Die letzte Aus­fahrt: Penisbesitzend-ENS

Die Wirk­lich­keits­ver­waltung hat wieder zuge­schlagen – diesmal nicht in einer Fußnote, nicht in einem Semi­narraum für ange­wandte Betrof­fen­heits­lin­gu­istik, sondern vor Gericht. In Bra­silien wurde die Influen­cerin Bianca Barreto nach Berichten unter anderem von NIUS zu zwei Jahren Haus­arrest bezie­hungs­weise offenem Vollzug ver­ur­teilt, weil sie den tran­si­denten Poli­tiker Duda Salabert in einem Video als Mann bezeichnet hatte. Das Gericht wertete dies als absicht­liche und abwer­tende Ver­wendung des angeblich fal­schen Geschlechts; Grundlage war die dortige Ein­ordnung von Homo- und Trans­phobie als Form des soge­nannten „sozialen Rassismus“.

(Von Alex­ander Kohlhaas)

Wer nun meint, ein solcher Vorgang liege in süd­ame­ri­ka­ni­scher Ferne und könne mit deut­scher Rechts­kultur nichts zu tun haben, sollte diese Meldung nicht allzu gemütlich vom Sofa­kissen aus betrachten. Auch in Deutschland ist die Debatte über falsche Geschlechts­be­zeich­nungen, Per­sön­lich­keits­recht, Belei­digung, Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­logik und staatlich betreute Sprach­ordnung kei­neswegs beendet. Wir führen die recht­liche Lage und ihre offenen Flanken in unserem Buch „Gendern bis der Arzt kommt“ noch aus­führ­licher aus. Gerade der hiesige Streit zeigt jedoch bereits, dass es längst nicht mehr nur um Höf­lichkeit, Anstand oder private Rück­sicht­nahme geht, sondern um die Frage, ob Wirk­lich­keits­wahr­nehmung, Sprache und recht­liche Selbst­be­stimmung des Bürgers künftig weiter unter poli­tisch-mora­lische Auf­sicht geraten.

Der Bun­des­re­pu­bli­kaner sollte sich also nicht zu sicher fühlen. Was heute noch wie eine schrille Aus­lands­nach­richt wirkt, kann morgen als men­schen­freund­liche Fort­ent­wicklung des Rechts­staats in einem Aus­schuss, einer Leit­linie, einem Urteil oder einer Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­bro­schüre wieder auf­tauchen. Wenn eine Bevöl­kerung sich nicht mehr gegen solche Bevor­mun­dungen wehrt, wenn sie jedes neue Sprach­gebot als Sen­si­bi­lität und jeden Ein­griff in das freie Wort als Schutz der Würde hin­nimmt, dann wird sie irgendwann nicht mehr merken, dass ihr die Wirk­lichkeit nicht widerlegt, sondern ver­boten wurde.

Wir hätten deshalb einen neuen, endlich befrie­denden Vor­schlag, um sämt­liche Debatten über Mann, Frau, Transfrau, Transmann, Selbst­be­zeichnung, Fremd­be­zeichnung und begriff­liche Rest­rea­lität end­gültig zu beenden: Der Staat möge künftig auf die alt­mo­di­schen Kate­gorien Mann und Frau ver­zichten und nur noch von Penis­trägern und Penis­trä­ge­rinnen sprechen. Oder, falls auch das wieder zu binär, zu bio­lo­gisch oder zu grob­schlächtig riecht, viel­leicht von Penis­be­sit­zenden und Nicht­pe­nis­be­sit­zenden. Und weil selbst Besitz als Begriff in diesen Zeiten ver­mutlich schon ver­dächtig nach Eigentum, Patri­archat und spät­ka­pi­ta­lis­ti­scher Kör­per­ordnung klingt, schlagen wir als krö­nende Ver­söh­nungs­formel vor: PenisbesitzendENS.

Was es mit diesem ENS am Ende auf sich hat, beschreiben wir in unserem Buch. Man könnte in diesen ver­rückten Zeiten ja beinahe glauben, unser sati­ri­scher Vor­schlag könne tat­sächlich noch ernst gemeint und umge­setzt werden.

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