Foto: Im Inneren der Tunnel von Camp Century. Mit freundlicher Genehmigung von Robert Weiss.

Warum Amerika eine geheime Stadt unter Grönland baute (Video)

Es ist das Jahr 1959 und Sie sind Soldat und leben in einer Armee­ka­serne mit etwa 200 anderen Personen.
Sie führen anscheinend ein aus­ge­gli­chenes Leben. Es gibt eine Kirche, ein Kran­kenhaus und natürlich Ihre Wohnung.

Jeden Tag stehst du auf und gehst zur Arbeit ins Werk. Deine Kol­legen führen alle mög­lichen… Expe­ri­mente durch.
Auf den ersten Blick wirkt es nicht besonders bemer­kenswert. Aber irgend­etwas stimmt nicht…
Zum einen gibt es kein Tages­licht. Und es ist kalt. Sehr kalt.

Der Strom, der in den Wänden um Sie herum pul­siert, stammt aus einem trag­baren Atom­re­aktor. Ihr Trink­wasser wird aus einem Glet­scher gewonnen.
Diese Armee­ka­serne liegt kom­plett unter­ir­disch. Mitten in der Arktis.

Was wir Ihnen nun erklären werden, war einst streng geheim und unter Ver­schluss… bis jetzt.
Der eigent­liche Zweck dieser Stadt ging weit über die reine Wohn­raum­ver­sorgung hinaus.
Für die Außenwelt war es als Camp Century bekannt. Doch für das US-Militär hatte es einen ganz anderen Namen.

Will­kommen bei Projekt Iceworm. Die unter dem Eis gehauene Atomstadt.

Nie­mandsland

Es gibt Orte auf der Erde, die für die Menschheit einfach nicht bestimmt sind. Die Arktis ist zwei­fellos einer dieser Orte. Hier, im äußersten Norden des nörd­lichsten Landes der Welt, sinken die Tem­pe­ra­turen auf bis zu ‑50 °C. 80 % des Landes sind von einer rie­sigen, mehr als 3 Kilo­meter dicken Eis­schicht bedeckt. Im Winter kann die Polar­nacht Wochen oder sogar Monate dauern. Monate drü­ckender, eisiger Dunkelheit.

Oben: Der Eingang zum Camp Century. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

Oftmals fegen Schnee­stürme mit 72 Kilo­metern pro Stunde durch die Region. Und von „White-outs“ wollen wir gar nicht erst anfangen – extreme Schnee­stürme, die alles um einen herum in einer dichten Schicht aus Nebel, Schnee und Wind ver­schwinden lassen, bis man nur noch Weiß sieht. Einfach nur Weiß.

Aus­ge­rechnet hier beschloss Amerika, eine Stadt zu bauen.

Und das war nur der Anfang. Ein Pro­totyp. Camp Century war der Beginn dessen, was eine ganze Region mit Städten und Stütz­punkten werden sollte, die ein Gebiet umfassen sollte, das dreimal so groß ist wie Dänemark.
Aber warum zum Teufel sollten sie es hier bauen?

Amerika ist schon seit langer Zeit von Grönland fasziniert…

Warum Amerika Grönland will

„Die USA boten Dänemark 1946 an, Grönland zu kaufen. Wegen seiner stra­te­gi­schen Bedeutung, aber Dänemark lehnte damals ab und sagte: ‚Wir mögen den Ame­ri­kanern viel schulden, aber ich glaube nicht, dass wir ihnen die gesamte Insel Grönland schulden‘“, erklärte uns Kristian Hvidtfelt Nielsen.

Viel­leicht erinnern Sie sich sogar daran, dass das Land Anfang 2025 ein paar Mal in den Schlag­zeilen stand.

Grönland war schon immer geo­po­li­tisch wichtig. Es liegt fast genau zwi­schen den USA und Russland, zwei Ländern, deren Ver­hältnis seit jeher eher ange­spannt ist.

„Statt Grönland zu kaufen, gab es ein Abkommen zwi­schen den USA und Dänemark über die Ver­tei­digung Grön­lands. Es trat 1951 in Kraft. Und gemäß diesem Abkommen durften die USA Mili­tär­basen in Grönland unter­halten“, sagte Nielsen.

