Bild; https://pixabay.com/de/photos/kreuzen-sonnenuntergang-silhouette-1772560/

Wenn Pornos den Glauben zer­stören: Eine unbe­queme Debatte

Tau­sende Christen berichten in sozialen Netz­werken, dass Por­no­graphie ihr Gebets­leben, ihre Bezie­hungen und ihren Glauben beschädigt hat. Sind das nur Ein­zel­fälle – oder haben Kri­tiker wie E. Michael Jones, Milo Yiann­o­poulos und selbst die jüngsten Päpste eine Ent­wicklung erkannt, die unsere Kultur tief­grei­fender ver­ändert hat, als viele wahr­haben wollen? (David Berger) 

Anlass für diesen Artikel sind eigene Erfah­rungen, Beob­ach­tungen aus den sozialen Netz­werken und auch zahl­reiche per­sön­liche Gespräche mit Men­schen, die mit mir über ihre Porno-Sucht und deren negative Zusam­men­hänge mit ihrem christ­lichen Glauben gesprochen haben.

Auf Reddit, YouTube, X, Instagram und in christ­lichen Foren finden sich tau­sende Berichte von Christen, die schildern, wie Por­no­graphie ihr Gebets­leben, ihre Ehe, ihre Beichte oder ihren Glauben beein­trächtigt habe. In christ­lichen Subreddits wie „True­Christian“ oder „Chris­tianity“ tauchen solche Berichte nahezu täglich auf. Typische For­mu­lie­rungen lauten: „Ich fühle mich zwi­schen meinem Glauben und meiner Por­no­sucht gefangen.“ oder „Por­no­graphie hat eine Mauer zwi­schen Gott und mich gestellt.“

Ist Por­no­graphie lediglich ein Geschäft, das mensch­liche Begierden bedient, viel­leicht sogar eine eigene Kunst­gattung wie vor einigen eine Mono­graphie von Kevin Clarke („Porn from Andy Warhol to X‑Tube“, Berlin 2011) in den Raum stellte? Oder steckt hinter ihrer gesell­schaft­lichen Ver­breitung mehr als bloßer Kommerz? Diese Frage wird seit Jahr­zehnten kon­trovers dis­ku­tiert. Besonders deutlich haben sich hierzu der katho­lische Publizist E. Michael Jones und in jün­gerer Zeit auch Milo Yiann­o­poulos geäußert.

Obwohl beide aus unter­schied­lichen Bio­gra­phien stammen, gelangen sie in einem Punkt zu ähn­lichen Schluss­fol­ge­rungen: Die sexuelle Revo­lution habe nicht zur Befreiung des Men­schen geführt, sondern zur Schwä­chung von Familie, Religion und mora­li­scher Selbstbeherrschung.

E. Michael Jones: Por­no­graphie als Instrument gesell­schaft­licher Kontrolle

Am sys­te­ma­tischsten hat der ame­ri­ka­nische Autor E. Michael Jones seine Sicht­weise in seinem Hauptwerk „Libido Domi­nandi – Sexual Libe­ration and Poli­tical Control“ ent­wi­ckelt. Bereits der Titel enthält die zen­trale These: Was als sexuelle Befreiung ver­kauft werde, führe in Wirk­lichkeit nicht zu grö­ßerer Freiheit, sondern zu neuen Formen der Abhän­gigkeit und Kon­trolle. Jones knüpft dabei an den Kir­chen­vater Augus­tinus an, von dem der Begriff „libido domi­nandi“ – die Herrsch­sucht – stammt.

Jones ver­tritt die Auf­fassung, dass die sexuelle Revo­lution seit der Auf­klärung schritt­weise tra­di­tio­nelle mora­lische Ord­nungen zer­stört habe. An die Stelle christ­licher Tugenden seien Konsum, Begierde und Mani­pu­lier­barkeit getreten. Das Ziel sei nicht in erster Linie sexuelle Freiheit gewesen, sondern poli­tische und kul­tu­relle Steuerbarkeit.

Besonders bekannt wurde seine For­mu­lierung: „Por­no­graphy is the pro­pa­ganda arm of the sexual revo­lution: Por­no­graphie ist der Pro­pa­gan­daarm der sexu­ellen Revo­lution.“ Nach Jones dient Por­no­graphie nicht bloß der Unter­haltung. Sie nor­ma­li­siere bestimmte Ver­hal­tens­weisen, löse tra­di­tio­nelle Bin­dungen auf und unter­grabe die christ­liche Vor­stellung von Ehe, Familie und Keuschheit.

In seinem Werk beschreibt Jones die sexuelle Revo­lution aus­drücklich als eine Ent­wicklung, die den Men­schen nicht befreie, sondern ihn seinen Lei­den­schaften aus­liefere. Wer seine Lei­den­schaften ver­liere, werde aber leichter beherrschbar.

