die kurz­fris­tigen Härten vor­be­reiten, die eine solche Reform wahr­scheinlich mit sich bringen wird.

 

Das Schließen der argen­ti­ni­schen Zen­tralbank: Eine Antwort an Pro­fessor Hülsmann

3. November 2025 (Ori­ginal auf Eng­lisch) – von Philipp Bagus

In einem aktu­ellen Kom­mentar ant­wortet Pro­fessor Hülsmann auf meinen Artikel, in dem ich Ludwig von Mises‘ Ein­teilung von Geld in Warengeld, Kre­ditgeld und Fiatgeld erkläre und diese Ein­teilung auf den his­to­ri­schen Fall Argen­ti­niens im Dezember 2023 anwende, als Javier Milei sein Amt antrat.

Es ist wichtig, sorg­fältig zwi­schen Theorie und Geschichte zu unter­scheiden. Theorie ist uni­versell und a priori; sie bietet die kon­zep­tio­nelle Struktur zur Inter­pre­tation kon­tin­genter his­to­ri­scher Ereig­nisse. His­to­riker wenden Theorie auf Ein­zel­fälle an, um die Ver­gan­genheit zu verstehen.

Pro­fessor Hülsmann wider­spricht meiner his­to­ri­schen Inter­pre­tation und kon­tra­fak­ti­schen Analyse, ins­be­sondere in Bezug auf die Frage, was mit der Nach­frage nach Pesos geschehen wäre, wenn Javier Milei die Zen­tralbank an seinem ersten Tag im Amt geschlossen hätte. Ich argu­men­tiere, dass die Argen­tinier bereits dabei waren, den Peso zugunsten des Dollars auf­zu­geben, und dass die Schließung der Zen­tralbank diesen Prozess beschleunigt hätte. Der Peso hätte auf­gehört, als Geld zu fun­gieren, und seine Kauf­kraft hätte sich dem Null­punkt genähert – eine Ansicht, die Pro­fessor Hoppe zumindest implizit unter­stützt hat („Der Peso würde ver­schwinden. Das ist gut… Dann ver­wenden die Men­schen Dollar statt Pesos.“ — Hoppe 2024, PFP279, Min 36). Pro­fessor Hülsmann teilt jedoch diese Inter­pre­tation eines hyper­in­fla­tio­nären Zusam­men­bruchs des Pesos nicht. Im Kontext seiner kon­tra­fak­ti­schen Bewertung wirft er mehrere inter­es­sante theo­re­tische Fragen auf. Ich werde auf vier Punkte ein­gehen und mit einer sach­lichen Klar­stellung abschließen.

1. Schließung der Zen­tralbank und die Geldmenge

Pro­fessor Hülsmann argu­men­tiert, dass, wenn die argen­ti­nische Zen­tralbank am ersten Amtstag von Milei geschlossen worden wäre, „aus­ste­hende Kredite nicht ver­längert würden und die Geld­menge in einen freien Fall geraten würde.“ Es stimmt, dass, wenn die Zen­tralbank ver­schwindet, auch ihre Kredite an Geschäfts­banken ver­schwinden würden. Letztere würden die ent­spre­chenden Ver­mö­gens­werte und Ver­bind­lich­keiten in ihren Bilanzen abschreiben. Auch die Min­dest­re­ser­ve­an­for­de­rungen würden ver­schwinden. Daher würde das Ver­schwinden der Zen­tralbank durch Reser­veregu­lie­rungen keinen defla­tio­nären Druck erzeugen.
Eine Kre­dit­kon­traktion könnte jedoch auf­treten, wenn Geschäfts­banken aus Angst vor einem Bank Run frei­willig ihre Reser­ve­quoten erhöhen oder wenn Ver­luste bei Zen­tral­bank­ver­bind­lich­keiten direkt einen Run aus­lösen. In diesem Fall würden die Banken die Kre­dit­vergabe redu­zieren, wie Pro­fessor Hülsmann her­vorhebt. Doch während Pro­fessor Hülsmann in seinem dritten Kom­mentar den Zusam­men­bruch des Ban­ken­systems und seine defla­tio­nären Aus­wir­kungen dis­ku­tiert, bleibt unklar, wie sich sein zweiter und dritter Punkt inhaltlich unterscheiden.