Oben: Die Treppe zum Camp Century. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

Tat­sächlich errich­teten die USA hier bereits 1951 die Thule Air Base, eine mili­tä­rische Einrichtung.

Damals, als Amerika noch… groß­artig war? Nun ja, wenn nicht groß­artig, dann doch unglaublich paranoid und bereit, Mil­li­arden dafür aus­zu­geben. Haus­frauen, Rock ’n’ Roll, das Goldene Zeit­alter Hol­ly­woods… und der Kalte Krieg.
Die 1950er Jahre waren von unglaub­lichem wirt­schaft­lichem Wohl­stand im Zuge eines Nach­kriegs­booms geprägt. Amerika stieg zur Super­macht auf und das Land hatte Geld im Überfluss.

Auf der anderen Seite der Welt prä­sen­tierte die UdSSR eine alter­native Vision zum ame­ri­ka­ni­schen Kitsch und Kapi­ta­lismus. Es gab eine rasante Indus­tria­li­sierung und Urba­ni­sierung sowie den Beginn des Weltraumwettlaufs.

Es war dieses kleine Geräusch, das die Ame­ri­kaner dazu brachte, Camp Century zu bauen.
Diese Pieptöne ver­än­derten die mensch­liche Zivi­li­sation für immer.

Sie stammten natürlich von Sputnik. Dem ersten von Men­schenhand geschaf­fenen Objekt, das die Erde umkreiste. In ganz Amerika konnte jeder, der einen Kurz­wel­len­ra­dio­emp­fänger besaß, diese Pieptöne eines hoch über ihm befind­lichen Satel­liten empfangen.

Natürlich befürchtete das ame­ri­ka­nische Militär, die Sowjet­union würde Raketen daran anbringen.

Diese Furcht ver­an­lasste die Armee, einen Vor­schlag für eine neu­artige Basis aus­zu­ar­beiten: eine Stadt unter dem Eis in der Arktis, nahe der sowje­ti­schen Grenze. Dieses Projekt sollte über die bereits bestehende Thule Air Base hin­aus­gehen. Es sollte alles bisher Dage­wesene übertreffen.

„Zual­lererst han­delte es sich um die Anfangszeit, die aller­ersten Tage des Kalten Krieges, und die Ver­ei­nigten Staaten setzten die soge­nannte Polar­ark­tis­stra­tegie um“, fügt Nielsen hinzu. Dem Rest der Welt wurde es als Camp Century prä­sen­tiert. Eine For­schungs­station an einem der abge­le­gensten Orte der Erde.

Amerika war so groß­artig, dass es überall bauen konnte, dass es selbst die unwirt­lichsten Umge­bungen bewohnbar machen konnte. Zumindest wurde das der Presse so vermittelt.

Oben: Sol­daten bei der Arbeit im Camp Century. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

 

Tat­sächlich luden sie sogar Jour­na­listen von Zeit­schriften wie National Geo­graphic zu einer Besich­tigung des Laby­rinths aus Tunneln und unter­ir­di­schen Gebäuden ein.

„Camp Century war im Gegensatz dazu über­haupt kein Geheimnis. Es war eher eine Art PR-Gag der US-Armee, die es als ein auf­re­gendes Aben­teuer im Bereich Bau­ar­beiten in der Arktis prä­sen­tierte.“ Selbst innerhalb der Armee selbst wurde der wahre Zweck streng nach dem Need-to-know-Prinzip geheim gehalten und den meisten dort sta­tio­nierten Sol­daten vorenthalten.

Wir sprachen mit Robert Weiss, einem Arzt, der 1963 im Camp Century sta­tio­niert war.

„Mir war nicht klar, dass ich nach Grönland reisen würde“, sagte Robert Weiss.

„Ich erinnere mich noch an das erste Treffen mit dem Oberst.“

„Er sagte zu mir: ‚Innerhalb einer Woche… wirst du nach Camp Century in Grönland fliegen, 800 Meilen vom Nordpol ent­fernt.‘ Und ich sah ihn an und sagte: ‚Das ist doch nicht dein Ernst!‘“

Eine Stadt mit einem Geheimnis

Die Armee behauptete, dieser bizarre Ort diene der Erfor­schung der Gla­zio­logie, des Klimas und des mensch­lichen Über­lebens in extremer Kälte.