Milo Yiann­o­poulos: Die sexuelle Revo­lution als per­sön­licher Irrweg

Während Jones seine Thesen his­to­risch und phi­lo­so­phisch ent­wi­ckelt, argu­men­tiert Milo Yiann­o­poulos zunehmend aus per­sön­licher Erfahrung. Der frühere Breitbart-Star und einstige Pro­vo­kateur der ame­ri­ka­ni­schen Rechten bezeichnet sich heute als katho­li­schen Christen und blickt kri­tisch auf seine frühere Rolle im Kul­tur­kampf zurück. In einem Interview mit Tucker Carlson erklärte Yiann­o­poulos Ende 2025 sogar: „Main­streaming homo­se­xuality in the Repu­blican Party is the great regret of my life: Die Nor­ma­li­sierung der Homo­se­xua­lität in der Repu­bli­ka­ni­schen Partei ist die größte Reue meines Lebens.“ Er fügte hinzu, dass christ­licher Glaube und The­rapie ihm geholfen hätten, sich von einem Lebensstil zu lösen, den er heute als zer­stö­re­risch betrachte.

Milo argu­men­tiert inzwi­schen regel­mäßig, die sexuelle Revo­lution habe den Men­schen nicht glück­licher gemacht. Statt dau­er­hafter Bezie­hungen seien Ein­samkeit, Bin­dungs­lo­sigkeit und Iden­ti­täts­krisen ent­standen. Por­no­graphie betrachtet er als Teil dieser Ent­wicklung. Zwar behauptet Milo nicht, die Por­no­in­dustrie sei ursprünglich gegründet worden, um das Chris­tentum zu zer­stören. Seine Position lautet vielmehr, dass Por­no­graphie fak­tisch die­selbe Wirkung ent­falte: Sie unter­grabe Tugend, Familie und reli­giöse Bindungen.

Trotz aller Unter­schiede stimmen Jones und Yiann­o­poulos in einem ent­schei­denden Punkt überein: Beide weisen die Vor­stellung zurück, sexuelle Frei­zü­gigkeit führe auto­ma­tisch zu mehr Freiheit. Jones sieht in Por­no­graphie ein Instrument kul­tu­reller Umge­staltung und sozialer Kon­trolle. Milo betrachtet sie vor allem als Symptom einer Kultur, die den Men­schen von dau­er­haften Bin­dungen und reli­giösen Wahr­heiten ent­fremdet hat.

„Die Tür, durch die der Teufel eintritt“

Bemer­kenswert ist, dass die Ein­schät­zungen von Jones und Yiann­o­poulos in wesent­lichen Punkten mit dem über­ein­stimmen, was die jün­geren Päpste über Por­no­graphie und die sexuelle Revo­lution gesagt haben. Dabei handelt es sich für diese kei­neswegs nur um eine rand­ständige mora­lische Frage, sondern um einen zen­tralen Aspekt ihres Menschenbildes.

Johannes Paul II. hat zwar selten direkt über die moderne Por­no­in­dustrie gesprochen, doch seine gesamte „Theo­logie des Leibes“ stellt eine fun­da­mentale Kritik an der por­no­gra­phi­schen Sicht des Men­schen dar. Berühmt wurde seine Aussage, das Problem der Por­no­graphie bestehe nicht darin, dass sie zu viel vom Men­schen zeige, sondern dass sie zu wenig zeige. Gemeint war: Der Mensch wird – typisch für das linke, mate­ria­lis­tische Men­schenbild – auf seinen Körper und seine sexuelle Funktion redu­ziert, während seine Würde als Person aus­ge­blendet wird. Bereits in seinem Werk „Liebe und Ver­ant­wortung“ for­mu­lierte der spätere Papst den Grundsatz, dass die Person niemals bloß Gegen­stand des Gebrauchs sein dürfe. Genau darin sah er das Wesen por­no­gra­phi­scher Darstellungen.

Auch Benedikt XVI. ana­ly­sierte die Pro­ble­matik weniger mora­lis­tisch als vielmehr anthro­po­lo­gisch. In seiner Enzy­klika „Deus Caritas Est“ warnte er vor einer Kultur, in der der Eros zur Ware werde, die man kaufen und ver­kaufen könne. Die Trennung von Sexua­lität, Liebe und Ver­ant­wortung führe nach seiner Über­zeugung nicht zu mehr Freiheit, sondern zu einer Ent­leerung mensch­licher Bezie­hungen. Viele seiner Über­le­gungen wirken heute ange­sichts der mil­li­ar­den­schweren Por­no­in­dustrie geradezu prophetisch.

