Kaum ein Land der Welt besitzt so viele unterschiedliche Namen wie Deutschland. Während die meisten Staaten international nur unter zwei oder drei verschiedenen Bezeichnungen bekannt sind, existieren für Deutschland mindestens neun eigenständige Namensfamilien. Diese Vielfalt ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von über zweitausend Jahren Geschichte, unterschiedlicher Nachbarschaften und verschiedener sprachlicher Entwicklungen.
(Von Wilfried Haufe)
Der deutsche Eigenname Deutschland geht auf das althochdeutsche Wort diutisc zurück. Dieses bedeutete ursprünglich „zum Volk gehörig“ oder „in der Sprache des Volkes“. Es entstand als Gegenbegriff zum Lateinischen, der Sprache der Kirche und der Gelehrten. Aus diutisc entwickelte sich schließlich das heutige Wort „deutsch“ und daraus „Deutschland“.
Die Römer kannten das Gebiet östlich des Rheins hingegen als Germania. Woher dieser Name genau stammt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich übernahmen die Römer ihn von keltischen Nachbarn. Mögliche Bedeutungen reichen von „Nachbarn“ bis zu „Speerträger“. Sicher ist jedoch, dass „Germania“ keine Eigenbezeichnung der dort lebenden Stämme war. Über das Lateinische verbreitete sich dieser Name in viele westliche Sprachen, weshalb heute beispielsweise Englisch (Germany), Italienisch (Germania) oder Rumänisch entsprechende Formen verwenden.

Im Norden Europas entstand eine weitere Namensfamilie. Die skandinavischen Sprachen verwenden Formen wie Tyskland. Dieser Name geht ebenfalls auf die germanische Wurzel diutisc zurück, entwickelte sich jedoch unabhängig über das Altnordische. Obwohl er denselben Ursprung wie „deutsch“ besitzt, bildete sich eine eigene sprachliche Tradition.
Im Nordosten Europas, insbesondere in Finnland und Estland, heißt Deutschland Saksa. Dieser Name leitet sich vom Stamm der Sachsen ab. Für die finno-ugrischen Völker waren die Sachsen die ersten germanischen Handelspartner an der Ostsee. Deshalb wurde ihr Stammesname zur Bezeichnung für ganz Deutschland.
Eine Besonderheit bilden die baltischen Sprachen. Lettisch nennt Deutschland Vācija, Litauisch Vokietija. Bemerkenswert ist, dass beide Wörter weder auf „Germania“, noch auf „Alemannen“, „Sachsen“ oder „Niemcy“ zurückgehen. Ihre Herkunft ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Sprachwissenschaftler vermuten alte Stammesnamen oder baltische Eigenentwicklungen, eine allgemein anerkannte Erklärung gibt es jedoch nicht.
Auch Ostasien besitzt eine eigene Namensfamilie. Im Chinesischen heißt Deutschland Déguó. Wörtlich bedeutet dies „Land der Tugend“, da das Schriftzeichen dé „Tugend“ und guó „Staat“ oder „Land“ bedeutet. Diese Bedeutung war allerdings nicht der eigentliche Grund für die Namenswahl. Ursprünglich wurde „Deutsch“ als Déyìzhì lautschriftlich wiedergegeben. Später verkürzte man den Namen auf das erste Schriftzeichen Dé und ergänzte das übliche Zeichen für Staat. Korea und Vietnam übernahmen denselben chinesischen Ursprung mit ihrer jeweiligen Aussprache. Japan hingegen verwendet mit Doitsu einen anderen Namen, der über das niederländische Duits auf den deutschen Eigennamen zurückgeht.
Ordnet man diese Namen geografisch, ergibt sich ein erstaunliches Bild. Im Westen dominiert die römische Tradition „Germania“. Im Südwesten nennen die romanischen Sprachen Deutschland Allemania nach den Alemannen. Im Norden entwickelte sich „Tyskland“, im Nordosten „Saksa“, im Osten die slawische Namensfamilie „Niemcy“. Das Baltikum besitzt mit „Vācija“ und „Vokietija“ zwei eigene Entwicklungen, während Ostasien mit „Déguó“ beziehungsweise „Doitsu“ nochmals eigenständige Lösungen hervorbrachte.
Gerade diese geografische Verteilung macht Deutschland zu einem sprachhistorischen Sonderfall. Anders als bei den meisten Ländern entstand kein einzelner internationaler Name. Vielmehr benannten verschiedene Nachbarvölker das Gebiet nach den Menschen, mit denen sie zuerst Kontakt hatten, nach ihrer eigenen Wahrnehmung oder nach bereits bestehenden historischen Bezeichnungen. Da Deutschland über viele Jahrhunderte kein einheitlicher Staat, sondern ein Gebiet zahlreicher germanischer Stämme und Fürstentümer war, konnten sich mehrere Namen parallel entwickeln und über ganze Sprachfamilien verbreiten.
Vergleicht man Deutschland mit anderen Ländern wie Griechenland, China oder Indien, besitzen auch diese mehrere historische Bezeichnungen. Allerdings handelt es sich dabei häufig um verschiedene Lautformen derselben Wurzel oder um historische Namen, die nur regional verwendet wurden. Deutschland zeichnet sich dagegen durch eine außergewöhnlich hohe Zahl tatsächlich unterschiedlicher Namensursprünge aus.
Damit ist Deutschland eines der wenigen Länder der Welt, dessen Name je nach Blickrichtung völlig unterschiedlich entstanden ist. Jeder dieser Namen erzählt ein Stück europäischer oder sogar weltweiter Geschichte und zeigt, wie eng Sprache, Handel, Politik und kulturelle Begegnungen miteinander verbunden sind.
Anhang: Warum heißt es auf Italienisch Germania, aber tedesco?
Eine sprachgeschichtliche Besonderheit findet sich im Italienischen. Während Deutschland dort Germania heißt und damit der römisch-lateinischen Tradition folgt, heißt die deutsche Sprache tedesco. Dieses Wort hat einen völlig anderen Ursprung und ist eng mit dem deutschen Wort deutsch verwandt.
Beide Begriffe gehen auf das urgermanische Wort þeudiskaz beziehungsweise das althochdeutsche diutisc zurück. Ursprünglich bedeutete dieses Wort „zum Volk gehörig“ oder „in der Sprache des Volkes“. Es diente als Gegenbegriff zum Lateinischen und bezeichnete zunächst die Volkssprache der germanischen Bevölkerung.
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich aus diutisc im Deutschen das Wort deutsch. Im Italienischen entstanden zunächst Formen wie todesco, todescho oder tudesco, aus denen sich schließlich das heutige tedesco entwickelte.
Damit verwendet das Italienische zwei unterschiedliche Traditionen gleichzeitig:
- Germania für den Staat – nach der römischen Bezeichnung Germania.
- tedesco für Sprache und Volk – nach der germanischen Eigenbezeichnung diutisc.
Dieses Nebeneinander zweier verschiedener Namensursprünge ist ungewöhnlich und zeigt, wie komplex sich Sprachen über viele Jahrhunderte entwickeln können. Während der Landesname der lateinischen Tradition folgt, bewahrt der Name der Sprache bis heute die alte germanische Eigenbezeichnung.
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