„Es gab diese soge­nannten Ver­tei­di­gungs­zonen, zu denen die Thule Air Base und andere Luft­waf­fen­stütz­punkte in Grönland gehörten, in denen die Ame­ri­kaner im Grunde tun durften, was sie wollten. Wollten sie jedoch außerhalb dieser Ver­tei­di­gungs­zonen ope­rieren, mussten sie Dänemark um Erlaubnis bitten. Und genau das war im Fall von Camp Century der Fall“, sagte Nielsen.

„Als die USA um die Erlaubnis zum Bau von Camp Century baten, ich glaube, das war Ende der 1950er Jahre, hielten sie sich bezüglich des wahren Zwecks bedeckt.“

„Sie erwähnten lediglich, dass sie dieses neue, soge­nannte Sub­service-Konzept aus­pro­bieren wollten. So nannten sie es, die Subservice-Konzepte.“

Nun, Jahr­zehnte später. Diese Akten wurden frei­ge­geben und wir können Ihnen ihren wahren Zweck mit­teilen: Projekt Iceworm.

Es sollte mehr als 600 Atom­ra­keten in einem rie­sigen Tun­nel­system beher­bergen, das dreimal so groß wie Dänemark war.

Oben: Camp Century inmitten der rauen Bedin­gungen der Arktis. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

Diese Raketen wären mobil und unter dem Eis ver­borgen, was es der Sowjet­union erschweren würde, sie bei einem Erst­schlag zu ent­decken oder zu zer­stören. Es gibt einige Hin­weise darauf, dass die Dänen zumindest von diesen Raketen wussten.

„Ich glaube, der däni­schen Regierung war klar, dass dies pas­sieren wird, ob es uns gefällt oder nicht. Daher bestand die Stra­tegie der däni­schen Regierung darin, die mili­tä­rische Bedeutung her­un­ter­zu­spielen“, sagte Nielsen.

Es war eine ver­rückte Idee. Noch ver­rückter ist, wie nah die Ame­ri­kaner an der Umsetzung dran waren. Denn hier über­haupt etwas zu bauen, ist nahezu unmöglich.

„Camp Century war die erste per­ma­nente Basis unter Glet­schereis weltweit“, sagte Nielsen.

„Mir wurde gesagt, dass dort eine U‑Bahn gebaut werden sollte. Ich wusste nichts von Projekt Eiswurm. Ich wusste nichts von irgend­welchen Plänen, dort Atom­ra­keten zu sta­tio­nieren. Ich wusste nur, dass einer der Haupt­gründe für das Lager die Frage war, ob Men­schen in einer solchen Umgebung leben könnten“, sagte Weiss.

„Der größte Teil davon war weiß, und es lag Schnee. Man sah keine Berge oder ähnliches.“

„Das meiste davon war einfach nur kahler Schnee. Einfach nur kahler Schnee.“

Wie man Camp Century baut

Viel­leicht fällt Ihnen auf, dass es hier keine Bau­märkte gibt. Es gibt keine Geschäfte. Keine Auto­bahnen. Keine Flug­häfen. Alles muss von weit her zur Thule Air Base trans­por­tiert werden. Eine gefähr­liche Reise über eisige, unbe­re­chenbare See. Thule war zudem nur während des kurzen Som­mer­fensters zugänglich, wenn das ark­tische Meereis so weit zurückging, dass Schiffe anlegen konnten.

Der Standort des Pro­jekts Iceworm liegt hier, 204 Kilo­meter ent­fernt. Das ist so, als ob man von New York nach Phil­adelphia fliegen würde, und man hätte noch ein Viertel der Strecke vor sich.

Nah­rungs­mittel, Brenn­stoff und Aus­rüstung mussten alle auf Schlitten in För­der­bändern her­bei­ge­zogen werden. Bei gutem Wetter dauerte es einige Stunden, bei schlechtem Wetter, was häufig vorkam, dauerte es Tage.