Darüber hinaus ist in Argen­tinien einer der Haupt­in­di­ka­toren, die Banken dazu bewegen könnten, Kredite ein­zu­schränken, der Devi­senkurs selbst. Ein starker Anstieg des Dol­lar­preises signa­li­siert einen bevor­ste­henden Ban­ken­an­sturm. Da der Peso an Wert ver­liert, erwarten die Ein­leger weitere Ver­luste und eilen, Gelder abzu­heben, um diese gegen Dollar umzu­tau­schen, was die Banken dazu ver­an­lasst, Kredite zurück­zu­fordern und ihre Kre­dit­vergabe ein­zu­schränken. Daher geht der Ein­bruch der Peso­nach­frage – und der daraus resul­tie­rende Anstieg der Peso­preise – eher der Kre­dit­re­striktion voraus als dass er zeitlich folgt. Diese Abfolge unter­streicht, dass monetäre Krisen von Erwar­tungen getrieben werden: Wirt­schafts­sub­jekte passen ihre Kas­sen­haltung in Erwartung wei­terer Abwer­tungen an und bestä­tigen damit den Nach­fra­ge­rückgang, der die Spirale auslöst.

2. Der Zusam­men­bruch des Bankensystems

Der Zusam­men­bruch des argen­ti­ni­schen Ban­ken­systems hätte die Unsi­cherheit erhöht und damit die Nach­frage nach Geld. His­to­risch gesehen haben in Argen­tinien jedoch Phasen der Unsi­cherheit immer zu einer stei­genden Nach­frage nach US-Dollar geführt, nicht nach Pesos. Aus his­to­ri­scher Sicht folgt daraus, dass, selbst wenn ein Zusam­men­bruch des Ban­ken­systems den Pes­obe­stand redu­ziert hätte, dies gleich­zeitig die Dol­la­ri­sierung beschleunigt hätte – ein Prozess, der bereits im Gange war.[1]

3. Theo­re­tische Ursachen der Hyperinflation

Die inter­es­san­teste theo­re­tische Frage betrifft die Ursachen der Hyper­in­flation, ver­standen als eine Situation, in der die Preise aus­ge­drückt in Geld­ein­heiten ins Unend­liche steigen, d. h. die Wäh­rungs­einheit ver­liert jeg­liche Kauf­kraft. Es gibt eine Demonetarisierung.

Pro­fessor Hülsmann schreibt:

So wie Philipp Bagus es dar­stellt, ist es nur ein kleiner Schritt von diesem Rückgang der Geld­nach­frage zur Hyper­in­flation. Hyper­in­flation ent­steht jedoch nicht allein durch einen Ver­trau­ens­verlust, sondern durch einen Ver­trau­ens­verlust in Ver­bindung mit einer enormen Zunahme der Geldmenge.

Diese Sicht­weise impli­ziert, dass Hyper­in­flation – oder Demo­ne­ti­sierung – nicht statt­finden kann, wenn die Geld­menge kon­stant ist.[2] In diesem Fall könnte selbst ein Fiatgeld wie der Peso, wenn seine Menge kon­stant ist, nie auf­ge­geben werden, da seine kon­stante Geld­menge einen voll­stän­digen Nach­fra­ge­verlust ver­hindern würde. Aber eine solche Schluss­fol­gerung erscheint fragwürdig.

Der ent­schei­dende Punkt ist, dass ein Rückgang der Geld­nach­frage einem Anstieg des Angebots gleich­kommt. Daher kann es selbst bei kon­stanter nomi­naler Peso­menge zu einer Hyper­in­flation kommen, wenn die Nach­frage nach Pesos auf null sinkt.

Fiatgeld beruht letztlich auf Ver­trauen [3]– der Erwartung, dass andere es im Tausch akzep­tieren. Ohne Ver­trauen in seine Geld­natur ist es einfach bunt bedrucktes Papier. Sobald dieses Ver­trauen schwindet, kann es zu einer sich selbst ver­stär­kenden Spirale kommen: Sin­kendes Ver­trauen ver­ringert die Geld­nach­frage, was die Kauf­kraft senkt und wie­derum das Ver­trauen weiter unter­gräbt. Selbst mit einem kon­stanten Geld­an­gebot kann eine Fiat­währung somit ihre monetäre Funktion voll­ständig ver­lieren, sobald das gegen­seitige Akzep­tanz­netzwerk zusammenbricht.

His­to­risch gesehen war Argen­ti­niens Peso Ende 2023 bereits in eine solche Spirale geraten, aus­gelöst durch massive monetäre Expansion und die Ver­schlech­terung der Bilanz der Zen­tralbank unter Prä­sident Alberto Fernández. Selbst wenn weitere Anstiege der Geld­menge aus­ge­blieben wären, hätte der Ver­trau­ens­zu­sam­men­bruch endogen wei­ter­gehen können, da die Spirale bereits in Gang gesetzt war. Das Ende der Hoff­nungen einer künf­tigen Ein­tausch­barkeit des Pesos in Dollar, d.h. das Ende seines Kre­dit­geld­cha­rakters, und der Zusam­men­bruch des Ban­ken­systems hätten den Prozess eher beschleunigt als gestoppt. In Zeiten der Unruhe fliehen Argen­tinier zum Dollar – ihrem tra­di­tio­nellen Zufluchtsort.