Am deut­lichsten sprach Papst Fran­ziskus über das Thema. Vor Semi­na­risten und Priestern erklärte er 2022 unmiss­ver­ständlich: „Die Por­no­graphie ist ein Laster, das so viele Men­schen betrifft, auch Priester und Ordens­leute.“ Zugleich warnte er davor, dass „der Teufel durch diese Tür ein­tritt“, und for­derte dazu auf, por­no­gra­phische Inhalte kon­se­quent vom Smart­phone und aus dem eigenen Leben zu ver­bannen. Fran­ziskus erkannte damit etwas, das auch in den sozialen Netz­werken immer wieder sichtbar wird: Por­no­graphie ist längst kein Rand­phä­nomen mehr, sondern eine geist­liche und mensch­liche Her­aus­for­derung von enormem Ausmaß.

Ob Johannes Paul II., Benedikt XVI. oder Fran­ziskus – trotz unter­schied­licher Akzente kommen sie letztlich zu einer gemein­samen Dia­gnose: Por­no­graphie macht den Men­schen alles andere als freier. Sie fördert eine Kultur der Objek­ti­vierung, schwächt die Fähigkeit zur echten Liebe und gefährdet die Würde der mensch­lichen Person. Gerade die zahl­reichen Zeug­nisse von Christen, die heute öffentlich über die zer­stö­re­ri­schen Folgen ihres Por­no­konsums berichten, lassen diese War­nungen der Päpste in einem bemer­kenswert aktu­ellen Licht erscheinen.

Die Psy­cho­logie ent­deckt, was die Kirche seit langem lehrt

Noch bemer­kens­werter ist viel­leicht, dass die War­nungen der Päpste heute zunehmend auch von Psy­cho­logen, Psych­iatern und Neu­ro­wis­sen­schaftlern auf­ge­griffen werden, die kei­neswegs aus einem katho­li­schen oder über­haupt reli­giösen Umfeld stammen. Während kirch­liche Kri­tiker der Por­no­graphie lange Zeit als mora­lische Mahner belä­chelt wurden, weisen inzwi­schen zahl­reiche For­scher auf ähn­liche Pro­bleme hin – aller­dings in der Sprache der Psy­cho­logie und Hirnforschung.

Der bekannte Stanford-Psy­chologe Philip Zim­bardo etwa beschrieb in seinen Arbeiten über die Krise junger Männer, wie exzes­siver Por­no­konsum und vir­tuelle Ersatz­welten reale Bezie­hungen ver­drängen können. Der kana­dische Psych­iater Norman Doidge schil­derte in seinem Best­seller „The Brain That Changes Itself“ Fälle, in denen inten­siver Por­no­konsum die Wahr­nehmung von Sexua­lität und die Fähigkeit zu echten Bin­dungen ver­än­derte. Der Psy­chologe Jordan Peterson kri­ti­siert Por­no­graphie regel­mäßig als eine Form der Bedürf­nis­be­frie­digung ohne Ver­ant­wortung und warnt davor, dass sie lang­fristig die Bereit­schaft zu sta­bilen Bezie­hungen und per­sön­licher Reifung unter­graben könne.

Selbst dort, wo die Schluss­fol­ge­rungen unter­schiedlich aus­fallen, sind die beschrie­benen Sym­ptome oft erstaunlich ähnlich: Ver­ein­samung, Bin­dungs­un­fä­higkeit, Verlust von Selbst­kon­trolle, emo­tionale Abstumpfung, Kon­zen­tra­ti­ons­pro­bleme und eine zuneh­mende Ent­fremdung von der Wirk­lichkeit. Was Johannes Paul II. als Reduktion des Men­schen auf ein Objekt der Begierde beschrieb, erscheint hier in psy­cho­lo­gi­scher Ter­mi­no­logie als Verlust von Bezie­hungs­fä­higkeit und per­so­naler Tiefe.

Natürlich bedeutet dies nicht, dass alle Psy­cho­logen die mora­lische Bewertung der Kirche teilen würden. Doch es ist auf­fällig, dass Ver­treter so unter­schied­licher Dis­zi­plinen und Welt­an­schau­ungen bei der Dia­gnose vielfach zu ähn­lichen Beob­ach­tungen gelangen. Die Kirche war mit ihren War­nungen vor der Por­no­graphie mög­li­cher­weise nicht deshalb ihrer Zeit voraus, weil sie über besondere sozio­lo­gische Kennt­nisse ver­fügte, sondern weil ihr peren­nie­rendes Men­schenbild bestimmte Ent­wick­lungen früh sichtbar machte, die heute immer mehr Men­schen am eigenen Leben erfahren.

***

Der Artikel erschien zuerst auf dem Blog philosophia-perennis.com.

  • Top Artikel

  • Service-Hotline:
    0179-6695802

  • Servicezeiten:
    Mo. und Do.: 10:00 - 12:00 Uhr
    Mi.: 15:00 - 18:00 Uhr