„Sie nutzten die schweren Schlit­tenzüge, eine Art Trak­to­renzug, mit denen Material, Aus­rüstung und Per­sonal zum Camp Century trans­por­tiert wurden. Diese Schlit­tenzüge waren recht langsam. Sie brauchten etwa drei, manchmal auch vier Tage, um den gesamten Weg zum Camp Century zurück­zu­legen“, sagte Nielsen.

Zwi­schen Thule und Camp Century wurde eine pro­vi­so­rische Ver­sor­gungs­route über den Schnee, der soge­nannte Eis­kap­penpfad, ein­ge­richtet und instand gehalten. Die Inge­nieure hatten mit Glet­scher­spalten, extremer Kälte und ständig wech­selndem Eis zu kämpfen. Und am Ende dieser enormen Reise wären sie hier. Scheinbar mitten im Nirgendwo.

 

Oben: Der Bau des Camp Century. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

Bevor jedoch irgend­etwas gebaut werden konnte, mussten zuerst die Tunnel gegraben werden.

„Der Bau von Camp Century erstreckte sich also über zwei Sommer, 1959 und 1960. Und auf­grund der Wit­te­rungs­be­din­gungen mussten sie ziemlich schnell arbeiten, um alle Tunnel fer­tig­zu­stellen; sie arbei­teten im Wesent­lichen 24 Stunden am Tag in drei Schichten“, sagte Nielsen.

Die Inge­nieure ver­wen­deten eine „Abdeck- und Deckel­me­thode“, um sie unter dem Schnee aus­zu­heben. Zunächst wurden mit Hilfe von in der Schweiz her­ge­stellten Schnee­fräsen, den soge­nannten Peter-Pflügen, große Gräben aus­ge­hoben. Diese unglaub­lichen Maschinen wurden ursprünglich für die Schnee­räumung in den Schweizer Alpen ent­wi­ckelt und konnten bis zu 594 Kubik­meter Schnee pro Stunde bewegen.

Der Schnee würde aus den Tunneln her­aus­ge­drückt, wo er kon­den­sieren würde. Gepflügter Schnee hat eine höhere Dichte und ein höheres Gewicht als nor­maler Schnee. Durch das Pflügen wird der Schnee ver­dichtet, die ein­zelnen Schnee­flocken werden näher zusam­men­ge­drückt und die Luft­ein­schlüsse, die in lockerem, flo­ckigem Schnee natür­li­cher­weise vor­kommen, werden redu­ziert. Das ist perfekt für Bau­zwecke. Gebogene Metall­platten würden dann so dar­über­gelegt und mit Schnee bedeckt, um die dar­un­ter­lie­genden Tunnel zu verbergen.

Anschließend wurden vor­ge­fer­tigte Struk­turen mon­tiert und auf Stelzen in den Tunneln plat­ziert. Dies redu­zierte den Wär­me­aus­tausch und hielt die Innen­räume warm. Die Bau­ar­beiter würden etwa einen Tag benö­tigen, um jedes Gebäude zu errichten. So ent­stand Stück für Stück eine ganze Stadt. Tunnel wurden in das Eis gebohrt, von einer Haupt­straße zweigten Wohn­ge­bäude, Latrinen, Gene­ra­toren, Spei­sesäle und vieles mehr ab.

„Diese Baracken wurden als T5-Baracken bezeichnet. Sie ent­sprachen also den Stan­dard­größen einer US-Army-Baracke“, erklärte Nielsen.

„Es gab ver­schiedene Gebäude, und jedes war für sich allein“, fügte Weiss hinzu.

Es war unglaublich viel Spit­zen­technik nötig, nur um diesen Ort bewohnbar zu halten.

„Die größte Her­aus­for­derung im Camp Century war nicht, warm zu bleiben, sondern tat­sächlich, kalt zu bleiben, was etwas über­ra­schend ist, wenn man bedenkt, dass man sich im Inneren des Inland­eises befindet“, sagte Nielsen.

Ein Belüf­tungs­system saugte kalte Ober­flä­chenluft an und blies sie durch die Tunnel nach draußen. Die Tun­nelluft musste auf ‑15 °C gehalten werden, sonst wäre alles geschmolzen.