4. Über­gangs­maß­nahmen und die Rolle des Staates

Pro­fessor Hülsmann macht einen auf­schluss­reichen Punkt zur Rolle der Regierung bei der Währungsreform:

Es ist gerade die Haupt­aufgabe jedes Reformers, diese Art von Pro­blemen zu anti­zi­pieren, die Bevöl­kerung darauf vor­zu­be­reiten und vor­über­ge­hende Maß­nahmen zu ergreifen, um den Schwächsten in der Über­gangs­phase zu helfen.

Er scheint vor­zu­schlagen, dass steu­er­fi­nan­zierte Transfers in dieser Phase gerecht­fertigt werden könnten. Tat­sächlich ist das Über­gangs­problem für Libertäre und Anarcho-Kapi­ta­listen, die von der heu­tigen staat­lichen Ordnung zu einer freien Gesell­schaft über­gehen wollen, nicht trivial. Sollten alle staat­lichen Ein­griffe über Nacht abge­schafft werden, oder sollten einige vor­über­gehend bestehen, um soziale Ver­wer­fungen zu vermeiden?

In Mileis ersten Monaten im Amt (bis Juni 2024) wuchs die erwei­terte Geld­basis weiter. Ein abrupter Stopp der Geld­schöpfung hätte laut einigen Beob­achtern Unruhen aus­lösen können. Pro­fessor Hülsmann scheint vor­zu­schlagen, dass eine begrenzte Besteuerung ein bes­seres Über­gangs­in­strument als die fort­ge­setzte monetäre Expansion gewesen sein könnte. Ich möchte diese Frage hier nicht klären, sondern einfach darauf hin­weisen, dass beide Maß­nahmen staat­liches Handeln impli­zieren – einmal durch Inflation und einmal durch Besteuerung.

5. Staats­ver­schul­dungen und das Wech­sel­kurs­regime in Argentinien

Am Ende seines Kom­mentars zitiert Pro­fessor Hülsmann den post­keyne­sia­ni­schen Mar­xisten Yanis Varou­fakis. Dieses Zitat könnte unbe­ab­sichtigt den Ein­druck erwecken, dass Varou­fakis‘ Aussage fak­tisch korrekt ist. Varou­fakis behauptete über Mileis Regierung:

Sie leihen sich Zil­lionen von Dollar, häufen sie auf einen bereits uner­träg­lichen Berg von Staats­schulden und ver­hindern so, dass der Geld­markt den Wech­selkurs Ihrer Währung frei wählen kann.

Doch Milei lieh sich keine „Zil­lionen von Dollar“; in Wirk­lichkeit redu­zierte er die Staats­ver­schuldung. Seine Regierung erzielte bereits im Januar 2024, nur einen Monat nach Amts­an­tritt, einen Haus­halts­über­schuss und behält diesen seitdem bei. Anstatt neue Net­to­schulden hin­zu­zu­fügen, hat die Regierung lediglich Alt­schulden refi­nan­ziert, die von frü­heren Regie­rungen auf­ge­nommen wurden. Tat­sächlich wurde unter Milei die Staats­ver­schuldung um etwa 40 Mil­li­arden US-Dollar redu­ziert, und das Ver­hältnis von Schulden zu BIP sank  dra­ma­tisch – von 154,6 Prozent im Jahr 2023 auf 84,65 Prozent im Jahr 2024. Was das Wech­sel­kurs­regime betrifft, so bewegt es sich in die richtige Richtung – hin zu grö­ßerer mone­tärer Freiheit. Kapi­tal­ver­kehrs­kon­trollen und das cepo cam­biario („Devi­sen­klemme“) wurden weit­gehend abge­schafft, was einen zunehmend libe­ra­li­sierten Devi­sen­markt ermöglicht.

Schluss­fol­gerung

Ich bin Pro­fessor Hülsmann für seine durch­dachten und anre­genden Bemer­kungen dankbar. Wir sind uns in vielen Punkten einig, und wo wir unter­schied­licher Meinung sind, sind die auf­ge­wor­fenen Fragen von echter theo­re­ti­scher Bedeutung. Unsere his­to­rische Ein­schätzung der Situation unter­scheidet sich, haupt­sächlich weil wir unter­schied­liche Beto­nungen auf die relative Bedeutung der zugrunde lie­genden Fak­toren legen. Pro­fessor Hülsmann hält die kon­trak­tiven Effekte eines Ban­ken­kollaps für bedeu­tender, während ich den Zusam­men­bruch des Ver­trauens in die Währung betone.