„Dann stellten sie fest, dass das tat­sächlich ein rie­siges Problem war, denn wenn Maschinen laufen, Arbeiter da sind und die Türen zu den beheizten Gebäuden auf- und zugehen, ent­steht in den Tunneln eine enorme Hitze, die schwer abzu­führen war. Deshalb mussten sie – darauf waren sie nicht vor­be­reitet – riesige Belüf­tungs­systeme bauen, um die Tunnel zu belüften und die Hitze abzuführen.“

„Und das Problem mit der Hitze ist, dass das Eis mat­schig wird und es schwie­riger wird, in den Tunneln zu gehen oder zu fahren, aber sie hat die Tunnel auch insta­biler gemacht.“

Um die nahezu unmög­liche Her­aus­for­derung einer ste­tigen Die­sel­ver­sorgung des Gene­rators zu umgehen, wurde ein trag­barer Kern­re­aktor zur Strom­ver­sorgung ein­ge­setzt. Der erste seiner Art, aber nicht der letzte. Acht dieser Geräte wurden von der US-Armee im Rahmen eines Pro­gramms zur Strom­ver­sorgung abge­le­gener Orte entwickelt.

„Es hatte eine Leistung von etwa 1,5 Megawatt und war modular auf­gebaut, was bedeutet, dass es im Wesent­lichen in klei­neren Teilen zur Basis trans­por­tiert und dort dann zusam­men­gebaut werden konnte.“

„Es ging im Wesent­lichen um die Idee, dass man in extremen oder abge­le­genen Umge­bungen Ener­gie­un­ab­hän­gigkeit schaffen könnte.“

„Sie erwogen zwei Optionen. Sie erwogen die Option mit einem Die­sel­ge­ne­rator, aber dafür wäre viel Die­sel­kraft­stoff nötig gewesen, der zum Stütz­punkt trans­por­tiert werden musste; der Kern­re­aktor hin­gegen benö­tigte viel weniger Uranbrennstoff.“

 

Oben: Einige Hilfs­güter wurden per Luft­brücke von der nahe­ge­le­genen Thule-Basis ein­ge­flogen. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

„Es war der erste Atom­re­aktor auf däni­schem Boden und sorgte tat­sächlich für einige Pro­bleme in der däni­schen Regierung, da es weder Vor­schriften noch eine Vor­stellung davon gab, wie man ihn kon­trol­lieren oder im Falle eines Unfalls über die Ver­ant­wort­lichkeit nach­denken sollte.“

Am beun­ru­hi­gendsten war die Art und Weise, wie das Lager an sein Wasser kam. Es han­delte sich tat­sächlich um eine geniale Lösung, die vom Inge­nieur des Stütz­punkts, Raul Rodriguez, ent­wi­ckelt worden war. Es wurde ein 150 Meter tiefes Loch gegraben – das ent­spricht der Höhe eines durch­schnitt­lichen Wol­ken­kratzers – und ein Heiz­element in das Eis hin­ab­ge­lassen. Dadurch schmolz das umge­bende Wasser und es ent­stand ein Reservoir mit über 37.000 Litern Trinkwasser.

Um der Lan­ge­weile im Lager zu ent­fliehen, ließen sich die Männer abwech­selnd in den Brunnen hinab, um den Ner­ven­kitzel zu erleben. Sie hingen in der rie­sigen, dunklen Grube … in völ­liger Dun­kelheit. Und Lan­ge­weile war wirklich ein Problem. Trotz aller Annehm­lich­keiten wie zu Hause gab es im Camp nicht viel zu tun, und die Iso­lation machte den Leuten zu schaffen.

Leben unter dem Eis

„Ich habe gelernt, diese Art von Leben zu mögen“, sagte Weiss uns.