Ich teile voll und ganz Pro­fessor Hüls­manns Hoffnung, dass der jüngste Wahlsieg von Javier Mileis Partei den Weg für echte Geld­re­formen ebnet.
In diesem Zusam­menhang hat Pro­fessor Huerta de Soto einen kohä­renten Reformplan skiz­ziert: 1. Fest­legen einer 100-pro­zen­tigen Reser­ve­de­ckung für Sicht­ein­lagen (und für Ter­min­ein­lagen bis zu einem Monat, die als äqui­valent ange­sehen werden können). 2. Bargeld und Sicht­ein­lagen in US-Dollar ein­tau­schen – eine voll­ständige Dol­la­ri­sierung. 3. Abschaffen der Zentralbank.

Eine solche Reform würde einen ent­schei­denden Schritt zur Wie­der­her­stellung mone­tärer Sta­bi­lität, echter wirt­schaft­licher Freiheit und die Rückkehr Argen­ti­niens zu alter Größe bedeuten.

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[1] Es gibt noch einen wei­teren erwäh­nens­werten Punkt. Die hypo­the­tische Schließung der Zen­tralbank am ersten Tag wird durch den Wunsch moti­viert, alle staat­lichen Ein­griffe in das Geld abzu­schaffen. Sobald die Zen­tralbank – der mono­po­lis­tische Emittent des Basis­geldes – abge­schafft ist, gäbe es kein legales Monopol mehr zur Ausgabe von Peso-Noten. Im Prinzip könnte jeder Pesos drucken. In der Praxis würde das Ver­trauen in Peso-Noten wahr­scheinlich völlig zusam­men­brechen. Dies könnte die Aufgabe des Peso als Tausch­mittel beschleunigen.
Siehe zu diesem Punkt auch Ber­nardo Ferrero: „¿Milei debería de haber cerrado el banco central de golpe?„, Okdiario, 12. Februar 2025.

[2] Viel­leicht würde Pro­fessor Hülsmann wider­sprechen, dass Demo­ne­ta­ri­sierung Hyper­in­flation impli­ziert. Doch das End­ergebnis ist das Ver­schwinden der Kauf­kraft der Währung – ob das Phä­nomen nun als „Hyper­in­flation“ oder „Demo­ne­ti­sierung“ bezeichnet, ist letztlich eine ter­mi­no­lo­gische Frage. Die ent­schei­dende Frage hier ist, ob der Peso seine Kauf­kraft ver­loren hätte, wenn die Zen­tralbank am ersten Tag geschlossen worden wäre.

[3] Zur Bedeutung des Ver­trauens für die Nach­frage nach Fiatgeld siehe Rothbard (2008 [1973], The Mystery of Banking, S. 65–66): „An intan­gible, but highly important deter­minant of the demand for money, is the basic con­fi­dence that the public or market has in the money itself. Thus, an attempt by the Mongols to introduce paper money in Persia in the twelfth and thir­teenth cen­turies flopped, because no one would accept it. The public had no con­fi­dence in the paper money, despite the awe­somely coercive decrees that always marked Mongol rule. Hence, the public’s demand for the money was zero… Public con­fi­dence in the country’s money can be lost as well as gained… [P]ublic con­fi­dence in, and hence demand for, paper money depends on the ultimate confidence—or lack thereof—of the public in the via­bility of the issuing government.“
Siehe auch Salerno (2012, “ Ludwig von Mises as a Cur­rency School Banker „, Pro­cesos de Mercado: Revista Europea de Eco­nomía Política, Bd. 9, Nr. 2, S. 13–49): “ Spe­ci­fi­cally, the cir­cu­lation of com­modity money or fiat money is not dependent on the exis­tence of special good will atta­ching to its pro­ducer; nor is outside money subject to the prin­ciple of brand extinction in the same sense as bank notes and deposits…[Er fügt Fußnote 28 ein] This is not to deny that the value of fiat money can be des­troyed by hyper­in­flation or the dis­so­lution of the issuing government by revo­lution or war; or even that the value of a com­modity money like gold could con­ceivably approach zero if a tech­no­lo­gical advance were to radi­cally alter its con­di­tions of scarcity.“ [S. 38, Her­vor­hebung hin­zu­gefügt] Salerno erkennt hier an, dass der Wert von Fiatgeld auch ohne einen enormen Anstieg des Angebots auf null fallen kann – zum Bei­spiel, wenn die das Geld emit­tie­rende Regierung aufhört zu exis­tieren. Das impli­ziert, dass der Zusam­men­bruch des Ver­trauens und des insti­tu­tio­nellen Durch­set­zungs­rahmens aus­rei­chende Bedin­gungen für die Demo­ne­ta­ri­sierung sind.

Hinweis: Die Inhalte der Bei­träge geben nicht not­wen­di­ger­weise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Der Artikel erschien zuerst auf der Seite: misesde.org

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