„Als Arzt hatte ich wahr­scheinlich weniger zu tun als die Offi­ziere, die tat­sächlich im Einsatz waren. Sicherlich weniger als die Mann­schaften, die die harte Arbeit des Exer­zierens und des Aufbaus auf dem schnee­be­deckten Gipfel verrichteten.“

„Aber ich hatte Zeit. Abends Bridge zu spielen, ab und zu Schach zu spielen.“

„Ich wachte morgens auf, zitierte Vol­taire, und dachte: ‚Das ist die beste aller mög­lichen Welten.‘ Und das behielt ich immer im Gedächtnis, und das war’s. Also, ich denke, man sollte sich einfach beschäftigen.“

„Wir sagten immer: Noch nie sind so viele so früh auf­ge­standen, um so wenig und so lange zu tun. Das war es, was die Offi­ziere zuein­ander sagten.“

„Im Offi­ziers­quartier gab es wohl Zimmer für etwa sechs oder acht von uns.“

„Die Offi­ziers­un­ter­künfte wären in ein­zelne Zimmer unter­teilt gewesen, die lediglich mit hän­genden Decken aus­ge­stattet waren. Das ist alles.“

„Es gab jeden Abend einen Offi­ziersclub, dort gab es auch Küchen. Das Essen war ausgezeichnet.“

„Das Einzige, was fehlte, war fri­sches Gemüse. Eine Was­ser­melone wäre im Camp Century ein Luxus und eine Seltenheit.“

Jeder hatte seine Aufgabe. Der Standort funk­tio­nierte effektiv wie eine kleine Stadt.

 

Oben: Einer der Tunnel des Camp Century. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

Die Basis war zwar ein geheimes Pilot­pro­gramm für Atom­ra­keten, aber gleich­zeitig auch ein psy­cho­lo­gi­sches Expe­riment. Das Militär musste her­aus­finden, ob diese Männer in dieser Eis­stadt, so weitab von der Zivi­li­sation, tat­sächlich über­leben konnten, ohne daran zu zer­brechen. Die US-Regierung war besonders daran inter­es­siert zu sehen, wie sie sich in extremer Iso­lation schlagen würden… da sie sich darauf vor­be­reitete, die ersten Men­schen ins Weltall zu schicken.

„Wenn man in diesen extrem schwie­rigen und rauen Umge­bungen auf dem Inlandeis ope­rieren kann, warum sollte man dann nicht auch eine Basis auf dem Mond haben können?“, fragte Nielsen.

„Es gab auch extremere psy­cho­lo­gische Expe­ri­mente, etwa Hun­ger­ver­suche, bei denen die Männer – mehr oder weniger frei­willig, nehme ich an – mehrere Tage lang kaum etwas zu essen bekamen. Man wollte her­aus­finden, wie sich das auf das Per­sonal im Camp Century aus­wirken würde.“

„Es sollte gewis­ser­maßen den ame­ri­ka­ni­schen Mut und die extremen Leiden dieser Männer zeigen.“

In jeder Hin­sicht und für jeden Zweck waren diese psy­cho­lo­gi­schen Tests tat­sächlich erfolgreich.

„Es gab keine Kämpfe, keine Auf­stände, nichts dergleichen.“

„Sie lebten dort friedlich und ordentlich.“

„Sie kamen zu dem Schluss, dass es machbar war. Das Camp-Century-Konzept war ein mach­bares Konzept.“

Wäre das gesamte Projekt so erfolg­reich ver­laufen wie die psy­cho­lo­gi­schen Expe­ri­mente, wären noch viel mehr Tunnel gebaut worden. Hun­derte von Kilo­metern wären nach außen gegraben worden. Eisen­bahn­schienen wären verlegt und, ja, mehr als 600 Rake­ten­silos in Stellung gebracht worden.
Aber es war nicht erfolgreich.

Das Ende des Pro­jekts Eiswurm

Der Inge­nieur Raul Rodriguez war zwar brillant, hat aber nicht berück­sichtigt, wie schnell sich die Eis­schicht um die Basis herum bewegen würde.
Sol­daten durch­streiften unentwegt die Tunnel mit Ket­ten­sägen, um das Eis fern­zu­halten, aber es half nichts.

Im Laufe der Zeit ver­formte sich das Eis und ver­schob sich, wodurch sich die Tunnel ver­zogen, ein­stürzten und struk­turell unsicher wurden.
Dies war kein Ort für einen Atom­re­aktor, geschweige denn für 600 Raketen.

Der Reaktor wurde 1963 außer Betrieb genommen, und drei Jahre später wurde der Stütz­punkt auf­ge­geben. 1969 war es eine einzige Ruine; Stahl­kon­struk­tionen waren in sich zusam­men­ge­fallen, Holz­balken zer­splittert. Bald hatte das Eis fast alles zurückerobert.

Mit der Wei­ter­ent­wicklung der Mili­tär­tech­no­logie des Kalten Krieges wurden andere Systeme – wie etwa von U‑Booten aus gestartete bal­lis­tische Raketen und Inter­kon­ti­nen­tal­ra­keten – zum Projekt Iceworm. Letzt­endlich erwies sich die Instand­haltung von Camp Century jedoch als zu kost­spielig im Ver­hältnis zu ihrem begrenzten wis­sen­schaft­lichen und mili­tä­ri­schen Nutzen. Die US-Armee hielt es für unwirt­schaftlich, die Tunnel wei­terhin zu repa­rieren und Per­sonal bereitzustellen.

Und das hätte das Ende der Geschichte sein können.

 

Oben: Um Camp Century zu ver­bergen, wurde Schnee ver­wendet. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

Ein ver­blüf­fendes Bei­spiel für die Exzesse des Kalten Krieges und die enormen Res­sourcen, die die US-Regierung bereit war, für wahrhaft bizarre Kon­zepte ein­zu­setzen. Camp Century ist in seinem Umfang fast schon Science-Fiction; heute würde man es sich nicht einmal mehr ausdenken.
Doch das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte… noch lange nicht.

Die Zukunft

Während die Sol­daten des Pro­jekts Iceworm mit ihrem Atom­re­aktor und psy­cho­lo­gi­schen Expe­ri­menten beschäftigt waren, taten sie auch noch etwas anderes… Sie gruben. Niemand im Militär ahnte, wie wichtig dies sein würde. Doch Wis­sen­schaftler auf der Basis bohrten ein Loch durch fast 1390 Meter Eis und erreichten die uralte Ober­fläche Grön­lands. Sie nahmen Proben, die jahr­zehn­telang unbe­rührt in Gläsern lagerten.

Der Geo­wis­sen­schaftler Paul Bierman ent­deckte die gefro­renen Proben in Dänemark. Er und einige seiner Kol­legen an der Uni­ver­sität von Vermont unter­suchten sie und kamen zu einer beun­ru­hi­genden Schluss­fol­gerung, die Aus­wir­kungen auf die ganze Welt haben sollte.

Grön­lands Eis­schild war jünger, als wir ange­nommen hatten. Viel, viel jünger.

Bis 2019 gingen Wis­sen­schaftler davon aus, dass der riesige Eis­schild mehrere Mil­lionen Jahre alt sei.

 

Oben: Im Inneren der Tunnel von Camp Century. Mit freund­licher Geneh­migung von Robert Weiss.

Dank der Boden­proben ent­deckten Bierman und sein Team Blatt‑, Zweig- und Insek­ten­reste, die nur 400.000 Jahre alt sind. Diese wären in den Boden­proben nicht vor­handen gewesen, wenn es die Eis­decke nicht gegeben hätte. Das bedeutet, dass Grönland vor weniger als einem halben Jahr­tausend völlig eisfrei war.

Das ist keine beru­hi­gende Tatsache.

Grönland reagiert emp­find­licher auf Kli­ma­ver­än­de­rungen als bisher ange­nommen. Das bedeutet: Steigen die welt­weiten Tem­pe­ra­turen erneut an und erwärmt sich das Klima, würde ein grö­ßerer Teil dieses rie­sigen Eis­schildes ins Meer schmelzen, den Mee­res­spiegel ansteigen lassen und mög­li­cher­weise die lebens­wichtige Nord­at­lan­tik­strömung stören.

Der grön­län­dische Eis­schild enthält etwa 2,9 Mil­lionen Kubik­ki­lo­meter Eis. Das ent­spricht ungefähr 8 % des gesamten Süß­wassers der Erde. Würde er voll­ständig schmelzen, könnte dies einen glo­balen Mee­res­spie­gel­an­stieg von etwa 7,4 Metern verursachen.

Camp Century ging vor Jahr­zehnten ver­loren. Das Eis bewegte sich und zer­malmte den zurück­ge­las­senen Stahl und das Holz. Die Natur eroberte es zurück. Bis ein Unfall es wieder an die Ober­fläche brachte.

Der NASA-Wis­sen­schaftler Chad Greene überflog Grönland im April 2024, um die Eis­schilde zu kar­tieren und den zukünf­tigen Mee­res­spie­gel­an­stieg abzu­schätzen. Zu seiner großen Über­ra­schung ent­deckte das Radar etwas anderes: die mar­kanten Tunnel von Camp Century. Zer­drückt und ver­formt, aber immer noch deutlich sichtbar.

So seltsam es auch klingen mag, dies ist nur das jüngste Bei­spiel dafür, dass Camp Century „wie­der­ent­deckt“ wurde. Das Lager wird immer wieder ent­deckt und geht dann wieder unter dem Eis verloren.

Im Jahr 2016 wurde das Lager wie­der­ent­deckt. Doch dieses Mal erfuhren die Dänen etwas Beunruhigendes.

Als die Ame­ri­kaner 1967 den Stütz­punkt auf­gaben, hin­ter­ließen sie giftige und radio­aktive Abfälle. Die Dänen ließen dies damals zu, da sie die Werte als unterhalb der als besorg­nis­er­regend gel­tenden Grenz­werte einstuften.

Doch nun schmilzt das Eis schneller als erwartet. Und die gif­tigen Abfälle, die man einst für immer unter dem Eis begraben hielt, könnten wieder an die Ober­fläche kommen.

„Man fand heraus, dass in etwa 70 oder viel­leicht 100 Jahren Schmelz­wasser die ver­gra­benen Abfälle von Camp Century frei­legen wird. Es handelt sich dabei um bio­lo­gische, che­mische und radio­aktive Abfälle. Ein Teil dieser Abfälle wird durch das Schmelz­wasser auf­ge­wirbelt und könnte ins Meer gespült werden. Dies löste in Dänemark eine heftige Debatte aus“, sagte Nielsen.

Im Zentrum dieser Debatte stand die Frage der Ver­ant­wortung. Wer sollte die Gift­müll­halde besei­tigen? Die Ame­ri­kaner, die sie dort ent­sorgt hatten? Die dänische Regierung, die dies zuge­lassen hatte? Oder Grönland selbst, das heute als Nation über mehr Sou­ve­rä­nität verfügt als in den 60er Jahren?

Die Stätte liegt noch immer unter meh­reren zehn Metern Eis begraben, und die Bedin­gungen sind abge­legen und gefährlich. Eine Auf­räum­aktion würde einen enormen logis­ti­schen Aufwand, Eis­boh­rungen und die Ent­sorgung von Atommüll erfordern. Eine sichere Ent­sorgung der Abfälle ist derzeit weder tech­nisch noch wirt­schaftlich machbar, doch Untä­tigkeit könnte mit der Zeit gefährlich werden.

Alle Betei­ligten haben Zeit, eine Lösung zu finden, aber es ist so etwas wie eine tickende Uhr, die über Grönland schwebt.

Auch Jahr­zehnte später steht Camp Century noch immer, wenn auch in Trümmern, gleich­zeitig eine wilde Fan­tasie, eine beängs­ti­gende Rea­lität und immer noch ein fas­zi­nie­rendes Geheimnis.

„Es gibt noch immer viele Dinge, die wir über das Projekt Iceworm nicht wissen, zum Bei­spiel, wer genau dahin­ter­steckte und wie es in ver­schie­denen Teilen der Armee und auch in poli­ti­schen Kreisen dis­ku­tiert und auf­ge­nommen wurde“, sagte Nielsen.

Uner­wartet für alle Betei­ligten, ist ihr Ver­mächtnis nun tief in der unge­wissen Zukunft des Pla­neten verwurzelt.

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Quellen: PublicDomain/theb1m.com am 20.01.2026

Zuerst erschienen bei Pravda-tv.com.
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